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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite SSO Dr. Bloch's Wochrnphrifl. Nr. 12 wenn nur ein Jude im Lande gelebt hätte, dieser die ganze angeführte Steuersumme leisten müsten. Die Uebersicht des Verzehrungssteueraufschlages gleicht einer Speisekarte, auf welcher bei jedem Gange der betreffende Aufschlag angeführt ist. In Galizien bewirkte der enorme Fleischaufschlag, daß ein christlicher Autor, Professor Stöger, constatiren mußte: „Das Rindfleisch wird von der är iieren Classe [ber Judenj hiedurch nicht oder nur selten genossen/ Nicht blos die religiöse Uebung wurde durch den sogenannten Lichtzündaufschlag besteuert, sondern sogar die kindliche Pietät, denn selbst die Jahrzeitlichte waren, und zwar je nachdem sie aus Wachs, oder aus Unschlitt oder Oel bestanden, mit einer verschiedenen Steuer belegt. Wertheimer zeigt aber auch, daß diese vom sittlichen Standpunkte ohnehin nicht zu billigenden Steuern, selbst mit dem geltenden Rechte in Widerspruch standen. Denn das Lichtzündgefäll wurde mit der Einführung der Erwerbsteuer bei der galizischen Judenschaft im Jahre 1813 ausdrücklich aufgehoben, es wurde aber trotzdem noch im Jahre 1842, zur Zeit der Abfassung des Buches, eingehoben. Erquicklicher, als die Darstellung der Beschwerungen, mit welchen der Staat den Juden nach pharaonischem Muster das Leben sauer machte, ist das dritte Buch der Wertheimerschen Schrift, welches betitelt ist: „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte des Staatsvortheils." Hier zeigt W., welchen Zuschuß an Kraft nnd Betriebsamkeit der Staat durch die Emancipation der Juden gewinnen könne, und wie nichtig die Einwände seien, die man dagegen vorbringe. Er fordert den Staat auf, der Stimme der Geschichte zu lauschen, und vom Auslande zu lernen, indem er documentarisch nachweist, daß die Juden überall, wo man ihnen nur die Gelegenheit dazu eröffnete, als nützliche Mitglieder der Gesellschaft sich bethätigt haben und bethätigen. Aber auch auf im Jnlande laut gewordene Urtheile kann W. sich berufen. Selbst der den Juden feindlich gesinnte Ro h rer sagt in seinem 1805 erschienenen „Versuch über die jüdischen Bewohner der österreichischen Monarchie" von ihrer Unentbehrlichkeit in Galizien: „Sie sind in diesem Lande die Schmiede, die Wagner, die Schuster, die Schneider, und wären sie nicht üb rall die Wirthe, so wäre das Land beinahe nnwirthbar, und wären sie nicht die Fuhrleute, unfahrbar." Ganz besonders aber weist W. mit warmer Beredtsamkeit die Baterlandstreue und den Patriotismus der Juden nach, Tugenden, die sie trotz allen Drucks, trotz aller Beschwerden niemals verleugneten. Kurzum, wenn man dieses Capitel in dem Buche W.'s „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte des Staatsvortheils" liest, dann sagt man sich: Hier spricht nicht ein Jude für seine Glaubensgenossen, sondern ein Patriot für die Ehre und den Auffchwung des Vaterlandes. Es ist kein veraltetes Buch, wovon ich hier versucht habe, Ihnen einen kurzen Abriß darzubieten. Selbst aus seinen Jrrchümern kann man lernen, wie es ja überhaupt die Jrrrthümer sind, bei denen die Menschen mit dem meisten Erfolg in die Schule gehen. Anläßlich der Erwähnung der Blutbeschuldigung, oder des angeblichen Ritualmordes, wie man heute sagen würde, wovon die Kunde im Jahre 1840 aus Damaskus kam, sagt W : „Das Ereigniß von Damaskus war wohl der letzte Tropfen derartiger Verläumdung. Und vergessen wir nicht, daß es der größte Staatsmann unserer Zeit, der Stolz Oesterrrichs für alle Zeiten war, welcher durch sein loyales und aufgeklärtes Benehmen den mächtigsten Impuls gab, um die Bosheit, welche jener Verläumdung zu Grunde lag, aufzudecken." Wenn W. heute aufstünde, so würde er erkennen, daß das Ereigniß von Damaskus leider nicht der letzte Tropfen derartiger Verläumdung war. Man credenzt davon jetzt wieder überschänmende Becher, und läßt sie im Volke von Hand zu Hand gehen, damit das Volk daraus Lethe trinke und vergesse, daß seine eigene Freiheit und sein eigenes Recht zu Grunde gehen durch die Ausgrabung des Mittelalters, in welches mau die Freiheit und das Recht der Juden versenken möchte. Aber das Buch ist auch nicht veraltet in seinen Hoffnungen! W. sagt am Ende des ersten Bandes: „Je schreiender sich aber nun einmal solche Mißverhältnisse gestalten, um desto vollständiger können sie Abhilfe erwarten, und je länger sie derselben vergeblich zu harren hatten, um so schleuniger können sie sie gewärtigen: Darum, weil die Grundlage des Staates Gerechtigkeit ist, die der Wahlspruch des Monarchen: rceta tueri, bekräftigt." Wenn W. heute aufstünde, er würde trotz des actuellen nur mit dem äußeren Anstich von Gegenwart versehenen Mittelalters dieselbe Hoffnung, dieselbe Zuversicht aussprechen. Denn er war ein Jude, ein Patriot. Beides aber bedeutet: zuversichtlich an der Hoffnung festgehalten auf den Sieg des Rechtes, auf den Sieg der Freiheit. So war er selbst durchdrungen von hoffnungsfreudiger Zuversicht, so steyt eine Persönlichkeit vor uns. so soll sie uns zur inieren Stärkung und Ermuthigung gegenwärtig bleiben. Dankbaren Blickes für den reichen Segen, den er uns hinterlassen, schlagen wir die Augen zu seinem Bilde auf, und ich wiederhole hier, was ich von ihm 1879 bei Gelegenheit seiner goldenen Hochzeit sagte: Ans ihn ist anwendbar was auf dem Standbild des Gründers der vereinigten Staaten von Amerika verzeichnet ist: „Die Vorsehung ließ ihn kinderlos, aber die ganze Nation darf ihn Vater nennen." (Lebhafter langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Zum Schluffe skizzirte Schriftsteller Heinrich Glücksmann einzelne interessante Episoden aus dem Leben Wertheimer's auf Grund handschriftlichen Materials und mit der Absingung einer Cantate durch den Tempelchor endete die herrliche Feier. Entschuldigungsrespective Begrüßungsschreiben sind eingelangt von Geheimrath Professor Dr. Lazarus, Rabbiner Dr. Tänzer, Reichsrathsabgeordneten Carl W ra b e tz, Prof. S. Hammerschlag, Commercialrath Ignaz Zucker, Cäcilie Adler, Rosa Schiff. * Geheimrath Prof. Dr. Lazarus telegraphirte: „Gott mit Euch! Festversammelte zu erhebendem Gedenken! Josef von Wertheimer, energievoll, hochgebildet, edelstrebend, hat Endliches mit Ewigem, Wirklichkeit mit Ideen gesegnet. Im Präsidium der Synode College, ward er mir Freund fürs ganze Leben. Heil der Gemeinde, die solcher Führer Ruhm feiern kann. Innig theilnehmenden Geistes bei Euch Lazarus." Vom Jahrmarkt des Lebens Ostern ist in der Nähe! Was Wnnders, daß die internationale antisemitische Lügenbande wieder mit Ritualmordgeschichten die Phantasie ihrer urtheilsunfähigen Anhänger aufzureizen sich bemüht. Man muß aber wahrlich schon urdumm sein, um nicht die Lügen herauszufinden, die gleich im ersten Bericht fo; auffällig sind, daß sie selbst einem ungeübten Leser nicht entgehen können. Daß die Juden einen Leichnam neben die Synagoge legen würden, glauben selbst ihre wahnwitzigsten Feinde nicht, nur antisemitische Dummheit kann sich auf ein solches Argument berufen. Die innere Unwahrheit der aus böser Absicht in Circulation gebrachten Ritualmordgeschichten brauchen wir nicht zu betonen. Es glaubt doch kein ehrlicher Mensch an diese Ritualmordlügen mehr. * * * Der christlich-arischen Schandthaten gab es im Laufe dieser Woche so viele — christliche Wucherer — Morde — Familienmorde und andere Verbrechen, daß die antisemitische Presse ihren Lesern durch frisch und frech erfundene Ritualmordlügen eine Ablenkung schaffen will, um ihnen die Selbstbeschämung auszutreiben, die sie sonst infolge der christlich-arischen Verbrechenchronik empfinden müßten. * * * Der famose Haferlieferant des Kriegsministeriums und Compagnon des Herrn B a r u ch, der unentwegte Kossuthianer und Orsterreicher-Feiud U g r o n. hat nun dem Jncompatibilitätsausschuß sein Lieferungsgeschäft — als Kaufgeschäft dargestellt, welches angeblich von der Jucompatibilität nicht berührt werde. Der Wiener Compagnon dieses Ehrenmannes, das katholisch-österreichische „Vaterland", das seinen Lesern die gegen den Bicepräsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses T h a l l i a n aufgeworfene Jncompatibilitätsfrage nicht vorenthält, spricht sich über die Affaire U g r o n natürlich nicht aus. Wir werden noch öfter Gelegenheit nehmen, auf die Verbindung dieses „katholisch-österreichischen" Journals mit dem Führer der ungarischen Unabhängigkeitspartei hinzuweisen. Die „Moral" dieser Verbindung ist eine zu köstliche, echt „vaterländische"! Eine sociale Pflicht. (Zur Heilstättenbeweguug). Zu den schwersten Uebeln der Menschheit gehören die Vvlkskcankheiten, deren Bekämpfung eine der wichtigsten Aufgaben der

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