Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 218 Vr. Bloch's Wochenschrift« Nr. 12 Oberrabbiner Dr. Güdemann. Hochgeehrte Fe st Versammlung! Das soeben abgelaufene neunzehnte Jahrhundert bezeichnet einen der bedeutsamsten Wendepunkte in der Geschichte der Juden. Es hat ihnen die Theilnahme an den Culturaufgaben der Menschheit wieder eröffnet, wovon sie seit Jahrhunderten theils ausgeschloffen waren, theils sich ausgeschlossen hatten. Der schon an sich merkwürdige Umschwung gestaltete sich noch merkwürdiger durch die Schnelligkeit, womit er sich vollzog, und womit die Juden ein glänzendes Zengniß ablegten von ihrer Spannkraft und Verjüngungsfähigkeit, die durch den jahrhundertelangen Mangel an Uebung nicht zerstört waren, nicht einmal abgenommen hatten. In Deutschland war es Moses Mendelssohn gewesen, der den Bann im Innern, und C h r i st i a n Wilhelm Dohm, der den äußeren Bann gebrochen hatte. Ihre Anregungen übten trotz mannigfachen Widerstandes die erhoffte Wirkung aus. Mit dem Beginne des neuen Jahrhunderts tauchten Männer aus dem Schoße des deutschen Judenthums auf, die als Dichter, Philosophen, Gelehrte, Politiker in hervorragender Weise sich betätigten. Auch für die Juden in Oesterreich brach ein neuer Morgen an. Kaiser Josef ll. glorreichen Angedenkens, der den unvergänglichen Ruhm genießt, als der erste die Juden von dem schimpflichen Leibzoll befreit und ihnen den „Titel und Charakter" von Nebenmenschen verliehen zu haben, gab durch Verbesserung der äußeren Rechtsverhältniffe der Juden auch den Anstoß zur Verbesserung ihrer inneren Zustände, die sie nur selbst herbeiführen konnten. Merkwürdiger Weise vollzog sich dieser Aufschwung zuerst in der dunkelsten Provinz Oesterreichs, in Galizien. Die jüdische Selbsterziehung begann mit der höheren Bürgerschule, die Joseph Perl 1813 in Tarnopol begründete, und die später anderen Schulen zum Muster diente. Wenn man so Rühmliches von Galizien hört, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf: Wo blieb damals Wien? Die Gegenwart freilich belehrt uns, daß die Reichshauptstadt sich nicht immer an der Spitze des Fortschritts befindet. Allein für die damalige Zeit antwortet auf unseren Aufruf der Mann, dessen Andenken wir heute bei der Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages feiern, der Mann, welcher der Zeit und Bedeutung nach einer der ersten war, die durch geistige und sittliche Hebung der österreichischen Juden ihre Theilnahme an der allgemeinen Culturarbeit beförderten, und der dadurch den Juden in Wien, und ich darf wohl sagen : der Stadt Wien den Ruhm sicherte, bei Eröffnung des neuen, seit Jahrhunderten bedeutsamsten Abschnittes der Geschichte der Juden kräftig mitgewirkt zu haben. Dieser Mann ist Joseph Ritter von Wertheimer, gesegneten Angedenkens. Hochgeehrte Versammlung! Um sie in den Stand zu setzen, das erste öffentliche Auftteten Wertheimer's, seine erste schöpferische, noch heute, nicht blos für die Juden in Oesterreich, sondern für Oesterreich überhaupt segensreich nachwirkende That richtig zu würdigen, mache ich Sie auf eine Abhandlung aufmerksam, die ein Jahr vor Wertheimer's Geburt, 1799, in der angesehenen Deutschen Monatsschrift erschienen war, und woraus man ersehen kann, wie damals selbst gebildete Christen über Erziehung und Unterricht, Denkungsart und Handlungsweise der Juden im Allgemeinen urtheilten. Der von einem Leipziger Schriftsteller C. H. Kötzer verfaßte umfangreiche Aufsatz behandelt das Thema: „Wie mag es zugehen, daß die jüdische Nation, deren ganzer erster Unterricht im Mechanischen Auswendiglernen bestehr, doch den meisten Scharfsinn und Liebe zum tiefen Nachdenken und Forschen vor allen übrigen Völkern der Erde äußert?" Der Verfasser ist durchaus frei von Gehässigkeit, er hebt einige der jüdischen Gelehrten des Mittelalters, sowie seine Zeitgenossen Mendelssohn, Markus Herz, Lazarus Bendavit rühmend hervor, und ruft mit einer gewissen Emphase aus: „Ja wem ist es unbekannt, daß aus diesem Volke geschickte und erfahrene Aerzte, bildende Künstler und Mechaniker hervorgegangen sind und noch hervorgehen?" Doch kommen in der Abhandlung Sätze vor wie diese: „Die künstlichst erdachtesten Bübereien und Diebstähle, wessen Werk sind sie? Juden haben sie verübt". „Unglaublich ist die Geschwindigkeit, mit der sie die wohlverwahrtesten Zimmer und Gemächer ausleeren, unglaublich paffend der Apparat ihrer Diebsinstrumente und die Vorsichtigkeit bei Aufstellung ihrer Gehilfen und Späher. Nur wenige Minuten und herculische Arbeiten sind vollbracht. Was in ihre Hände kommt, ist für immer dahin". Und weiter: „Da der Betrug an einem Christen verübt nichts Schändliches, sondern vielmehr etwas Verdienstliches hat, so ist Lob und Beifall, wenn er (der Jude) irgend ein Wagstück glücklich durchgesührt hat, sein Lohn". Das Resultat der Untersuchung ist: Die jüdische Erziehung kann wohl einen schlauen und listigen Menscheu bilden, aber keinen guten. Und nun betrachte« Sie mit mir die Laufbahn Wertheimer's! Der junge Mann — worauf ist sein Bildungsbestreben gerichtet? Etwa auf Erlangung der Geschicklichkeit, die wohlverwahrtesten Zimmer und Gemächer mit Geschwindigkeit auszuleeren, Betrug an Christen zu verüben, um dafür mit Lob und Beifall bei seinen Glaubensgenossen entlohnt zu werden? Der junge Wertheimer ist die lebendigste Widerlegung dieser und ähnlicher Schilderungen, welche der erwähnte, ein Jahr vor seiner Geburt erschienene Aufsatz von der Erziehung und Denkungsart der Juden darbietet. Er war von seinen Eltern für den Handelsstand bestimmt worden, da dem Juden damals kaum ein anderer Beruf offenstand, und er ist diesem Beruf bis an sein Ende treu geblieben, freilich iuvita Niuerva oder richtiger invito Mercurio, denn er ist als armer Mann gestorben. Aber schon in jungen Jahren erfüllten erziehliche Interessen so sehr sein Herz, daß er sogar einen pädagogischen Curs hörte, nach dessen Beendigung er die Prüfung glänzend bestand. Er machte alsdann Reisen und kam auch nach England, der hohen Schule des Handelsstandes, aber es war nicht diese Schule, die seine Aufmerksamkeit fesselte, sondern die daselbst seit 1824 errichteten neuartigen Kleinkinderschulen nahmen sein ganzes Interesse in Anspruch. Zurückgekehrt, übersetzte W. die von dem Vorsteher der Londoner Kleinkinderschulen S. Wilderspin herausgegebene Schrift: „Ueber frühzeitige Erziehung und englische Kleinkinderschulen" und versah die Übersetzung, die im Jahre 1826 in erster, 1828 in zweiter Auflage hier in Wien erschien, mit lehrreichen Zusätzen. Die Schrift wurde in Preußen behufs Förderung des öffentlichen Unterrichts von dem Unterrichtsministerium empfohlen und deren Anschaffung auf Rechnung der Schulcaffen angeordnet. In Oesterreich dagegen bezeichnte man die Errichtung von Kinderbewahranstalten nach englischem Muster als eine „verderbenbringende Idee", und ein Promemoria über die Nützlichkeit und Nothwendigkeit solcher Anstalten, das W. der Regierung überreichte, hatte das Schicksal, daß von den 32 Pfarren Wiens, denen es zur Begutachtung vorgelegt wurde, nur zwei das Project befürworteten, die übrigen aber es für unnütz, ja als gefährlich bezeichnten, weil die unteren Volksclassen durch Ausführung des Projektes zu gebildet würden. Auch die hohe Geistlichkeit, insbesondere der Erzbischof von Seckau, widerriethen die Errichtung solcher Anstalten. Dagegen setzte sich die ungarische Gräfin Therese Brunswick-Korompa mit W. in Verbindung und errichtete nach dessen Rathschlägen am 1. Jänner 1828 eine Kinderbewahranstalt in Ofen, die alsbald zu reicher Blüthe gedieh. Nun folgte auch Wien nach. Im Jahre 1830 ward durch den Pfarrer Johann Lindner eine Kinderbewahranstalt am Rennweg, sodann wurden solche auf der Wieden imd in Margarethen errichtet. Das Aufblühen dieser Anstalten hatte die Gründung eines Centralvereines unter Patronanz der Kaiserin Karolina Augusta zur Folge, welchem W. als ständiges Mitglied beigezogen wurde. Hätte W. auch nur dieses eine Verdienst, so würde er dadurch den Anspruch auf ein dankbares Gedächtnis der Stadt Wien, ja Oesterreichs sich erworben haben. Ganz besonders aber ist ihm unsere Glaubensgenossenschaft dafür verpflichtet, daß er schon als Jüngling die frühzeitige Erziehnng der Kinder zu guten Menschen — nicht zu listigen und schlauen — in den Vordergrund seiner Bestrebungen stellte, daß er der Erste war, der den Staat auf diese Aufgabe hinwies, und daß er dadurch Zeugniß ablegte von der hohen Auffassung, welche das Judenthum von der Erziehung besitzt, und von dem außerordentlichen Werth, welchen es ihrem frühzeitigen Beginn beimißt. Denn woher hatte W. die Anregung empfangen, sich erziehlichen Bestrebungen zuzuwenden, wenn nicht aus seiner eigenen jüdischen Erziehung, wenn nicht aus dem Judenthum. Es verdient aber hervorgehobeu zu werden, daß W. bei den geschilderten Bestrebungen sein Augenmerk nicht auf den engeren Kreis seiner Glaubensgenossen, sondern auf die Gesammtheit der Staatsbürger richtete. Seine Richtung auf das Allgemeine bezeugte er auch durch die Mitwirkung an der Gründung des Wiener Hilfsvereins, sowie des Schutzvereines für entlassene Sträflinge und für verwahrloste Kinder. Man muß sich aber vergegenwärtigen, und ich werde im Verlaufe meines Vortrages näher darauf eingehen, in welchem Zustande der Beschränkung