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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 9 Dx. Blvch's Wochenschrift. Seite 173 nun, seinem Handlungsgeschäfte, von dem er relativ hohe Steuern zahlt, nicht vorstehen zu können-- und schritt um die Erlaubniß ein, dasselbe durch seinen Pflegesohn fortsühren zu dürfen. Trotzdem ich zur Abweisung rieth, erschien es dem Kreisamte doch als hart, das billige Gesuch des unglücklichen Mannes abzuschlagen, auch die Finanzbehörde wollte sich die Steuern nicht entgehen lassen, und so ist Michael Klein jetzt hier steuerzahlender Kaufmann. Das Gesetz befreit Geschäftsleute, die eine gewisse Steuersumme zahlen, von der Militärpflicht, und so könnte Michael Klein, auch wenn er österreichischer Unterthan wäre, nicht zum Heeresdienst herangezogen werden." „Das ist recht ärgerlich! ... Wenn Du es nicht zu Wege bringen kannst, einen unbedeutenden mir mißliebigen Menschen in den weißen Rock zu stecken, mußt Du in den vierzehn Jahren meiner Abwesenheit sehr viel von Deiner früheren Machtfülle verloren haben! . . . Bah! Ich will mir den Genuß der guten Dinge, die uns die Mutter vorgesetzt hat, nicht durch diese unangenehmen Gedanken vergällen. Wenn Du so machtlos bist, mir nicht für eine alte, unvergessene Beleidigung eines Juden Satis-- faction zu verschaffen, muß ich dies auf eigene Faust versuchen. Wenn meine Escadron längere Zeit in W. bleibt, wird mir dies hoffentlich in einer oder der anderen Weise gelingen." „Du unterschätzest meine Macht. Ich bin ja das Stadtoberhaupt, bin ja der Polizeiches; aber ich muß es gestehen, weder Brack noch Klein haben mir je die geringste Veranlassung zu einer Rüge gegeben, allein ich beobachte beide mit Argusaugen, und sollte mir Michael Klein je eine Handhabe bieten, gegen ihn einzuschreiten, so würde er auch die alten Schulden seines Pflegevaters zu zahlen haben. Ich habe es schon gesagt, ich könnte diesem nichts Schmerzlicheres zufügen, als wenn ich Michael Klein demüthige, ihm etwa eine entehrende Strafe auferlege. Brack liebt Michael wie sein leiblich Kind, und dieser ist seine und seiner Tochter einzige Stütze. Auch hat er ihn zu seinem Schwiegersöhne bestimmt. Das wunderschöne Mädchen liebt ihren Verlobten, allein der fremde, heimathlose Jude kann in Mähren nie die Ehebewilligung erlangen." „Das Mädchen ist schön?" unterbrach Lorenz seinen Vater hastig, „freilich, es muß hier in W. sehr schöne Judenmädchen geben, ich selbst sah, als ich über den Ring Deinem Hause zuritt, ein solches, in der Begleitung eines Mannes mit einem Stelzfüße in die Judengasse einbiegen. Das war das schönste Weib, das ich je gesehen, vielleicht — nein gewiß, das schönste Weib auf Erden!.... Herr Gott sapperment! sagtest Du nicht soeben, Brack müsse sich eines Stelzfußes bedienen? Vielleicht war das Mädchen Brack's Tochter, Michaels Verlobte? Was meinst Du Vater?" Lorenz legte die Gabel, die er eifrig benutzt hatte, aus der Hand, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und blickte erwartungsvoll in des Vaters Gesicht. „Schildere mir sie, ob ich mick in meiner Vermuthung nicht irre." „Das Mädchen ist", erwiderte Golzinger, „trotzdem sie erst sechszehn, siebzehn Jahre zählt, hochgewachsen, eine junonische Gestalt, die jedem Maler und Bildhauer zum unerreichbaren Modelle dienen könnte. Das Haar ist dunkelschwarz, die großen schönen schwarzen Augen, glänzender als Diamanten, sind von kräftigen dunkeln Brauen überwölbt, das ovale edelgeformte Gesicht, gewöhnlich lilienbleich, wird, sobald der Blick eines Mannes auf ihm ruht, von einem reizenden Rosenroth übergossen. Sie besitzt anmuthige Grübchen in den Wangen, ein Mündchen wie eine frisch gepflückte Kirsche, das, wenn es sich öffnet, zwei Reihen Perlenzähne zeigt, ein abgerundetes Kinn... „Sie wars, sie wars!" schrie Lorenz, rasch ein Glas Wein hinabstürzend, „sie entspricht ganz Deiner Schilderung. Die beste Rache an Michael wäre, wenn ich ihm seine Braut abwendig machen, wenn ich sie verführen könnte!" „Das wird Dir und Niemandem gelingen!" entgegnete der Bürgermeister. „Die Judenmädchen sind im Allgemeinen tugendhaft, das muß ihnen der ärgste Judenfeind zugestehen, und Sara Brack ist völlig unnahbar; — das kannst Du mir glauben." „Hast Du vielleicht den Versuch gemacht, Dich ihr zu nähern und sie ließ Dich abblitzen?! .... Unser Regimentsarzt, den wir Officiere, weil er sich uns zuweilen nützlich macht, trotzdem er ein Bürgerlicher ist, in unseren Kreisen dulden, citirt oft ein gutes lateinisches Sprichwort, das ich mir übersetzen ließ, es scheint trefflich auf diesen Fall zu passen. Es lautet im Deutschen: Wenn zwei das Gleiche thun, so ist es doch imme nicht das Gleiche" und dabei drehte er mit einem impertinenten, süffisanten Lächeln die Spitzen seines langen flachsgelben Schnurrbarts empor. Die Bürgermeist rin hatte schon, seitdem das Gespräch zwischen Vater und Sohn eine so bedenkliche Wendung genommen, Zeichen der Mißbilligung unb des aufsteigenden Verdrusses gegeben, jetzt aber riß der Faden ihrer Geduld und Langmuth. Sie warf die Gabel, die sie in ihrer zitternden Hand hielt, so heftig auf den Porzellanteller des kostbaren Services, das nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt wurde, daß ein Stück des Randes abbrach, und zetterte: „Nein! jetzt aber Hab' ich das saubere Gespräch schon satt! Hat man je in einem ordentlichen christlichen Hause gehört, daß ein Sohn so mit seinem Vater spricht!? Und Du" — wandte sie sich zornbebend an ihren Gatten, „pfui der Schande, daß ich das in Gegenwart meines Kindes aussprechen muß, — Du alter grauer Sünder, der Du schon achtundzwanzig Jahre mit einer braven, rechtschaffenen Frau verheiratet bist und einen großen Bengel von Sohn hast, schämst Du Dich nicht, ein Judenmädel, das Dich, wie Du selbst sagst, nicht anspuckt" — (die Frau Bürgermeisterin spuckte dabei selbst kräftig vor ihrem Galten auf dem kostbaren Teppiche aus, und ließ es unentschieden, ob sie diese Action nur plastisch zu verdeutlichen beabsichtige oder selbständig vor ihrem Eheherrn ausspuckte) — „genau zu schildern, als wenn Du einen Steckbrief hinter ihr zu schreiben hättest? Was hast Du alter Narr und . . . .' die Bürgermeisterin verschluckte ein Wort, das daher leider nicht auf die Nachwelt überkonlmen ist, „ein schmuckes Mädel so genau anzublicken, als wenn Du sie mit Deinen mausgrauen Augen auffressen wolltest? Schämst Du Dich nicht vor Deinen eigenen Sohn, der Dir leider ganz nachgeräth?" „Das sind höchst gemeine bürgerliche Anschauungen" sprach Lorenz, als die Frau Bürgermeisterin einen Augenblick um Athen: zu schöpfen inne hielt. „Wir Adeligen sind, wie auch in allen andern Sachen auch hierin viel vernünftiger, aufgeklärter und praktischer als Ihr Bürgerlichen. Als ich in Wien in Garnison lag, gab es dort einen Generalen, etwa in Deinem Alter, Papa, der gleichzeitig mit seinem Sohne um die Gunst einer Schauspielerin warb. Die beiden klugen, tactvollen Männer, die sich in Geschenken überbieten wollten, haben sich schließlich dahin geeinigt." „Herr und Gott!" kreischte die Bürgermeisterin auf, „das sind ja Zustände ärger als in Sodom und Gomora.Ich aber will in meinem Hause nicht solche unchristliche, sittenlose Reden hören!" sie erhob sich vom Tische, um das Zimmer zu verlaffen, aber an der Schwelle wandte sie sich um und schrie ihren Sohn zornig an. „Du bist nicht nur ein Lüderian und ein schlechtes Kind, sondern auch ein Lügner und Verleumder. Der Adel ist gewiß nicht so schlecht, als Du ihn malst, es wird ganz gewiß Viele unter ihnen geben, welche ein moralisches christliches Leben führen und „wir Adelige", spottete die Bürgermeisterin, hierbei die affectirte Sprache ihres Sohnes nachahmend, „glaubst Du wirklich, weil Dein Vater Esel genug war. Dir durch meinen Schwestermann den Titel Baron zu verschaffen, Du seist dadurch in der That ein ganz anderes Wesen geworden? Glaubst Du wirklich, daß dieser Titel Deinen Geist geschärft hat? Hans Narr! . . . . Daß Du schon in Deiner Jugend ein Gaffenjunge und ein Lump warst, habe ich zuweilen trotz meiner thörichten Mutterliebe erkennen müssen; aber, daß Du auch ein undankbarer Dummkopf und schrecklicher Heuochse bist, erfahre ich zu meinen, großem Bedauern erst heute." Nach dieser wenig schmeichelhaften Enunciation fuhr sie wie ein angeschossener Eber zur Thüre hinaus, diese hinter sich zuschlagend, daß das Haus in seinen Grundfesten erbebte. Einen Augenblick ward Lorenz sehr verlegen und wußte nicht, wie er die kräftige Philippika seiner Mutter ausnehmen solle, aber nach kurzem Bedenken fand er es für das Vortheilhafteste, den Phlegmatiker hervorzukehren, stocherte sich mit einem Federkiele zwischen den Zähnen, entkorkte eine Flasche eines heute noch nicht gekosteten Weines, schenkte sich ein Glas voll, roch zuerst an dasselbe, trank es langsam aus, schnalzte mit der Zunge und sprach: „Prächtiger Wein! Unser Oberst hat einen vorzüglichen Keller, aber parole d’honneur keinen bessern!.. .. Wir sind durch den stürmischen Abgang der Mama in unserem interessanten Gespräche unterbrochen worden. Es ist gut für sie, daß sie eine Frau und meine Mutter ist, einem Andern hätte ich eine solche

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