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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 174 Dr. BlMf'e Msürenschrrfl» Nr. 9 Ungezogenheit nicht ungestraft hingehen lassen; — aber wir sprechen ein anderes Mal über dieses Thema weiter — denn jetzt, nachdem ich Hunger und Durst gestillt habe, fühle ich es erst, wie müde ich nach dem langen anstrengenden Marschritte bin," — er gähnte laut und lange — „ich muß mich schlafen legen!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Die Geschichte des Judenthums von dem babylonischen Exile bis auf die Gegenwart." Ein Familienbuch. Von Tr. Ignaz Ziegler. Rabbiner in Karlsbad. Hegel's witziges Wort: „Das Einzige, was wir aus der Geschichte lernen, ist, daß die Menschen sich nie von ihr haben belehren lassen", kann man nur zum Theil gelten lassen. Wo es sich um die praktische Gestaltung des Lebens handelt, da läßt man allerdings gar oft jede Rücksichtnahme auf die geschichtliche Entwicklung der betreffenden Gesammtheit außer Acht, da entscheiden nicht selten nur Gefühle, oder Gründe augenblicklicher Zweckmäßigkeit. Jm^lebrigen aber ist der Nutzen, den man aus dem Studium der Geschichte zieht, ungemein groß. Im Spiegel der Vergangenheit erkennen wir nicht blos unsere Fehler, sondern auch unsere Vorzüge. Deshalb bildet die Kenntniß der Geschichte nicht nur einen Hebel der Selbsterkenntniß, sondern auch des Selbst bewußtsei ns, deshalb wird sie zu einem unversiegbaren Born des Enthusiasmus. Bei dem bedauerlicher Weise so lockeren religiösen Zusammenhänge wäre manches Reis am uralten, sturmerprobten Stamme Israels dürr und welk geworden, wenn nicht aus dem Boden der Geschichte neue, frische, verjüngende Säfte aufsteigen würden. So verwandelt sich dann Lauheit in Interesse, Mißvergnügen in Stolz, Gleichgiltigkeit in Begeisterung. Wie im Allgemeinen, ist auch in unseren Kreisen die Würdigung der Geschichte erst jüngeren Datums. Geisteshelden, wie Maimuni, Spinoza, welcher die Dinge unter dem Gesichtspunkte der Ewigkeit betrachtete, Mendelssohn fehlte der geschichtliche Sinn. Unserer Zeit aber ist er eigen, denn sie will sich selber bewußt werden. Nur hieraus erklärt sich auch die Thatsache, daß, von einem schüchternen Versuche abgesehen, erst das letzverfloffene Jahrzehnt begonnen hat, sich mit der seelischen Entwicklung des Kindes zu befassen. Auch in das in wisse nschaftlicher Hinsicht dunkelste Lebensalter der Kindheit, das sich der Selbstbeobachtung entzieht, soll Licht gebracht werden. Wie die Urgeschichte der Menschheit, so sollen auch die Anfänge des individuellen Seelenlebens sich der Erkenntniß erschließen. Es soll keine Lücke geben in dem erinnernden Selbstbewußtsein des Culturmenschen, wohl aber Einheit und Harmonie! — Auch innerhalb der Judenheit erwachte allmälig der geschichtliche Sinn; freuen wir uns, daß er jetzt eifriger als je gepflegt wird. Denn kaum vermag etwas über den Jammer der Gegenwart hinauszuheben und einen tröstlichen Ausblick auf die Zllkunft zu gewähren, als das verständniß- und' liebevolle Versenken in die Vergangenheit. ti Solche Erwägungen dürsten wohl Dr. Ziegle r, dessen Ruf weit über die Stätte seiner Wirksamkeit verbreitet ist, zur Abfassung obgenannten Buches *) veranlaßt haben. Es bezweckt die Belehrung und Aufrichtung des gegenwärtigen und Heranwachsenden Geschlechtes. Dieses soll seinen sinkenden Muth an unserer ruhmreichen Vergangenheit, an den jüdischen Männern, die in der Zeiten Flucht durch Leistungen, Culturarbeit und Charakterstärke hervorragten, anfrichten und durch die Kenntniß unserer ununterbrochenen Martyrien, der sittlichen Triebkraft unseres Glaubens zur Werthschätzung der Wissenschaft des Judenthums und zur Anerkennung der Religion als wesentlichen Bestandtheil des Lebens gelangen. Dr. Z i e g l e r hat diese Aufgabe glänzend gelöst und ein Familienbuch im besten Sinne des Wortes geschaffen. Hierfür gebührt ihm Dank und Anerkennung. Der stattliche Band, dessen äußere Form auch sehr gefällig ist, behandelt Israels Geschicke und Geisteskämpfe von der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bis auf unsere Tage. So werden auch der Antisemitismus, der Proceß Dreyfus, die zionistischen Congresse, die jüngsten Ereignisse und Geistesströmungen besprochen. Dies verleiht dem Buche einen besonderen Werth und Reiz und den Charakter eines verläßlichen, mit treffendem, objectivem Urtheil ausgestatteten Führers durch die Bewegungen der Jetztzeit. Vorzüglich ist die Eintheilung, des Werkes. Bei Beibehaltung der genetischen Methode in Bezug auf die Zeit, werden die Geschehnisse nicht nach den Ländern, wie es bisher üblich war, sondern dem stofflichen Inhalte nach grnppirt. So ist z. B. die geistige Entwickelung des Judenthums von der Abfassung 'des Talmud dis zum 18. Jahrhundert in 8 Abschnitten zusammengefäßt und zwar in „Gesetzesstudium", „Bibelexegese", „Philosophie", „Kabbala", „Poesie und Kunst", „Geschichte und Geographie", „Medicin", „Astronomie und Mathematik". Diese Gruppirung ist neu, legt Zeugniß ab vom pädagogischen Tact des Verfassers und wird gewiß noch Nachahmung finden. *) Prag und Breslau. Jacob R. Brandeis. Eine der ersten Forderungen, die man an ein Buch, das für weitere Gesellschaftsschichten bestimmt ist, stellen muß, ist die edle Volksthümlichkeit der Darstellung. Des Verfassers Schreibweise zeigt den Meister des Styls. Sie ist einfach, klar, ohne Phrasen, ohne Schwulst. Keine Spur von der so häufig anzutreffenden, aufdringlichen und deshalb abstoßenden, panegyrischen Apologetik, wobei man die Absicht der Verhimmelung merkt und. „man wird verstimmt." Ziegler versteht es dennoch, den Leser zu erwärmen und unwillkürlich ist man nach Lectüre seines Buches in eine gehobene Stimmung versetzt. Der Verfasser hat durch diese edle Popularisirung unserer Geschichte ein unbestreitbares Verdienst erworben und es ist nur zu wünschen, daß sein Werk ein wahres Volksbuch werde. Es ist pietätvoll den Manen des leider so früh vollendeten Meisters der jüdischen Wissenschaft, Prof. K a u f m a n n geweiht, aber kraft seines inneren Werthes widmet sich Z i e g l e r's Buch von selbst dem denkbar größten Leserkreise. Neichenberg. Rabbiner Dr H o f m a n u. Neue Bücher. Rabbiner Dr. H. Ehrman i» Baden (Schweiz) Durchs Jahr l Essays über die gehobenen Momente des jüdischen Pflichtlebens in allen Monaten des Jahres. Frankftlrt a. M. Verlag von A. I. Hoffmann 1900. Dr. Simon Friedmann, Rabbiner, Deutsche Haggadah. Ordnung für die häusliche Feier an den ersten beiden Abenden des Pessachfestes. Frankfurt a. Main. 1900. Verlag von I. Kauffmann. Des Flavins Josephus Jüdische Alterthümer. Uebersetzt und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Dr. Heinrich Clementz. Halle a. d. S. Verlag von Otto Hendel. Briefkasten. Moriz Breda, Brünn. Der 1. Jänner 1859 war Samstag, am 25 Tebeth. I. B. Linz: Einer „Action gegen den Achtstundentag" sollten Sie sich nicht anschließen. P ilipus. Nun geben auch christliche Theologen es schon zu, dass Albertus Magnus und Thomas von Aguino so völlig in den jüdischen^Philosophen Gabirol und Maimonides wurzeln, daß sie ohne diese kaum gedacht werden können. Nestor. Nicht immer hat Treitschke eine so einseitige, bornirte und gehässige Ansicht von den Juden gehabt Von ihm kennen wir auch andere Aeußerungen, wie z. B. „Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte nnd ungetanste, Felix Mendelssohn, Veit. Riesser u a. — um der Lebenden zu geschweigen — deutsche Männer waren im besten Sinne des Wortes" . . . Austriacns. Der gewesene österreichische Minister Dr. Eduard H e r b st hatte vor mehr als einem Jahrzehnt über den Antisemitismus kurz und bündig eine treffende Charakteristik gegeben mit den Worten: „Ich erkenne in dem Antisemitismus ein bedenkliches Zeichen der Zeit und eine für die Gesellschaft gefährliche Erscheinung, einen bedauerlichen Beweis einer Verwilderung, die zu bekämpfen Pflicht eines Jeden ist, den ein lebhaftes Gefühl für Fortschritt und Humanität beseelt. Historicus. Unser Kaiser hatte auch schon bei ftüheren Gelegenheiten dieselbe Ansicht geäußert. Schon am 3. October 1892 beim Empfange der österreichischen Delegation in Ofen sagte er über das rohe Treiben der Antisemiten im niederösterreichischen Landtage, es sei „ein wahrer Scandal und eine Schande vor aller Welt". Nemo. Eine geistreiche französische Schriftstellerin, Delphine Gay. sagte einmal: „Es ist nicht die Tugend, sondern die Komödie der Tugend, was die Welt will " Die Wiener Antisemiten halten es aber für überflüssig, auch nur die Komödie der Tugend spielen zu wollen. Ego. Die Zeiten haben sich auch hierin sehr geändert. Im Jahre 1835 veröffentlichte der berühmte Hamburger Prediger Gotthold S alomon gegen den Rostocker Professor der Theologie Hartmann, der eine von Verleumdungen strotzende Broschüre gegen die Juden geschrieben hatte, eine scharfe Entgegnung. Diese Schrift machte solchen Eindruck, daß die Hörer Hartmann's erklärten, seine Vorlesungen nicht eher besuchen zu wollen, bevor er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen nicht widerlegt habe. H. W. In dem „Dentschen Volksblatte" selbst konnte mau das cynische Geständniß lesen, wonach ein Schriftleiter dieses Blattes eigens nach Polna gesendet wurde, um eine „Rechtscommission" einzusetzen, welche die Aufgabe hatte, das infamste Unrecht zu begehen. H. B. Es ist ja erst vor wenigen Tagen den Verganiten im Gerichtssaale 4>as Brandmal aufgedrückt worden, daß sie aus Grund in der Redaction selbst angefertigter Telegramme, einen unschuldigen Juden als Mörder verleumdeten. P. N. Sacher-Masoch war kein Jude. Er hat sich nur viel mit der Geschichte und den culturellen Verhältnissen der Juden beschäftigt. Anton W. Das „Vaterland" glaubt wieder ein Lebenszeichen dadurch zu geben, daß es um die Wette mit dem „Deutschen Volksblatt" die Judenfresserei zu betreiben beginnt.

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