Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021344--09742-3034186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 12 Dr.. Dloch's Wochenschrift. Sette 223 — Der Abgeordneter Weiskirchner verdient, daß man sich endlich einmal mit demselben eingehender beschäftige und die Frage ventilirt, wer ist Weiskirchner und wer ist K a r ei s. Abg. Weiskirchner ist auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und auch sonst noch sehr grün. Er hat es.nur der antisemitischen Bewegung zu verdanken, daß sein Name überhaupt genannt wird, und den Befähigungsnachweis zum Abgeordneten hat er nur durch die Trottulosis antisemitica erbracht. Wenn Dr. Lueger, s. z. einen anderen seiner Barriörestöcke zum Abgeordneten candidirt hätte, wäre er ebenso gewählt worden. Abg. Weiskirchner war vor seiner Wahl eine unbekannte, antisemitische Größe und wird es wieder sein, falls er durch die Laune oder Ungnade seines Patrons Dr. Lueger, oder aber durch das Sinken der antisemitischen Fluth sein Mandat verlöre. Abg. Kareis dagegen hat eine lange Dienstzeit als Beamter des Handelsministeriums hinter sich und war schon zur Zeit, als Weiskirchner noch die Schulbank wetzte, eine anerkannte Capacität in seinem Fache und in der Oeffentlichkeit als hervorragender Elektroteckiniker und publicistischer Fachschriftsteller vorteilhaft, ja rühmlich bekannt. Abg. Kareis müssen unbestritten hervorragende Leistungen als Fachmann zur Seite gestanden sein, hiefür spricht schon die Thatsache, daß er als Jude in der antisemitischen Aera Carriere machte und es bis zur höchsten Stufe in der fachmännischen Beamtenhierarchie brachte. Abg. Weiskirchner apostrophirte den Ageordneten Kareis in der den Antisemiten eigenen denunciatorischen Weise als Hofrath. Kareis hat sein Mandat noch niemals mißbraucht und stets eine correcte Haltung eingenommen. Abg. Weiskirchner dagegen vergißt, daß er auch als Abgeordneter sich stets eingedenk sein müsse, er bekleide die hohe Würde eines Magistratssecretärs, demnach ein Wiener Communalbeamter ist, von den Steuern der Gemeindemitglieder bezahlt und erhalten ist und daß zu diesen Steuern die Wiener Juden nahezu fünfundzwanzig Percent beitragen. Wenn Dr. Weiskirchner dennoch oder vielleicht gar deshalb — poot hoc ergo probter hoc — gegen die jüdischen Mitbürger continuirlich agitirt, dieselben bei jeder Gelegenheit in unqualificirbarer Weise beschimpft, anfeindet, verhöhnt und blosstellt, so ist dies eine Charakterlosigkeit, wie sich solche nur ein verblendeter politischer Fanatiker, ein mit antisemitischer Trottelosis behafteter Agitator erlauben darf, ohne von der Entrüstung seiner Vorgesetzten zurechtgewiesen zu werden. Freilich sind die Vorgesetzten des Abg. Weiskirchner, die Lehrer, die Patrone desselben, die ihn aus das antisemitische Pidestal erhoben haben, auf welchem er bisher eine keineswegs rühmliche Rolle gespielt hat, auf der er nicht mehr als Statist gewesen und auch weiter bleiben wird. Böses Beispiel verdirbt eben gute Sitten. Dr. Lueger bezieht als Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien einen Ministergehalt, der ebenfalls aus den Gemeindesteuern bestritten wird, zu dem die Juden einen sehr erheblichen Theil beitragen. Dr. Lueger ist aber als Chef des Magistrates der unmittelbare Vorgesetzte des Abg. Weiskirchner. Von dem Erz- Antisemit cat exochen Dr. Lueger ist selbstverständlich nicht zu erwarten, daß er, der Patron, dem Schüler, seinen Standpunkt klar machen werde, nachdem Dr. Lueger selbst nicht die Empfindung hat und das Gefühl besitzt, daß es eines Charakters unwürdig ist, denjenigen in gehässigster, rüdester und pöpelhaftester Weise zu begegnen, aus deren Säckel man bezahlt ist, und daß es daher zumindest nicht nobel ist, den Dictator den Juden gegenüber zu spielen, ihnen die Existenz zu vergällen und sie mit Spott und Hohn zu überschütten. Eduard Beer. Correspondenzen. Aus der Plenar-Sitzung des Cultusvorstandes vom 18. März 1900 unter dem Vorsitze des ersten Biee- Präsidenten Dr. Alfred Stern. (Präsident kais. Rath H. K l i n g e r beurlaubt.) Im Einlaufe befindet sich eine Note des Magistrates, mit welcher mitgetheilt wird, daß seitens des Ministeriums für Cultus und Unterricht dem Rabbiner Mayer Mayersohn die erforderliche Dispens ertheilt wurde und die Statthalterei gegen die beabsichtigte Bestellung des Genannten zum Rabbiner, resp. Rabbinatsassessor nichts einzuwenden hat. An Spenden sind eingelaufen: Von den Erben nach dem sel. Herrn Jgnace Ritter von Ephrussi zr r Fundirung der Jahresbeiträge desselben für die Armen-Anstalt K 4000.—; für die Speise-Anstalt K 4000.—; für den Waisen-Verein K 2000.—; Von Herrn Julius Reitlinger für arme Schulkinder K 100.—; Bon Herrn Albert Mayer als Gratiale für einen Stiftungsbewerber K 20.—; Durch das „Neue Wr. Tagblatt" für israelitische Waisen K 20.—; Von Herrn Louis Fischt für das Siechenhaus K 10.— H^cr Bauroth Stiaßny berichtet über den Fortgang der Arbeiten des Siechenhauses und ladet die Vorstandsmitglieder zur Besichtigung ein. Ueber Vorschlag des Vorstandes der Chewra Kadischa werden die Herren Emil Horner und Doctor Markus Spitzer, deren Mandatsdauer abgelaufen, zu Vorstehern der Chewra Kadischa wiederberufen. Die Dr. Adolf und Emanuel Stern'sche Stiftung für Rigorosanten der Medicin (6 Plätze ä fl. 109.—) wird über Referat des Herrn Docenten Dr. Grünfeld an 6 Hörer der Medicin verliehen. Zn Juroren für die Ignaz Blumenfeld'sche Widmung für Bildhauer werden über Referat des Vertreters Herrn Dr. Ai. Steiner berufen die Herren: Prof. v. Zumbusch, Prof. Kundmann und Prof. Helmer. Sodann wird eine große Zahl von Personalien erledigt und hierauf die Sitzung geschlossen. Oesterreichisch-Jsraelilische Union. Am 17. d. M. fand un Restaurant Guth eine zahlreich besuchteBereinsversammlung der,, Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", statt, in welcher Herr Rabbiner und Feldprediger Dr. A. K i s ch aus Prag einen höchst interessanten geistvollen Vortrag über „D i e PragerJudenstadtzuBeginndes 17. Jahrhunderts" hielt. — Nachdem der Präsident, kais. Rath A n n i n g e r, die Versammlung, darunter insbesondere die Vertreter des Verbandes jüdischer Religionslehrer Professor Dr. Weiß und Professor P o l l a ck, begrüßt hatte, erstattete zunächst Secretär Fleischer eingehenden Bericht über die Thätigkeit des Abwehrbureau während der letzten Wochen. Der Bericht schilderte die wechselnden Phasen der Klosteraffaire Araten, in welcyer trotz energischer Intervention des Vereines und trotz strengster Weisungen des Justizministers sich — bisher wenigstens — das Wort bewahrheitete, daß an den Klostermauern die Staatsgewalt aufhöre. Mit Erfolg ist dagegen das Abwehrbureau gegen eine neue, in Prag erschienene Hetzschrift „das jüdische Pessachfest" eingeschritten, deren Confiscation vom Prager Staatsanwalte trotz der unerhörten Lüge, daß die Juden von jeher zum Pessachfeste Kinder schlachteten, verweigert worden war. Der Justizminister sprach seinen Unwillen über die Duldung solcher Pnblicationen aus und verfügte die sofortige Beschlagnahme der Brochüre. — Das von einem jüdischen Kaufmann in Pforzheim namens Leopold Landau an antisemitische Blätter versendete Circulär, in welchem der Polnaer Mord einer jüdischen Geheimsecte zugeschrieben wurde, veranlaßte die Entsendung des Bureauleiters nach Pforzheim und Karlsruhe, wo auch eine amtliche Bescheinigung des großherzoglichen badischen Bezirksamtes Pforzheim festgestellt wurde, daß Landau geistesgestört ist, und wiederholt in Irrenanstalten untergebracht war. — Einem Ansuchen um Schntzmaßregeln für die durch Pöbelexcesse bedrohten Juden in Rauchowan wurde vom Minister des Innern unverweilt entsprochen. — Der Bericht wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Sodann ergriff, sympathisch begrüßt, Herr Rabbiner Dr. Kisch das Wort zu seinem Vortrage, der ihn neuerdings als einen eminenten Redner zeigte. In glänzender Dictwn bot der Redner zunächst ein Bild von den wechselnden Schicksalen der Prager Judengemeinde vor dem Regierungsantritte Kaiser Rudolfs II. Er führte sodann seine Hörer mit kundiger Hand durch die Thore des Ghetto in die alte Judenstadt, um deren altersgraue Häuser die Sage ihre Ranken spinnt, er zeigte, wie hier in den engen, düsteren Behausungen, die jetzt größtentheils der Spitzhaue verfallen sind, eine Welt von Menschenliebe und Gottesfurcht, von Gelehrsamkeit und Wohlthätigkeit wohnte. Von der Gründung der Chewra-Kadischa, die er auf freimaurerische Einflüsse zurückführte. und deren Buß- und Liebesmahlen ausgehend, wußte der cusgezeichnete Redner eine Fülle von Beziehungen zwischen der Zeit um 1601 und der Gegenwart zu finden. Trifft man doch in der Prager Gemeinde noch heute überall auf die leuchtenden Spuren jener beiden Männer, in denen sich damals alle innere Größe, aller geistige und sittliche Glanz der Prager Judenschast verkörperte: des „hohen Rabbi" L ö b und des M a r d o ch a i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.