Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 168 Dr. Bloch's Wochenschrift« mi. 9 Meran, 22. Feber. In der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" ist eine Broschüre des Herrn Rabbiners Dr. Rosenmann „Jüdische Realpolitik in Oesterreich" erwähnt worden. Ich habe bicfc kleine Schrift mit vielem Interesse gelesen, das sie auch verdient, da sie einige sehr richtige und beherzigenswerte Bemerkungen enthält; wenn wir auch nicht mit sämmtlichen Anschauungen des Verfassers einverstanden sind, namentlich nicht mit jener, daß der Antisemitismus blos eine dünne Schichte der christlichen Bevölkerung ergriffen. Wir gratuliren Jedem, der dies glaubt, zu seinem naiven, kindischen Gemüthe. Für uns ist der Antisemitismus eine Seuche, die fämmtliche Schichten und Kreise der Gesellschaft ergriffen und angefteffen. Nur relativ wenige gebildete Menschen sind mitten in dieser pestilenzialischen Ausdünstung immun geblieben. Aus der christlichen Bevölkerung haben wir in unserem Defensivkriege keine, noch so geringe Auxiliartruppe zu erwarten, denn selbst die erleuchteten und aus der Höhe des zwanzigsten Jahrhunderts stehenden Männer haben nicht den Muth, sich für uns zu echauffiren und zu exponiren. Ebenso unrichtig ist daß der Polenclub den Antisemitismus nicht aufkommen läßt. Ich gebe zu. daß dort einige hervorragende Männer sitzen, welche in der That den religiösen Judenhaß perhorresciren, obwohl sie ganz gute Katholiken sind — als solche kenne ich persönlich die Herren von Jaworski und Bilinski — aber wenn dieser Polenclub es ernstlich wollte und mit seiner Autorität im Lande dafür eintreten würde, wäre nicht Galizien so verseucht und die dortigen Juden nicht wirthfchastlich so bedrängt, wie es der Fall ist. Die Führer der Polen sind gescheidte Leute, sie wollen sich als Männer des Fortschrittes und der Aufklärung repräsentiren, sie wollen verhüten, daß man ihr Land als kulturell zurückgeblieben ansieht, sie wollen es mit den jüdischen Clubmitgliedern nicht verderben und nicht ihr Ansehen als conservative Partei compromittiren; in der That aber kann sich der galizische Antisemitismus quantitativ und qualitativ mit jenem der deutsch-österreichischen Provinzen ruhig messen. Dagegen ist der Ruf des Autors nach einer strammen Organisation mit einer Centralvertretung an der Spitze, vollständig berechtigt nnd begründet. Wir haben dies seit Jahren befürwortet. „Das Judenthum als politisches Individuum braucht ein weitverzweigtes, politisches Nervensystem, mit Strängen und Fasern, die den ganzen Körper, bis in die fernsten Theilchen durchlaufen." Ferner muß der empfohlenen Reserve Angesichts der nationalen und Parteikämpfe zugestimmt werden. Es ist richtig. Gehen wir in Reichenberg mit den Deutschen, so werden wir rn Holleschau von den Czechen verfolgt; stimmen wir in Budweis mit den Czechen, so rächen sich die Deutschen in Leitmeritz — und selbst unsere devote Gefolgschaft der Regierung gegenüber deuten die Einen als Servilismus, die Anderen als Verrath an ihrer Nationalität. Wir machen es unfern Widersachern eben > iemals Recht. Deshalb ist die von Dr. Rosenmann befürwortete Zurückziehung aus uns selbst, auf unsere engsten Jntereffen, auf unfern eigenen Fortschritt auf dem Gebiete der Cultur und Humanität, das einzig Richtige, was wir tbun können. Mau zwingt und ja dazu, indem man an die Stelle der steinernen Ghettos, die socialen setzte; statt der Mauern, den Boycott! Und ach, diese trostlosen Zustände sind nicht im Weichen, wie Biele hoffen; die Regierung ist nicht stark genug sie zu beherrschen; blieben doch selbst Worte von allerhöchster Stelle ungehört und unverstanden im Gejohle einer haßtrunkenen Menge, die im Schatten breitkrämpiger Hüte und härener Gewänder zurückgesunken ist in die barbarischen Zeiten des Mittelalters! „e0 Herzberg-Fränke,. Lemberg. Ueber Anregung des Schuldirectors Herrn Dr. Biegeleisen hat sich eine Anzahl jüdischer Mädchen zur Gründung eines Hilfsvereines (Opieka szkolna) für arme jüdischen Schulkinder vereinigt. Fräulein Adele Blumenfeld steht an der Spitze des neugegründeten Vereines und entfaltet, unterstützt von dem Ausschüsse, eine eifrige Thärigkeit im Interesse unserer armen Jugend. Diese der wärmsten Unterstützung würdige Institution verfolgt den sehr humanen Zweck, den die jüdische Mädchenschule besuchenden Kindern in der schulfreien Zeit ein trautes Asyl zu bieten, in welchem dieselben unter entsprechender Obhut ihre Lectionen wiederholen und spielen können, außerdem auch eine Jause erhalten. Ferner werden die ärmsten mit Kleidungsstücken und Schulrequisiten betheilt. Es wäre nur zu wünschen, daß auch die israelitische Knabenschule dieser Wohlthat theilhastig würde. Wir glauben jedoch, daß der für unterstützende Vereinsmitglieder festgesetzte Betrag (1 Krone monatlich) als zu hoch herabgesetzt werden sollte. Die Zahl der Mitglieder würde sich hiedurch erheblich steigern. Lemberg. Dem Rechenschaftsberichte für das Jahr 1899 der hebräischen Schule „Chanoch lenoar“, erstattet von Doctor M. Munk, entnehmen wir folgende Mittheilungen: An den österreichischen Communal- und Staatsschulen ist auch der jüdische Religionsunterricht obligatorisch und von Staatswegen geordnet. Das mag in politischer Hinsicht, vom Standpunkte der Parität, ein beneidenswerther Zustand fein, für die religiöse Erziehung unserer Jugend bedeutet es, wenigstens was Galizien betrifft, in der heutigen Form geradezu ein Unglück. Das Lehrziel ist ein erschreckend minimales, das Hebräische völlig ausgeschlossen; die Lehrer, denen zumeist jede nennenswerthe talmudische. ja biblische Vorbildung abgeht, stehen in religiöser Hinsicht fast durchweg auf dem Standpunkt der „Aufklärung" und vertreten die religiösen Interessen ihrer Schüler weder im Lehrercollegium, noch bei den Behörden. Wer z. B. den Wunsch hat, sein Kind am Sabbath vom Schreiben dispensirt zu sehen, findet an dem Religionslehrer nicht selten einen Gegner; es ist vorgekommen, daß einer dieser Jugendbildner „vergessen" hat, dem Director mitzutheilen, daß Feiertag ist, was zur Folge hatte, daß die Kinder die Schule besuchen und schreiben mußten. Da zudem der jüdische Religionsunterricht vielfach auf den Nachmittag außerhalb der Schulzeit angesetzt ist, stört er die Schüler in ihren häuslichen Arbeiten, was nicht dazu beitragen kann, ihren Eifer und ihr Interesse zu steigern. Man sollte meinen, daß bei einer Seelenzahl von über 40.000 Juden und einer Riesenfrequenz der öffentlichen Lehranstalten durch jüdische Schüler hier schon längst für einen privaten gediegenen Religionsunterricht gesorgt und so für eine Abstellung der durch sein Fehlen gezeitigten traurigen Verhältnisse gesorgt sei. Nichts von alledem. Für Leistungen dieser Art ist der fromme Jude in Galizien sehr schwer zu haben, am schwersten, wenn es sich um die Wahrung und Festigung conservativreligiöser Interessen handelt, deren Bedeutung nicht unmittelbar zu Tage tritt. Hinzukommt, daß unter den Personen von Stellung und Gewicht fast Niemand mit dem Verständniß für die Fdrderungen der Zeit tiefe religiöse Festigkeit verbindet. Aber selbst wenn wir die Männer hätten, die in amtlichen und privaten Kreisen genügenden Einfluß besitzen und zugleich eine Besserung der Zustände in confervativem Sinne für nothwendig halten, fehlt es an Lehrkräften. Alle Schichten, die gesetzestreuen, die nationalen und die „aufgeklärten", begegnen sich in dem Borurtheil, daß treues Festhalten an dem Altüberlieferten und allgemeine Bildung Gegensätze seien, die einander ausschließen, und so sind auch die Lehrer entweder gebildet oder fromm. Den Versuch, diese Gegensätze zu überbrücken, hat in Galizien zum erstenmale die hiesige Schule schon dadurch unternommen, daß sie nur Schüler, die irgend eine öffentliche Lehranstalt besuchen, für deren weltliche Ausbildung also gesorgt ist, aufnimmt und andererseits den Religionsunterricht in traditionellgesetzestreuem Geiste den Kindern darzubieten bestrebt ist. Der Leiter der Anstalt, Herr Jsaac Ewen, ist als tüchtiger Hebräer (er zählt zu den Mitarbeitern fast aller hebräischen Zeischriften) und als erfahrener Pädagoge bekannt, was die von ihm in verschiedenen Orten Galiziens errichteten und mit großem Erfolge geleiteten Schulen, sowie zahlreiche Atteste bezeugen, von denen nur das des seligen Herrn Nehemias Landes, weilano Directors der kommunalen „Czacki"-Schule in Lemberg und General-Jnspectors der Baron Hirsch-Schulen, besonders genannt sei. Durch die Opferwilligkeit des Herrn Ch. Mosel früher in Lemberg, jetzt in Meran, war er in den Stand gesetzt, im Mai 1897 hier eine von zwanzig Gymnasiasten besuchte Privatschüle für die hebräischen Fächer zu eröffnen, welche sich durch die Gediegenheit der Leistungen bald Freunde erwarb, aber durch die Krankheit des Leiters und andere Gründe in ihrer Weiterentwicklung aufgehalten wurde. Im Oktober 1898 bildete sich zur Förderung der Schule unter dem Vorsitz des Schreibers dieser Zeilen ein aus fünf Mitgliedern bestehendes Comite, dessen Bemühungen es gelang, das Interesse weiterer Kreise zu wecken, so daß im Jahre 1899 das Budget auf 3000 Kronen gesteigert werden konnte. Dieser Erfolg ist namentlich der Opferwilligkeit hiesiger Honoratioren zu danken, die umso größere Anerkennung verdient, da die Anstalt in Galizien etwas völlig Neues ist. Wie jeder Kenner der Verhältnisse beipflichten wird, wächst die Bedeutung der Schule schon durch ihre ganze Tendenz, durch den muthigen Kampf gegen fest eingewurzelte Vorurtheile über ihre eigentliche Bestimmung weit hinaus, sie verdient deshalb das Interesse aller Derer, denen nicht nur das materielle Wohl, sondern auch