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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 160 Dr. Bloch's Wochenschrift« Sir. 9 In erster Reihe werden sie nach Kräften ökonomisch geschädigt; dort wo dies nicht angeht — in Städten mit stärkerer Arbeiterbevölkerung hält diese zumeist zu den Juden — so werden letztere social boycottirt, was die Juden, die vom Hause aus gesellig beanlagt sind, sehr bitter empfinden. Es hat sich in den meisten kleinen Städten ein sociales Ghetto gebildet; in der Kneipe haben die Juden ihren besonderen Tisch, im Stadtgarten ihren Winkel, zu den bürgerlichen Lustbarkeiten werden sie nicht zugezogen. Dort, wo sich dies nicht machen läßt, werden sie mit kalten feindseligen Blicken ausgenommen, so daß ihnen die Lust, wieder zu kommen, vergeht. Der sociale Antisemitismus greift viel weiter um sich, als der politische, weil auch viele Liberale von ihm befallen sind. In diesen Kreisen kann man oft den „ethischen" Ausspruch hören: Der Jude ist mir nicht sympathisch, weshalb ich mit ihm keinen Umgang Pflegen will; aber niemals werde ich dazu meine Zustimmung geben, den Juden gesetzlich zurückzusetzen — das bat mit Sympathie und Antipathie nichts zu thun. Ich will keine Namen nennen. — Aber diese Sorte Judenhaß oder sagen wir Judenabneigung, ist viel verbreiteter als man annimmt und bei manchen Oberbonzen des Liberalismus zu finden. Im Uebrigen muß zu ihrer Schande gesagt werden, daß auch viele „gebildete" Juden von diesem Judenhaß angesteckt sind. Neulich fand in Berlin ein Aufsehen erregender Proceß gegen einen adeligen Hochstapler statt. Ich bin viel zu objectiv und gerecht, um diesen adelige» Ehrenmann zum Typus des preußischen Adels machen zu wollen, unter denen man gewiß viele wirklich edle Menschen finden kann. In diesem Proceß trat ein Jude, der den nicht mehr ungewöhnlichen Namen Cohn führte, als Zeuge auf. Der Arme war sehr aufgeregt, weil er bei dem Angeklagten mrd seinen edlen Cumpanen sein ganzes Vermögen verloren hatte. Der Präsident zeigte viel Theilnahme und ließ die Aufgeregtheit des Mannes ungerügt. Tags darauf sagte ich einem jüdischen Antisemiten, der sonst ein braver, guter Mensch ist: Nicht wahr, trotzdem bleibt „Cohn" der Typus des jüdischen Betrügers. Mein Freund hatte einen Anfall von Gerechtigkeitssinn gegen die Juden und äußerte, daß nach seiner Erfahrung alle jüdischen Wucherer, die mit Cavalieren zu thun hatten, von diesen schmählich übers Ohr gehauen wurden und in den meisten Fällen als arme Leute aus den Geschäften herausgingen. Neulich wurde bekannt, daß sich Gustav Freytag den Namen Schmaie Tinkeles, den er für eine jüdische Betrügerfigur in seinem Roman „Soll und Haben" brauchte, aus dem Kundenbuch eines Großkaufmanns in Breslau geholt hat. Eigentlich hieß der Jude Schmaie Münzeles, er war Kaufmann in Lemberg und durch und durch ehrenhaft. Den Mann habe ich gekannt, und ich kann sagen, daß es schmachvoll von seinem christlichen Geschäftsfreund war, daß dieser seinen ehrlichen Namen so verhunzen ließ. Nichtsdestoweniger wußte kein Mensch etwas von dem braven Schmaie Münzeles; Schmaie Tinkeles hingegen ist nach der Meinung aller Judenfresser, denen leider so viel „gebildete" Juden nachsprechen, „aus dem Leben gegriffen". Gegen diesen Antisemitismus helfen auch die Misch- Ehen nichts. Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. Ein Drama von Haman und Mardochai. Wie das alte Testament in seinem mannigfachen Inhalt, in seinem alle Scalen von der einfachsten nüchternsten Prosa bis zur erhabensten Poesie durchlaufenden Styl eine ganze Literatur repräsentirt, so bieten wieder innerhalb desselben die sogenannten „Fünf Megiloth" gewissermaßen einen kleinen Auszug des Ganzen, eine Probesammlung von Lyrik, Epik und Dramatik in lachend heiterem und tiefernstem Genre. Wie contrastirt nicht das einfache fromme Idyll Ruth mit den peffimistischen Reflexionen des Koheleth, das liebeglühende dramatische Hohelied mit den ergreifenden Klageliedern des Jeremias, die noch jedes ins Unglück gerathene Volk nachgesungen hat. Und zwischen diesen, mit jedem der vier anderen verwandt, steht das so eigenthümliche Buch „Esther". Es ist eine Heiratsgeschichte wie Ruth, aber in eine viel höhere Gesellschastssphäre hinaufgerückt, es ist eine Liebesgeschichte wie das Hohelied, aber viel keuscher, die Katastrophe, die Jeremias beweint, erscheint hier drohend nahegerückt und an das Eitle und Unbeständige aller irdischen Größe mahnt es, ähnlich dem Koheleth, mit dem Sturze Waschtis und Hamans. Die Auffassung des Hoheliedes als eines Hirtendramas gehört der neueren Zeit an, aber daß in der Erzählung von E st h e r der Stoff zu einem Drama liegt, das hat man schon vor Jahrhunderten erkannt, und noch bis in die neueste Zeit wurde das „Purimspiel" in frommen jüdischen Häusern von Dilettanten aufgeführt. Und auch große Dichter — ich nenne nur Racine, Lope de Bega und Grillparzer*) — haben den interessanten Stoff zu dramatischer Bearbeitung benutzt und mit ihni große Erfolge erzielt. Vor Racine ist die Esther schon von sechs Franzosen zwischen 1566 und 1643 dramatisirt worden und zahlreich sind die Estherdramen in anderen Sprachen. Hat die Erzählung vom Sturze des Ministers Haman in früheren Zeiten großes Interesse erregt, so ist das jetzt noch viel mehr der Fall, da die großen und kleinen Hamans, mit und ohne Portefeuille, an allen Ecken und Enden auftauchen. Wie die Judenfeinde sich zu allen Zeiten gleich bleiben, ersieht man schon aus der biblischen Erzählung. Auch am Hofe des Ahasverus macht man für die That eines Einzelnen alle Juden verantwortlich : Weil Mardochai vor Haman nicht knien will, beschließt dieser, alle Juden zu vernichten. Und um seine Absicht durchzusetzen, führt er gleich ihre Religionsverschiedenheit und ihren Rerchthum an: Zehntausend Centner Silber soll dem König die Judenverfolgung embringen. Goethe war kein besonderer Judensreund, aber die modernen Antisemiten hätten sich auch nicht seiner Gunst erfreut. Ja, als ob er die Gregorig und Schneider, die Liechtenstein und Strobach vorausgesehen hätte, schildert er ihr Treiben in den seinem „Jahrmarktsfest zu Plundersweilen" eingeschalteten Scenen eines Purimspiels. Ganz wie ein moderner Christlichsocialer und Klerikaler schildert bei ihm Haman die Juden als Verächter der Staatsreligion, welche die frommen Unterthanen zum Unglauben verführen, und deshalb durch Flamme und Schwert zu bekehren sind. Aber König Ahasverus ist tolerant und sagt: „Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen, Wenn sie nur ruhig sind, und mir die Steuern bringen." Da rückt Haman mit der Anschuldigung der Ausbeutung heraus: „Sie haben einen Glauben, Der sie berechtigt, die Fremden zu berauben.. . Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr. Er weiß mit leichter Müh' und ohne viel zu wagen, Durch Handel und durch Zins, Geld ans dem Land zu tragen." Darauf antwortet der König, als ob er die Zima, Hammerstein und andere fromme Defraudanten gekannt hätte: „Doch das thun andre m e h r. die u n b e sch n i t t e n s i n d." Mit der Conscquenz, die eines Luegers würdig wäre, ver- .o. .delt nun Haman die jüdischen Millionäre iu Socialisten und Revolutionäre: „Und dieses schlaue Volk sieht einen Weg mir offen: So lang die Ordnung steht, so lang hat's nichts zu hoffen. Es nihrt d'rum insgeheim den fast getuschten Brand, Und eh' wir's uns versehen, so flammt das ganze Land." Aber auch das läßt den König ungerührt. Da die persischen oder andere Pfaffen das Märchen vom Ritualmord damals noch nicht erfunden hatten, so muß sich Haman begnügen, die Juden der beabsichtigten Ermordung des Königs zu beschuldigen, und damit erreicht er endlich seinen Zweck. Obwohl Goethe es an dieser Stelle nicht erwähnt, so läßt sich doch annehmen, daß er dabei an das Attentat von Bigson und Teresch dachte. Es ist ja antisemitische Praxis, die Juden der Verbrechen zu beschuldigen, welche von Bekennern einer anderen Religion begangen wurden. Schließlich äußert sich auch die Habsucht der Antisemiten, indem Haman verlangt, man solle vor allem die reichsten Juden erschlagen. Bei Racine und Grillparzer ist Esther die Hauptperson des Dramas, beim Spanier Lope de Vega — La hermosa Esther, 1610 — ist der Gegensatz zwischen dem bescheidenen frommen Mardochai und dem ehrgeizigen hochmüthigen Haman der Kern des Stückes, wie es auch im Nebentitel „Soherhia de Aman y humildad de Mardoqueo/£ aus gedrückt ist. In dem Drama eines jüngern Spaniers, des auch von Grillparzer gekannten Philipp *) Siehe darüber: Grillparzer und Lope de Vega von Arturo Farinelli. Berlin 1894, S. 171—93. Aus dem persönlichen Verkehre von Franz Grillparzer, von Augnste von Littrow-Bischoff Wien 1873, S. 153 — 166.

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