Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 Br. Bwch's Wochenschrift. Seite 221 Gesammtheit bildet. Unter diesen Volkskrankheiten ist für unsere Verhältnisse keine wichtiger, als die Tuberculose, deren Bekämpfung die Aufgabe der gesammten Culturmenschheit sein sollte. Die erfolgreichste Behandlungsweise ist die hygienisch-diätetische, die nur in geschlossenen Heilanstalten möglich ist. Während nun in Deutschland die Heilstättenbewegung immer weitere Fortschritte macht und man dort jetzt schon daran geht, Reconvalescentenhäuser für genesende Lungenkranke zu errichten, besitzen wir in Oesterreich, wo die Tuberculose weit zahlreichere Opfer fordert, erst eine einzige derartige Anstalt, in Deutschland zählt man deren 38. Es ist deshalb mit Freuden zu begrüßen, daß auch bei uns diese so lange vernachlässigte Frage in's Rollen kommt. Der Verdienst, mit Eifer und Hingebung für die Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke thätig zu sein, gebührt einer Frau, die sich in ihrem am 17. März im allg. österr. Frauenverein gehaltenen Vortrag auch in erster Linie an die Frauen wendet, um diese zur Mitwirkung an der Schaffung und Führung derartiger Heilstätten zu gewinnen. Frau Henriette Weiß kennt aus eigner trauriger Erfahrung die beklagenswerthen Zustände in den offenen Curorten und sucht nun gegen die bestehenden Mißstände anzukämpfen. Mit überzeugenden Gründen tritt Frau Weiß für die Nothwendigkeit der Errichtung von Heilstätten in der Nähe großer Städte ein und entwickelt einen concreten Plan zur Realisirung ihrer Idee. Man gründe zunächst in der Nähe von Wien ein Sanatorium für bemittelte Kranke. Damit allein wäre auch schon ein Beispiel gegeben, das in Oesterreich bisher schmerzlich vermißt wird. Aber das soll nur die Grundlage bilden, auf der sich die eigentliche Krankenwohlfahrtseinrichtung als folgerichtig gegliederter Bau zu erheben hätte. Dieses Sanatorium würde sich nämlich nicht blos selbst erhalten, sondern sogar, da bekanntlich Niemand so gut und so gerne Heilerfolge bezahlt, wie der Lungenleidende, ganz enorme Reingewinne erzielen, nnd diese fänden sofort ihre denkbar beste Verwendung in der Aufnahme Minderbemittelter zu ermäßigten Preisen und in der Anlage eines Gründungsschatzes für Volkssanatorien. Der Anfang wäre auf diesem Wege leicht zu machen. Denn für ein Unternehmen, daß sein Anlagecapital selbst zurückzahlt, wird sich ein unverzinsliches oder niedrig verzinstes Darlehen leicht auftreiben lassen. Dazu würden vieleicht auch Sparcaffen die Hand bieten, oder einzelne Capitalisten. Um die weitesten Kreise der Bevölkerung heranzuziehen, sollten Antheilscheine mit entsprechend kleinen Beträgen ausgegeben werden. Der Gewinn, der, wie ausgesührt, zur Gründung und Erhaltung von Volksheilstätten zn dienen hätte, wäre ein enormer. Frau Weiß tritt weiter mit Wärme dafür ein, im Anschluß an die Lungenheilstätten den Krankenpflegeberuf, der von weltlichen Pflegerinnen ganz ebenso segensreich wie von den christlichen Schwestergemeinschaften ausgeübt werden könne, zu einem gesegneten Arbeitsfeld gebildeter, intelligenter Frauen zu gestalten, wodurch in Oesterreich einem fühlbaren Mangel abgeholfen würde. Lauter Beifall wurde den Ausführungen der Vorrragenden zu theil, viele Damen erklärten sich ganz spotan dazu bereit, mitzuthun in dem Kampfe gegen die Tuberculose, zahlreiche Bögen mußten aufgelegt werden, die bald mit Unterschriften bedeckt waren. So wirkte der Bortrag. Zu wünschen wäre, daß das Interesse wahrer Menschenfreunde auf die von Frau Weiß propagirte Idee gelenkt und so dieses schöne Project auch wirklich realisirt würde. Verfall der parlamentarischen Sitte durch die antisemitischen Hetzer. Der Reichsrath hat seine Pforten geschloffen, aber vorher hat der Antisemitismus nochmals die Gelegenheit ergriffen, zu beweisen, bis zu welchem Grade der Erniedrigung er das öffentliche Leben heruntergebracht hat. Die Vorgänge, die sich in der letzten Freitagsitzung abgespielt haben, sind für uns nur aus dem Gesichtswinkel interessant, als sie neuerdings Gelegenheit bieten, unsere Lehrmeister der Moral und Sitte zu würdigen. Die „Deutsche Zeitung", selber ein blödes antisemitisches Organ, zeichnet das Treiben ihrer antisemitischen Brüder folgender Art: Abg. Jro hatte am Montag eine Anfrage von nicht weniger als 60 Druckseiten voll des unfläthigsten, unwürdigsten Inhalts eingebracht. Solche Pamphlete, die von Verstößen gegen jede Ethik strotzen, denen in ihrem Schmutz nichts unantastbar ist, und die alles mit ihrem Koth beflecken, passen für die verkommene Moral des Ehrenwort-Jro und seiner Gesippen, eines Parlaments aber sind sie gänzlich unwürdig. Kann der Vorsitzende desselben dasselbe auch nicht von diesen traurigen Gestalten befreien, so hat er doch die Pflicht, die Oeffentlichkeit mit den Auswüchsen ihrer Tollhäuslertbätigkeit zu verschonen. Ta die Jro'sche Interpellation jedes Anstands- und Sittl'chkeitsgefühls bar ist, hat sie der Präsident einfach dorthin bringen zu lassen, wohin sie gehört: auf den Misthaufen. Das hat er auch unumwunden und schlankweg den Gassenjungen, welche die Urheber des Bubenstückes sind, ins Gesicht zu sagen. Mit diesen Leuten macht man kein Federlesens. Die „Ostdeutsche Rundschau" begeht die Bosheit, zu verrathen, daß die Interpellation ausschließlich aus Artikel aus — den „Unverfälschten Deutschen Worten" Schönerer's zusammengesetzt war. Die Schönerianer, welche beinahe den ganzen Tagungsabschnitt die Sitzungen schwänzten, brannten am Schluß ein Raketenfeuerwerk ab, um wieder in ihren Wahlbezirken von sich reden zu machen. Das stenographische Protokoll bietet sodann aus den Ergüssen der antisemitischen Volksvertreter folgende parlamentarische Blüthenlese: Schönerer: „Das Parlament ist eine Puppe in der Hand eines jesuitischen Hanswurstes". Jro: „Der Vorsitzende ist ein Schuft". Lueger: „Geh' ins Wirthshaus, Schönerer!" Schönerer zu Fuchs: „So eine Lumperei!" Schönerer zu Fuchs: „Was einem solchen Ochsen einfällt!" Wolf: „Ihr seid Lakaien!" Abg. Jro: Gaukler! Gauner! Creatur! (Lärm und Wiederspruch auf allen Seiten.) Abg. Schönerer: Eine solche Niederträchtigkeit zu begehen, trotzdem das Gesetz ganz klar für uns spricht. Draußen halten Sie die Wählerschaften zum Narren und hier billigen Sie eine solche Niedertracht. Abg. P r o h a z k a (christlich-social): Es ist frisch angeschlagen! Gehen Sie zum Bier. Abg. Schönerer: Der oben kann machen, was er will. Wir müssen entschieden Einspruch erheben gegen eine solche Lumperei! Abg. Jro: So ein Jesuit ist noch nicht dagewesen! So ein scheinheiliger Heuchler! Abg. Schönerer: Da sind alle § 14-Minister Gold dagegen! (Rufe bei den Christlich-Socialen: Die Kerle sind schon wieder besoffen!) Abg. Jro: So spricht der Präsident des Abgeordnetenhauses! Das ist ein Polizeimann! (Rufe: „Lassen Sie dem Bobies das Präsidium führen!" Ein Parlaments-Präsident, der sich auf den Staatsanwalt beruft; das ist eine Nichtswürdigkeit!) Im Gewerbeausschuß hat sich Meister Stampiglius in einer seinen eigenen Parteigenossen sehr unangenehmen Weise hervorgethan. Er belegte eine bekannte Schauspielerin, die eine Billa in Hietzing bewohnt, mit dem gemeinsten Schimpfnamen, mit dem man eine Frau überhaupt traktiren kann. So wenig nun auch sonst das Schämen Sache der Christlich-Socialen ist, dieser Gemeinheit scheinen sie sich doch geschämt zu haben. Sogar das „Deutsche Volksblatt", das sonst die ordinären Schimpfereien mit schweinischem Behagen abdruckt, hat sich diesmal zurückgehalten. Es macht ans der niederträchtigsten Beleidigung, die man einer Frau zufügen kann, „Ausführungen über die Couliffengeheimnisse der eigentlichen Regierung Oesterreichs". Da aber das Publicum nicht nur die antisemitischen Blätter liest, wurde die Heldenthat Schneider's trotz der Discrction des „Deutschen Volksblatt" in weiteren Kreisen bekannt. Da die Sache seinen Parteigenossen gegen den Strich ging, so unternahm Herr Ernst Schneider den Versuch, seine Worte theils zu verleugnen, theils ihnen emen anderen Sinn zu geben. Er will nicht die erwähnte Schauspielerin, sondern wie sonst nur die Juden beschimpft haben. Unter anderem schreibt er: „Dabei (in der Debatte über die Erklärungen des Regierungsvertreters) ereignete es sich, daß ein College des Gewerbeausschusses sagte: „Was nützen unsere Bemühungen im Parlament, die Gesetze werden doch eigentlich von Personen in einem Schloß bei Wiener- Neustadt dictirt." Darauf sagte ich, daß nicht in der Umgebung von Wiener-Neustadt, sondern in Hietzing eine Villa bestehe, wo die Thätigkeit der officiellpn Regierung und des Parlaments durchkreuzt werde. In Hietzing bestehen bekanntlich die Villa des bekannten Eisenbahnjuden Taussig und Wohnhäuser vieler anderer sehr einflußreicher Juden, die leider einen enormen Einfluß auf den Gang der Ereigniffe in Oesterreich ausüben. Nun haben aber die Mitglieder des Ausschusses berichtet, daß der wackere Schneider sich eines Schimpfwortes bediente, welches die Gemeinheit lediglich gegen eine Dame, nicht aber