Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. X' •■ili’ö Wvchsnfchr fl» Seite 207 nahegelegenen Sitzungssaal, woselbst auf Ansuchen des Vereins - obmannes Herrn Samuel Prager, Herr Alexander Beck, Vicepräses der Gemeinde, das Präsidium der Generalsitzung übernahm. Herr Präses Alexander Beck eröffnete die Sitzung und sprach dem Herrn Rabbiner, nachdem derselbe des großen To'dten Moses Montefiore in Pietät gedacht, im Namen der ganzen Versammlung für seine Rede den wohlverdienten Dank. Hierauf gelangte der Generalbericht des heiligen Vereines zur Verlesung, in welchem Vereinssecretär Herr Joses Löwinger auch der Namen jener Hingeschiedenen Männer pietätvoll gedachte, welche in der jüngsten Vergangenheit an der Spche des heiligen Vereines gestanden und hob auch die eifrige und hingebungsvolle Wirksamkeit des gegenwärtig an der Spitze dieses heiligen Vereines stehenden Obmannes Herrn Samuel Prager hervor. Der Bericht wurde beifällig zur Kenntniß genommen und dem Secretär der Dank votirt. Nachdem sämmtliche auf der Tagesordnung stehende Vereinsangelegenheiten berathen und verhandelt wurden, schloß Herr Präses die Generalversammlung. Agram. Die traurige Thätigkeit des croatischen Abgeordneten T u s k a n, des einzigen ausgesprochenen Antisemiten im hiesigen Landtage, ist auch den Lesern dieses Blattes bekannt. Mehr als einmal ist ihm schon der einzige Jude im Landtage, Dr. Ljudevit Schwarz, auf das entschiedenste entgegengetreten. Und es wäre nicht werth, sich weiter mit Tuskan zu befassen, wenn uns nicht ein Vorfall Gelegenheit geben würde, von der Haltung b<>r croatischen Regierung Juden gegenüber zu berichten. Tuskan srug den Justizchef (bei uns im Wirkungskreis eines Ministers) Herru V j e k o s l a v Klein, wie er mit dem Agramer Juden Kolmar verkehren und gemeinsam herumfahren kann, und wieso dieser einen Einfluß durch Protection nehmen kann. Edmund Kolmar. Ritter des Franz Joses-Orden, ist nicht nur einer der angesehensten Juden des Landes, sondern auch einer der ersten Bürger Agrams. Er ist Bicepräsident der Commercialbank, Gemeinderath und erst unlängst einstimmig in die Handelskammer wiedergewählt. Doch noch berühmter ist er durch seine Wohlthätigkeit, die in Agram sprichwörtlich ist. Täglich leitet er im Vereine mit seiner Gattin persönlich die Ausspeisung von Hunderten Schulkindern, selbstverständlich ohne Unterschied der Confessio». Für diesen Mann trat nun der Justizchef folgendermaßen ein: „Die Behauptung Abgeordneten Tuskan's über die Beeinflussung meiner Person durch einen hiesigen allgemein geachteten Jsraäiten weise ich mit Entschiedenheit zurück, denn der betreffende Herr hat stets Personen, die ihn um Verwendung bei mir ersuchten, an mich gewiesen, denn meine Thüren sind jedem offen. Ich muß noch erwähnen, d a ß i ch st o l z d a r a u f b i n, mit einem Herrn zu verkehren, der als Wohlthäter der Schuljugend bekannt, die Gründung des Blinden- und Taubstummeninstitut initiirt und bei allen Humanitären Zwecken mit persönlichen und materiellen Opfern allen übrigen voranschreitet." L. S. München. Als es vor vier Monaten hieß, Gemeinderath Lucian Brunner aus Wien werde im Münchner demokratischen Verein sprechen, brachten das „Bayerische Vaterland" und das „Neue Münchner Tagblatt" schwere Angriffe gegen ihn, weil er im Wiener Gemeinderath gesagt habe, er verachte alle Christen. Brunnerstellte gegen die verantwortlichen Redacteure Beleidigungsklagen, die kürzlich vor dem Schöffengerichte zum Austrag kommen sollten. Die Beklagten erklärten, den Wahrheitsbeweis antreten zu wollen. Sie verlangten Aussetzung der Verhandlung und Vorladung der Wiener Gemeinderäthe Tomola. Altmann, Weitmann, Swoboda nnd Hugo Platter. Der Vorsitzende äußerte sich sehr ungehalten darüber, daß die Beweisanträge heute erst gestellt werden, obwohl die Klage schon seit November schwebt. Er bemerkte dabei, er würde sonst von vornhinein annehmen, daß die Verklagten bei ihren Artikeln in gutem Glauben gehandelt hätten. Es scheine, daß Brunner eine spitze Bemerkung gemacht habe. Der Vertreter Brunner's erklärte, Brunner habe die ihm zur Last gelegte Aeußerung nicht gethan. Eine Aeußerung Brunners im Gemeinderath sei überhaupt nicht gefallen. Als Brunner den Gemeinderathssaal verlassen habe, sei er von Galeriebesuchern insultirt und bedroht und mit Pfuirufen verfolgt worden. Darauf habe Brunner gerufen: „Ich verachte Eure Pfuirufe!" Das sei der Sachverhalt. Brunner nnd die Bertheidigung seien nicht gegen die Erhebung des Wahrheitsbeweises. Die Verhandlung wurde darauf vertagt und die Vernehmung der Zeugen angeordnet. Karlsruhe. 11. März. An leitender Stelle geben wir Aufklärung über die Affaire Landau. Es dürfte aber wohl angebracht sein, noch einige Zeilen hinzuzufügen. Dieser Leopold Landau aus Pforzheim ist. wie schon die Depesche des Herrn Stadtrabbiner Dr. Appel in Karlsruhe in der letzten Numnn r dieses Blattes besagt, seit Jahren geistesgestört und jeder La e kann in sei'em Circular die Spuren des Größen- und Verfolgungwahns entdecken. Uebrigens ist dieses Flugblatt in Deutschland gänzlich unbekannt geblieben, sonst wäre längst von jüdischer Seite etwas geschehen, um die Sache ins richtige Licht zu stellen. Der Kranke veröffentlichte vor Jahren eine Sammlung von Gedichten, die er selbst, aber auch nur er, als Perlen der Literatur betrachtet. Daß seine Geistesproducte keine Anerkennung gefunden haben, nahm er sich sehr zu Herzen und durch die wachsende Verbitterung entwickelte sich bald der Keim des Wahnsinns, bis der letzte Rest von Vernunft verzehrt wurde. Es ist also nicht allein niederträchtig, sondern auch komisch, wenn Vergani dieses Product eines Geistesgestörten mystisch gestaltet und als wichtiges Document anpreist. Das Gesperrte ist natürlich im Origiual nicht gesperrt. Der gewandte Vergani kann eben nicht nur Feuilletons, sondern auch Circulare schön zustutzen. Uebrigens hat Landau bereits vor längerer Zeit mit Libermann von Sonnenberg Verbindung gesucht, dieser aber war anständiger und klüger als Vergani und reagirte nicht darauf. Ueberhanpt scheinen die deutschen Antisemiten gegenüber ihren öfter reichischen Kampfgenossen noch wahre Ritter und Gelehrte zu sein. Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund eröffnet am 1. April d. I. einen Cursus zur musikalischen Fortbildung jüdischer Cantoren. Dieser Cursus ist unentgeltlich und steht jedem staatlich geprüften Lehrer offen. Ec wird unter der Leitung der Herren Musikdirector William Wolf und Cantor A. Friedmann stattfinden, und zwar während der Monate April, Mai und Juni. Reflectanten wollen sich an das Bureau des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes Berlin W., Sigismundstraße 5 wenden, das ihnen auch die Zeit und den Ort der Borträge mittheilen wird. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat da wieder ein Werk geschaffen, das einem tiefgefühlten Bedürfniß entspricht und eine oft schmerzlich empfundene Lücke ausfüllen wird. Berlin, 7. März. (Vortrag des Herrn Kirchenrath Dr. Kroner). Im jüdischen Literaturverein sprach gestern Abend Herr Kirchenrath Dr. Kroner aus Stuttgart über „Volkserziehuna und Judenthum". Herr Dr. Kroner hat eine Vortragskunst, die durch die schlichtesten Mittel wirkt, durch eine bei aller Gewähltheil einfache Sprache, durch einen natürlichen Herzenston, der zum Herzen dringt; er besitzt die seltene Gabe, eine Fülle von Stoff so übersichtlich zu ordnen, daß der Hörer nur Bekanntes zu vernehmen glaubt und keinen Augenblick den Zusammenhang verliert. Der Redner zeigte, aus Bibelstellen sich berufend, daß die Juden eine Bolkserziehung von Anbeginn au gehabt, daß es ihnen daher von Anbeginn an einem Erziehungsideal nicht gefehlt habe. Der Redner führte uns durch unsere Geschichte, von den Tagen des Reichs durch die Tage des Exils bis zu den Tagen unseres Eintritts in den Besitz bürgerlicher Rechte. Er zeigte, wie von je bei den Juden die Erziehung aus Abwendung vom Egoismus, auf Pflege des Gemeinfinns gerichtet war, wie Familie und Staat oder Gemeinde sich in die Obsorge für Unterricht und Er ziehung theilten. und zeigte, wie die jüdische Unterrichtsmethode vor undenklichen Zeiten das geübt, was anderwärts als modernste Erungenschaft gefordert wird. Der Vortrag fand stürmischen Beifall. Constantinopel. (Aufruf der deutsch-israelitischen Cultusgemeinde.) Seit Jahren liegt das dringliche Bedürfniß in unserer Gemeinde vor, an Stelle unseres baufälligen Gotteshauses ein neues zu errichten. Aber leider mußten wir dieses Unternehmen wegen Mangels an nöthigen Mitteln immer wieder für eine von uns erhoffte spätere günstigere Zeit hinausschieben. So kam es nun. daß das alte Gebäude immer baufälliger und schließlich ganz unbenützbar wurde, so daß es in denletzten Feiertagen geradezu lebensgefährlich war, den Gottesdienst darin abzuhalten. Wohl oder übel sahen wir uns also gezwu igen zu einem Neubau zu schreiten. Obgleich unsere Gemeinde zum größten Theil sich aus mehr oder weniger armen Handwerkern zusammensetzt und wir nur sehr wenige auch nur einigermaßen begüterte Mitglieder in unserer Mitte zählen, so hätten wir es doch immerhin bei der großen Opferwilligkeit auch des geringsten unter uns im Laufe der Zeit vermocht, den nöthigen Baufond aufzutreiben, und wir