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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mi. 9 ft, B'och's Wochenschrift. Seite 165 diese Herren weiter anstatt mit Gründen mit Insinuationen kommen, werde ich als entschiedener Gegner dieser Reform (?) jenes Forum zu finden wissen, wo es an Objectivität nicht fehlt, und vor welchem die Herren gezwungen werden, Farbe zu bekennen und die wahren Beweggründe ihrer Handlungsweise zu enthüllen. Ich ersuche höflichst um Veröffentlichung vorstehender Erklärung und indem hieraus mit Zuversicht rechne, verharre ich Hochachtungsvoll Wien, am 26. Februar 1900. Lucian Brunner. Ein Antrag zur theilweisen Linderung des jüdischen Elends in Galiziens. So Vieles wurde hierüber schon gesprochen und geschrieben, ulld das Resultat von dem Allen war doch nur die mögliche Hoffnung, daß in den nächsten 15 oder 20 Jahren durch eine Gesammtaction der jüdischen Nation als solcher und unter Aufbietung gewaltiger Capitalsanlagen eine Besserung dieser schrecklichen Lage Platzgreifen — könnte! Und mittlerweile nagen 100.000 jüdische Seelen am Hungertuche und noch so schöne Leitartikel und ebensowenig zeitweilige Spenden können an diesem furchtbaren Schicksale Aenderungen hervorbringen. Gestatten Sie mir nun, verehrter Herr Redacteur, einen Antrag, welcher allen Handlungen der Menschheit, welche von berufener Seite in dieser Hinsicht proponirt wurden, nicht vorgreift, oder dieselben etwa behindert, aber dennoch einem kleinen Bruchtheile dieser Armen sofort Entlastung bringt, ohne daß diese Entlastung auch nur einen Kreuzer Kosten verursacht und Nichts beansprucht, als — eine vierwöchentliche Geduldübung und für dieselbe Zeit — etwas Nachsicht gegenüber von Nebenmenschen. Seit der Antisemitismus seine Herrschaft in Oesterreich angetreten hat, fühlen wir jüdische Hausfrauen es täglich mehr, daß wir trotz freundlicher und nachsichtiger Behandlung unserer christlichen Dienstboten, trotz der besseren Bezahlung und Bewilligung größtmöglicher Freiheiten, an denselben nur widerwillige, uns abgeneigteDienerinnen, sozusagen bezahlte Feinde haben. Und da bietet uns doch Galizien mit seiner so armen, aber desto zahlreicheren Bevölkerung eine völlige Fundgrube von jüdischen Mädchen, welche .willig und freudig nach Arbeit und Brot völlig schreien und denen es als Glücksfall gelten würde, in jüdischen Häusern als Dienstmädchen ausgenommen zu werden. Und diese Mädchen sind keine Mamsellchen in Hut und Schleier, welche mit bösem Gesichte auf Suppentopf und Casserole herunterschauen, da das Zeug noch immer nicht aufkochen will, während der Amant doch ungeduldig vor der Thüre harrt, sondern es sind häuslich gehaltene, fleißige, an Zurücksetzung und Entbehrung gewöhnte, ehrliche und gewissenhafte Mädchen, welche in ihren Hausfrauen ihre Beschützerinnen und Retterinnen sehen werden. Ich denke mir diese Hilfsaction — Hilfsaction auch für die Hausfrauen — derart gegliedert, daß vor Allem die jüdischen Frauenvereine Oesterreich-Ungarns mit den Leitungen der Baron- Hirsch'schen Schulen oder mit den Gemeinde-Vorstehungen in Galizien Anknüpfungspunkte versuchen, welche wegen des guten Zweckes sicher von gutem Erfolge begleitet sein werden, so daß beim bevorstehenden Ostercurse schon eine bedeutende Zahl dieser Mädchen in Verwendung stehen könnte. Und in der Folge wäre der Zuzug ein sich selbst regulirender, so daß innerhalb dreier Jahre bei 5000 jüdische Mädchen ihre gute Unterkunft in Oesterreich und auch in Deutschland finden könnten. Was das bedeutet? Das bedeutet nicht blos die Befreiung von so vielen jüdischen Geschöpfen aus Noth und Elend, das bedeutet auch die Entlastung eben so vieler ganzer Familien von der Erhaltung eines Ueberzähligen, eines Verzehrenden, dessen Mitthätigkeit zum Familienerwerbe nicht vermißt wird. Es bleiben ihrer doch noch gar so viele! Freilich! Abgerichtet sind diese Mädchen nicht! Aber die christlichen Dienstmädchen vom Lande, welche direct aus ihrer Bauernstube zu uns kommen, verstehen weder vom Kochen noch vom Serviren das geringste und deshalb darf ich als gewiß voraussetzen, daß ein bischen Frauengeduld, Milde und Nachsicht, auch diese jüdischen Mädchen binnen einigen Wochen zu brauchbaren Gehilfinnen umwandeln wird. Andrychau, im Februar 1900. Rosalia Unger Vorsitzende des israelitischen Frauen- Wohlthätigkeits-Vereines. Eine Heinefeier. Das Curatorium des Vereines znr Sammlung und Erhaltung jüdischer Alterthümer und Kunstdenkmäler hat am Sonntag im kleinen Musikoereinssaale einen Vortragsabend veranstaltet. Ritter von S o n n e n t h a l las Heine's „Rabbi von Bacharach," Concertsänger Gärtner trug, von I. Brüll begleitet, Heine'sche Lieder vor, die von R u b i n st e i n, Mendelssohn und Brüll vertont waren. Das war eine Heinefeier, von edelster Stimmung und Weihe getragen. Wie in tiefer Andacht lauschten die Zuhörer den Heine'schen Dichtungen. Worte und Vortrag hatten, ebenso wie die Musik, gleichen Antheil daran, daß sich der ganzen Versammlung eine Rührung bemächtigte, die in gewissen Momenten selbst den begeisterten Beifall einzudämmen schien, den man doch den Künstlern aus ganzem Herzen widmen mochte und den sie in übervollem Maße verdienten. Der Rabbi von Bacharach — wer hat ihn nicht gelesen, wer hat nicht den Zauber Heine'scher Schilderungskunst auf sich wirken lassen — und doch kam die Größe und Bedeutung dieser Dichtung allen erst dann zu vollstem Bewußtsein, als sie in Sonnenthal den berufensten, aber auch den empfindungsvollsten Vertreter fand. Selbst wenn nicht die äußeren Umstände — die Geschichte der letzten Tage und Jahre — es jedem Juden zu Gemüthe geführt hätten, wie furchtbar seit Jahrhunderten die abscheulichste und niederträchtigste aller Lügen, die die gemeinsten Leidenschaften mit Absicht entfesselnde Ritualmordlüge zur Verfolgung der Juden immer wieder von neuem vorgebrachr wird, selbst wenn nicht in unserem Gedächtniß das Andenken an Hekatomben von Märtyrern unvergeßlich bliebe, die diesem von verruchtem Glaubenshaß und erbärmlichster Geldgier eingegebenen Wahngebilde zum Opfer gefallen sind — müßte Sonnenthal's von echtester Empfindung getragener Vortrag auf jeden Zuhörer die packendste Wirkung üben. Dichter und Sprecher haben einander ergänzt. Was jener erdacht und selbst nur angedeutet, hat dieser plastisch vorgezaubert und mit der Gewalt seiner Rede hat er jede Saite unserer Herzen vibriren gemacht und der Ton, der ihm von Herzen kam. der traf aus gleichgestimmte Saiten, so daß sie gemeinsam in Schwingung geriethen, daß die Zuhörer unter Lachen Thrünen vergoßen, unter Thränen lächeln mußten. Und wie ungesucht und ungekünstelt war der Vortrag! Sonnenthal declamirte nicht — er ließ die Gestalten vor unseren Augen erscheinen, wir glaubten die Ereignisse zu sehen, wir vermeinten die Stimmen zu hören, wir erzitterten, als die Fremden mit dem unheimlichen Bündel in des Rabbi Stube eintraten und wir litten die Angst Sarah's mit, solange die Rettung nicht gelungen war. Welch' tiefes jüdisches Gemüth offenbarte S o n n e n t h a l in diesem Vortrag! So konnte nur ein Mann sprechen, der nicht blos vom Zauber der Dichtung ergriffen ist, sondern der aus eigener Kraft, ans eigenem Empfinden den Worten die Seele gibt. Bon unvergleichlicher Wirkung war ebenso der humoristische Theil der Dichtung wie der tragische und Sonnenthal bewies auch hierin wieder, daß er für diese der Gegenwart doch ganz entrückten Gestalten das tiefste Verständniß und darum die vollendeteste Darstellungskraft besitzt. Jäckel der Narr, der Nasenstern, der Tambour, Schnapper-Elle und Don Jsak Abarbanel bekamen Plötzlich Gestalt und Leben und als der Meister der Bortragskunst das „Böckleinlied" erklingen ließ — wer konnte ungerührt bleiben? Den älteren hat er die Vergangenheit vorgezaubert, die Jüngeren hat er mit der Begeisterung erfüllt, die in ihnen den Gedanken erwecken mußte, daß die tragische Geschichte der Juden von ihrer hohen Mission nicht zu trennen ist. Bedarf es erst der Erwähnung, daß in fast endlosem Beifall dem Vortragenden gedankt wurde? und daß in der Ueberreichung eines Lorbeerkranzes nur ein Symbol der Anerkennung zu erblicken war, die in Hunderten Herzen ihm eutgegenschlug? Auch der Sänger Gärtner erntete für den seelenvollen Vortrag einstimmigen Dank, nicht minder der Componist I. Brüll. Sie werden es uns umso lieber verzeihen, daß wir Sonnenthal's Leistung voranstellten, als sie ja selbst mit aufrichtigster Bewunderung ihm zujubelten. Unser Dank muß sich aber auch dem Präsidium des obgenannien Vereines zuwenden, das durch die Veranstaltung von Vortragsabenden und speciell durch diese Heine-Feier das tiefste Verständniß für das Empfinden der Wiener guten jüdischen Gesellschaft an den Tag gelegt hat, wie es ja auch schon durch die Gründung des Vereines bewiesen hat, wie sehr

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