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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 10 Br. Bloch's Wochenschrift« Seite 191 gen an längst vergangene, sorgenlos glückliche Tage, an Kummer und Herzeleid. Vor wenigen Jahren hatte Blümchen die Mutter verloren, die sie zärtlich geliebt und die ihr einziges Kind verwöhnt und verhätschelt hatte. Die Anmuth und die Lieblichkeit des Heranwachsenden Kindes hatten ihr in dem Ghetto Freunde verschafft; es war auch daher kein Wunder, daß die Kinder des reichen David Diamant ihr liebliches Gegenüber ins Herz schloßen, und das sich eine innige Freundschaft zwischen Blümchen, Vöffele und Heinrich entwickelte. Nur Sonnenschein hatte das Mädchen in ihren Kindertagen gesehen. Doch als die Mutter zu kränkeln begann, da trat mit ihrem Siechthum Sorge und Noth ins Haus, und nach ihrem Tode begann der Vater, dem nun die rechte Hand im Geschäft und im Hause fehlte, sich dieses Verlustes erst voll und ganz bewußt zu werden. Er grämte sich um die theure Verstorbene und die Mühe und Plage auf den Märkten allein brachte ihm durch Ueberanstrengung und Erkältung eine Lähmung, die ihn unfähig machte, weiter zu schaffen und zu erwerben. Blümchen bestritt nun den Haushalt von ihren geringen Verdiensten, die sich durch feine Stickereien erwarb. Auf dem Todtenbette hatte die Mutter ihr noch gesagt: »Erhebe deine Augen nicht zu Großem und Hohem und bewahre dir deinen Stolz — es gibt keine Freundschaft zwischen einem Heranwachsenden Jüngling und einem Mädchen. Verzehre dein Herz nicht in Hoffnungen, damit die Enttäuschungen dich nicht niederwerfen. Die Sterbende hatte wohl mit ihrem Seherblick die keimende Neigung erkannt, die Blümchen zu dem Sohne des reichen Diamant empfand. Sie wollte warnen, ehe es zu spät war, nnd Blümchen hatte sie recht verstanden. Langsam wußte sie von dem Hause sich fern zu halten, die Arbeiten und die Sorge um den Vater nahm ihre Zeit vollständig in Anspruch und als Vögele: dannjdie Frau eines begüterten Mannes in der Umgegend wurde und Heinrich in die Fremde ging, um auf Reisen Welt und Menschen kennen zu lernen, da hörte der Verkehr fast ganz auf. Blümchen jedoch hatte das Bild des fernen Jugendgespielen immer im Herzen getragen. Ihre schönsten Erinnerungen waren ja damit verflochten und heute schaute sie mit Sehnsucht hinüber in die strahlenden erhellten Räume, denn man hatte die Nachricht in der Gasse verbreitet, daß Heinrich heimgekehrt sei. Zwar hatte ihn noch niemand gesehen, aber Blümchen fühlte an dem Pochen ihres Herzens, an der seltsamen Erregung, daß er in ihrer Nähe weilen müsse. Im Stübchen war es dunkel geworden. Blümchen hatte im Sinnen und Träumen alles um sie her vergeffen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wandte sich jäh um und entzündete ein Licht, deckte mit flinker Hand den Tisch, stellte feines Brot, Wein und Süßigkeiten darauf und ging vor die Hausthür, um den Vater zu erwarten. Der alte Mann, der auf einem Krückstock langsam daher schritt, war einer der letzten, die aus dem Gotteshause kamen. Freundlich begrüßte ihn Blümchen, führte ihn zu seinem bequemen Lehnsessel und sorgte liebevoll für sein Behagen. Ueber das müden Mannes eingefallene Züge flog ein dankbares Lächeln. Er legte, wie segnend, die Hand auf den Scheitel des Kindes und sagte: »Gottes Segeu muß auch einmal an Dir in Erfüllung geheu, die treuen, die innigen Gebete eines Vaters werden Erhörung finden. Es ist mir heute so leicht und froh zu Sinn, als ob das Glück ins Haus käme. Wie schön war's im Tempel!'' Das Mädchen lächelte trübe vor sich hin. Was für ein Glück konnte ihr wohl beschieden sein? Dennoch schmiegte sie sich zärtlich an den Vater, küßte seine welke Wange und plauderte traurig und lustig fort. Da klopfte es plötzlich ans Fenster. Sie öffnete ein wenig die Läden und sah eine vermummte Gestalt vor sichdie Einlaß begehrte. »Vater, Masken kommen!" rief sie lachend und eilte an die Thür, um zu öffnen. Eine hohe Gestalt, in einen dunklen Mantel gehüllt, trat ein. Auf dem kleinen Flur ließ sie den Manrel fallen und Blümchen starrte auf eine große, vornehme Erscheinung, in reiche Stoffe gehüllt. Ehe sie noch ein Wort finden konnte, die Fremde zu begrüßen, näherte sich die Gestalt dem Vater und fragte: »Erlaubt Ihr, edler Herr, daß ich Euch Eure Tochter für wenige Stunden entführe? Ich bin die Königin Waschti, komme aus fernen, fernen Landen und brauche nothwendig zu meiner Begleitung eine Hofdame." »Vögele!" rief Blümchen laut aus, »du bist's — ich hör's an deiner Stimme!" Die Maske nickte, öffnete ein Packet und reichte der Ueberraschten ein weißes, seines Gewand. »Das thu' dir an, Blümchen", flüsterte sie leise. Droben bei uns geht's schon lustig zu. Das Purimspiel soll beginnen und alle warten auf die Königin mit ihrem Hofstaat!" Während Blümchen sich schnell das weiche, faltige Gewand überwarf, die Spangen und Ketten an Hals und Armen befestigte, plauderte die Königin mit ihrem Vater. Mit herzlichem Kuß schied Blümcheu von dem Alten und versprach ihm, in wenigen Stunden wiederzukommen. Oben im Hause Diamant's empfing sie blendende Helle. Wie im Traum schritt sie neben ihrer Gebieterin her, die durch ihren kostbaren Anzug überall auffiel, deren hohe Gestalt kaum der Vögele's, der Tochter des Hausherrn glich. Man flüsterte sich alles Mögliche zu, doch die Musik spielte muntere Weisen und nach dem feierlichen Einzug der Königin Esther, tanzte Jung und Alt in harmloser Freude. Man trank Wein und aß Süßigkeiten. Die Stunden vergingen im Fluge. Die Königin hatte mit Blümchen oft getanzt nnd war fast unzertrennlich von ihrer Hofdame gewesen. Blümchen mußte der unermüdlich Fragenden immer wieder von ihrem Heim erzählen, von der Mutter und vom Vater, von seiner langen Krankeit, und sie freute sich, daß Vögele soviel Interesse für sie noch empfand. Die Königin erzählte auch, daß man bald den Sohn des Hauses hier erwarte, der schon heute hier sein sollte, aber durch irgend etwas verhiudert daran war. Blümchen hatte auf diese Nachricht nichts erwidert, aber unter der Larve hatten sich ihre Wangen mit glühender Röthe bedeckt und ihr etwas unruhiges Wesen zeigte der Königin, wie sehr sie diese Nachricht erregte. Sie stand rasch auf und sagte: „Lass' mich jetzt gehen, ich muß zum Vater, er schläft nicht ruhig, wenn er mich nicht in der Nähe weiß." Blümchen hatte ein eigentümlich beklemmendes Gefühl gehabt, das sie nicht los werden konnte während des ganzen Abends. Vögele hatte ihr so warm und innig die Hand gedrückt, sie beim Tanz so fest umschlungen, wie es sonst kaum ihre Art gewesen. Sie wollte und mußte jetzt fort. Schon zu lange hatte sie sich dem Rausch des Vergnügens hingegeben. Nun hieß es, zu ihrer Pflicht zurückzukehren. Sie wollte entschlüpfer, aber die Königin hielt sie fest bei der Hand. „Ich begleite, ich laffe Dich nicht allein", sagte sie zärtlich. In wenigen Minuten standen sie vor der Hausthür. »Nun bitte ich dich", sagte die Königin, »recht oft zu mir zu kommen, während ich hier bin, und mein Bruder freut sich auch, seine Jugendgespielin wiederzusehen. Da wollen wir dann alle drei zusammen glücklich sein und Erinnerungen aus vergangenen Tagen auffrischen. Hast du denn meinen Bruder ganz vergeffen?" Blümchens Hand zuckte in der der Königin. Ihr Gesicht brannte unter der Maske und sie riß sie ab. Die Königin sah in die großen, treuen Augen, in denen Thränen glänzten, sah die bebenden Lippen, die vergebens nach Worten suchten, um das auszusprechen, was sie fühlten und empfanden. Da umschlangen sie plötzlich zwei starke kräftige Arme und auf ihrem Munde fühlte sie ein anderes Lippenpaar, daß sich heiß und innig darauf preßte. Einen Moment lang ruhte sie fast besinnungslos in den Armen, dann riß sie sich los und eilte davon. Der heiße brennende Kuß auf ihren Lippen erregte sie seltsam. Das waren nicht Vögele's Lippen gewesen — man hatte sie zu schnödem Scherz mißbraucht. Heiße Thränen fließen aus ihren Augen, und ihr Herz und ihre Hände krampsten sich zusammen und preßten sich in namenlosem Weh auf ihr laut klopfendes Herz. Wie sollte sie jetzt zu dem Vater gehen, mit ihm reden. Sie war so aufgeregt — sie fühlte sich so elend, so verlaffen, so unglücklich! Wie durfte man es wagen, sie so zu mißbrauchen! Endlich fand sie die Faffung wieder und trat ins Zimmer. Der Vater war im Lehnstuhl eingeschlafen. Leise weckte sie ihn, und brachte ihn zu Bett. Er strich ihr zärtlich über die glühenden Wangen und fragte sie nach den Erlebnissen. Doch sie konnte ihm kaum Antwort geben und erzählte ihm nur. daß sie müde wäre und am nächsten Morgen alles genau mittheilen wollte. Als der Vater schon längst schlief, saß sie an ihrem Bettrand, weinend. Der Kuß brannte noch immer auf chren Lippen,

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