Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021342--09696-3034138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Str. 10 Seite 179 Br. Bloch's wahrnimmt und seinem beschwingten Geiste stellt sich eine Feuersbrunst dar, wo ein anderer vielleicht nur die Abendröthe erblickt und es ist ganz unmöglich, ihn von seiner Auffassung abzubringen da er überzeugt davon ist, daß die Bilder, die er zu sehen glaubt, in Wirklichkeit den Charakter tragen, den er ihnen verleiht, ebenso wie es demjenigen, dessen Sinn nur das wirklich vorhandene und nicht das Phantastische zu erkennen vermag, nicht zugemuthet werden kann, seinen Sinnen Zwang anzuthuu und sein Urtheil den Wahngebilden gemäß umzugestalten. Das subjective Moment spielt bei Delibab wohl die Hauptsache, das objective ist aber auch von großer Bedeutung. Die fata morgana erscheinen dem Reisenden nur im Oriente, Delibab nur in Ungarn. Sie sind auch nicht regelmäßige oder periodisch wiederkehrende Erscheinungen. Wasserdünste, Luftzustand und Beleuchtung müssen ganz eigenartig zusammenstimmen, damit Wolkenbildungen auftreten, welche in dem Auge des Beschauers den Eindruck hervorzurufen vermögen, als ob die Vorstellung, die er sich von ihnen macht, der Wirklichkeit entspräche Wir bitten unsere Leser sich diese Erklärung von Delibab vor Augen zu halten und dieselbe auf den Bericht anzuwenden, den der Ministerialrath Egan über die Verhältnisse im nordöstlichen Winkel des ungarischen Reiches verfaßt hat, sie paßt nämlich mit einer solchen Genauigkeit auf denselben, daß man mit aller Sicherheit diesen Bericht selbst als Delibab bezeichnen kann. Wie dem Dälibab doch die wirkliche Tyatsache zu Grunde liegt, daß es sich um sichtbare Erscheinungen handelt, so können gewiß nach dem Berichte des Ministerialraths Egan einige Thatsachen als Basis vorhanden sein, aber so wie die fata morgana beliebige Deutungen je nach der Phantasie desBeschauers zulassen, so dürfte wohl auch des Sucht des Herrn Ministerialrathes. seine individuelle Auffassung zur herrschenden zu machen, ihm Bilder in die Feder dictirt haben, deren Farben so grell ausgetragen sind, daß sie der Wirklichkeit kaum entsprechen. Wie der Secessionsmaler gelbe Wiesen, rothe Bäume und violette Kühe malt, weil die Objecte sich in diesen Farben in seinem Auge wiederspiegelten, Farben, die kein Anderer sieht, so gibt der Ministerialrath den Wahrnehmungen, die er gemacht hat, den Charakter, den sie nur in seiner Phantasie haben, aber nicht den des täglichen Lebens. Je greller das Gemälde, desto mehr staunt die Menge und da die Impression zugleich Mode ist, so hat der Maler nicht nur die Urtheilslosen, sondern auch die Modenarren für sich. Der . Effect ist erreicht, auf die Wahrheit kommt es nicht an. Uns imponirt jedoch die drastische Farbenmischung durchaus nicht. Wir sind nüchtern genug, um nicht Delibab für essentielle Erscheinungen zu nehmen und wir bewahren uns genug selbstständigen Urtheils, um nicht jedes secessonistische Bild einem Gemälde von Rafael gleichzustellen. Aber nicht blos aus unserer subjectiven Empfindung heraus erblicken wir in dem Egan'schen Bericht eine Schilderung von Dslibab, sondern mehr noch aus der objectiven Prüfung der angeführten Thatsachen. Man braucht ungarische Justiz und ungarische Verwaltung durchaus nicht hochzuhalten und kann sich der Ueberzeugung dennoch hingeben, daß Mord und Brandlegung, Gewalthätigkeit und Beraubung, wie sie dem Berichte zufolge zu den täglichen Erscheinungen gehören müssen, denn doch nicht unbemerkt und unbeachtet hätte bleiben können und daß, um sie wahrzunehmeu, sicherlich nicht erst ein Ministerialrath hätte hingeschickt werden müssen, der zu constatiren hätte, was vor Jahren, Monaten und Wochen geschehen ist. Wenn wirklich einige auffällige Thatsachen vorgekommen wären, so hätten diese weder die Verwaltungsnoch die Gerichtsorgane so vertuschen können, daß sie erst der Ministerialrath entdecken mußte, und selbst wenn die Gerichte und Verwaltungsbehörden sie verschwiegen hätten — was doch Niemand annehmen wird — die antisemitischen Zeitungen hätten sie sicherlich mit doppelter Kreide angerechnet und gewiß hätten auch die clericalen Journale nicht mit den Juden unter einer Decke gespielt, wenn einer der angeblich bedrohten Geistlichen ihnen eine wahre Darstellung geliefert hätte. Seit Jahren sollen sich alle diese jüngstentdeckten Gewaltthätigkeiten abgespielt haben ohne daß irgend etwas in die Oeffentlichkeit gedrungen wäre? Das glauben wir nicht, wenn es sich um einen zu verbergenden Act magyarisch-nationalen Chauvinismus handelte, vielweniger, wenn es sich um Verbrechen handelt, die Juden in die Schuhe geschoben werden. Nur eine einzige unbestreitbare Thatsache und alle Jstoczy's und Berhovay's Wochenschrift. von Ungarn hätten einen Lärm geschlagen, daß ganz Europa davon widerhallt hätte. Aber Herr Ministerialrath Egan ist ein kluger Herr. Sein Bericht führt „Thatsachen" im Allgemeinen, sogenannte charakteristische Thatsachen an, die recht drastisch geschildert werden, bei denen aber Ort und Zeit und Personsbestimmung nicht angegeben ist. Wie soll man solche „Facten" widerlegen? Es war ihm nur offenbar um den Gesammteffect zu thun, und den hat er erreicht. Nehmen wir aber an, es wären diese oder auch nur ein Theil dieser Thatsachen wirklich mit all den Details vorgekommen, ohne daß man vor Herrn Egan davon Kenntniß erhalten hätte. Wir müßten mit dem Herrn Ministerialrath übereinstimmen, daß alle Schuldigen, zur Verantwortung gezogen werden. Nur müßte er zuvor selbst auch diese Forderung stellen und er müßte unparteiisch daran gehen, die wahrhaft Schuldigen herauszusuchen. Wir würden solche unserer Glaubensgenossen, die sich gegen Gesetz und Moral vergangen haben, nicht in Schutz nehmen, nur müßten auch seine Connationalen und seine Glaubensgenossen, die Beamten jeder Kategorie und die Priester, ohne deren Duldung ja solche Vorkommnisse auch nicht einen Moment Bestand haben könnten, in vollstem Umfange zur Verantwortung gezogen werden. Wir nehmen keinen Dieb in Schutz, er soll die Hehler ausliefern und die Hehler sind nicht blos diejenigen, die ihrer Pflicht gemäß nicht direct eingreifen, sondern jeder, der es geschehen läßt, daß ein Uebel fortbestehe. Und nach Herrn Egan's Bericht soll das Uebel doch schon sehr lange bestehen, und soll gar viele Mitwisser gehabt haben. Und diese alle haben es gelitten und haben geschwiegen? Für so leichtgläubig sollte der Herr Ministerialrath doch seine Landsleute nicht halten. Wir anderen aber können, selbst wenn wir keine besonders gute Meinung von ungarischer Wirtschaft hätten, noch viel weniger glauben, daß sich die Dinge wirklich so abgespielt haben, wie sie geschildert wurden. — — Delibab. A. Wiener. Antisemitische Eorruption. Wir sind nicht so schadenfroh, daß wir über die moralischen und materiellen Ohrf-igen, welche unsere politischen und confessionellen Gegner in jüngster Zeit Schlag auf Schlag empfangen, Freude äußern würden. Aber die Genugthuung find wir uns schuldig, gegenüber den unausgesetzten Angriffen,welche „Vaterland", „Deutsches Volks bl alt" und „Deutsche Zeitung" gegen d i e Juden richten, wenn e i n Jude etwas Unrechtes thut, daß wir die Lumpereien nicht unterdrücken, die ihre Gesinnungs- und Glaubensgenossen in so immenser Zahl täglich verüben, und namentlich dann nicht, wenn einer ihrer „Großen", einer ihrer „Führer" auf Handlungen ertappt wird, für welche sie den Juden die ärgsten Schimpfworte an den Kopf werfen würden, wenn ein Jude sie begangen hätte. Es ist jetzt in Ungarn von der Affaire „U g r o n" die Rede. Herr U g r o n ist einer der Führer des clericalen Flügels der Unabhängigkeitspartei, einer der Hauptgegner der modernen Ehkgesetzgebung in Ungarn, ein wülhender Deutschenfrrsser, ein acharnirter Feind Oesterreichs und ein Judenfeind par exeellenee. Seine antiösterreichische Gesinnung bat die sich schwarzgelb nennenden Wiener Antisemitenblätter tutti quanti niemals gehindert, ihn von Zeit zu Zeit liebend ans Herz zu drücken, war er ihnen doch als Antiliberaler und Antisemit nahe verwandt. Dieser gute Freund derer vom „Vaterland", die ihn als Sturmbock gegen die ungarischen Liberalen gut brauchen konnten und derer der anderen Antisemitenblätter, die in ihm den Congenialen erkannten, ist nun in eine eigenthümliche Lieferungsaffaire verwickelt. Den Ehrenmann hat sein oppositionell-politisches Mandat nicht abgehalten, sich eine Armeelieferung übertragen zu lassen. „Egyet6rt6s" erh-bt gegen Ugron folgende Anklagen: „1. Ugron habe als unmittelbarer Pcoducent Hafer geliefert, den nicht er producirte; 2. Ugron hat die Lieferung unter der Hand zu einem viel höheren Preis als zum Marktpreise erbalteu; 3. Er hat den Vertrag dem Händler Baruch, der kein Producent ist, cedirt und dadurch die Landwirthe ausgespielt; 4. Hat er sich hiesür von Baruch eine Provision ausbedungen und dieselbe auch erhalten; 5. Ugron habe auch noch eine andere als die in Frage stehende Haferlieferung, von welcher in den Ausschüssen der letzten Delegation viel die Rede war, was die damaligen Dele-