Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Nr. 10 Sette 194 Dx. Mvch'S Literatur. Dr. D. Leimdorfer, „Die Losung des Kohelethräthsels". Kein Buch der heiligen Schrift ist in größeres Dunkel gehüllt, als „Ecclesiastes"; ein eigenes Räthsel, an dessen Lösung sich Tausende von Forschern abgemüht haben. Das vorliegende Werk, das auf dem Gebiete der Kohelethliteratur rastlos arbeitenden Hamburger Gelehrten Dr. D. Leimdörfer gilt mit Recht als eine hervorragende Bereicherung dieser Literatur. Es stellt eine bisher fast ganz unbekannte Arbett eines Philosophen aus dem 16. Jahrhundert dar, führt eine neue eigenthümliche aber höchst fascinirende Idee in platonischer Dialogform in die wipenschaftlicben Erklärungsversuche ein und damit eine von L. selbstständig durchgearbeitete, genau dervorliegendenErklärungfolgende Uebersetzung Koheleths. Zur Orientirung über dieses höchst seltene Werk Jbu Baruchs folgt eine Probe ans der Einleitung des Dr. L. (S. 5): „Unser Autor Jbn Baruch hält an der alten Tradition fest, daß das Buch von Salomo verfaßt sei, oer aber absichtlich zwei einander schnurstracks entgegengesetzte, widerstreitende Ansichten zu Worte kommen läßt, um in den öffentlichen Versammlungen, in denen er seine Weisheitslehren vortrug, einen Ausgleich zwischen den Epikuräern und den Frommen, oder richtiger, einen Sieg der letzteren herbeizuführen. So stellt er denn Salomo als einen Sammler beider Aussprüche, der epikuräischen unter dem Namen „Koheleth", der frommen Weltanschauung unter dem Namen „Ben David" neben einander. Ben David widerlegt Koheleth. Das ist 300 Jahre alt, aber die Wenigsten in Deutschland dürften dieses alte für alt halten, weil das Werk Jbn Baruchs nur in äußerst wenigen Exemplaren in die deutsche Gelehrtenwelt gedrungen."- (§ 9): „Die Idee, daß Vernunft und Gläubigkeit einander regeln und überwachen müssen, die schon in der Maimonidischen Zeit als Gemeinplatz galt, herrschte auch bei Jbn Baruch vor, und gab angesichts der vielfachen Zerrüttungen, die der Verkehr mit Freidenkern in Venedig begünstigt hatte, willkommenen Anlaß, die Skepsis Koheleth's mit der Fackel des Glaubens zu beleuchten, andererseits aber auch den Gläubigen ihren Glauben zu beleuchten mit dem Lichte der Philosophie." — (S. 14 ff): „Jbn Baruch liebt die logische Folgerichtigkett. Sowohl was Anordnung des Stoffes, als auch sprachliche Formen als auch Ueberschriften und Inhalt betrifft, herrscht unstreitig ein methodisches System vor. Denn selbst dem scheinbar Willkürlichen imprägnirt sein Geist etwas, was die philosophische Schulung insbesondere durch Aristotele's Schriften verräth." — (S. 15): Von unserer mafsoretischen Capiteleintheilung findet sich im Buche keine Spur. Dafür gibt er uns 18 andere Capitel. — In je einem solchen Capitel gehört das eine Stück dem Koheleth als Ausspruch der Phantasie und der Skepsis, das andere dem Ben David als Ausspruch der widerlegenden Vernunft des Gläubigen Der Systematiker Jbn Baruch findet außer in diesen Capiteln im Beginn von Koheleth ein passendes Vorwort, das die Tendenz des Buches, u. zw. in drei Sätzen des Textes klarlegt. — (S. 16): „Auch die Verlegenheit, in die der Autor gerathen, mußte bei der Uebersetzung: „Worte Koheleth's, des Sohnes, Davids", was für uns als Worte einer Person gewöhnlich aufgefaßt wird, überwindet der Autor dadurch, daß er Habbakuk 3, II: „seliemesch. jareacli amad“, Sonne, Mond 2C. anführt, um zu erweisen, daß es oft vorkomntt, daß das „und" weggelassen werden könne, also wäre es auch hier nicht nöthig, daß vor „Ben David" das „und" bezeichnende Waw nothwendig sei und übersetzt: „Worte Koheleths und Ben Davids". — (S. 17.): Die Sprache unterscheidet sich wesentlich von der schwerfälligen Art anderer Religionsphilosophen, indem sie ungemein leicht faßlich und beim Auftauchen einer Dunkelheit des Ausdruckes immer wieder lichtvolle Wiederholungen einstreut. Von schweren terminis teebuieis findet sich selbst dort keine Spur, wo die Worte Thomas' von Aguino oder Aristoteles, angeführt sind. Immer weiß der Autor in klarer, überzeugender, leicht, oft Aegant dahinstießender Rede jede Schwierigkeit zu bannen. Auch was die rabbinischen Homiteltiker vielfach übersehen, nämlich die Würdigung der Grammatiker bei der exegetischen Behandlung von Wörtern und Wortformen, fällt hier weg. Jbn Baruch citirt ungemein viel: Kimchi, Abarbanel, zumeist aber Jbn Esra" 2c. „Haeschkol", hebräische Vierteljahresschrift für Literatur und Wissenschaft, redigirt und herausgegeben von Dr. I. Günzig, Band III, Krakau 1900. lieber das löbliche Unternehmen des Herrn Dr. Günzig, eine hebräische Vierteljahresschrist herauszugeben, in der die hebräischen Schriftsteller verschiedenster Richtung, alter und neuer, idealer und realer, zu Worte kommen sollen, herrscht in jüdisch-literarischen Fachkreisen nur eine Meinung, und diese besteht darin, daß nämlich dieses literarische Unternehmen dieUnterstützungeinesjedenFreundes und Gönners der jüdischen Ltteratur und Wissenschaft verdiene. Auch in vorliegendem Bande des „Haeschkol" ist der Verfasser seinem Principe treu geblieben. Eingeleitet wird dieser Band mit einer Abhandlung über die verschiedenen strittigen Fragen im zionistischen Lager. Der Verfasser vergleicht da in geistreicher Weise die Preßfehde, welche zwischen den politischen, Cultur- und Eolonisations-Zionisten geführt wird, zu denjenigen Streitfragen der Massora, die wegen eines Punktes, über den es frag ich war, ob er über oder unter dem Buchstaben stehen Wochenschrift« soll, eine Unzahl von Werken hervorgerufen haben. Der bekannte hebräische Schrifsteller R. Brainin, der als „Moderner" sonst so stürmisch darauf „loszugehen" pflegt, daß er sich, um sich recht drastisch auszudrücken, eines deutschen Ausdruckes bedient, wenn es gilt einen „alten" Collegen zu treffen, plaudert da so still, ruhig und angenehm „aus seiner Kinderstube", daß man versucht wird, in ihm einen alten Baal-Teschuwe zu entdecken. Es soll dies eine Art kinderpsychologische Studie sein, die aber in einen Schmerzensruf des Verfassers austönt, daß die Kinder des hebräischen Schriftstellers kein Hebräisch lernen wollen. Fast alle hebräischen Schriftsteller, welche aus Rußland oder Galizien auswandern und'sich im Westen Europas niederlassen, führen ein und dieselbe Klage. Auch der gelehrte Dr. S. Bernfeld ließ früher von sich derartige Stoßseufzer verpehmen. Heute jedoch ist er eines Bessern belehrt. Er schreibt ausgezeichnete Werke und arbeitet für seine Unsterblichkeit. Hoffentlich wird mit der Zeit auch Brainin in seine Fußstapfen treten. An der Abhandlung Dr." Günzig's „Die indische Philosophie und die Kabbala" hätten wir nur das Eine auszusetzen, daß sie in zu gedrängter Kürze abgefaßt ist Es wäre zu wünschen, daß Herr Dr. Günzig, der sich sehr fleißig und mit kabbalistischen Studien beschäftigt, dort ausführlicher fei, wo es die Natur des behandelten Gegenstandes erheischt. F. Nork's „Brammen und Rabbinen" oder „Indien, das Stammland der Hebräer und ihrer Fabeln" würden ihm gewiß bei einer derartigen Arbeit gute Dienste geleistet haben, wenn er es benützt hätte. Ausführlicher dagegen ist der greise Gelehrte und Forscher Dr. S. Rubin in seiner Arbeit über „Das Princip des> Geschlechtslebens in der Emanationswelt (Kabbala?)". Bei denjenigen Stellen der Abhandlung Dr. Rubin's, welche zufolge der Aehnlichkeit der hebräischen Ueberlieferung mit den Mythen der andern Literaturen des Alterthums Nachweisen sollen, daß die hebräische Ueberlieferung ^ursprünglich Eigenthum einer fremden und zwar nicht jüdischen Geistesrichtung sei, möchten wir dem Verfasser das Wort 'Renan's entgegenhalten, das lautet: , Die Aehnlichkeit zweier Geistesrichtungen weise noch nicht auf deren Verwandschaft hin". Die Biographie über den berühmten Lehrer Israels, Rabbi Mordechai Jaffe (1530—1612) welche S. A. Horodezky zum Verfasser hat, zeichnet sich ebenso durch Klarheit und Gründlichkeit, wie durch ausschließlich sachliche Behandlung des dankbaren Themas aus. Wir lernen hier den berühmten Meister Israels als einen scharfsinnigen Talmudisten kennen, der, der sprunghaften, haarspalterischen Pilpulistik abhold, System und Methode in die Behandlung des Talmudstudiums brachte. Als Kabbalist war er ebenso wie Moses Corduero bemüht, mystische Lehren mit klarem Denken zu vereinigen; als Philosoph konnte er sich denen, welche stets Bannstrahlen gegen das Studium der Philosophie schleuderten, durchaus nicht anschließen. Kurz, Horodezky entwirft uns ein-so klares Bild vom Leben, Denken und Wirken Mordechai Jaffe's, daß jeder Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft ihm Dank'dafür wisfen wird. M. I. Bardiczevsky glänzt im vorliegenden Bande des Haeschkol mit zwei Abhandlungen. Man kann diesen guten Mann, der eine colossale geistige Productivität an den Tag legt, eine gewisse Originalität nicht absprechen. Seine wie Aphorismen hingeworfenen Gedankensplitter stehen in gar keinem Zusammenhänge zu einander, aber auch an und für sich sind sie dunkel — und doch blenden sie Dies ist eben das große Geheimniß des modernen Mystikers. „Chassidismus" isi der eine, „Idealismus und Realismus in der schöngeistigen Literatur" der zweite Aufsatz betitelt. Man würde aber gewiß fehlgehen, wenn man durch die Ueberschrift „Chassidismus" verführt, annehme, daß wir es hier mit einer Abhandlung über das Wesen, Leben und Treiben der Chassidäer zu thun haben. Von alldem keine Spur. Vielmehr dienen ihm hier die schönsten und erhabensten Begriffe der jüdischethischen nnd kabbalistischen Literatur als Behelfe zur Schöpfung einer ganz „modernen Kabbala" in der alten, geheimnißvollen Sprache des Buches Jezira, die er meisterhaft beherrscht Also ein neuer Jacob Böhme,, modern gekleidet und mit mehr Geist, Bildung und Talent ausgestattet, als es der geschmacklose, schwer verdauliche, deutsche Mystiker war. Sehr treffend zeichnet David Rothblum in seinem Aufsatze „Er und sein College" das prahlende und aufdringliche Wesen des untalentirten Strebers, der durch Mitleid und Protection bei der Prüfung sich „durchdrückt" und durch Arroganz sich endlich in der Gesellschaft Stellung und Ansehen verschafft, während das strebsame Talent, das durch seltene Geistesgaben uno wahren Bienenfleiß sonst das Staunen nnd die Bewunderung seiner Lehrer erregt, dadurch zugrunde geht, daß es bescheiden seine Wege wandelt nnd von der Gesellschaft nicht beachtet wird. Dies alles ist wohl sehr richtig und wahr und hätten wir gegen diese ausgezeichnete Federzeichnung nichts einzuwenden, wenn der Stoff zu dieser Charakterzeichnung nicht der nächsten Nähe des Verfassers entnommen wäre. Wir waren ganz überrascht, als wir den Ort der Handlung lasen, nämlich: „Israel, theologische Lehranstalt zu Wien". Der zukünftige Kanzelredner muß schließlich sich doch lehren und lernen, derart predigen, daß seine Zuhörer nicht auf einander mit den Fingern zeigen: Dich hat der Prediger gemeint. Noch eine ganze Reihe anderer, wichtiger Abhandlungen und Aufsätze wissenschaftlichen und schönge stigen Inhaltes, auf deren nähere Besprechung wir hier wegen Raummangel nicht e.ngehen können, machen