Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021343--09720-3034163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 202 Dr. Bloch's Wochrnschrifi. Nr. 11 Vom Jahrmarkt des Lebens. Das „Vaterland" und Herr Ugron. Ein herrliches Stück christlich-socialer „Moral", in welchem der Antisemit Ugron, Führer des äußersten Flügels der Unabhängigkeitspartei in Ungarn, der durch die Lieferungsaffaire so be—kannt gewordene Herr Ugron, und das mit chm verbündete seudal-clericale Hauptorgan in Wien, das „Vaterland" die Hauptrolle spielen, ist in der abgelaufenen Woche blosgelegt worden. Ugron ist der große ungarische Volksmann und kleine Haferlieferant, der Mann der Pathetischen Phrase und der nüchternen Provision, uneigennützig für die Anderen und auf Profit bedacht fiir die eigene Tasche, öffentlich radical, im Geheimen der Vertrauensmann und Inspirator des clericalen „Vaterland". Das ist der waschechte Patriot, der seine Verbindungen dazu ausuützte, um sich einem Haferlieferanten für das Militärärar als Compagnon anzuschließen und Schulter an Schulter mit ihm bei dem Ministerium, dem er heftige Opposition macht, Geld zu verdienen. Als die Gesinnungstüchtigkeit des Herrn Ugron durch die Enthüllungen über seine Geschäfte in der Oeffentlichkeit ein räudiges Ansehen zu erlangen drohte, suchte er die allgemeine Aufmerksamkeit von dem Scandal. dessen Mittelpunkt seine eigene Persönlichkeit war, durch einen noch größeren Scandal abzulenken, indem er im „Vaterland" die verleumderische Beschuldigung aussprach, der ehemalige Ministerpräsident habe einen Wahlfonds eingesteckt. Freiherr v. Banffy hat ihn nothgedrungen der Ehre eines Zweikampfes gewürdigt, während der ungarische Landesvertheidigungs-Minister Baron Fejervary Herrn Ugron für satisfactionsunfähig erklärte. Das ist Herr Gabriel Ugron, der unabhängige Volksmann und ärarische Haferlieferant. Mag jetzt das „Vaterland" noch so lendenlahme Entschuldigungen oder von Loyalität überfließende Erklärungen abgeben, die intime Verbindung mit dem Antiösterreicher Ugron, dem Kossuthanhänger pur excellence, bleibt zeitlebens auf ihm sitzen und wer nicht gerade mit Blindheit geschlagen ist, wird nun wissen, was er von dieser „Zeitung für die österreichische Monarchie" zu halten hat. Daß die von Herrn Ugron im „V a t e r l a n d" gelegte Mine geplatzt ist, ohne denen Schaden zuzufügen, deren Untergang sie herbeiführen sollte, ist nur der Aufrichtigkeit zu verdanken, mit welcher S z e l l und Banffy in der Affaire vövgegangen sind, der Correctheit, mit welcher ihre liberalen Parteigenoffen die Sache behandelten, dem echt parlamentarischen Sinne, der in Ungarn waltet. Aber, „wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein". Das Sprichwort hat sich an Herrn Ugron und dem „Vaterland" bewährt, und wir haben gar keine Ursache, diesen Clericalen und Judenfeinden gegenüber etwas Anderes zu sagen, als daß ihnen zu Theil wird, was sie verdient haben. Schädlich sind sie zwar noch immer, aber die Maske ist ihnen vom Gesichte gerissen und das ist auch etwas werth. A. W. Der Gipfel der antisemitischen Corruption. Die „Deutsche Zeitung" erzählte in einer ihrer jüngsten Nummern von einem „unerhörten Fall jüdischen Wuchers" des Langen und Breiten. Am selben Tage war in allen Blättern zu lesen, daß eine Jndustrielehrerin von zwei Burschen überfcllen worden ist, die ihr Gewalt anthaten und sie ermordeten. Die „Bestien in Menschengestalt" waren christliche Arier. Die „Deutsche Zeitung" fertigt den Fall mit ein Paar Zeilen ab. Natürlich derlei Fülle sind ja wirklich nicht „unerhört". Sie kommen ziemlich oft vor und erregen lange nicht so das Entsetzen der „Deutschen Zeitung" wie ein Fall jüdischen Wuchers. Wir erlauben uns nachstehend den biedern Ariern eine Geschichte zu erzählen, welche die „Deutsche Zeitnng" ihren Lesern vorsichtig verschweigt. Aus Ottakring, wo bei der jüngsten Lehrstellenbesetzung die christlich-sociale Corruption sich bekanntlich zur höchsten Vollkommenheit entfaltete, wird uns nun ein interessanter Fall gemeldet, Er betrifft die Besetzung der Directorstelle in der Speckbachergaffe. Dort wirkte bisher der Bürgerschullehrer Vincenz Kaderschafka. Der Mann ist durch und durch antisemitisch und der christlich-socialen Partei gefügig bis zum Exceß. Was man von ihm verlangte, that er. Der christlich-sociale Ortsschulrath schlug ihn auch für den Directorposten vor. Es war also schwer möglich, ihm die Stelle streitig zu machen. Und doch wurde sie ihm von einem anderen Bewerber — allerdings auch von einem Antisemitischen — abgejagt. Die Wahlen für die Schätzungscommission der Einkommensteuer' gaben die Grundlage hiefür. Einige Tage vor der Wahl kam zu Herrn Kaderschafka ein Bote mit den Worten: „Der Herr Stadtrath Gräf läßt sich empfehlen, und Sie sollen ihm den Wahlzettel schicken; Sie sollen aber nicht vergessen, ihn deutlich zu unterschreiben!" Gehorsamst befolgte der Candidat für die Directorstelle den stadträthlichen Befehl und folgte den Stimmzettel mit seiner Unterschrift aus. Nach einigen Tagen kommt abermals ein Bote und bringt dem erstaunten Provisor die Nachricht: „Eine schöne Empfehlung vom Herrn Stadtrath Gräf, und Sie sollen ihm Ihren Stimmzettel schicken". Herr Kaderschafka ist ganz verblüfft. In seinem Schrecken läuft er dann sofort selbst zum Herrn Stadtrath, um mit ihm den Stimmzettel zu suchen. Umsonst, der Stimmzettel wird nicht gefunden. Ec weiß aber genau, daß er den Stimme zettel bereits geschickt hat, und hofft daher, daß er schon gefunden werden wird. So kommt die Stadtrathssitzung vom 28. Februar dieses Jahres und damit die Besetzung der Directorstellen. Es kommt auch die Schule der Speckbachergaffe an die Reihe, und Herr Kaderschafka erscheint vom antisemitischen Ortsschulrath als erster in Vorschlag gebracht. Es wird auch versichert, daß er ein sehr verläßlicher Christlich-Socialer ist, und alles ist natürlich für ihn. Da erhebt sich der Strdtrath Tomola. greift in den Sack und zieht einen Stimmzettel hervor. Der Stimmzettel trägt die eigenhändige Unterschrift des christlich-socialen Bürgerschullehrers Kaderschafka und die — socialdemokratischen Candidaten. Dieses Tomola' sche Argument schlug natürlich alles und stimmte selbstverständlich kein „gerechter" Stadtrath mehr für ihn, und er fiel durch. Ernannt aber wurde der Bewerber, den Herr Tomola vorschlug. Der Herr Stadtrath Gräf aber saß dabei und sprach kein Wort. So die Besetzungsgeschichte. Da hat man so ziemlich < lles beisammen, was an Corruption denkbar ist. Mit dem Hinweis auf den stellenverleihenden Stadtrath wird der Stimmzettel herausgelockt, der Stimmzettel wird dann mit der todbringenden socialdemokratischen Liste beschrieben, wird dann gestohlen, wandert in die Tasche des berühmten Herrn Tomola und streckt den unseligen Bewerber nieder. Und für wen ist das alles geschehen? — Am 1. März d. I. las man in den Blättern: „Der Stadtrath hat in der gestrigen Sitzung ernannt zu Directoren: . . . Franz Hofmann, Knabenschule, Speckbachergasse Nr. 48. — Der also ging als Sieger hervor? Und von wannen kommt der Mann? Herr Hofmann war gar nicht in Ottakring. Aber er diente in Währing an der Schule des Herrn Stadtrathes und Directors Tomola (XVIII. Schopenhauerstraße Nr. 79) und mußte bisher als provisorischer Leiter für Herrn Tomola die Schule leiten, damit der Herr Director Tomola neben dem Dircclorgehalte auch noch die Bezüge eines Stadtrathes (1500 fl.) einstreifen konnte. Nun ist er auf Vorschlag Tomola's Director geworden. Die Juden im Transvaalkriege. Wir haben wiederholt erwähnt, daß bei den in Südafrika kämpfenden britischen Truppen zahlreiche Juden sich befinden und daß die jüdischen Streiter jederzeit ihre Waffenehre gewahrt und durch Muth und Tapferkeit sich ausgezeichnet haben. In einer einzigen Abtheilung der Colonialtruppeu, in den Duke ok Edinburgh Own Volunteers Rifles, dienen nicht weniger als 48 Juden: 1 Corpora! und 47 Gemeine. Bei dem in Capstadt zumeist aus Johannesburger Uitländers gebildeten Freicorps befinden sich unter insgesammt 800 Engländern 150 Juden! Aber auch auf Seite der Buren kämpfen viele jüdische Soldaten. So mancher russische Jude, der in Johannesburg eine neue Heimath fand, ist in treuer Dankbarkeit mit ins Feld gegen die Engländer gezogen. Ganz besonders haben sich die jüdischen Aerzte und Krankenpfleger bei den Buren hervorgethan. Der Director des Burenhospitals bei Ladysmith ist ein Jude: Dr. Albert Treu. Die Jewish Helping Hand Society in Johannesburg hat eine ganze Mannschaft von ca. 30 Mann zum Krankenträgerdienst ausgebildet und in die Front gesandt! An der Spitze der Artillerie- und Jngenieurcommandos der Transvaalburen standen zwei in den letzten Schlachten besonders thätige französische Juden, Namens Leon Grunberg und Samuel Löon, die als Agenten der Creuzot-Geschützfabrik nach Südafrika gekommen waren. Samuel Läon stammte aus Smyrna, während Grunberg ein geborener Pariser ist und schon als Lieutenant die Artillerieschulc verlassen hat. Ueber die Leistungen dieser Beiden berichtet der nichts weniger als judenfreundliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.