Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021341--09679-3034120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Dr» Bloch's Wochenschrift. Seite 163 eingeleitet ist, befindet sich noch in der Gewalt Derjenigen, gegen welche die strafgerichtliche Handlung geführt wird. Und das geschieht im Rechtsstaate mit Wissen der Justizorgane! A. W i en e r. Die Kloster-Affaire im Parlament. ^Interpellation des Abgeordneten Dr. Straucher und Genoffen an ihre Excellenzen die k. k. Minister der Justiz und des Innern. Die minderjährige Michalina Araten, mosaischer Confessron, ist seit dem 30. December 1899 aus dem Hause ihres Vaters, Israel Araten in Krakau, verschwunden und hat ohne dessen Vorwissen und ohne dessen Zustimmung im Kloster der Felicianer- Nonnen in Krakau Aufnahme gefunden. Seither wird Michalina Araten gegen den Willen ihrer Eltern und gesetzlichen Vertreter, daher widerrechtlich, in diesem Kloster zurückgehalten und ihre Herausgabe dem sie wiederholt reclamirenden Vater gegen positives Gesetz und natürliches Recht verweigert. Alle bisherigen Bemühungen des Vaters, mit Hilfe der Gerichte und Polizei die Herausgabe seines Kindes zu erwirken, sind erfolglos geblieben, ja selbst eine Zusammenkunft und Unterredung mit seiner Tochter ist dem Vater nicht gewährt worden. Nun ist, Zeitungsberichten zufolge, Michalina Araten aus dem Felicianerinnen Kloster verschwunden und wird ihr gegen- Aufenthaltsort geheim gehalten. Angesichts dieses schreienden Willküractes und des unerklärlichen Umstandes, daß die berufenen staatlichen Behörden die in diesem Falle dringend gebotene Energie vermissen lassen, stellen die Unterzeichneten die dringende Anfrage: „„1. Was gedenken die k. k. Minister der Justiz und des Innern zu veranlassen, daß dem verletzten Gesetze Sühne verschafft und die Herausgabe der Michalina Araten sowie ihre Rückübergabe an ihren Vater ermöglicht werde? 2. Gedenken die genannten k. k. Minister die Schuldtragenden zu eruiren und selbe der gesetzlichen Strafe zuzuführen? 3. Was gedenken die genannten k. k. Minister zu veranlassen, damit in Hinkunft solchen Willküracten und Gesetzverletzungen begegnet werde?"" Dr. Straucher. SDaäfönäti, Berner, Schrammel, Dr. Verkauf, Hannich, Zeller, Resel, Dr. Lecher, Nowak, Auspitz, Kareis, Dr. Groß, Dr. Kopp, Hybes, Dr. Menger, Dr. Knoll, Dr. Demel, Herbst, Röhling, Dr. Ritsche. Wir lesen in der „Arbeiter Zeitung": Wie aus einer Interpellation, die der Abgeordnete Doctor Byk in der Sitzung des Polenclubs an seinen Landsmannminister Dr. Pientak richtete, hervorgeht, haben die Nonnen inzwischen Zeit gefunden, das Mädchen aus dem Kloster zu entfernen und unbekannt wo zu verbergen, so daß die Behörden jetzt die Ausrede haben, das Kind sei nicht zu finden. Dr. Byk, der patentirte Judenvertreter, hat sich der Sache sehr spät angenommen und anfangs sogar den Dr. Pientak, dessen antisemitische Allüren ihm bekannt sind, gegen Genossen Daszynski in Schutz genommen. Nun auf einmal wird ihm die Sache dringend, und er hat im Polenclub interprllirt. Natürlich mußte er sich jetzt mit der lendenlahmen Antwort des Dr. Pientak begnügen, aus der nur das Eine hervorgeht, daß die galizischen Behörden in diesem Falle pünktlich ihre Pflicht nicht erfüllt haben, aus der aber nicht hervorgeht, ob es den Behörden überhaupt noch gelingen kann, das Versäumte nachzuholen. Doctor Pientak sagt, es sei erst der Beweis zu erbringen gewesen, daß das Mädchen wirklich noch nicht vierzehn Jahre alt ist. Jetzt aber — wo es schon zu spät ist und die Nonnen ihre Seelenbeute bereits in Sicherheit gebracht haben — ist kein Zweifel mehr, daß die Angaben des Vaters richtig sind. Jetzt beginnt nun der Jnstanzenzug. „Es ist", sagt Dr. Pientak, „die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet, und sie wird mit Energie geführt". Man kann gespannt sein, was dabei herauskommen und ob der Vater seine Tochter Wiedersehen wird. Aus der Interpellation des Dr. Byk geht übrigens hervor, daß der Fall Araten gar nicht vereinzelt dasteht. Er ist im Gegentheil in Galizien geradezu typisch geworden und es sind jetzt im Krakauer Felicianerinnenkloster ungefähr sechzig solcher Mädchen internirt. -j- * * Der „Pester Lloyd" erhält von einem protestantischen Geistlichen folgende Zuschrift: Wieder einmal geht durch die Blätter eine jener traurigen Klostergeschichten, welche zeigen, wie blinder Glaubensfanatismus und die Herzlosigkeit einander manchmal die Händreichen, um ein Werk zu vollführen, von welchem manche Menschen meinen, es geschähe damit Gott ein ganz besonderer Dienst, und doch ist's nichts Anderes, als eines von jenen Werken, von welchen der Erlöser sagt: „Sie meinen, sie thäten Gott einen Dienst daran". Einem Vater wird sein Kind, noch nicht vierzehn Jahre alt, aus dem Hause gelockt und in ein Kloster geführt um dort „dem Herrn geweiht zu werden". In Angst und Kummer sucht der Vater sein Kind, bis er es endlich innerhalb der Klostermauern entdeckt, d. h. eigentlich nur die Gewißheit erlangt, daß es sich dort befindet, aber als ein Kind, an welches der Vater kein Recht mehr haben soll, und von welchem es heißt, es wolle den eigenen Vater nicht mehr sehen. Er kann dies nicht glauben — wie denn auch? — und verlangt, selbst reden zu dürfen mit seinem Kinde. Aber siehe! Das ist innerhalb der Klostermauern schnell zu einer schwierigen Sache geworden, so daß der Vater nur die Hoffnung mit sich nimmt, daß es am nächsten Tage geschehen solle. Und als der heißersehnte Tag kommt und er eilt, sein Kind wieder zu sehen, da ist es — — — aus dem Kloster entflohen — — — und bleibt verschwunden. Was ist natürlicher, als daß er desto eifriger nach seinem Kinde forscht; er klopft an alle Thüren, — vergebens! Er klopft endlich an die Thür, die zu dem obersten Hüter der Justiz führt, und findet freundliche Theilnahme, aber auch den Eindruck, daß „die weltliche Macht an den Klostermauern ihre Grenze findet". So. stellen die Blätter die Sache dar, und sehen wir von allen eventuellen Zuthaten sarb enliebender Berichterstatter ab, so bleibt als Kern immerhin so viel zurück, daß die kaum noch den Kinderschuhen entwachsene Tochter eines Mannes ohne dessen Wissen und Willen aus dein elterlichen Hause gelockt, „all majorem dei gloriam“ in einem Nonnenkloster, allen natürlichen und gesetzlichen Rechten zum Trotze, dem Vater vorenthalten wird, um zur Nonne gemacht zu werden, und Woche um Woche kann vergehen, ohne daß dem Vater sein Kind wieder zurückgegeben wird. So viel bleibt als nackter Kern der Wahrheit und auch so ist es eine traurige Geschichte. Dreifach traurig! Traurig von Standpunkte des Elternhauses, der menschlichen Gerechtigkeit und endlich auch des Christenthums, in dessen Namen Derartiges geschieht. Was gibt es denn Heiligeres unter den Einrichtungen des Menschenlebens als das Familienleben mit seiner L»ebe, die selbst dem ärmsten Kreise ein Glück bietet, welches mit keinem Reichthum der Welt erkauft werden kann? Wo gibt es im Menschenleben eine reinere Freude, als diejenige ist, welche Elteru an ihren Kindern finden können, und wer hat mehr Recht und Pflicht, ein Kind zu behüten, gegen jede Gefahr zu schützen und jede fremde Hand von demselben abzuwehren, als der eigene Vater? Wissen es, oder können es die Schwestern eines Klosters nur fühlen, was einem Vater der Verlust seines Kindes bedeutet? Wer gibt ihnen ein Recht dazu, ein Kind von dem Herzen des Vaters zu reißen? Wo ist jenes höhere Ziel, um deswillen ein Vater seines Kindes beraubt, gram- und sorgengebeugt und ärmer gemacht werden darf, als der Krösus, dem ein Tag alle seine Schätze genommen? Hat ein solches Kloster in seiner andächtigen Stille eine Ahnung von dem Jammer, welcher ein Haus erfüllt, dem das Kind entrissen wurde? Kann das Gebet, welches vom Altar des Klosters zu Gott emporsteigt, bei eben dem Gott, aller Menschen Vater ein gnävig Geyöc finden, wenn zu demselben Throne ein Vater um sein Kind in Angst und Noth nach Hilfe schreit, weil an demselben Altar ihm sein Kind entrissen werden soll? Jedes Geschöpf vertheidigt sein Fleisch und Blut und das zahmste der Geschöpfe kann zum Tiger werden, wenn es sein Junges vertheidigt. Und der Mensch soll kein Recht dazu haben? Und wenn ein Baterherz im Kampf nm sein Kind zu einem verzweifelten Schritt getrieben wird: wird und darf dann er es sein, auf den der erste Stein fällt?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.