Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021343--09721-3034164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 Vr. Bloch's Wvrlzrnschrift. Seite 203 Oberst Villebois-Mareuil in einem Brief an die „Libertä" sehr ausführlich und voller Bewunderung. Auch sonst erfährt man jetzt noch manche interessante Einzelheiten über die letzten Burenkämpfe. So schreibt ein junger Deutscher aus Ladysmith am 14. v. M. an seine Angehörigen in Baden in einem von diesen veröffentlichten Briefe u. A.: „Bon uns Deutschen siel Einer (sofort todt) und fünf sind verwundet. Einem kleinen deutschen Juden von uns, Paul Blumenthal, einem Hamburger, wurde die große Zehe am linken Fuß abgeschossen — aber der kleine Kerl steckte sich darauf ruhig seine Pfeife an und schoß in Gemüthsruhe und souveräner Gleichgiltigkeit weiter." Wir sind neugierig, ob^die antisemitischen Burenfreunde diese Mittheilungen weiter verbreiten werden. Gladstone über die Bibel. Der englische Staatsmann Gladstone, gest. 1898, äußerte sich in der Einleitung zu einer volkstümlichen Bibelauslegung über die Segenskraft der heiligen Schrift folgendermaßen: „In welcher Krisis, Mühsal und Verwicklung des Lebens hat diese unschöpfliche Schatzkammer je das versagt oder wird sie je das versagen, dessen wir bedürfen? Welcher Beruf, welche Lebensstellung wird nicht täglich und stündlich bereichert durch diese Worte, die keine Wiederholung abschwächt, die heute so gut wie in den Tagen, wo sie zuerst ausgesprochen wurden, die Frische der Jugend und der Unsterblichkeit an sich tragen? Wenn der einsame Forscher sein ganzes Herz ihnen aufthut, um sie in sich aufzunehmen, so werden sie seine Mühe belohnen. Und in der Abgeschiedenheit des Kämmerleins, in der Stille der Nacht, auf dem Krankenlager und angesichts des Todes: allenthalben ist die Bibel uns zur Seite. Ihre Worte sind beschwingt mit besonderer Botschaft für jedes Bedürfniß, heilend und lindernd, aufrichtend und ausrechthaltenv, kräftigend und anspornend. Ja, noch mehr: mitten im Gedränge des Raths, des Gerichtshofs, der Straße oder des Marktes, wo die Aufregung ehrgeizigen Strebens, der Geschäfte oder des Vergnügens jeden Gedanken jeder Seele vollauf in Anspruch zu nehmen scheint, auch da, ja, selbst da wird die Stimme der heiligen Schrift mit stillem, sanften Säusen sich vernehmen lassen, und das eine oder andere ihrer Segensworte wird der Seele Flügel geben, daß sie entflieht wie eine Taube und zur Ruhe kommt." Zu Psalm 90, 8. Der Naturforscher G. Ehr. Lichtenberg schreibt: „Welch ein Unterschied, wenn ich diese Worte in meiner Kammer ausspreche oder in der Halle der Westminster-Abtei, über mir die feierlichen Gewölbe, wo der Tag immer in einer heiligen Dämmerung trauert, unter mir die Reste znsammengestürzter Pracht, der Staub der Könige, um mich her die Trophäen des Todes! Ich habe sie hier und dort ausgesprochen. In meinem Schlafgemach haben sie mich oft erbaut; ich habe sie von Kindheit an nie ohne Rührung gebetet. Aber hier durchlief mich ein unbeschreibliches, aber angenehmes Grauen; ich fühlte die Gegenwart des Richters, dem ich auf den Flügeln der Morgenröthe selbst nicht zu entrinnen vermöchte, mit Thränen, weder der Freude noch des Schmerzes, sondern mit Thränen des unbeschreiblichen Vertrauens auf ihn." Die Juden der Kunst. Ueber „Die Juden in der Theaterwelt" bringt der „Jewish Exponent** einige bemerkenswerte, auf die Bereinigten Staaten bezügliche Notizen. Wir entnehmen dem Blatte das Folgende: Würden die amerikanischen Juden ihre Unterstützung den hiesigen Theatern entziehen, dann müßten mindestens 50% ihre Thore schließen, und die großen Attractionen würden ohne Unternehmer dastehen. Bon den renommirten Theatern, sowie von den bedeutenderen Schaustellungen werden über 80% von Juden geleitet, und 67°/» der größeren und viele kleine Bühnen haben Juden zu Eigenthümern. Ein Kenner der Verhältnisse behauptete jüngst, daß in Chicago z. B. 60% des Theaterpublicums aus Juden bestehen, in New-Aork soll das Percentverhältniß ein noch größeres sein. Hingegen befinden sich unter den dramatischen Schriftstellern Amerikas wenig Juden. Namentlich das Schauspiel weist wenig jüdische Autoren auf. Die Blutlügner. Nürnberg, am 9. März. Bor dem Schwurgericht stand der Redacteur Adam Weber, der in seinem Blatte, dem in Fürth erscheinenden antisemitischen „Freien Beobachter-' ein Vergehen gegen die Religion verübt haben sollte. Es handelt sich um einen am 9. October erschienenen Artikel „Zum jüdischen Ritualmord in Polna". Der Artikel soll aus dem „Münchner Vaterland" entnommen und vom Angeklagten nur mit einer Einleitung versehen worden sein, worin der Nachweis versucht wird, daß schon vor der Gevurt des Stifters der christlichen Religion der „Blutgenuß" beberschiedenen Juden ein ritueller gewesen sei. Zu diesem Zwecke wird erzählt, daß im Alterthum Juden in den Katakombes Roms Liebesmahle mit abscheulichen Widernatürlichkeiten veranstaltet hätten. Daß dies ausdrücklich vor der Geburt des Stiftern der christlichen Religion datirt wird, sollte nach der Anklage den Beweis erbringen, daß nicht christliche Gnostiker, sondern Juden solche Schandthaten verübt hätten. Der Angeklagte wurde von den Geschwornen für nichtschulig erklärt, weil nur eine Beschimpfung einzelner Juden, nicht der jüdischen Religion in dem Artikel vorliege. Der „Fränkische Courier" in der Abendausgabe von Montag enthält folgende Zuschrift: Herr Stadtpfarrer Schiller schreibt uns: Da der Berichterstatter über die Schwurgerichtsverhandlung am Freitag Abend, Anklage gegen Redaeteur Weber wegen Beleidigung der jüdischen Religion, meine geschichtlichen Ausführungen in der Samstag-Morgennummer in mißverständlicher und ungenauer Weise wiedergegeben hat, so ersuche ich um gefällige Aufnahme folgender Zeilen : „Der fragliche Artikel behandelt zwei Themata : den Polnaer Ritualmord in der Gegenwart und einen geschichtlichen Rückblick auf die Verhältnisse des Judenthums vor 2000 Jahren. Die Fabel des Ritualmordes wird am Besten der zweite Herr Sachverständige Herr Doctor Ziemlich zu erörtern haben. Sie gehört nicht zu meinem Ressort. Ich selber werde mich darauf beschränken, über die fälschlich herangezogenen Agapen oder Liebesmahle sowie über die Stellen der alten kirchlichen Geschichtsschreiber mich zu äußern, welche in antisemitischem Sinne ausgedeutet worden sind. Was nun die sogenannten Liebesmahle anlangt, so find dieselben eine specifisch christliche Einrichtung und zwar der ersten Christengemeinden, nicht etwa schwelgerische Gelage, sondern einfache Mahlzeiten im Zusammenhang mit dem Gottesdienst, welche in der Feier des Abendmahls gipfelten. Mit den Juden haben die Agapen absolut gar nichts zu thun; und von „Agapmjnden" zu reden, ist ein wiffenschastlicher Unsinn. Das Christenthum nun war bekanntlich lange Zeit im römischen Staat eine verbotene Religion. Darum blieb den ersten Christengemeinden nichts übrig, als ihre religiösen Zusammenkünfte in Privathäusern hinter verschlossenen Thüren oder auch an einsamen Orten wie den Katakomben, unterirdischen Räumen, zu veranstalten. Dies aber erregte den Verdacht der ihnen feindlich gesinnten Heiden, welche nun aussprengten: Die Christen sind ganz gefährliche Leute, fie trinken das Blut ihrer Kinder (man denke an das mißverstandene Abendmahl), halten thyesteische Mahlzeiten und begehen Oedipus-ähnliche fleischliche Verirrungen. Natürlich war an diesen Gerüchten kein Wort wahr. Juden aber haben bei den Agapen niemals theilgenommeu. Ich komme nun zu den Citaten aus Eusebius und Epipharius, Jrenäus und Augustin. Der alte Kirchengeschichtsschreiber Eusebius weist die obigen gegen die ersten Christen erhobenen Vorwürfe mit Entrüstung zurück. Mit der jüdischen Religion hat auch dieses nichts zu thun. Die anderen Schriftsteller aber bekämpfen in ihren Werken gegen die Häretiker den sogenannten Gnosticismus, d. i. die Anhänger eklectischerReligionsphilosophen .Die Gnostiker find weder Juden, noch Christen; sie brauen sich ihre Religion aus allen möglichen Systemen zusammen: orientalische Theosophie, hellenische Philosophie, christliche Heilsideen und etwas Judenthum. Das Alles wird in einen Mörser geworfen, verrieben und dann verkostet. Diese Gnostiker werden von den obigen christlichen Schriftstellern bekämpft, mit vollem Recht, denn fie bedeuteten für das jung aufstrebende Christenthum keine geringe Gefahr. Wohin wäre dieses gekommen, wenn man dem Gnosticismus Eingang gestattet hätte! Nun gab es freilich judaisirende Gnostiker wie Cerinth, Basilides und Balentinus, von denen zumal der Letztere durchaus auf Heiligung des Lebens und Sinnes drang. Libertinistische Verirrungen stellten fich erst bei ihren Nachfolgern ein. Allein wir halten uns doch gegenwärtig: Diese Gnostiker waren keine Juden, ebensowenig wie die heidnischen Gnostiker, bei denen nur zu häufig die häßlichsten Ausschweifungen sich finden. Diese also sind es vornehmlich, welche die christlichen Geschichtsschreiber befehden und das mit Fug und Recht. Aber es gehört schon eine große Unverfrorenheit dazu, bei antisemitischen Angriffen statt der Gnostiker einfach die Juden eiuzusetzen. Ich faffe deshalb meine Ausführungen dahin zusammen: Im Namen