Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 178 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 10 der Humanität, die wir vor hundert Jahren hereinbrechen sahen, nur momentan verfinstert, in nicht ferner Zeit wieder hervorleuchten. Du aber, mein armes, noch immer gequältes Volk, thue das Deine und stärke Dich in dem Bewußtsein, daß Du die erste Lehrmeisterin der Menschen gewesen, noch mehr in jenem, daßD uesan st reb st, wiederzubleiben, undalles wasDich davon entfernt, mitSelbsterkenntniß abzulegen. Dies mein Abschiedsgruß." g§ Was sagt unsere heutige Generation zu solch unverwüstlichem Idealismus? Sie vermag ihn nicht zu begreifen, so wenig sie den Mann und Menschen zu verstehen vermag, der nicht nur so gedacht, sondern auch so gelebt und gewirkt hat. Und doch ist es noch gar nicht so lange her, daß der Mann gelebt und gewirkt hat. und allenthalben verstanden wurde. In wenigen Tagen wird es dreizehn Jahre, daß er zu Grabe getragen wurde, und da sage man noch, daß wir seitdem nicht mit Riesenschritten vorwärts gekommen! Der Glaube vermag Berge zu versetzen und den unerschütterlichen Glauben an die Zukunft des Judenthums hatte Werthheimer wie kein Jude von heute, und darum wirkte er Bedeutendes — ohne Gelehrsamkeit, ohne herrschende Theologie, ohne Mandat ... Was ihn aber fort und fort zum Kampf für seine Glaubensgenoffen mächtig trieb, das war, wie bereits Eingangs bemerkt, der Mensch in ihm. Die Menschenliebe beherrschte sein ganzes Wesen übermächtig und trieb ihn an, humanitäre Institutionen — welche bald mustergiltig wurden und Schule machten — anzuregen und zu gründen, die er betreute, und die er sämmtlich im blühendsten Zustand als die beredtesten Zeugen seines segensreichen Lebens zurückgelassen. — Bei einem solchen Manne, der ein Ehrenamt niemals als ein Ehrenamt, will sagen, als ein 'solches betrachtete, das Ehre bringt, sondern es annahm, um die zu verwaltende Institution zu Ehren und zur Blüthe zu bringen, die er rastlos mit seiner Herzenswärme beseelte, hegte und pflegte, war es in der That kein Wunder, wenn seine Schöpfungen in Wirklichkeit lebten, wenn sie einen ungeahnten Aufschwung nahmen. Und weil er sich mit unvergleichlicher Selbstlosigkeit dem Humanitären Wirken hingab, war er voll Dankbarkeit und Anerkennung für jede Mitwirkung und jede Leistung, wodurch die Mirstrebenden immer von Neuem angespornt und mit Schaffensfteude erfüllt wurden. Er war aber auch so glücklich, wie selten Einer, gleichgestimmte und hochgesinnte Mitarbeiter zu haben. Wir nennen hier nur: Ignaz Kuranda und Leopold Kompert. — Wie verschieden auch die Charaktere und Anlagen dieser drei Männer waren — Wertheimer, der Aelteste, rasch im Entschluß und Handeln, Kuranda, der scharfe Kritiker und bedächtig Abwägende, Kompert der träumerisch Sinnende und langsam Nachfolgende — sie stimmten doch schließlich wunderbar zusammen, und es gab einen guten Klang; denn sie waren alle drei gute Menschen, edle Selen. Wollten sie doch stets dasselbe und in gleicher Selbstlosigkeit, wenn auch die Einen einen längeren und bedächtigeren Weg, der Andere den kürzesten, unvermittelt zum Ziele führenden Weg, eingeschlagen wissen wollte. Und Wertheimer, der Aelteste der drei Freunde, riß mit seinem ewig jugendlichen Feuer immer wieder die beiden zögernden Freunde ungestüm mit sich fort, überraschte sie wohl auch, wo dies nicht anders ging, mit vollendeten Thatsachen, und sie mußten schließlich zugeben, daß Kritik und Bedächtigkeit allein zu keinen Thaten führen, daß „der angeborenen Farbe der Entschließung des Gedankens Bläffe angekränkelt wird, und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, so der Handlung Namen verlieren". Wertheimer überlebte seine beiden jüngeren Freunde. Als ich mit ihm zur Bestattung Kuranda's fuhr, war er den ganzen Weg schweigsam, in Gedanken versunken, als sänn' er vergangener Zeiten. Er hielt sich aber die ganze Zeit über, auch während der Leichenreden, aufrecht. Erst als er an das offene Grab trat, um eine Schaufel El.de hineinzu werfen, da begann er heftig zu schluchzen und zu wanken. Ich nahm ihn unter den Arm und führte ihn zum Wagen. Nach einer Weile hatte er sich wieder erholt und da hob er an, mir Züge aus dem Leben des verstorbenen Freundes zu erzählen. Anfangs war seine Stimmung eine elegische und seine Mittheilungen waren ernster Natur. Allmählig kam seine natürliche Lebhaftigkeit zum Durchbruche und auf ernste Episoden folgten heitere, welche sie in jungen Jahren gemeinschaftlich, besonders auf Reisen in Italien erlebt hatten. Uud manche bei dieser Gelegenheit zum Besten gegebene, vom jungen Kuranda aufgeführte geistvolle Schwänke machten mich laut auflachen. Der junge Kuranda war ein ausgezeichneter Reisegesellschafter. Er sang vortrefflich und spielte Guitarre dazu, so daß Wertheimer und seine Gattin stets ihre Freude an ihm hatten. Sic transit.. . m. Nun liegen sie alle drei, Wectheimer, Kuranda und Kompert seit Jahren zur ewigen Ruhe nebeneinander „ungetrennt im Leben und im Tod". Wertheimer war eine erstaunliche Arbeitskraft. Schon um 6 Uhr Morgens saß er Tag für Tag am Schreibtisch. Zunächst wurden zahlreiche Journale des In- und Auslandes absolvirt, und wo er in denselben etwas fand, was sich auf Juden und Judenthum bezog, wurde es ausgeschnitten. Diese Ausschnitte erhielt ich durch eine lange Reihe von Jahren täglich zwischen 8 und 9 Uhr Morgens von ihm zugesandt in Begleitung eines commentirenden Schreibens, obgleich ich ihn fast täglich sah und sprach. Solcher mehr oder weniger umfangreicher Briefe besitze ich Legion. Sie enthalten ein beträchtliches. Stück moderner jüdischer Geschichte, werfen Streiflichter auf alle beachtenswerthen Vorkommnisse .. . Den überwiegend größeren Theil des Tages widmete Wertheimer seinem philantropischen Wirken. Es war ein beseligendes Hochgefühl mit Wertheimer an Werken der Philantrophre mitarveiten, in seiner, eine erhebende Stimmung verbreitenden Nähe, von seinem Vertrauen getragen, leben und weben zu dürfen. Es war aber nicht so leicht, seines Vertrauens theilhaftig zu werden. Er attachirte sich nur schwer neuen Personen an, erschloß Einem erst nach langem und prüfendem Umgänge den reichen Schatz seines warm fühlenden Herzens — dann aber war sein Vertrauen felsenfest und nicht mehr zu erschüttern. Vergebens suchten Hochmögende und Hochmögendere ihn ab und zu zu Ungunsten des einen oder anderen ihnen unliebsamen, von ihm aber gekannten und geschätzten Mannes zu beeinflussen. — Wertheimer's Zorn bäumte sich in solchen Fällen gewaltig auf, und obwohl er sonst in allen Situationen eine unvergleichliche Milde in der Form beobachtete, in solchen Momenten pflegte er auch den Hochmögenden gegenüber, recht kortiter in modo zu sein. Ich könnte concrete Fälle anführen, welche die noble Seele Wertheimer's so recht ins hellste Licht rücken würden — aber es ist heute nicht an der Zeit. Wenn er solche Angriffe auf einen Wehrlosen mannhaft zurückwies, that er es mit den Worten des Dichters: „Wenn ich des Menschen Kern einmal untersucht, so weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln." Man suche heute die Männer, welche sich auch nur die Zeit oder Mühe nehmen, „des Menschen Kern zu erfassen"! Er war ein hochgebildeter Mann nnd was viel bedeutet, und viel erklärt — ein Freund und Förderer der Wissenschaft, der dem Gel ehrten, als solchem, die größte Achtung und Werthschätzung entgegen b r a ch t e. Alle, die ihm im Leben näher gestanden, die sein Vertranen genoßen, behalten für das ganze Leben die unauslöschliche Erinnerung an ihn, die immer erhebend wirkt und vor einer Verzweiflung an der Zukunft des Judenthums schützt. Er war ein wahrer Jude: denn er war ein wahrer Mensch! Wann werden wir wieder seinesgleichen sehen. Fr. Dölibsb. Das ftemdartige Wort, das wir diesen Zeilen vorangestellt haben ist ungarischen Ursprungs. Es wird damit die eigenthümliche Art von Luftspiegelungen bezeichnet, die am Horizonte der ungarischen Tiefebenen manchmal zu sehen sind. Diese Lufterscheinungen sind dasselbe Phänomen, wie die kata rnorgana des Orientes. Damit sie dem Auge sichtbar werden, bedarf ers zweier Voraussetzungen, und zwar eines eigenthümlichen Zustandes der Athmosphäre als der objektiven Grundlage und einer speciell gearteten Phantasie, welche die Befähigung oder Voreingenommenheit besitzt, die Lustgebilde zu interpretiren als des subjektiven Factors. Wer mit dieser Phantasie nicht begabt ist sieht nur Wolken, deren Formen ihm bizarr erscheinen mögen, er sieht aber nicht die konkreten Gestalten, denen er phantasievolle bestimmte Bezeichnungen und Benennungen verleiht, indem er erklärt, er sehe Städte, Palmenwälder oder Ungeheuer und Höllengestalten. Mit einer Persönlichkeit, die das Glück oder Unglück hat, eine solche Phantasie zu besitzen, kann man nicht rechten. Er sieht einen Wolf oder Tiger, wo ein anderer eben nur eine Wolke