Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 215 Nr. 12 Br. Bloch's Wochenschrift. tausend Juden in zweiundzwanzig Jahren die Naturalisation, nicht ohne große Geldopfer, erlangen konnten. Als die Raubwirthschaft der Cabinetsmitglieder Brati anus ihren Culminitationspunkt erreichte, das ganze Gerüst seine Viziriates von allen Seiten zu bersten anfing und im Jnlande keinen Rückhalt mehr fand, ersann er ein neues Ködermittel, die Fürsprache für sich in die Kreise der Berliner Staatsleitnng zu gewinnen, indem er dem Parlamente das Project einer Consular-Convention mit Deutschland vorlegte, in welcher die deutschen Consulate in Rumänien die Attribute eines Gerichtes auszuüben berechtigt werden, in allen Rechtsconflicten eines Deutschen gegen einen rumänischen Unterthan, und notariale Acten rechtsgültig zu verfassen deren Gegenstand, Hypothekarinscriptionen und Kauf¬ und Berkaufsverträge von in Rumänien liegenden Immobilien zu Gunsten eines deutschen Unterthanen sind. Nun besaß Bratianu derzeit nicht mehr seine moralische Macht in seiner eigenen Partei, diese Veräußerung eines essentiellen Theiles der Staatssouveränität zu vollziehen. Der classische Jndifferentismus des rumänischen Bürgers löschte die Erinnerung an die ministerielle Alleinherrschaft Bratianu aus, um nur durch die Brille, die ihm der politische Erbe Bratianus, Demeter Sturdza aufsetzte, die Affaire H a l l i e r als Attentat der Conservativen auf die Souveränitätsrechte des Volkes anzusehen. In diesem Augenblick nimmt die Agitation gegen die Regierung zusehends Dimensionen an, welche die thatkräftige Intervention der Organe der öffentlichen Ordnung beanspruchen. Die Ruhe wird doch nicht gestört werden, und endlich wird der bon sens des Volkes den Sieg über die agitatorischen Einflüsterungen davontragen. Ich erachtete diese Digression von meinem Haupthema als nothwendig schon deshalb, um den pathologischen Zustand zu schildern, und begreiflich zu machen, wie umsichtig die couservative Regierung im Gesundungsproceß des socialen Geistes Vorgehen muß. * * * Die Massenauswanderung der rumänischen Juden ist der Gegenstand journalistischer Besprechung der inländischen Tagespresse. Sie wird als Thatsache angedeutet, man nimmt sich aber in Acht, ihre Ursachen zu erörtern. Manche «ollen sogar den Wandertrieb der Juden als eine nationale Eigenthümlichkeit dieses Volkes darstellen. Die antike und moderne Geschichte der Colonien- und Staaten-Gründungen weist nach, daß Spanier, Engländer, Holländer, Deutschländer und Hünen ihre Heimat in großen Massen verließen, und neue selbständige Staatengebilde gründeten; selbst eine S e c t e, die M o r m o n e n, constituirte sich im freien Amerka in einen Miniaturstaat, aber nicht einmal einen Versuch weiß sie zu verzeichnen, von einer gewollten Auswanderung einer Judenmasse, um einen Jüdenstaat zu gründen. Als unwiderlegbarer Beweis meiner Behauptung dient das Factum ihrer Aneignung der Landessprachen, wo das Schicksal sie gezwungen, eine Zuflucht vor fanatischer Verfolgung andersgläubiger Volksstämme zu suchen, um seine eigene Sprache zu verlernen, sie blos als Tempelsprache aufbewahren, und eine fremde Gebrauchssprache sich eigen zu machen. Nein, dem Juden ist ein atavischer Wandertrieb nicht eigen. So wie überall und immer ist es auch in Rumänien die Zwangslage der Juden, welche in dem verzweifelten Entschluß reifte, einem Vaterland den Rücken zu kehren, in welchem sie theils Autochtonen, theils — wie documentarisch bewiesen — gerufen waren, um wirtschaftliches Leben zu bringen, Städte zu gründen, die fiscalen Lasten mitzutragen, wo sie eine Lücke ausfüllten, welche durch ihre Auswanderung nicht normal ausgefüllt werden kann. Die Auswanderung der Juden aus Rumänien trat zuerst sporadisch auf, mit dem Beginne der national-liberalen Präponderanz, im Jahre 1866, seit der st a a t s a n t i s e m i t i s ch e n Richtung, welche von C. A. R o s s e t i und Johann Bratianu der Verfassung inoculirt wurde. Bestünde in Wirklichkeit die zum Feldgeschrei der Antisemiten aller Länder erhobene Lüge von der Universalsolidarität d e r I u d e n, der giftige Kern, welchen die Bukarester Constituante in 1866 im Art. 7 der Verfassung legte, würde nie solch reiche Ernte gereift haben, wie die systematisch und ununterbrochen geschaffenen Gesetze administrativer und fiscaler Natur, in welcher die Exclusion der Juden von allen, mit Politik nichts gemeinhabenden Beschäftigungen enthalten sind. Die Rural-Polizei, die Spirituosentaxe, das Tabakmonopol, das drakonische Ex p ulsations - Gesetz, all diese den Juden existenzberaubenden Gesetze, wären nie so inhuman legiferirt und so teuflisch applici rt worden, wenn das Judenthum in seiner specifischen Machtsphäre, bei verschiedenen Gelegenhe itensich erinnern wollte, daß im Lande, welches um Credit bettelt, seine Brüder unverschuldeten Leiden ausgesetzt seien. Ich berühre diese Wunde mit Widerwillen, aber sie todtschweigen kann ich nicht. Den Beginn der Auswanderung eröffneten zuerst die s e h r R e i ch e n, später (die weniger Begüterten. Sie trugen in fremde Länder ihre materielle und kulturellen Güter hin, wo sie mit Ehre und zum Wohle jder neuen Vaterländer, die Schaar der Pioniere des Weltfortschrittes vermehrten. Die neue Auswanderungsbewegung, welche aller Gemüther der gedrückten Juden nunmehr sich bemächtigte, ist die Folge einer tief eingewurzelten, auf vieljähriger Erfahrung begründeten Ueberzeugung, daß keine so leise Hoffnung vorhanden sei, für Erleichterung ihrer, aller Beschreibung spottenden Noth. Der unerhörte Ausfall in dem Ernteertrag des Vorjahres, die fiscale Noth, welche neue, drückende Steuern nothwendig machte, welche größtenteils jene Erwerbszweige belasten, welche den Juden bis jetzt noch nicht gesetzlich entzogen sind; der Kampf um die Macht, zwischen den sogenannten historischen Parteien, welche keine principielle, Programatische Richtung scheidet, und, um etwas dem Volke zu sagen, nichts besseres ausfindig zu machen wissen als, f e i e rl i ch st zu versprechen, sie werde imBesitze der Macht, noch antisemitischer Vorgehen alsihre Vorgängerin — all' diese Motive veranlassen diejenigen Juden, welche in der stiefmütterlichen Heimat nichts mehr zu verlieren, in der neuen Heimat aber gewinnen können, den Wanderstab zu ergreifen in geschlossenen Massen. Im vergangenem Jahre wanderten aus der D o b r og e a etwa 100 Juden aus, um sich in Syrien anzufiedeln. Eine ganze Straße in B a b a d e g blieb öde und menschenleer. Andere 40 Juden aus kleineren Ortschaften der Dobrogea und 100 Familien aus der Dobrogeaer Kreisresidenz T u l c e a, trafen Anstalten zum Auswandern. In B o t o s ch a n i sind 200 Juden-Familien bereit auszuwandern und die Betreffenden führen mit sich eine Baarsumme von 10- bis 20.000 Francs Jeder. Aus anderen 27 Districten stehen mehr als 3000 Familien in Bereitschaft auszuwandern. Zwei große Bankfirmen aus Verlad, Thenen und Wechsler, wollen ihre dortigen Geschäfte liquidiren, um nach Oesterreich zu übersiedeln. Nun wurden die rumäniensatten Juden von einen Regierungserlaß überrascht, keine Reisepässe auszufolgen! Wohl hofft man auf baldigen Widerruf dieses Erlasses, bis zur Stunde aber besteht er noch, und wenn er aufrecht erhalten bleibt, so wird er die meisten dieser armen Menschen total ruiniren. Denn sie haben ihre beweglichen und unbeweglichen Habseligkeiten um Spottpreise veräußert, ihre früheren Beschäftigungen aufgegeben, im Abwarten der, einer Seereise günstigen Frühlingszeit und nun müssen sie, mit dem Verluste der Illusion auf einer besseren Zukunft, auch das Winzige, was sie besaßen, zerronnen sehen, um in dem großen Judenproletariate aufzugehen! Die Motive der Regierung zu diesem Erlaß kann man sich wohl denken. Fiscale Rücksichten, wegen fühlbaren Ausfall der Steuereinnahmen bei jenen, die das Land für immer verlassen, find dieser Maßregel nicht fremd. Der Cardinalgrund aber ist in der Wandlung der in die Regierungskreise eingetretenen Anschauungen, über das Judenproblem zu suchen. Während man über die geeigneten Mittel berathschlägt das verlorene Vertrauen des Auslandes wieder zu gewinnen, Capitalieu und Menschen heranzuziehen, schutzbietende Gesetze zu schaffen und die restrictiven abzuschaffen, da dringt in das selbe Ausland der durch moralischen Zwang zur Auswanderung gedrängte Jude, um als beredter Bet weis der Aussichtslosigkeit eines Ein-