Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 199 Zur Lage der Juden in Rumänien (Orig.-Corresp. der „Oesterr. Wochenschrift.") Die kritische Finanzlage Rumäniens, verursacht von der vorjährigen Mißernte, wie sie Vas Land seit Menschengedenken nicht kannte, scheint auch eine Wandlung in den Anschauungen der dortigen leitenden Kreise in Bezug auf die Judenfrage bewirken zu wollen. Man beginnt zu empfinden, wie nützlich die Sechzig Millionen baares Geld, welche mit ihren Eigenthümern mosaischer Confession, wegen erlittener Zurücksetzung und Verfolgung auswanderten, dem Lande sein konnten, wenn die stiefmütterlichen Gesetze sie nicht drängten, eine andere Heimat zu suchen, in welcher sie der Gleichberechtigung sich erfreuen dürfen. Der Antisemitismus in Rumänien gleicht durchaus nicht in seinen genetischen Ursachen, seinem in Deutschland und Oesterreich entstandenen und entwickelten Zwillingsbruder. In Rumänien ist kein gedeihlicher Boden für die Stöcker, Rohlinge und Jstoczy. An Ritualmord will kein noch so fanatischer Arier glauben. Hier entstand der Antisemitismus aus der irrigen Anschauung über ein wirthschaftliches Phänomen. Man konnte sich nicht erklären, wie es kommt, daß in einem an Naturgütern' so reichlich ausgestatteten Land, das Bauern-Bolk moralisch, physisch und wirthschaftlich so Vorkommen konnte? Der Bauer trinkt den fuseligen Alkohol, hiedurch versiegt seine geistige und körperliche Kraft, deren Folgen sein wirthschaftlicher Niedergang ist, und der Jude ist es, der ihm dieses Gift reicht. Heraus denn mit den Juden. Nun machte man die Wahrnehmung, daß der Bauer auch in jenen Districten, wo gar keine Juden wohnen, zum Beispiel in den Gebirgen, die an Ungarn grenzen, nicht besser situirt ist, als der Bauer aus dem judenreichen Districte, daß der christliche Schankwirth. welcher den fortgejagten Juden ablöste, viel unbarmherziger als der Jude den Bauer exploitirt; daß er gegen seinen neuen Schinder nicht einmal den Schutz der Obrigkeit genießt, welchen er früher gegen einen Juden erlangen konnte. Man nähert sich nun der richtigen Fährte. Nicht im Contacte der Bauern mit den Juden wurzelt daß Uebel. Seine Wurzeln reichen tief in die politische, kulturelle und wirthschaftliche Vorgeschichte des Landes, in der Verelendung aller socialen Classen während des einhundertzwanzigjährigen Phanariotischen Regims. Es genügt, zu erwähnen, daß, trotz der klaren Bestimmungen der Pariser Convention von 1858, keinerlei elementarer Schulunterricht in den Dorfgemeinden eingeführt wurde, und daß die maßgebenden Factoren im öffentlichen Leben nichts dafür thaten, die Erkenntniß von den Vortheilen der Cultur und das Gefühl der Menschenwürde dem Volke beizubringen. Der aus Paris importirte Demagogismus, während seiner Streberperiode und bevor er sich zum bedeutendsten Factor herausbildete, welcher im Programm von 1848 die Emancipation der Juden und die Verbesserung der Lage der Bauern zu seinem Credo erhob, um dann alles zu zerstören, was früher er als ein unantastbares Heiligthum proclamirte, mußte, um sich eine ausgedehnte Anhängerschaft in der die Bauern bedrückenden Classe zu schaffen — jene legislative und obrigkeitliche Normen ausklügeln, um das arbeitende Volk in seiner Abbrutisation zu erhalten, Hiedurch erwuchs auch das nicht minder große Uebel des Raubbausystemes in der L a n d w i rt h s ch a f t. Nur in der Verarmung des Volkes und des Bodens erblickten sie die Quelle ihres Wohlstandes, welchen sie zu erhalten im Schutze der ihnen günstigen Parteiregie'ungen suchten. Die Geldnoth einerseits, die Verminderung der Productivität des Bodens und die aus der Concurrenz der überseeischen Cerealienimportation entstandene Entwerthung der rumänischen Bodenproducte andererseits, machte der Ueberzeugung Raum, die wirthschaftlichen Ressourcen des Landes zu vervielfältigen, damit man künftighin nicht blos auf das Ergebniß der Agricultur angewiesen sei. Rumänien ist ja überreich an noch unberührten Mineralschätzen. an Urwäldern, an für Textilpflanzen geeignetem Boden, an Schafe, Borsten- und Hornvieh, Fluviale und Landstraßen, um einer ausgiebigen Nationalindustrie die glänzendsten Aussichten zu eröffnen. Aber um diese zu fördern, müßte man die unentbehrlichen Instrumente, Capitalien, Facheapacitäten und beschützende Gesetze besitzen, und an diesen gebricht es dem Lande. Die bestehenden Gesetze enthalten sogar die abschreckendste Dispositionen, daß sich kein fremdes Capital, kein Unternehmer hinwagt. Das Fiasko der demagogischen Phraseologen in den, von ihnen zu einer Nationalfrage aufgebauschten Mißhelligkeiten zwischen Unterthanen Ungarns rumänischer und ungarischer Zunge, welche ihren Sturz herbeiführte, ermöglichte die Berufung des nunmehrigen conservativen Cabinetes, unter Präsidium des Fürsten George Centacusino, das sich zur Aufgabe macht, Wohlstand und Cultur in allen Schichten des Volkes zu ermöglichen. Schon hat die Regierung manche der restrictiven Schleußen niedergerissen, welche dem Eindringen einer Großindustrie bis jetzt Widerstand leisteten. Das Handelsgesetz verfügte, daß anonyme Gesellschaften, um bestehen zu dürfen, Berwaltungsräthe haben müssen, welche in ihrer Majorität aus politisch berechtigten Bürgern zusammengesetzt sind. Wollte im Auslande oder von inländischen nicht das Bürgerrecht besitzenden Personen ein Consortium sich bilden, um eine große Industrie-Unternehmung zu gründen, so mußte es in seinem Verwaltungsrathe Mitglieder in Mehrzahl aufnehmen, die weder Capital, noch Capacität, aber doch rumänische Bürgerrechte besitzen. Hiedurch erwuchs häufig ein unüberwindliches Hinderniß der projectirten Gründung. Denn die Aufnahme nicht berufener und nicht bekannter Personen in einem auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Unternehmen, läßt sich nicht durch Gesetzparagraphen erzwingen. Eine dieser Tage vom Parlamente votirte Novelle ändert das betreffende Gesetz dahin, daßvonnunanderBerwaltungsrath einer Zweidrittel-Major ität von nicht rumänische Bürger functionsf ä h i g s e i. Man erinnert sich wohl noch an die schauerliche Judenplünderung vom November 1897 in Bukarest, wo die T h a t wohl gerichtlich constatirt, die T h ä t e r aber unbestraft blieben. Rumänische Juden wurden geplündert, weil die Berliner Juden Herrn Demeter Sturdza nicht so viel Geld, wie er verlangt hat, hergeben wollten. Ein ähnliches Schauspiel, im kleineren Maßstab, wurde im April in Jassy inscenirt, wobei die Anhänger und Agenten S t u r d z a's die Fübrerrollen hatten. Der Proceß dieser Excedenten wird dieser Tage vor dem Jassyer Strafgericht zur Verhandlung gelangen. Nun, kann mit Bestimmtheit hehauptet werden, daß diesmal die Verbrecher ihrer verdienten Strafe nicht entgehen werden. Es ist nahezu ein Jahr seit dem Regierungsantritt der Conservativen. Im Laufe dieses Jahres find kaum soviele Angriffe auf Juden zu verzeichnen, als solche unter der liberalen Regierung stündlich vorkamen. Was aber den Beginn einer neuen und besseren Zeitrechnung für die Juden Rumäniens ankündet, das ist der B eschluß der Regierung, auf legislativem Wege ein organisches Gesetz zur Regelung der jüdischen Cultuscommunitäten. Das Gesetz wird der jüdischen Cultusgemeinde die Eigenschaft einer juridischenPerson zuerkennen. Diesem gemäß wird sie berechtigt sein, Donationen zu acceptiren, Güter zu acquiriren, Schulen und Spitäler zu gründen und zu verwalten, Umlagen zur Erhaltung dieser Institute mit obrigkeitlicher Genehmigung auszuschreiben und überhaupt die Cultusgemeinde wie die Judengesammtheit des Landes officiell zu vertreten. Es ist wohl zu erwarten, daß die Regierung, wie die zu ihr haltende Parlamentsmajorität die stärksten Angriffe seitens der liberalen Gaukler zu gewärtigen haben werden. Seitdem die Fahne des transkarpathischen Romanismus ihren schmutzigen Händen entfiel, geriethen sie auf der Suche nach einer anderen Fahne, womit man Volksleichtgläubigkeit ködern soll. Wenn aber alle Zeichen nicht trügen, wird es diesen Leuten nicht gelingen, das Vorhaben der conservativen Partei vom Wege der Realisirung abzubringen.