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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite aOO Dx. Bloch's Wochenschrift. Nr. 11 Ich habe den gewöhnlichen Raum einer Correspondenz überschritten, behalte mir aber vor, Sie in einer künftigen Correspondenz über die zu Tage getretene Strömung der Massenauswauderung hiesiger Juden zu mformiren. B. Bukarest, deu 12. März 1900. Der Sonntags-Gottesdienst. „In der Berliner Gemeinde tobt zur Zeit der Kampf um den Sonntags-Gottesdienst" — so sollte ich meinen Artikel recht melodramatisch beginnen, da erwachte jedoch in mir das historische Gewissen, und so berichte ich einfach und der Wahrheit gemäß: Außer den Gemeindebediensteten und den paar Kehillemenschen, die darin die Befriedigung ihres Ehrgeizes finden, sich mit der Gemeindemisere zu beschäftigen, kümmert sich kein Mensch bei uns um die geplante Einrichtung, durch welche das Judenthum in Berlin neu aufgeputzt werden soll. Sind Sie für den Sonntags-Gottesdienst? fragte ich einen Bekannten. Nein, antwortete dieser, denn ich gehe weder Sonnabend noch Sonntag in die Synagoge. Ein andere Freund ist aber doch sür diese Sache, freilich er für seine Person wolle weder Sonnabend noch Sonntag ins Gotteshaus gehen. Man sicht demnach, worin sich die Anhänger von den Gegnern dieser Bewegung unterscheiden. Schon ein aller Vorkämpfer der jüdischen Reformation hat diese Wahrnehmung gemacht, daß man Leute, die kein Interesse mehr für Religion haben, weder am Sabbath noch am Sonntag in die Synagoge hineinbekommt: „Den Sabbath verschachern fie und den Sonntag verspielen sie!" Vom psychologischen Standpunkt ist die Sache doch interessant. Ein und derselbe Fehler wiederholt sich in der Geschichte unzählige Mal, und doch wollen die kommenden Geschlechter von der Vergangenheit nichts lernen. Wie sagt Börne? Die Geschichte hat wohl den Historikern und manchen Verlegern Nutzen gebracht — niemals aber der Menschheit. Im Jahre 1818 tobte in Hamburg der bekannte Tempelstreit. Damals konnte man wirklich von einem tobenden Kampf sprechen, weil von beiden Seilen mit großer Leidenschaftlichkeit und Erbitterung gekämpft worden ist. Natürlich wollten beide Parteien das Judenchum retten, und die Reformer waren im Großen und Ganzen von der ehrlichen Ueberzeugung beseelt, nur durch eine „zettgemäße" Gestaltung des Gottesdienstes werde man die Heranwachsende Generation der Synagoge erhalten können. Und was war das Ergebniß dieser Entrichtung, um die sogar zweimal, im Jahre 1818 und im Jahre 1842 so heftig gestritten ward? Man braucht nur an einem Sonnabend Früh, oder auch an einem Freitag Abend den Tempel in Hamburg zu besuchen, wo man von einer gähnenden Leere empfangen wird, die geradezu peinvoll wirkt. Dasselbe ist auch mit dem sogenannten Reformtempel in Berlin der Fall, wo man niemals hundert Personen findet, wobei die Hälfte aus Fremden, insbejondere aus polnischen Juden besteht, die sich die Sache „des Spaßes halber" ansehen wollen. Nicht besser sind unsere Orgeljynagogen besucht. Nur in den conservativen Synagogen findet man noch gute Theilnahme. Freilich will ich kein Lobredner der Conservativen sein, am allerwenigsten der „Neuorthodoxen", die sich mit dem Schintenbrod in der Hand für das conservative Judenthum begeistern. Daß auch diese Sorte Orthodoxen nicht die Wiederherstellung des religiösen Lebens wollen, haben wir ja während der kurzen Zeit ihrer Herrschaft in unserer Gemeinde gesehen - von ihrem Könne n schon gar nicht zu reden. Auch in diesem Streite gegen die Einrichtung des Sonntags-Gottesdienstes zeigen sie sich in ihrer ganzen rührenden Unbeholfenheit. Einer von diesen Leuten, von denen wir „angeführt" werden, hatte vor einiger Zeit den grotesken Einfall, bei dem bekannten christlichen Theologen H arnack ein Gutachten für den Sabbath zu erbitten. Von seinem Standpunll aus hatte Harnack gar nicht Unrecht, als er sein Gutachten mit der Aufforderung an die Juden schloß, sich doch lieber taufen zu laffeu, „da die christliche Moral höher als die jüdische stehe". Derselbe conservattve Gemeindeführer vertheidigte vor einigen Wochen in der Gemeindestube den Sabbath mit — dem Evangelium in der Hand. Er zeigte aber dabei, daß er in den evangelischen Büchern nicht besser belesen war, als in der heiligen Schrift der Juden. Wir brauchen also nicht neidisch zu sein. Der Sonntags-Gottesdienst muß vor allem von dem historisch-theologischen Standpunkt betrachtet werden, dann aber auch von dem praktischen. Die Frage ist zuerst: darf am Sonntag ein öffentlicher Gottesdienst veranstaltet werden? Natürlich darf er und er wird auch veranstaltet, allerdings in recht früher Stunde, so daß die sogenannten „Minjanleute" gemiethet werden müssen. Es wird auch kein Mensch einen vernünftigen Grund dafür ausfindig machen können, weshalb nicht der öffentliche Gottesdienst am Sonntag einige Stunden später angesetzt werden sollte. Störend dabei ist nur der Umstand, daß man an einem gewöhnlichen Sonntags-Gottesdienst keine Befriedigung findet, und nun fragt cs sich, was denn soll dieser Gottesdienst sein, wenn kein wochentäglicher? Ihr sagt ja ausdrücklich, der Sabbath darf nicht auf den Sonntag verlegt werden — wollt ihr den Sonntag neben dem Sabbath feiern, wie es die erste christliche Gemeinde gethan, und wie es auch in den ersten Jahren im Berliner Reformtempel zu geschehen Pflegte? Ich will nicht die bereits abgedroschene Einwendung wiederholen, daß am Ende der Sabbath gänzlich aufhören und nur der Sonntag bleiben würde. Gesetzt der Fall, der Sabbath erhält sich — können wir eine Form für den Sonntags-Gottesdienst finden, der kein wöchentlicher sein soll und sich trotzdem dem Judenthum anpaffen würde? Wenn diese Frage bejaht wird, so ist dies entweder Unwissenheit oder Heuchelei, oder beides zusammen; jedenfalls ist keine Logik daran zu entdecken. Daß dagegen der Sonntags-Gottesdienst zur Taufe führen sollte, wie vielfach befürchtet wird, glaube ich ebenfalls nicht. Diejenigen die sich laufen lassen wollen, brauchen dazu keinen Sonntags-Gottesdienst. Es ist auch kein Grund für die Annahme vorhanden, daß derjenige, der bei völliger Theilnahmslosigkeit gegen das Judenthum doch in diesem, wenn auch nur formell, beharrt, es nunmehr verlassen sollte, weil ihm Sonntag Gelegenheit geboten würde, vom väterlichen Glauben etwas zu hören. Man wird sich daher sagen müssen, daß die Frage überhaupt falsch und unverständig aufgeworfen worden ist. Vor Allem kann es kein vernünftiger Mensch verstehen, warum auf den öffentlichen Gottesdienst, der in unserem religiösen Leben keine so bedeutende Rolle spielt, solches Gewicht gelegt wird? Wer Sonnabend nicht in die Synagoge gehen kann und durchaus „mit seinem Gott sprechen will", kann dies auch zu Hause thun. Anders ist es mit der Frage der Belehrung über das Judenthnm. Das kann natürlich nur im Gotteshause durch einen Prediger geschehen, und' daß dies unter allen Umständen von Nutzen sein und ein Versuch nach dieser Richtung sich gewiß lohnen würde, darüber wird kein objectiv denkender Mensch ernstlich Zweifel hegen. Diese Belehrung soll auch nicht in einem Privatlocal geboten werden, weil Locale, die sonst die ganze Woche hindurch profanen Zwecken dienen, und im besten Fall für Vergnügungen und Belustigungen bestimmt sind, keine geeignete Stätte für Vorträge abgeben, die doch einen religiösen Charakter haben müssen. Man kann auch unbedenklich die Gemeindesynagoge zum Zwecke der Volksbelehrung am Sonntag öffnen. Das Lehrhaus stand in Israel stets höher in Achtnng als das Bethaus und jedenfalls wird die Synagoge durch solche Borträge nicht profanirt. Es kommt somit hauptsächlich auf die Form des Sonntags-Gottesdienstes an. Dieser Gottesdienst muß an sich eben nur ein wochentäglicher sein; ich wüßte auch nicht, wodurch der wochentägliche Gottesdienst weniger feierlicher und erhebend, oder „erbaulich" wäre, als der festtägliche. Die festtägliche Form ist auch nicht zur Erhöhung der Feierlichkeit gewählt worden, sondern blos, um dem festlichen Charakter des betreffenden Tages Ausdruck zu geben. Das „Schema", die laute Bekennung der Einheit Gottes, ist bei jedem Gottesdienst dasselbe, und das sogenennte „Achrzehn-Gebet" klingt ebenso feierlich und schön, wie das sabbathliche „Siebengebet". Man kann sogar concediren, daß im Sonntags-Gottesdienst die „Pflichtgebete" allein hebräisch beibehalten, die anderen aber durch paffende deutsche Gebete und Lieder ersetzt werden dürften, natürlich vorausgesetzt, daß sie nicht so fade und geschmack os ausfallen, wie die deutschen Gebete des Reformtempels. Was aber die gottesdienstlichen Vorträge betrifft, so muß rechtzeitig gesagt werden, daß, wenn sie nicht besser gehalten werden, als die am Sabbath und den Feiertagen in den Synagogen, sie nicht nur ohne Wirkung bleiben, sondern sie viel dazu beitragen würden, das Judenthum bei der gebildeten Jugend gänzlich zu discreditiren. Was man in der deutschen Metropole für unglaubliches Zeug (?) in der Predigt in jüdischen Gotteshäusern zu hören bekommt, davon kann sich kein Mensch eine Vorstellung machen, wenn er noch niemals unserem Gottesdienste beigewohnt hat. Man würde dem Judenthum einen äußerst schlechten Dienst leisten, wollte man die Synagoge am Sonntag

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