Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 9 Br. Bloch's Wochenschrift^ Sette 169 die Besserung der religiösen Zustände innerhalb der galizischen Judenheit am Herzen liegt. Bis October 1899 wurde die Anstalt von Herrn Ewen allein geleitet. Jetzt hat die Schule dadurch eine wesentliche Kräftigung erfahren, daß seitens des Gemeinde-Vorstandes Unterrichtsräume zur Verfügung gestellt und zwei Vertreter, die Herren Salomou Buber und Dr. B. Goldmann in das Comits delegirt wurden. Wir bieten der Jugend den alten bekannten Inhalt unserer erhabenen Lehre und die alte ehrwürdige Sprache unserer Bibel in anderer Gestalt, in einer Form, die unsere Jugend in Schule und Leben lieb gewonnen. Mag aus unserem Schüler, nachher werden, was immer; er wird stets die Achtung vor seinen Glaubensgenossen und ihren Heiligtümern bewahren. Und umgekehrt, mag er noch so fromm und gottesfürchtig sein ferneres Leben einrichten, er wird stets ein tüchtiger, gediegener, pflichttreuer Diener seines Berufes und ein beliebter Gast in den Salons der Edlen sein. Unsere Schule will den Abfall von religiösen Idealen zu hemmen versuchen, zugleich aber macht sie Propaganda für Verbreitung der Bildung unter unseren Glaubensgenossen. Prag. (Vortrag.) Vor einem größeren Auditorium hielt gestern Herr Docent Dr. M. W i n t e r n i tz bei einem Vereinsabend des „Centralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten" einen höchst spannenden Vortrag über das Thema: „Race, Volk und Religion nach den Lehren der Völkerkunde." Aus seinen interessanten Ausführungen excerpieren wir in Kürze folgendes: Der Begriff Race wird oft mißbraucht. Mau spricht z. B oftmals von einem Racenhasse zweier Volksstämme, die doch eigentlich ein und derselben Race angehören. So gehören die Jndogermanen und Semiten zu der kaukasischen Race und es erscheint füglich falsch, wenn man von einer semitischen oder umgekehrt von einer iildogermanischen Race spricht. Die Racenwissenschaft oder Anthropologie gliedert sich in zwei Abtheilungen: die physische Anthropologie und die Völkerkunde. Die erstere ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Geologie und wie der Geologe die Thiere in species eintheilt, so sucht auch der Anthropologe die Menschen je nach Haut, Haarfarbe oder Schädelbildung in speeies zu clasfificiren. Die Race nun ist ein Begriff der physische Anthropologie, ein Begriff, der sich auf körperliche Merkmale bezieht und im naturwissenschaftlichen Sinne keine speeies, sondern nur eine Varietät bedeutet. Ganz anders verhält es sich mit dem Begriffe Volk. Ein Volk ist die Gemeinschaft von Menschen, welche eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Cultur besitzen und zusammen wohnen. Sind nun die Juden eine Race oder ein Volk? Sie sind keines von beiden. Als Semiten gehören sie zur kaukasischen Race und als Volk entbehren sie der gemeinsamen Sprache, der einheitlichen Cultur und des gemeinschaftlichen Wohnsitzes. Die Juden bilden einen Racentypus, von welchem Richard Andrer sagte, daß sich kein anderer Racentypus so weit zurückoerfolgen lasse wie der der Juden, deren semitisches Blut stets den Sieg davontrage. Mit Ausnahme der Zigeuner seien die Juden der einzige Racentypus in Eurova. Daß die Juden jedoch kein reiner Typus sind, geht aus den vielfachen Mischehen hervor, welche seit den ältesten Zeiten im Judenthume geschlossen wurden. Ernest Renan nennt das Judenthum keine Race, sondern einen Glauben. Und darin dürfte dieser große Gelehrte das richtige getroffen haben. Ohne Heimat, ohne gemeinsame Sprache und ohne Cultur war es einzig und allein die Religion, welche in früheren Zeiten Israel das Bewußtsein des Einigkeitsgefühles erhalten hat. Heute aber, wo der Jude ein Vaterland und eine Nationalität besitzt, wo er in allen civilisirten Ländern mit seinen Mitbürgern als gleichberechtigt angesehen wird, heute gehört er zu jenem Volke, in dessen Mitte er lebt und dessen Sprache er redet. — Unter lautem Beifall schloß Herr Dr. Winternitz seinen fesselnden Vortrag. Köln. Das hier erscheinende „Israelitische G em e i n d e b l a t t" veröffentlicht folgende Zuschrift: Von hochangesehenen Gemeindemitgliedern erhalten wir folgende Zuschrift, die wir des Friedens wegen nicht gerne aufnehmen mochten. Allein man erklärte uns, daß der Inhalt sonst der Tagespresse übergeben würde, und damit wäre der Sache noch weniger gedient. Die Zuschrift lautet: „Wunderbare Gerüchte laufen in unserer Gemeinde um über ein Borkommniß, das, wenn es auf Wahrheit beruht — und wir haben keinen Grund, nach unseren Informationen daran zu zweifeln — die schärfste Mißbilligung und ernsthafteste Entrüstung aller ehrlich denkenden Juden hervorzurufen geeignet ist. Seit circa zwei Jahren ist als Chor-Dirigent der hiesigen Gemeinde gegen ein Gehalt von 2000 Mark ein Capellmeister des hiesigen Theaters, Russe von Geburt, angestellt, der sich als Jude vorstellte, was er auch jedenfalls früher war, jetzt aber Mitglied der protestantischen Gemeinde in Köln ist. Der Gemeinde-Verwaltung waren diese Umstände nicht nur bekannt, sondern sie wurden ihr auch zum Ueberfluß noch von Gemeinde-Mitgliedern bereits vor 1'/.. Jahren mitgetheilt. Bon solchen wurde auch dem Vorstand Kenntniß gegeben, daß durch diesen Synagogen-Chor-Dirigenten eine große Anzahl von Kindern der hiesigen jüdischen Volks schule zur Theilnahme am Theater - Chor verleitet würden und daß sich Anwohner des Theaters über das Herumtreiben dieser Kinder an den Abenden auf den Straßen am Theater beschwerten, und daß nach Mittheilung der Lehrer der jüdischen Volksschule diese Kinder sittlich und geistig verwahrlosten. Trotz aller dieser Umstände blieb die Sache beim Alten und die Synagogen- Gemeinde im Besitz: des jüdisch-protestantischen Dirigenten und die Kinder unserer armen Gemeinde-Mitglieder im Besitze eines solchen religiös-charaktervollen Gesanglehrers. Als die Entrüstung über diese Vorgänge weitere Kreise ergriff, kam die Angelegenheit in der Repräsentanten - Versammlung zur Sprache, wobei auch die behördliche Bescheinigung über die Mitgliedschaft dieses sich Jude nennenden Chor-Dirigenten zur protestantischen Gemeinde vorgelegt werden konnte. Und nun geschah das Wunderbare : es wurde dem jüdisch-protestantischen Chordirigenten aufgegeben, innerhalb ein r Frist von einigen Wochen den Beweis seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Confefsion zu geben, wohl bemerkt, von derselben Verwaltung, die das Document von der Zugehörigkeit dieses Ex-Juden zur protestantischen Gemeinde hatte. Wenn unsere Gewährsleute richtig verstanden haben, will der würdige Herr seine Entschließung, zu welcher Confefsion er sich bekennen will, von der demnächst zu erwartenden Entscheidung über den Personenwechsel in der hiesigen Theater-Direction abhängig machen. Entspricht obige Schilderung den wirklichen Thatsachen, so liegt unseres Erachtens eine Erscheinung vor, die mehr als alle Worte geeignet sein dürfte, endlich einmal die Juden unserer Gemeinde aus ihrer Lethargie auszurütteln. Wo würde sich eine Religions-Genossenschaft finden, die so wenig Selbstachtung, so wenig Selbstbewußtsein bewiese, einem von ihr Abtrünnigen, der seiner Stellung halber seine Confefsion wechselt wie ein Hemd, ein Amt in der Gemeinde zu übertragen, einem solchen Manne die Kinder der Armen zum Unterricht anzuvertrauen, die er, um das Maß voll zu machen, in der zartesten Jugend auf den schlüpfrigen Boden des Theaters führt. Wenn schon in allen Kreisen, in allen Confessionen über den Werth der Abtrünnigen, die mit der Religion, dem heiligsten Gut ihrer Mitmenschen, Schacher treiben und sich dem Bekenntniß jeweilig zuwenden, wo ihnen der meiste Vortheil winkt, nur eine Stimme herrscht, dann wäre es wohl sicherlich auch Aufgabe der Gemeinde-Verwaltung, eine solche, die Gesammtheit tief corrumpirende Charakterlosigkeit nicht zu fördeul, sondern wenigstens wie es in der heiligen Schrift steht: „Das Böse aus ihrer Mitte abzuschaffen!" Wenn sich die Dinge wirklich so verhalten sollten, so hätte die Kölner jüdische Gemeinde sich einer Verwaltung zu erfreuen, wie sie in Bezug auf Borurtheilslosigkeit kaum noch irgendwo existiren dürfte. Magdeburg. (Verein für jüdische Geschichte und Literatur). Dienstag den 20. Februar Abend hiel: Herr Rabbiner Dr. Rahmer vor einer zahlreichen Versammlung den angekündigten Vortrag über „Kaiser und Rabbi". In der Einleitung hob der Redner hervor, daß die Unbestimmtheit in der Angabe des Themas einestheils nur eine scheinbare sei, anderntheils aber ihren Grund in der historisch bis jetzt noch nicht ganz klargestellten Persönlichkeit des betreffenden Kaisers habe. Allerdings seien „Kaiser" sowohl wie „Rabbi" nur Titel; wer aber die jüdische Literatur des zweiten nachchristlichen Zahl - Hunderts etwas genauer kenne, der wisse, daß unter „Rabbi" ein ganz bestimmter Mischna-Lehrer verstanden sei, den der Volksmund kurzweg unter Hinweglassung des Eigennamens seiner großen Gelehrsamkeit wegen mit dem Ehrentitel „Rabbi", d. h. „mein Lehrer" bezeichnete, weil Jeder ihn als seinen Lehrer betrachtete. Sein voller Name war „Rabbi Jehuda Ha-Naßi", Patriarch und Vorsitzender des Synhedrion (hohen Raths) zu Sepphoris, mit dem ob der Lauterkeit seines Charakters ihm nach dem Tode ertheilten Beinamen „Ha-Kodausch", d. h. der Heilige. Von diesem Rabbi, dessen Charakterbild der Redner entwarf, geboren um 135, gest. um 210 n. Chr., wird an sehr