Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021343--09716-3034159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 198 Dr. BLoch's Wochenschrift Sir. 11 und unbestreitbarer Autorität, verhallen im lauten Halloh notorischer Schurken und berüchtigter Agitatoren, welche die verdummte Masse eines zurückgebliebenen Volkes in tiefe Finsterniß locken. So stehen wir am Eingang des zwanzigsten Jahrhunderts, von deffeu Morgenröthe man sich einen schönen Tag versprach — ein Aufleuchten der Aufklärung, der Humanität, der Freiheit und Brüderlichkeit. Statt deren ein socialer Sumpf, Racenkampf, Verwilderung, Verfinsterung, Verfolgung; ein Rückfall in die Nacht erloschener Jahrhunderte und — Kinderraub! Meran, im März. Gin neues „Zeugnitz' für den Mtuulmord. Herr Ernst Vergani jubelt und mit ihm frohlockt die ganze Schaar Antisems. Die Quadratur des Kreises ist gefunden. Das Zeugniß eines Juden für den Ritualmord ist endlich erreicht. Am 1. März — eigentlich ein Monat zu früh — registrirt das „Deutsche Volksblatt" diese neue Errungenschaft. Und dieser Tag wird im antisemitischen Kalender stets als großer ereignißreicher Tag angesehen werden. Für waschechte Arier bedurfte es freilich solcher Zeugnisse nicht mehr. Der Ritualmord gehört ja am Anfang des XX. Jahrhunderts, Gott sei Dank, zu den grundlegendsten Wahrheltcn der antisemitischen Heilslehre. Wer daran zweifelt, der gehört zum verknöcherten alten Jahrhundert. Ja, der Glaube an den Ritualmord ist ein echtes Dogma im antisemitischen Glaubensbekenntniß, ebenso wie Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Hexen. Das sind, wie der gelehrte Deckert zur Evidenz nachgewiesen hat, historisch beglaubigte Thatsachen. Da braucht nicht mehr darüber gestritten zu werden. Aber für die halben Antisemiten, die sich dem semitischen Einfluß noch nicht ganz entziehen können, bedurfte es eines plastischen Beweises, um iynen die Augen zu öffnen. Und dieser „unwiderlegliche Beweis" ist da. Heil! Ein Jude bescheinigt schwarz auf weiß, daß der Ritualmord möglich ist! Bkin Liebchen was willst Du noch mehr? Und es ist kein getaufter Jude wie B r i m a n n und Paulus Mayer, sondern ein echter Jude, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde. Fürwahr, alle wissenschaftlichen Forschungen und technischen Erfindungen sind nichts gegen diese gewaltige Entdeckung. Freilich, ganz ungetrübt ist auch diese antisemitische Freude nicht. Dieser Leopold Landau aus Pforzheim ist nämlich irrsinnig und er war schon oft unfteimilliger Gast der Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt zu I l l e n a u. Aber was schadet es schließlich? Zeugniß bleibt doch Zeugniß. Nur die jüdische Raffinirtheit macht hier subtile Unterschiede. Die christlich-germanischen Heilslehrer und Vaterlandsretter haben schon oft mit Zeugnissen dunkler Existenzen paradiren müssen, warum soll man nicht einmal zur Abwechslung das Zeugniß. eines geistig Umnachteten brauchen? Wer weiß? Vielleicht war dieser Landan gar auf Befehl der Alliance Israelite internirt. Das bischen Vernunft thut es überhaupt nicht im praktischen Leben. Für einen Antisemitenführer ist es sogar ein Vorzug, wenn er sich so wenig als möglich mit diesen stark verjudeten Artikel befaßt. Unsere Neu - Cherusker haben in ihrem löblichen puritanischen Elfer all die Götzen der Moral, all die Normen der ethischen Cultur zerstört und auf ihren Trümmern neue Begriffe für Wahrheit und Recht errichtet. Warum sollen sie nun nicht auch mit der veralteten, von Juden beeinflußten Logik, mit der so unbequemen Vernunft brechen? Ein Genie wie V e r g a n i hat es nicht nöthig, sich nach den Axiomen eines unbekannten Aristoteles zu richten. Die alten Germanen hatten wohl auch keine Erkenntniß-Theorie und konnten doch — trinken und spielen. Man muß die Welt nur mit der richtigen antisemitischen Brille sehen, dann erscheint sie einem schon wie man sie braucht. Gewiß, dieser claffrsche Landau ist merkwürdig. Er schreibt den ehrwürdigen Stil des Tollhauscs und an Gelahrtheit könnte er fast mit Vergani selbst wetteifern. Er spricht sogar in seiner Kühnheit von der Kabbala. Hu, wie gruslich! Er könnte also, wenn er nicht Jude wäre, Führer der Antisemiten in Oesterreich sein. Einige Leseblüthen dieses „sensationellen" Flugblattes wollen wir dem Leser nicht vorenthalten, damit er sieht, welche große Geister sich Herr Vergani zu Helfern aussucht: „Wenn Sie das Wort Senner herumdrehen, so haben Sie Rennes. Es ist dies ein untrügliches Zeichen, der Finger Gottes, welcher von dem einen auf das andere deutet." „Es zeigt die Kabbala, welche von den größten Rabbinern als das kabbalistische System des goldenen Kalbes verworfen wird, wie überhaupt jede Art von Kabbala in unseren heiligen Schriften verboten ist. Die Kabbala ist Mythologie, Engel- und Gotteslehre, und wenn es Secten gibt, welche derselben huldigen, so haben wir mit denselben nichts gemein, und wenn eine jüdische Verbrecherbande existirt, welche sich der Kabbalisten und ihrer abergläubischen Wunderthätigkeit bedient, so ist es selbstverständlich, daß wir eine solche Bande nicht vertheidigen, sondern aufs schärfste bekämpfen." „Verehrte deutsche Glaubensgenossen! Vor uns liegt eine Kette der scheußlichsten Verbrechen. Diese Verbrechen tragen zum großen Theil ein jüdisches Gepräge. Meine Forschungen zeigen kabbalistische Bilder und Spielarten, sie zeigen mir eine ausländische jüdische Verbrecherbande, welche durch die Anziehungskraft eines Blutmordes die Augen der Welt von leichter zu beweisenden, schweren Verbrechen abzuziehen sucht. Meine Pflicht ist es, Ihnen dies zuzurufen: Wer Kinder hat und die Aug-n nicht ruhig schließen will, kann derartige Entdeckungen nicht ruhig an sich vorüberziehen lassen. Der Fluch würde uns noch im Grabe treffen". Nicht wahr, Herr Vergani, diese Stellen beweisen, wie es im Kopfe dieses Landau aussieht? Freilich jeder Psychiater würde dem Autor dieser Weisheiten die beste — Gummizelle anweisen. Aber die Antisemiten sind eben über solche Kleinigkeiten erhaben. Wer kann yeutzutage, wo das Volk seine Götter wie die Kleider wechselt und seine Ideale dem Modejournal entnimmt, überhaupt sagen, was vernünftig und was verrückt ist? In diesem Chaos der Gefühle und Begriffe gibt es nur eins, was felsenfest dasteht: Der heilige Instinkt. Und wenn dieser nach Judenblut lechzt, so ist vox populi vox dei. Es gibt nur eine Norm fürs Leben: Was jüdisch i st, i st schlecht und schief; was antijüdisch ist, i st erhaben, recht und weise. Man begreift gar nicht, daß die Ethiker solange nach dem Summum bonum suchen und sich über die Normen der Moral nicht einigen können. Hier liegt eine Weltanschauung, so groß, erhaben und einfach, daß sie nicht einmal vom glorreichen Mittelalter übertroffen wird. Nur weiter auf diesem Wege, Pan Vergani! Hier sind zwar keine Depots aber noch viele Lorbeeren zu holen! Vielleicht hält dieser originelle christlich germanische Volksmann nächstens in den Irrenhäusern Oesterreichs und Deutschlands Umfrage über den Ritualmord und dann in den Zuchthäusern über jüdische Moral. Er könnte da ein werthvolles Material bekommen und die antisemitische Welt damit begücken. F. S. * * * Die „Oesterceichisch-Jsraelitische Union" ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: „Das Wiener „Deutsche Volksblatt" vom 1. d. M. und nach ihm andere antisemitische Blätter veröffentlichten ein als „vertraulich" bezeichnetes Rundschreiben eines Herrn Leopold Landau aus Pforzheim vom 18. d. M. an die deutsche Judenschaft, in welchem unter Heranziehung allerlei kabbalistischer Formeln behauptet wird, daß bei dem Morde in Polna Zeichen zu Tage treten, die dem Verbrechen „ein jüdisch es Gepräge" geben. Welcher Werth diesem Rundschreiben beizumessea ist, geht aus nachfolgender amtlicher Bescheinigung des großherzoglich badischen Bezirksamtes Pforzheim, deren Original sich in unseren Händen befindet, hervor: Pforzheim,?. März 1900. Es wird bescheinigt, daß Kaufmann Leopold Landau vom 18. December 1894 bis 10. Jänner 1895, vom 25. Jänner 1899 bis 25. Februar 1899, vom 1. Jänner 1900 bis 1. Februar 1900 in der I r r e n a n st a l t I l l e n a u untergebracht war. (Amtssiegel.) G oßherzogliches Bezirksamt: G u n z e r t nr. p." Ueberdies war Leopold Landau schon im Jahre 1878 durch 14 Tage in einer Pariser Anstalt für Geisteskranke, im Jahre 1880 durch 4 Wochen in der Irrenanstalt zu Basel und im Jahre 1889 mehrere Monate in der Irrenanstalt zu Como internirt. Der Vorfall, wie er damals auf einem Dampfer des Comosees die untergeordnete Dienstleistung eines Schiffsbediensteten mit einem Pakete Brillanten honoriren wollte, stand in allen deutschen Zeitungen. Auch die Mutter Landau's war 10 Jahre lang in einer Irrenanstalt und starb daselbst.