Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 170 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 9 vielen Stellen im Talmud erzählt, daß ein römischer Kaiser (Antoninus) mündlich und schriftlich mit ihm verkehrte, sich über religiöse, juristische und philosophische Fragen mit ihm unterhielt, und in manchen Familien- und sogar Staatsangelegenheiten ihn zu Rathe zog Wer war dieser römische Kaiser? oder richtiger: Welcher „Antoninus" war es. Es gab in dem genannten Jahrhundert eine ganze Reihe römischer Kaiser, die den Namen „Antoninus" führten. Die jüdischer! Gelehrten und Geschichtsschreiber (Jost, Grätz, Cassel, Frankel u. A.) schwanken darum, jeder entscheidet sich für einen Andern, von Antoninus Pius bis Caracalla. Da die Gespräche, Anfragen und Antworten zwischen dem Kaiser und Rabbi im Talmud erhalten sind, da ferner das Hauptwerk Rabbis, die „Mischna", ebenfalls vorliegt, so bewies der Redner aus inneren Gründen, daß der betreffende rönrische Kaiser kein Anderer als Marcus Aurelius Antoninus, mit dem Beinamen „Philosophus", gewesen sein könne, der 121 geboren und 180 gestorben, um 175 im Orient gewesen, durch Syrien und Palästina kam, und von dem 12 Bücher „Selbstbetrachtungen" (philosophische Grundsätze und ethische Lebensregeln) auf uns gekommen sind. — In geistvoller Weise wies der Redner die Gedankenharmonic in den „Selbstbetrachtungen" des Kaisers und in den Lehrsätzen und Aussprüchen Rabbis nach. Die frappante Uebereinstimmung, die nicht nur in dem Inhalte, sondern oft auch in den Redefiguren, Gleichnissen und Bildern gefunden wurde, machte die Beweisführung zu einer überzeugenden. „Wenn — so schloß der Redner — die noch jetzt auf dem Piazza Colonna zu Rom sich erhebende gewaltige Marcussäule, die unter Marc Aurel errichtet mit dem Bilde dieses Kaisers gekrönt war, seit 1589 das des Apostels Paulus trägt, so kann das Judenthum gerade auf die Wahl dieses Apostels, der nach seinem eigenen Geständniß (siehe Apostelgeschichte 22, 3) zu den Füßen eines Großahns unseres „Rabbi" gesessen (des R. Gamaliel) mit gewiffer Genugthuung blicken." Berlin. (Zun z-S t i f t u n g.) Die Zunz-Stiftung unterstützt nur solche literarische Arbeiten, welche methodisch die Wissenschaft des Judenthums fördern. Für das Jahr 1900 sind etwa 1200 Mark verfügbar. Nur Meldungen oder Anträge, welche mit vollständigen, ein Urtheil ermöglichenden Unterlagen versehen sind, werden berücksichtigt. Dieselben sind im Juni l. I. dem Unterzeichneten Vorsitzenden einzureichen. Außerdem stellt uns ein ungenannter Gönner 200 Mark zur Verfügung mit der Bestimmung, davon in Beträgen nicht unter 500 Mark besonders werthvolle Arbeiten zu prämiiren. Berlin, im Februar 1900. Das Curatorium der Zunz-Stiftung: Dr. S. Neumann, Vorsitzender, Kurfürstenstraße 126. Dr. A. Abr ah am. Berlin. In der Reihe der Montagsvorlesungen zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums sprach heute Herr Rabbiner Dr. Rieger aus Potsdam über: „Das Judenthum an der Wende des Jahrhunderts". Ausgehend vom Beginn desselben, an welchem auch ein Strahl der durch die französische Revolution verkündeten Humanität und Toleranz auf das Judenthum gefallen war und eine übertriebene Aufklärung und Schwärmerei zeitigte, schilderte der Redner, wie bald nach den Freiheitskriegen eine Reaction cintrat. Die Juden wurden wieder die Parias der Gesellschaft, und die Kinder der Aufgeklärten fühlten nicht die Kraft, ihrer Religion wegen zu dulden oder zu kämpfen und warfen die Bürde des Glaubens von sich. Man sah die Nvthwendigkeit ein, das Judenthum zu beleben und zu kräftigen, aber alle Mittel erwiesen sich als unzureichend. Erst Abraham Geiger trat mit erquickendem Freimuth auf und wies den Weg, den das Judenthum fortan zu wandeln hätte. Mit glühender Begeisterung predigte er die Fortbildung des Judenthums und seine Reform. Er begründete die Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums, die Heimstätte der freien Forschung, eine leuchtende Hochburg der Zukunft des Judenthums. Der anregende Vortrag umspannte noch die beiden feindlichen Strömungen, den Jndifferentismus und Antisemitismus, und schloß mit einem warmen und eindrucksvollen Appell, das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken und durch weitere unermüdliche Forschungen die hohe ethische Bedeutung des Judenthums klar zu legen. Der Vortrag fand lebhaften, wohlverdienten Beifall. Berlin. Das Berliner Gelbbuch, das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin für 1897 ist, wie bereits kurz gemeldet, soeben erschienen. Es ist dem Senior der Berliner Statistik, Dvctor Salomon Neumann, gewidmet und wir kommen noch ausführlich darauf zurück. Die Uranfänge der modernen Berliner Communalstatistik reichen in das Jahr 1859 zurück, als Dr. Neumann Stadtverordneter wurde, und nun alsbald daran ging, neue Grundsätze für die Berliner Volkszählungen zu schaffen, die damals sehr im Argen lagen. Er ist der Schöpfer des ehrenamtlichen Zählerstabes, der noch jetzt alle fünf Jahre am 1. December in Thätigkeit steht, er schuf die Aemter der Revierdeputirten, Distriktscommissare und Zählungsrevisoren und Zähler. Damals wurde es zum ersten Male möglich, aus den Zählungslisten, die zunächst nur die Grundlage der staatlichen statistischen Tabellen .bildeten, communalstatistische Werthe zu gewinnen. Es ist daher nur eine Dankesschuld, welche der Chef unseres Statistischen Amts, Geheimrath Böckh, seinem langjährigen Mitarbeiter abträgt, wenn er ihm zum 80. Geburtstage das vorliegende Gelbbuch unter ausführlicher Würdigung aller Verdienste des greisen Stadtverordneten widmet. Hamburg. Der Tod hält in diesem Winter reiche Ernte unter den hervorragenden Mitgliedern unserer Gemeinde; schon wieder hat der unerbittliche Schnitter einen der Besten aus unserer Mitte dahingerafft. Herr Max Magnus, Seniorchef der gleichnamigen Bankfirma, wurde im besten Mannesalter von 51 Jahren vom Tode dahingerafft. Der Verblichene gehörte zu den angesehensten Mitgliedern der Hamburger Finanzwelt, zeichnete sich durch Wohlthätigkeit ohne Ansehen der Confession aus und war stets bereit, sich an der Verwaltung von Gemeiude- und Wohlthätigkeitsiustitutionen zu betheiligen. Er war der Mitbegründer der Theresien-Stiftung (zur Unterstützung curbedürftiger Israeliten), die unter seiner Milwirkung sich zu einer der segensreichsten Institutionen der Gemeinde ausbildete. Die am 16. Februar stattgefnudeue Beerdigung legte ein beredetes Zeugniß von der großen Beliebtheit des Verblichenen ab. Die Trauerrede hielt Herr Prediger Dr. Leimdörfer, der, anknüpfend an die Worte aus den Klageliedern Jeremias, Cap. 1, Vers 16, dem Schmerz Ausdruck gab, der durch den Tod des Verewigten nicht nur die Gattin und unmündigen Kinder, die zahlreichen Freunde, sondern auch das Gemeinwesen betroffen. Redner entwickelte in ergreifenden Worten ein Lebensbild des Verblichenen, der seine reichen Mittel dazu verwandte, um den Armen und Bedürftigen helfend zur Seite zu stehen. Mit einem Segensspruch und Trostesworten an die Hinterbliebenen schloß die wirkungsvolle Rede, die bei der großen Trauergemeinde einen tiefen Eindruck hinterließ. Hierauf ergriff Herr Gemeindevorsteher Rechtsanwalt Doctor Max Cohn das Wort, um seinem langjährigen Freund den letzten Scheidegruß zu widmen. Der imposante Leichenzug bewegte sich nach dem israelitischen Friedhof in Ohlsdorf, woselbst nach einem Gebete des Geistlichen die Beisetzung stattfand. Florenz. Unter allgemeiner Betheiligung aller Kreise der hiesigen Bevölkerung wurde am 4. Februar die Baronin Enrichetta Vivante Levi zu Grabe getragen. Nach nicht ganz zweitägigem Krankenlager verschied die hochherzige Frau, vierzigjährig/ an einer Lungenlähmung als Opfer ihrer Mutterliebe; bei der aufopfernden Pflege ihres an Influenza erkrankten Söbnchens zog die mehr als gewissenhafte Mutter sich eine Ansteckung zu, die sie einem jähen Tode zuführen sollte, eine Märtyrerin der Mutterpflichten. Die ganz unerwartete Nachricht erregte in der Stadt die höchste Aufregung und Bestürzung. Die Verstorbene erfreute sich allgemein der größten Sympathien; ihre feine Bildung, ihre hohen gesellschaftlichen Vorzüge, machten sie in den vornehmen und gebildeten Kreisen beliebt; liebevolles, freundliches Wesen gegen jedermann, ihre reiche, mit vollem Herzen ausgeübtc Wohlthätigkeit gewannen ihr die Zuneigung und Dankbarkeit der Armen. So war denn auch das Gefolge derer, die ihr das letzte Geleit gaben, unendlich groß, Vornehme nnd Niedrige, Reich und Arm, Private und Vereine waren in großer Anzahl vertreten. Das Trauergefolge schloß eine nach Hunderten zählende Menge von Kindern mit der Fahne der „Allgemeinen Gesellschaft zur Pflege und Erziehung bedürftiger Kinder" unter Führung ihrer Lehrer. Diese segensreiche Institution, die der Gatte der Heimgegangenen, Comm. Adolfo Scander Baron Levi, in hochherziger Weise gegründet und leitet, verdankt der warmen Fürsorge und der edlen Opferwilligkeit des Baron Levi'schen Ehepaares den größten Theil seiner materiellen und moralischen Kräfte. Am Grabe zeichnete Rabbiner Dr. Margulies in kurzen, markigen Zügen das Charakterbild der seltenen Frau als Gattin, als Mutter und Wohlthäterin. An. der Verstorbenen verlieren die Armen eine Freundin ihrer Kinder, eine selten aufopfernde