Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Woche nschrifl. Seite 219 die Juden in Oesterreich sich trotz der humanen Anläufe Josef's II. damals noch befanden. Es wäre begreiflich gewesen, wenn diese Beschränkung auch den Gesichtskreis W.'s eingeengt hätte. Wir haben aber gesehen, daß er im Gegentheil mit der Beschränktheit Anderer zu kämpfen hatte, um seine auf das Allgemeine gerichteten erziehlichen Absichten durchzusetzen. Erst im Jahre 1843 gründete W. die israelitische Kinderbewahranstalt, die in ihrer unverwelklichen Blüthe nicht blos ein bleibendes Denkmal W.'s, sondern neben den zahlreichen Schwesteranstalten ein Denkmal der durch ihn bewirkten Verpflanzung neuartiger, heilsamer Erziehungsgrundsätze aus dem Auslande in den heimatlichen Boden Oesterreichs bildet. Wenn ich Sie nun einlade, das Wirken W.'s weiter zu verfolgen, so kann ich Ihnen freilich nicht Schöpfungen vorführen, die in dem Grade alle Staatsbürger angingen, wie die Kinderbewahranstalten. Sie beschränken sich vielmehr auf unsere Glaubensgemeinde. Gleichwohl entbehren auch sie nicht des Zusammenhanges mit der Gesammtheit. In das Jahr 1840 fällt die Gründung des „Vereines zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten", jenes trotz seines Alters in so jugendlicher Blüthe stehenden Vereins, dessen sechzigjährigen Bestand wir erst kürzlich gefeiert haben. Wenn ich sagte, daß auch diese Institution des Zusammenhanges mit der Gesammtheit nicht entbehrte, so habe ich doch wohl zu wenig gesagt. Sie war nur insoferne für Israeliten berechnet, als es sich um Ausbildung israelitischer Handwerker handelte, aber zugleich wendete sich W. mit dieser Schöpfung an die Gefammtyeit, oder vielmehr gegen das Vorurtheil, welches damals noch die Gesammtheit beherrschte, daß die Juden arbeitsscheu seien. Ich muß Sie hier wieder an die vorhin erwähnte Abhandlung erinnern, wonach ein mit den Juden Unbekannter annehmen müßte, daß die meisten von ihnen zu Einbrechern erzogen würden. Unser von W. begründeter Handwerkerverein hat dagegen während seines sechzigjährigen Bestandes tausende und abertausende israelitische Jünglinge zu ehrlichen und tüchtigen Handwerkern herangebildet. Sie haben sich auch, ich will es nur gestehen, als gute Einbrecher erwiesen, aber nicht als solche, die in fremdes Eigenthum, sondern in die Schanzen des Vorurtheils eingebrochen haben. Das Vorurtheil ganz zu beseitigen, haben sie freilich nicht vermocht, wie man heute sieht, wo es von Neuem verbreitet wird. Die Schanzengräber der Lüge sind eben zu zahlreich, als daß es die Wahrheit vermöchte, ihre Festungswerke gänzlich zu zerstören. Eine andere ruhmreiche Schöpfung W.'s, die jeder polemischen Absicht entbehrte, womit der schon alternde Mann vielmehr auf die allgemein menschlichen, erziehlichen Interessen zurückgriff, die schon den Jüngling begeistert hatten und womit er, dem Kindersegen versagt blieb, bewies, wie sehr sein Herz trotzdem den Kindern gehörte, war der noch heute einer segensreichen Thätigkeit sich erfreuende Waisenverein, dessen Gründung im Jahre 1860 stattfand. Aber noch einmal erwachte in W. die volle Thatkraft und Streitbarkeit der Jugend, der Eifer für das gekränkte Recht und die mit Füßen getretene Freiheit und Humanität, als aus Rumänien der erschütternde Nothschrei der Juden an sein Ohr drang. Gewiß haben noch Biele wie ich die erhebende Erscheinung vor Augen, wie der hagere, blasse Mann, der die Schwelle des Greisenalters längst überschritten hatte, umgeben von ausgezeichneten Männern, wie Ignatz Kuranda und Moritz von Goldschmidt warme, bewegliche Worte an jene Versammlung richtete, die auf seinen Appell im Jahre 1874 die Gründung der Israelitischen Allianz beschloß, deren Vorstand seitdem aus den würdigsten Männern unserer Gemeinde sich recrutirt. Er selbst hat ihr bis an sein Lebensende vorgestanden und ihr noch als Siebenundachtzigjähriger seine letzten, versiegenden Kräfte gewidmet. Alle die Vereine, die ich namhaft gemacht habe, die der. Initiative W.'s ihr Dasein verdanken, deren Vorstände, wie die Tausende, welche die von jenen Vereinen geübten Wohlthaten an sich erfahren haben, sie alle vereinigen sich heute mit uns in der weihevollen dankbaren Erinnerung, die wir anläßlich der Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages dem unvergeßlichen Manne widmen. Hiermit glaube ich in kurzen Zügen die praktische Thätigkeit W.'s geschildert zu haben, wobei ich zuletzt noch hervorheben muß, was nicht das Letzte ist, daß er viele Jahrzehnte hindurch dem Vorstande unserer Gemeinde theils als Mitglied, theils als Präsident angehörte. Alle jene gottesdienstlichen und Wohlfahrtseinrichtungen, wodurch unsere Gemeinde beispielgebend auf andere Gemeinden, weit über die Grenzen unseres Vaterlandes, ja unseres Erdtheils hinaus, eingewirkt hat, sie sind unter der Patronanz, Anregung und Theilnahme W.'s ins Leben getreten. Er war ein Mann des Fortschritts, aber auch der weisen Zurückhaltung, und über alle wünschenswerthen Güter ging ihm das zumal für das Gemeindeleben unentbehrlichste, das leicht verloren gehen und schwer wieder gewonnen werden kann — der Friede. Jndeffen ist mit seiner praktischen Thätigkeit die Bedeutung W.'s bei Weitem nicht erschöpft. Steht er uns hoch durch die Begründung segensreicher Institutionen, so darf man ihm als Schriftsteller noch eine höhere Stufe anweisen. W. entfaltete eine ausgebreitete literarische Thätigkeit, die sich auch auf das schöngeistige Gebiet erstreckte. Hat er doch noch als Achtzigjähriger ein Drama verfaßt und seiner Gattin zur goldenen Hochzeit gewidmet! In seinen besseren Tagen, und ich darf wohl auch sagen in Wiens besseren Tagen, genoß er denn auch den Umgang der angesehensten hiesigen Schriftsteller. „Tages Arbeit, Abends Gäste" — das war die Devise seiner Lebensführung, und sein Salon bildete den Sammelplatz der auserlesensten Geister. Doch ich kann diese Seite seiner literarischen Thätigkeit und die dadurch vermittelten Beziehungen nur streifen. Worauf ich aber näher einzugehen mich für verpflichtet halte, das ist die Schilderung der großen Bedeutung, welche W.'s schriftstellerischer Thätigkeit für die Juden und das Judenthum beizumessen ist. W. hat vom Jahre 1854 an durch eine Reihe von Jahren zum Theil allein, zum Theil im Verein mit dem gemüthvollen Kosmpert ein Jahrbuch für Israeliten herausgegeben. Für diee s Jahrbuch wußte er die hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller zur Lieferung von populär gehaltenen Beiträgen zu bestimmen. Wollen S e bedenken, daß die wistenschaftliche Behandlung des Judenthums und der jüdischen Geschichte vor sechzig Jahren erkt in ihrem Anfangsstadium sich befand, so werden Sie ermeffen, eine wie werthvolle Belehrung diese populären Darstellungen alljährlich weiteren Kreisen vermittelten. Gestatten Sie mir, gelegentlich der Erwähnung der Jahrbücher eine intereffante Notiz einzuschalten, die überdies nicht unzeitgemäß ist. W. pflegte jedem Jahrbuche eine Rubrik beizugeben, die er „Ehrentafel der Humanität im Verhalten von Christen gegen Juden" benannte, und worin er von den staatlichen oder aus Bürgerkreisen stammenden Auszeichnungen, Ehren und Anerkennungen, die im Laufe des Jahres Juden erwiesen worden waren, berichtete. Darüber hatte sich Gutzkow lustig gemacht und die erwähnte Aufzählung als „wienerische Gutmüthigkeit, ja ein klein wenig Servilität" bezeichnet. W. ließ demzufolge die „Ehrentafel" im Jahrbuch 1859 weg. Allein der Recensent dieses Jahrbuches in der Frankel'schen Monatsschrift bemerkte, daß er die Ehrentafel ungern vermisse, und fügte hinzu: „Der Herr Verfasser hätte Gützkow's Schönrednerei nicht bester widerlegen können, als durch den evidenten Nachweis, wie selten der Jude Gelgenheit hat, sich jener edlen Züge wahrer Humanität und Toleranz zu erfreuen, die sich ja nach Herrn Gützkow's Ansicht von selbst verstehen sollen." Eine Bemerkung, die > on weiser Voraussicht zeugt! Heute, nach 40 Jahren, versteht fich ja für Viele, die sich Christen nennen, das Gegentheil von selbst, und ein Jude könnte jetzt alljährlich eine Schandtafel der Inhumanität im Verhalten von Christen gegen Juden herausgeben! Aber die Krone seiner Lebensarbeit, ein wahres stanckarck work W.'s, ist die von ihm im Jahre 1842 herausgegebene umfangreiche, epochemachende Schrift: „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte der Geschichte, des Rechts und des Staatsvortheils." Die Schrift erschien anonym; dennoch gehörte in der vormärzlichen Zeit ein großer Muth dazu, in dem Abschnitt, welcher nach der Ueberschrift „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte des Rechtes" behandelt, n pragmatischer Uebersicht zu zeigen, wie viel Unrecht ihnen geschah. Beschränkung und Beschwerung überall. Die physische Existenz der Juden war beschränkt, ihr Sachenrecht, ihre Ortsbürger-, Gewerbs- und Handelsrechte waren beschränkt. Dazu die Beschwerung mit außerordentlichen Lasten über die gewöhnlichen Staatsbürgerpflrchten. Bon den verschiedenen, mit wahrhaftem Raffinement ersonnenen Steuern sei nur Einiges erwähnt. In Böhmen war die auf 261.000 fl. bezifferte Judensteuer derart declarirt, daß die gesammte Judenschaft als ein Körper ohne Rückficht auf die Anzahl der Individuen betrachtet wurde. Demzufolge hätte.