Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Dr. BIvch's Wochenschrift. Seite 201 nur zu dem Zwecke öffnen, um der jüdischen Intelligenz Gelegenheit zu geben, sich mit der Armseligkeit unserer Zustände bekannt zu machen. Bevor der obligate Religionsunterricht bei uns eingeführt wurde, sagte ich unaufhörlich, das dürfen wir nicht thun, so lange wir keine Religionslehrer haben, denn wir comproniittiren eine gute Sache für unabsehbare Zeiten hinaus. Dasselbe wird auch mit dem Sonntags-Gottesdienst der Fall sein. Nicht an einem solchen an sich liegt das Uebel, unter Umständen könnte er sogar sehr heilsam wirken. Der Krebsschaden liegt in der überaus schlechten Ausführung, durch die in Berlin die beste Sache verdirbt und zur Form wird. Keine einzige Institution will bei uns so recht gedeihen, weil alles von kleinlichen Rücksichten geleitet wird. Ich fürchte daher nicht, daß der Sonntags- Gottesdienst, sollte er zur Thatsache werden, Schaden stiftcn würde — nein, er wird ebenso vegetiren und ein Stück burcaukratisches Schemen werden, wie alle unsere Gemeindeeinrichtungeu. Für unfern Schreiber im Gemeindebureau gibt es dann einige Blätter und einige Acten mehr, das Judenthum aber geht immer mehr dem Verfall entgegen. Dagegen werden weder die Sabbathnoch die Sonutagspredigten etwas ausrichten, denn damit lockt man heutzutage keinen Hund vom Ofen, geschweige einen der Cultur nicht ganz fremden Menschen in Gotteshaus. Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. Nus dem leben der deutschen Juden im Mittelalter. Von Dr. A. Berliner Des Verfassers im Jahre 1871 erschienene Schrift: „Aus dem inneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter" ist in weiten Kreisen wohl bekannt und genießt mit Recht ein gutes Ansehen. Diese Schrift erhielt in neuer Bearbeitung eine umfangreiche Erweiterung. Das treffliche Buch, im Verlage von M. Poppelauer's Buchhandlung Berlin herausgegeben, ist eine willkommene Gabe für alle Freunde der jüdischen Geschichte. Wir entnehmen derselben folgende Abschnitte. Gewöhnlich mit dem fünften Lebensjahr fing der regelmäßige Schulbesuch mit einer besonderen vorangehenden Feierlichkeit an, die noch ans alter Zeit herstammte und von Jerusalem nach manchen Gemeinden verpflanzt worden war. Am Wochenfest, dem Tag der einstigen Offenbarung auf Sinai, brachte man den Kleinen nach der Synagoge oder nach dem Haus des Lehrers ..Ter Lehrer nimmt den Knaben auf den Arm, eingedenk jener Schriftstelle „wie der Wärter den Säugling trägt" (4 B. M. I I. 12.), zeigt ihm daun eine Tafel von Pergament oder Holz, worauf das hebräische Alphabet, je 4 Buchstaben zu einem Wort zusammengefaßt, nebst den Versen aus 5. M. B. 33.4. und 3. B. M. 1.1 nebst den Worten, „die Lehre sei meine Beschäftigung" ausgeschrieben waren. Die Wörter des Alphabets und die Verse werden dem Kind rückwärts und vorwärts vorgesagt, worauf die Buchstaben mit Honig bestrichen werden, damit es die Süßigkeiten mit seiner Zunge koste. Auf einem aus feinem Mehl, Milch, Honig und Oel bereiteten Kuchen standen folgende Verse aus Jecheskel 3, 3: „Der Ewige sprach zu mir: Menschensohn, nähre deinen Bauch und deinen Leib fülle mit dieser Rolle die ich dir gebe Ich aß sie und sie war in meinem Munde wie .Honig so süß." Ferner standen eine Stelle aus Jesaja 50, 4, 5 und 8 verschiedene Verse aus dem 119. Psalm auf dem Kuchen, während auf der Schale eines gekochten Eies 4 andere Verse aus diesem Psalm geschrieben^waren. Die Inschriften auf Kuchen und Ei wurden mit dem Knaben gelesen; eine kabbalistische Beschwörung des sogenannten Schutzgeistes gegen die Vergeßlichkeit, der jede geistige Beschränkung beseitigt, fehlte hierbei auch nicht; worauf Kuchen und Ei der anwesenden Schülerschaar zum Verspeisen gegeben wurden. Man versprach sich von einem solchen Genuß, daß er dem Kind eine besondere Fassungskraft verleihe, wie auch der große Piutdichter Kalir von solchen Kuchen (collyris), die sein Vater ihm gegeben, nicht allein den Namen sondern auch den hellen Geist empfangen haben soll, — wie dem Pindar die Bienen des Hymettos den Mund mit süßer Gesangesgabe füllten, fügt Sachs in seinem herrlichen Buch über die religiöse Poesie der Juden in Spanien hinzu. Nach beendeter Feier für die erste Einführung in den Unterricht geleitete man den Knaben an das Wasser, das als Symbol für die Gotteslehre, als Quelle aller Erkenntniß gilt, zugleich als günstige Vorbedeutung, daß sich bei dem Knaben das Wort der Schrift erfüllen werde, „es mögen deine Quellen nach außen sich verbreiten" (Spr. Sal. 5, 16). . . . Die Zeit des Unterrichts sollte durch nichts gestört oder unterbrochen werden; „selbst wenn der Bau des Tempels in Jerusalem in Frage stäude, darf umdeswillen keine Schulversänmuiß stattfinden," lautet ein talmudischer Ausspruch (Sabbat 119b). Die religiöse Erziehung der Frauen wurde im Mittelalter mit großer Sorgfalt betrieben; es wird von verschiedenen Frauen erzählt, deren Entscheidung in zweifelhaften Fällen von berühmten Gesetzeslehrern angerufen wurde. Alvina, eine Enkelin Raschis, belehrte den Jsak den Samuel, wie sie für gewisse religiöse Fragen den Brauch ihres großelterlichen Hauses festhalte. — Die Töchter des Rabbi Abraham aus Orleans vereinigten sich wie die Männer zu gemeinsamem Tischgebet. — Mirjam, die Tochter Salomon SpiraS, Gattin des Jochanan Luria, trug mehrere Jahre hindurch, hinter einem Gitter sitzend, der studierenden Jugend den Talmud vor. — Eine Handschrift des kurzen Mordechai in der Nationalbibliothek zu Paris ist von Frommet aus Ahrweiler für ihren Mann Samuel ben Moses beendet worden. Im klebrigen wurde hauptsächlich darauf hingezielt, die Mädchen für das Haus tüchtig heranzubilden. So empfiehlt ein Pater aus dem 14. Jahrhundert in seinem Testament, daß die Töchter stets im Haus ihre wahre Welt finden mögen, daß sie nicht auslaufen, oder an der Thür des Hauses stehen, jeden Porübergehenden neugierig mit den Blicken verfolgen. .... „Meine Bitte, ja mein Befehl, daß die Frauen nicht müßig sitzen ohne Beschäftigung; denn 'Müßiggang führt zu Lastern; sie mögen spinnen, nähen oder kochen " — Ein altes Sitteubuch, der Brandspiegel betitelt, empfiehlt den jüdischen Frauen, Nähnadeln und Zwirn immer im Hause vorräthig zu halten, damit, wenn vor Eintritt des Sabbaths am Gewand noch etwas auszubessern sei, es zeitig und ohne Säumniß geschehen könnte. Charakteristisch ist es, wie aus dem Vorderblatt eines alten Buches bei den verzeichneten Geburtstagen der Knaben der Wunsch folgt: „Gott gebe, daß ich ihn erziehe zur Lehre, zur Verehelichung und zu guten Thaten," bei dem Geburtstage der Mädchen aber der Wunsch ausgedrückt ist: „Gott gebe, daß ich sie erziehe, zu nähen, zu spinnen und zu stricken — und zu guten Thaten." .... In dem Eapitel „Spiele und Vergnügungen ..." wird berichtet, wie der Einfluß der Umgebung für die Juden im Mittelalter sich hauptsächlich an der Leidenschaft für das Spiel erkennen läßt. Das damals sehr beliebte Würfelspiel konnte sich bei den Juden nicht einbürgern Aber das Kartenspiel war in jüdischen Kreisen seit der Zeit heimisch geworden, als nach dem Aufhören des großen Sterbens, des sogenannten schwarzen Todes, im Jahre 1349 eine ungeheure Vergnügungs- und Spielsncht die Menschen ergriffen hatten. . . . . Die Gewalt der Leidenschaft wurde immer mächtiger, mächtiger als alle Verbote und Strafandrohungen der Behörden gegen das Spiel. Die Spieler selbst fühlten oft Reue über ihre leidenschaftliche Neigung und legten sich Strafen auf, wenn sie ihre Gelübde, nicht mebr zu spielen, brechen sollten. Oft wurden förmliche schriftliche Verhandlungen über solche Gelübde ausgenommen. Auch von Seilen der jüdischen Moralprediger wurde gegen das verderbliche Spiel geeifert; allein die Nutzlosigkeit solcher Verbote einsehend und das menschliche Wesen richtiger erkennend, beriefen sich andere auf eine Stimme aus alter Zeit, die bereits anempfohlen hatte, bei der Verurtheilung des Spiels gelinder zu verfahren. Man beschränkte aber das Spiel auf gewisse Zeiten und setzte einen Bann (Cherem) fest gegen Uebertretung Im alten Mainzergemeindebuch war bei einer solchen Gelegenheit das Wort am absichtlich mit einem d geschrieben worden, um so den heimlichen Uebertreter im Voraus, unbewußt, der himmlischen Strafe zu entziehen. Wie von Seiten der Obrigkeit sehr häufig das Kartenspielen verboten und auf gewisse festliche Tage beschränkt wurde, so war man auch jüdischerseits besorgt, die Anordnung zu treffen, daß nur an gewissen festlichen Tagen, an denen im Gottesdienst das Bußgebet ausfällt, das Spielen gestattet sei. Interessant ist, wie hierbei die Frage anger.gt wurde, ob dann noch in der Nacht nach dem Schluß des Weihefestes zu spielen erlaubt wäre. An den Mittelfeiertagen des Passahfestes enthielten sich manche des Spiels mit Rücksicht darauf, daß die Karten aus doppeltem, daher mit Sauerteig zusammengeklebtem Papier beständen. Dagegen hielt man es für Recht, an den Mittelfeiertagen des Hüttenfestes nur in der Laubhütte zu spielen, was man später, als die Spiklwuth nicht mehr so mächtig war, als eine Profanirung der Laubhütte arischen wollte. In den zehn Bußtagen sollte man nicht spielen, wie es von den Frommen überhaupt erwartet wurde, das Spiel ganz zu meiden. Aber nicht immer fand eine solche Forderung Berücksichtigung; in ' en spielsüchtigen Zeiten konnten selbst fromme Gelehrte es nicht unterlassen, wie sie auch keinen Anstand nahmen, mit Jedermann, selbst mit Apostaten zu spielen. .... Spiele um Geldgewinne wurden immerhin getadelt; man war hierin nur gelinder, wenn das Geld zu Genüssen an Festtagen verwendet werden sollte. . . . Dem interessanten dritten Eapitel entnehmen wir folgende Stelle die die Juden des Mittelalters als Fechter zeigt: War auch im Allgemeinen den Juden verboten, Waffen zu führen, so finden sich doch Spuren, daß sie durch Streitbarkeit und kriegerische Tüchtigkeit ihren christlichen Zeitgenossen Achtung abgewannen. Von den böhmischen Juden wird berichtet, daß sie stets bewaffnet einhergingen; von den spanischen, daß sie sich im Fechtspiel übten, um mit dem König und seinem Heer in den Kampf zu ziehen; von den Wormser Juden, die, als die Stadt feindlich belagert wurde, gemäß der Entscheidnng des Rabbi Elasar selbst am Sabbath die Waffen ergreifen dursten, um der Bürgerschaft Beistand zu leisten. Die Schöppeuchronik von Magdeburg erzählt von einem im Jahre 1386 zu Weißenfels von Juden veranstalteten Turnier, „wo die Juden stachen und toruierten. und da der Hof zerginge, da wurden die fremden Juden auf ihrer Heimat verhalten von Claus von Träte und Koler von Krosik und nähmen ihnen groß Gilt"