Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 184 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 10 vier Tage in Marschbereitschaft gehalten wurde. Als kurz nach Neujahr eine Hausdurchsuchung bei K o h n stattfand und derselbe verhaftet wurde, stieg die Aufregung aufs Höchste. Es fanden Zusammenrottungen am Marktplatze statt, als es den Bemühungen der Behörden gelang, das Mädchen aufzufinden. Die gerichtliche Commisston stellt fest, daß die Czerwinka durch Selbstmord geendet hat. Nun klärten sich alle jene Umstände, welche die Bevölkerung so erhitzt hatten, rasch auf. Die angeblichen Blutflecken an der Bettwand, wo das Mädchen geschlafen hatte, erwiesen sich als G ä n s e b l u t. Kohn aber, welcher auf Grund der eidlichen Aussage des Häuslers Mathias C e j p aus Opocno verhaftet worden war, wurde f r e i g e l as s e n. Cejp hatte beeidet, er habe in der Nacht gesehen, wie mehrere Männer vor dem Hause Kohn's einen Leichnam, welcher in einen Sack gehüllt war, aus dem Fenster herabließen. Cejp hatte bereits nach dem ersten Auftauchen der Gerüchte von dem Verschwinden des Mädchens an Kohn einen Erpressuugsversuch verübt. Nunmehr stellte sich die glänzende Unwahrheit von Cejp's Aussagen heraus und es wird sich Cejp deshalb vor einem Eckenntnißsenate des hiesigen Kreis gerichtes wegen Meineides und Irreführung der Behörden zu verantworten haben. Zur Steuerreform der Cuttusgemeinde. Sehr geehrter Herr Redacteur! In der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes bringen Sie eine Erwiderung des Herrn Gemeinderathes Lucian Brunner auf meinen am 23. v. M. erschienenen Artikel, in welchem ich meinen Standpuntt in der seitens des Vorstandes der Cultusgemeinde geplanten Wahlreform in ausführlicher Weise präcisirt hatte. Herr Gemeinderath Brunner scheint nun weder den Anfang, noch das Ende dieses Artikels einer genauen Durchsicht gewürdigt zu haben. Denn sonst wäre es ihm bei seiner bekannten Courtoisie einerseits nicht beigefallen, sein Eingesendet mtt den Worten beginnen zu lasten: „Sie bringen einen Bericht eines Herrn B. Kanitz", andererseits hätte er es sich wohl überlegt, die von mir zu Gunsten der Wahlreform vorgebrachten Gründe als „lächerliche Scheingründe" zu bezeichnen. Es steht mm jedermann ftei, seine Meinung in einer ihm beliebigem Weise zu äußern — ich citire chiemit die Worte des Herrn Gemeinderathes selbst — indes ich will mich darauf beschränken, dies in maßvollem Ton zu thun und in erster Linie zu constatiren, daß ich zwar nicht unbescheiden genug bin, um die Behauptung wagen zu wollen, es gebe in ganz Wien nur einen B. Kanitz, daß ich aber nichtsdestoweniger als Präses des zweitgrößten, und als Vorstandsmitglied des ä l t e st e n Wiener Kranken-Unterstützungsvereines oft genug in die Lage gekommen bin, aus eigener Anschauung die furchtbare Noth und das gräßliche Elend unter so vielen unserer armen Glaubensbrüder kennen zu lernen. Demgemäß erachte ich es für meine moralische Pflicht, mtt aller mir zu Gebote stehenden Energie zu Gunsten der Aermsten der Armen allerorten einzustehen. Wenn ich daher für die geplante Wahlreform aus dem Grunde plaidirt habe, weil ich mir von dem Jnslebentreten derselben eine neue Aera von Wohlthätigkeitsinstitutionen, deren unsere Gemeinde dringend bedarf, mtt Zuversicht verspreche — wie ich dies in meinem Artikel ausführlich auseinandergesetzt habe —, so bezweckte ich hiemtt keineswegs — wie mir der geehrte Herr Gemeinderath Brunner imputirt — dem „dummen Kerl von Wien" Sand in die Augen zu streuen, meine Absicht war und ist es vielmehr, den von demokratischen Phrasen geblendeten Juden die Augen zu öffnen und zu zeigen, daß es dem Vorstande der Cultusgemeinde einzig und allein durch Creirung einer Curie der Höchst besteuerten möglich gemacht wird, den an ihn in immer größerem Maßstabe heranttetenden Anforderungen der Humanität gerecht zu werden. Ich überlaste es gettost dem Ürtheil aller derjenigen, welche noch ein warmes Herz für das Judenthum haben, ob dieser von mir vorgebrachte Grund als „lächerlicher Scheingrund" bezeichnet werden darf oder nicht. Hochachtungsvoll B. Kanitz. Sabbathfeier in Ealonik. Angesichts der Thatsache, daß mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Saloniks aus Israeliten (Spaniolen) besteht, gilt hier der Samstag als Wochen-Festtag, derart, daß die Feier des Samstags der ganzen Stadt das Gepräge aufdrückt. Die Israeliten arbeiten an diesem Tage nicht und gerade die ärmsten, die den täglichen Verdienst am dringendsten brauchen, rühren keinen Finger. Ob Bootsmann, Lastträger, Fuhrmann, Arbeiter oder Kaufmann, ob reich oder arm — Alle betrachten den Samstag als geheiligten Tag und die türkischen Behörden respectiren diese Gebräuche. Die zahlreichen Synagogen werden auch besucht und jeder legt sein Festgewand an. Dabei kommen die alterthümlichen Trachten der Männer und Frauen recht zur Geltung. Wie ihre Urvorfahren sich getragen haben, so sind die auch heute noch gekleidet. Freilich bürgert sich die europäische Kleidung immer mehr ein, namentlich bei dem jungen Volke und der gebildeten Welt, trotzdem bietet eine Samstagspromenade des Jntereffanten genug und oft glaubt man ein lebendiges Bild aus der biblischen Geschichte vor sich zu sehen. Nur der rothe, oft mit Tüchern umwundene Fez der Männer erinnert an die Gegenwart. Die Frauencostüme sind der Mehrzahl nach aus Seide, die Hemd artige, die Brust nur zum Theil bedeckende Taille weist die feinsten Stickereien auf, der Mantel mitunter prächtiges Pelzwerk. Die ledigen Frauen aller Stände kleiden sich ganz europäisch, erst nach der Verheiratung erhalten sie die eigentliche Nationaltracht. Die im Hafen liegenden Schiffe bekommen Samstag keine ausreichende Arbeitskraft, die Beförderung von Lasten ist unterbrochen, bei den Bauten wird gefeiert, kaum ist irgendwo ein Lastwagen zu erblicken. Alle Geschäfte, deren Besitzer Israeliten sind, sind gesperrt, die Geschäftsviertel sind daher wie ausgestorben; der Verkehr im Zollamt ist gleich Null, und da, wie erwähnt, die israelittsche Bevölkerung mehr denn zwei Drittel der Gesammteinwohnerschaft ausmacht, so müssen sich viele Angehörige anderer Confessionen nach den Israeliten richten. In erster Linie alle bei ihnen in Diensten stehenden Christen und Türken. Die andersgläubigen Händler sind nicht in der Lage, am Samstag nennenswerte Geschäfte zu machen, da die Provinzbevölkerung an diesem Tage dem Markte gewöhnlich fernbleibt. Bei schönem Wetter bewegt sich alles im Freien, die Trambahn macht die besten Geschäfte, erst gegen Sonnenuntergang verzieht sich eine große Menge in die Schankloeale und Cafes. In früheren Jahren bezeichneten Drähte, die über die auS der Stadt hinausführenden Straßen gespannt waren, wie wett die Israeliten ihre Promenade ausdehnen durften. Diese Beschränkung der persönlichen Freiheit ist aufgehoben; auch das Verbot der Rabbiner, betreffs der Mitwirkung der jüdischen Feuerwehleute beim Löschen von Samstags ausbrechenden Bränden hat aufgehört. Zu erwähnen ist noch, daß europäische, fremden Unterthanen israelitischen Glaubens gehörige Confectionsgschäfte hier Samstag nur ganz ausnahmsweise ihre Magazine öffnen dürfen. Zuwiderhandelnde verspüren sehr bald den Zorn der Rabbiner. Eine jüdische Arbeiterstadt im Süden Rußlands. Inmitten der großen, unwirthlichen Rokitnosümpfe, die im Westen Rußlands einen Länderstrich von der Größe des Königreiches Sachsen bedecken, liegt wie eine Oase die Stadt Pinsk mit einer Einwohnerzahl von 30.000 Seelen, darunter 28.000 Juden. Bis vor ungefähr zwei Jahrzehnten fand sich in dieser Gegend keine Spur irgend einer Industrie, jetzt finden wir dort, dank der Unternehmungs- und Arbeitslust der jüdischen Bevölkerung, einen schönen Anfang einer großen Industrie, die aller Voraussicht nach einer noch weiteren Entwicklung entgegengeht. Hier sehen wir, so schreibt die „Düna-Zeitung", bei den verschiedensten Abstufungen des Betriebes von der großen, mit allen technischen Hilfsmitteln der Neuzeit versehenen, mehrere hundert Arbeiter beschäftigenden Fabrik bis herab zum kleinen Hausbetriebe die mannigfaltigsten Erzeugniffe entstehen. An der Sette des jüdischen Fabrikanten finden wir hier nicht allein ein jüdisches, commercielles und technisches Personal, sondern auch den jüdischen Werkführer, den jüdischen Maschinisten, den jüdischen Heizer und ausnahmslos jüdische Arbeiter. Berücksichtigt man, daß alle diese Etablissements und Werkstätten nicht etwa von Philanttopen gegründete Arbeitshäuser sind, um arme Juden zu beschäftigen, sondern auf Gewinn angelegte Unternehmungen, die den Concurrenzkampf mit in- und ausländischen Industrien zu bestehen haben, so ist es selbstverständlich, daß eine strenge Organisation und eine tüchtige, fleißige und wohldiSciplinirte Arbeiterschaar in ihnen vorhanden sein muß. Wenn um 6 Uhr Morgens die Dampfpfeifen an allen Enden der Stadt ertönen, dann sieht man die jüdische Arbeiterschaar sich in Sttömen durch die Gassen ergießen und an die Arbeit eilen. Dieselben Dampfpfeifen geben am Freitag Nachmittag das Signal zur