Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 192 Dr. Bloch's Wochenfttzrifl. Nr. 10 und sie konnte noch immer ihrer Aufregung nicht Herr werden. Wer mochte der Fremde gewesen sein, der so Unerhörtes gewagt? Sie schlief ein und erwachte erst, als die helle Morgensonne sie grüßte. Seltsam scheu und still war sie, und die Arbeit ging ihr nicht so schnell von der Hand wie sonst. Der Vater saß behaglich mit seiner Pfeife am Fenster und folgte ihrem Thun mit freundlichem Blick. »Ich habe heute von der Königin Esther geträumt/ sagte er lächelnd, »sie trug Deine Züge und war so glücklich — so geehrt und geliebt. Es ist mir heute so froh zu Sinn. Gestern hast du die Freude genossen und ich habe sie im Traume Dir nachgefühlt." Blümchen erwiderte nichts und ging in die Küche, um das bescheidene Mahl herzurichten. Um die Mittagszeit klang die Hausthür und die ehrwürdige Gestalt des alten David Diamant trat über die Schwelle. Der Alte mit der Pfeife war so überrascht über den ungewohnten Besuch, daß er kaum fähig war, sich zn erheben. »Bleibt nur auf Eurem Platz — ich komme heute zu Euch in wichtiger Angelegenheit, Herr Liebling. Kennt Ihr meinen Sohn Heinrich?" Der Alte lächelte: „Wie mein Kind — ich habe ihn ja erzogen — ich und meine selige Frau — verzeiht — mit Euch erzogen —" „Und ich — ich kenne Euer Blümchen — sie war ja auch wie eine Tochter mir lieb in meinem Hause. Mein Heinrich srug mich gestern, ob mir Blümchen lieb als Tochter wäre?" „Ist das Purimscherz" fragte ich ihn. „Nein" sagte er, „heiliger Ernst. Ich habe sie von Kindheit an geliebt. Und seit gestern weiß ich, daß auch sie mich liebt. Ich kam als Königin zu ihr. Sie glaubte mit Schwester Vögele zu sprechen und ihr Wesen und ihre Worte gaben kund, daß sie mich nicht vergessen hatte! Wollt ihr meinen Sohn auch so lieb haben, wie ich Eure Tochter? Heute ist Schuschanpurim — ein Freudentag für diejenigen, die am Purim noch nichts von der Botschaft des Königs wußten. So wollen auch wir alljährlich, vereint mit unseren Kindern, den Schuschanpurim feiern''. Worte vermögen nicht zu schildern, wie unendlich glücklich die Menschen waren, die die kleine Hütte des alten Liebling barg. Heinrich hatte sich das Jawort von Blümchens Lippen geküßte Vögele lachte Thränen über den gelungenen Purimscherz ihres Bruders und ließ keine Rührung und keine trübe Stimmung aufkommen. Im Ghetto aber hieß es noch nach Jahren: »Gott thut Wunder — Lieblings Blümchen ward in Diamant gefaßt!" Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Zwanzigstes Capitel. Am nächsten Vormittage waren sämmtliche Osficiere des Regimentes zu ihrer Verwunderung, kurz nach dem Rapporte, wieder zum Obersten berufen worden. Als Alle versammelt waren, trat der Oberst, einen offenen Brief in der Hand, mit ernsten Zügen in das große Zimmer und begann: »Meine Herren! Ich habe Ihnen eine private, höchst unangenehme Mittheilung zu machen. Ich habe soeben aus Pest, wo unser Regiment zuletzt in Garnison lag, einen Brief erhalten. Den Namen des Schreibers, den dieser meiner Discretion anvertraute, will ich Ihnen nicht nennen. Derjenige unter Ihnen, für den der Inhalt dieses Briefes bestimmt ist, wird ihn kennen, die Anderen sollen ihn entweder gar nicht oder erst später kennen lernen." »Der Briefschreiber behauptet: Ein Officier des Dragoner- Regimentes, deffen Führung seine Apostolische Majestät unser allergnädigster Kaiser und oberster Kriegsherr mir anzuvertrauen die allerhöchste Gnade hatte, habe sich unter falschem Namen, in bürgerlicher Kleidung, seinen Ehrenstand verleugnend — er gab sich für einen Förster aus — in sein Haus und sein Berttauen geschlichen, um seiner einzigen Tochter Gunst geworben, ihr mit seinem Ehrenworte und seinem höchsten Eide auch schriftlich die Ehe versprochen, sie bethört, und als es seine Pflicht gewesen, sein Ehrenwort einzulösen, ihr seinen Namen zu geben, sie schmählich verlaffen. Erst als unser Regiment von Pest abmarschirte, und hiebei die Straße, in welcher das Haus des Schreibers liegt, passierte, erkannte der tiefgebeugte Vater und die unglückliche Tochter, daß sie getäuscht, betrogen worden waren, daß der Verführer ein Officier meines Regimentes sei. Der hartgetroffene Vater behauptet, und es klingt dies auch sehr wahrscheinlich, daß seine mutterlose Tochter, wenn ihre Ehre nicht durch die Ehe mit ihrem Verführer wieder hergestellt wird, die Schande und den Schimpf nicht überleben würde. Der Schreiber dieses Briefes benimmt sich wie ein Ehrenmann und hat meine volle Achtung errungen. Er ersucht mich, den Inhalt seines Briefes dem gesammten Officierscorps mitzutheilen; und ich erfülle hiemit seinen Wunsch. „Wenn", schreibt der tiefbetrübte Vater, „der Verführer auf die Stimme seines Herzens hörend, seiner Pflicht folgen, seine Fehler durch die Ehe gut machen will, würde es ihm zu großer Freude gereichen; thue er dies nicht aus freiem Willen, so sei der Verführer — und ich muß dem Schreiber vollkommen rech geben — ein ehrloser, nichtswürdiger Schurke, den er, auch wenn es in seiner Macht läge, ihn dazu zu zwingen, nicht zu seinem Schwiegersöhne haben wollte. Bevor sein Kind einem solchen Gatten angehöre, möge es lieber in der Jugendblüthe geknickt ins Grab sinken. Der wackere Mann weiß es, daß das Gesetz in Berücksichtigung der eigenthümlichen Verhältnisse des Kriegerstandes, ihm keine Handhabe bietet, den Verführer zur Erfüllung seines Versprechens zu zwingen, aber er will es auch verhindern, daß eine moralische Pression ans ihn ausgeübt werde und hat mir den Namen des Schuldigen nicht genannt. „Meine Herren Officiere", fuhr der Oberst nach kurzer Pause fort, „es schmerzte mich, daß es in meinem Regimente einen Officier geben solle, der an seine Pflicht, an die Erfüllung seines Ehrenwortes gemahnt werden muß; errare humanum est, sägen die Latainer, und es ist dies gleicherweise ein Fehler, der bei gutem Willen verbessert werden kann. Meine Herren, das Mädchen, um das es sich handelt, ist leider eine Bürgerliche und ich bin gewiß der letzte, der die Schwierigkeiten, die sich der Verbindung eines Edelmannes und Cavallerieofficiers mit einer Bürgerlichen entgegenstemmen, verkennt; aber die erste und höchste Pflicht desselben ist es, sein Wort zu halten, sonst steht er nicht höher als die anderen Stände, sondern weit unter dem redlichen Bürgersmanne, der ehrlich sein Wort hält. Meine Herren Officiere, ich habe wohl nicht nöthig, darauf hinzuweisen, das seit dem anderthalbhundertjährigen Bestände unseres Regimentes, die Officiere desselben den edelsten und ältesten Geschlechtern des großen Kaiserstaates, dem reinsten Geblüts angehörten und ... . Sie wissen es, es gibt ungeschriebene Gesetze, Traditionen, welche nichtsdestoweniger eben so streng gehalten werden, wie die Paragraphen des Militärstrafgesetzes. Ich, und wohl auch Sie, meine Herren Officiere, würden es unter normalen Verhältnissen nicht dulden, daß Einer von Ihnen sich mit einer Bürgerlichen vermähle, man würde, so bald dies bekannt, dem Betreffenden in möglichst deutlicher Wei^e nahelegen, daß man auf die Ehre seiner Waffengenoffenschaft gern e verzichten wolle. Mit einfachen Worten: wenn sich, ich wiederhole es mit starker Betonnng, unter normalen Verhältnissen ein Officier unseres Regimentes beikommen ließe, sich mit einer Bürgerlichen zu verloben, so müßte er in unserem Regimente quittiren und könnte auch kaum in einem zweiten österreichischen Cavallerieregimente als Officier Unterkommen. Es bliebe dem Betreffenden wohl nichts Anderes übrig als zur Infanterie oder Artillerie überzutreten, oder ganz aus dem Militärverbande zu scheiden, aber, meine Herren nufla rcgula sine exceptione. Wenn einer meiner Herren Officiere mir in den nächsten Tagen die Mittheilung macht, er habe sich mit einer Dame aus dem Bürgerstande verlobt; werde ich ihm herzlich die Hand drücken und ihm sagen, daß ich ihn als Ehrenmann betrachte, und Sie meine Herren bitten, mit ihm gute Kameradschaft zu halten und bin überzeugt, Sie werden meine Bitte erfüllen." »Gewiß, bestimmt, zu Befehl", riefen die jungen Officiere tumultuarisch durcheinander. »Diese Privatangelegenheit wäre somit, soweit es mich angeht, erledigt", fuhr der Oberst fort. »Ich habe sie aus dem Grunde als eine Privatangelegenheit bezeichnet, weil sie nur einen Einzelnen betrifft." »Ich muß aber an diese anknüpfend auch eine zweite zur Sprache bringen, wobei ich aber bemerke, daß ich diesmal als