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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 10 Dr B^och's Wochrnschrrst. Lette 1S3 Ihr Regimentscommandant zu Ihnen spreche. Seine Majestät, unser oberster Kriegsherr, unser allergnädigster Herr und Kaiser besitzt unter anderen herrlichen Eigenschaften auch jene, der sittenreinste Bürger seines großen weiten Staates zu sein, der Unmoralität verabscheut, und könnte, wie in vielen andern Dingen, auch hierin jedem seiner Unterthanen zum leuchtenden Beispiele, zum erhabenen Vorbilde dienen. Allerhöchstderselbe geruhte, wie ich aus sicherer Quelle erfuhr, sich allergnädigst, höchst abfällig über einen jungen Cheveauxlegers-Officier zu äußern, über dessen freie Sitten ein Bericht zu allerhöchst seiner Kenntniß gelangte. Meine Herren," der Oberst wirbelte verlegen die Enden seines langen Schnurrbartes in die Höhe. „Sie wissen, ich bin ja auch einmal so jung gewesen, wie Sie es jetzt sind und die Jugend muß sich ein klein wenig austoben, aber, meine Herren, das Decorum muß der Officier wahren. Ich würde mich unglücklich fühlen, wenn Seine Majestät der Kaiser je in die Lage käme, über einen Officier meines Regiments ein gleich abfälliges Urtheil wie über den erwähnten Officier zu fällen. Ich müßte jeden Officier, der, verstehen Sie mich wohl, meine Herren, ein öffentliches Aergerniß geben würde, zur strengsten Verantwortung ziehen, und muß Sie daher dringendst bitten, sich diese meine Worte scharf einzuprägen. Das Ehrenkleid des Officiers muß von Jedermann, ganz besonders von dem Träger desselben, geehrt und hochgehalten werden ... sapienti sat! Guten Morgen, meine Herren Einundzwanzig st es Capitel. Am nächsten Freitag Abend, der dem Einmärsche der Dragoner in W. folgte, war oer enge Kreis der Brack'schen Familie in gewohnter Weise um den Sabbattisch versammelt. Die jüdischen Weisen behaupten, der gläubige Jude besitze am Sabbat eine Neschomo jeßero, eine Begriffs bezeichnung, die wohl am besten mit „eigenthümlich beseligendes Gefühl", wieder gegeben werden dürste. Wir wollen es nicht versuchen, dieses zu schildern, ein Gefühl kann nie durch Worte wiedergegeben, es muß, wenn es erkannt werden soll, selbst empfunden worden sein. Allein es besteht, und daß es mit voller Macht zu wirken vermag, wird jeder, der Mlsches Leben kennt, und mitgelebt hat, bestätigen. Der gläubige Jude fühlt sich mit dem Eintritte des Sabbats, wo er, so weit es an ihm liegt, die gemeinen Sorgen des Alltagslebens von sich abzuwälzen versucht — ohne äußerlich erkennbaren Grund gehoben von einer festlichen Stimmung, einer innern Gemüthsruhe, von der Hoffnung ersaßt, der allgerechte und allbarmherzige Gott, dem er den siebenten Tag der Woche mit schweren Opfern und doch voll Liebe und Hingebung weihe, es nicht gestatten werde, daß ihm an diesem, der Heiligung und der Körperruhe geweihten Tage ein Unglück treffe. Auch Brack, sein Tochter und sein Pflegesohn gehörten zu den gläubigen Juden, welche sich schon an dem geistigen Dufte, welcher den Tag des Herrn, den Sabbat umweht, erfreuten, und bei ihren Sabbatmahlzeiten herrschte in der Regel jene Heiterkeit, welche der tiefsten Seelenruhe entspringt. Heute aber schien ihre Stimmung eine getrübte und namentlich Brack von peinlichen Gedanken erfüllt, es war kein Gespräch in Gang gekommen, ja es war sogar das erstemal geschehen, daß die Männer die althergebrachte Gepflogenheit, während der Mahlzeit Diwre Thoro*) zu sprechen, unterlassen hatten. Nach dem Tischgebete warf Brack leicht hin, es wäre vielleicht angezeigt, daß Sara eine im gegenüberliegendem Hause wohnende zweiundachtzigjährige Frau besuche. Diese hatte vor einigen Tagen den einzigen Menschen, den sie auf der Welt besessen, ihre Tochter, eine kinderlose Witwe verloren und würde sich jetzt am Freitag Abend doppelt vereinsamt sühlen. Sara griff sofort nach ihrem Umschlagtuche, um die alte bedauernswürdige Frau zu besuchen. Als die beiden Mänuer allein waren, begann Brack: „Ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen, Michael. — Lorenz Golzinger, welcher Baron, Officier und durch das Ableben seiner Adoptiveltern auch ein reicher Mann geworden, ist in seine Vaterstadt zurückgekehrt. Der Mensch, der schon als Bursche aus seinem Hasse gegen die Juden im Allgemeinen und gegen Dich insbesondere kein Hehl gemacht, drängt sich jetzt plötzlich mit anwidernder, erkünstelter Freundlichkeit an Dich und mich. Seine unlautere Absicht ist umso klarer, als er es auch gewagt hat, sich zweimal Sara zu nähern. Er muß sie am ersten oder zweiten Tage seiner Ankunft gesehen, und sie muß auf den leidenschaftlichen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht haben, denn während, wie Du erzähltest, sich beim Einmärsche des Regimentes, bei Deinem Anblicke seine Züge vor Wuth verzerrten und er Dir einen haßerfüllten Blick zuwarf, war er, als er Dir einen Tag nach seiner Ankunft vor der Stadt begegnete, zu Deiner Uederraschung an Dich herangetreten und hatte freundlich mit Dir gesprochen. Am Abend desselben Tages war Sara am Eingänge der Judenstadt von einem ihr unbekannten Officier, der Jemanden zu erwarten schien, angesprochen worden, Sie hatte selbstverständlich seine Anrede nicht erwidert, und war rasch an ihm vorüber, unserem Hause zugeschritten. Da Sara trotz der flüchtigen Begegnung, eine Narbe auf der Wange des Officiers ausgefallen war, konnten wir nicht daran zweifeln, daß der kecke ausdringliche Bursche Dein Jugendfeind, Lorenz Golzinger, gewesen. Gestern Vormittag kam er iu unsern Laden. Ich war froh, daß Ihr Beide, Du und Sara, abwesend wäret. Er, der sich als Knabe nie um mich gekümmert, mich nie gegrüßt, mich nie angesprochen hatte, srug mich fteundlich, ob ich ihn noch erkenne, mich seiner noch erinnere, nachdem ich Beides bejahen mußte, ließ er sich leutselig in ein längeres Gespräch mit mir ein, versicherte mir, er bedaure den schweren Unfall, der mich während seiner Abwesenheit betroffen und srug mich scheinbar theilnehmend über die Einzelnheiten desselben aus. Seine Anwesenheit heit in unserem Laden war mir sehr peinlich, ich wollte diese, so weit es von mir abhing, abkürzen und antwortete, wenn auch höflich, doch mit so wenigen Worten als nur möglich, so daß der Gesprächstoff rasch erschöpft war. Schließlich erklärte er, in einer geschäftlichen Angelegenheit gekommen zu sein. Es genire ihn, auch außerhalb des Dienstes fortwährend die unbequeme Uniform zu tragen, er wolle sich einen bürgerlichen Anzug machen lassen, und forderte mich auf, ihm Tuch zu einem solchen zur Ansicht vorzulegen. Ich glaubte zuerst, daß er dieses nicht zu kaufen beabsichtige und nur einen Borwand suche, so lange zu verweilen, bis Sara käme, allein darin hatte ich mich geirrt. Er ließ sich von dem Tusche, welches er ausgewählt, das nöthige Quantum abzuschneiden, um es später von unserem Kunden, dem hiesigen Schneider Tuschek, abholen lasten. Auch erklärte er, während seiner Anwesenheit in W. unser Kunde bleiben zu wollen, und wenn er etwas von unsern Waren benöthigen sollte, dieselben bei uns auszusuchen. — Gestern Abend hatte er Sara nochmals am Eingänge der Judenstadt erwartet und sie angesprochen, aber er trug gestern Abend nicht die Uniform, sondern unter einem weiten Mantel die Kleidung eines Försters. Er versicherte ihr, daß er ihretwillen die Kleidung gewechselt, weil er glaubte, sie hätte tags vorher seine Ansprache nur aus dem Grunde unerwidert gelaffen, weil er die Uniform gettagen und die Mädchen in kleinen Städtchen so kindisch wären, es für unpassend zu halten auf der Straße mit einem Militär zu sprechen. Er hatte Sara einen Moment am Arme festgeyalten, und so war es ihm gelungen, diese wenigen Worte an sie zu richten aber das kräftige Mädchen hatte sich von ihm losgerissen und ihn mit Verachtung von sich gestoßen. Wie ich schon gesagt habe, es unterliegt keinem Zweifel, daß Sara das leidenschaftliche Begehren des elenden Wüstlings geweckt hat und daß er sich nur deshalb uns genähert. Wir kennen Lorenz Golzinger ja noch aus feiner Knabenzeit, und wiffen, daß wenn er einen schlechten Stteich ausüben wollte, er stets zäh und unermüdlich war. Es erscheint mir daher nnter diesen Umständen am Besten, wenn wir Sara für einige Zeit wegschicken." Michael blickte unangenehm überrascht auf. „Lieber Vater," sprach er, „Du siehst in dieser Angelegenheit zu schwarz. Daß Sara Lorenz gefällt, glaube ich, aber nachdem sie ihn in so kräftiger Weise zurückgewiesen, wird er es wohl nicht mehr wagen, sie noch ferner zn belästigen. Bei einem weitern Versuche würde ich dem Herrn Officier sagen" — Michael's Wangen rötheten sich und seine breite Brust hob und senkte sich in mächtigen Athemstößen — „daß meine Pflegeschwester und Verlobte unter meinem Schutze steht." Brack schüttelte mißmuthig das Haupt. (Fortsetzung folgt.) ') Ueber religiöse Dinge.

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