Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. » Dr. Vloch's Wochrnfchr'rfk. Seite 15S daß man die Frage aufwirst, ja, warum thun es die Anderen nicht dem Bischof von Constantine ^gleich? Warum nichr? Weil in der gesammten antirepublikanischen Sippschaft eine doppelte Strömung wahrnehmbar ist, eine offenkundige heuchlerische, welche scheinbar sich mit der Republik ausgesöhnt hat, ja selbst zur Republik zu bekennen vorgibt, und sich sogar den republikanischen Namen beilegt und eine andere, wahre, aber verborgene, welche die Republik erwürgen und sie durch eine Regierungsform ersetzen möchte, in welcher Schwarz Atout sein soll. Diese Bewegung ist aber keine vereinzelt französische, sondern eine internationale, über die ganze Welt verbreitete und in ihr sind die Ursachen der Wirrnisse zu suchen, welche in allen constitutionellen oder constitutioneller Formen sich bedienender Staaten auftauchen. Auch in Oesterreich weiß man davon ein Lied zu singen, denn auch dort muß man hinter all den nationalen oder antisemitischen Kämpfen die schwarze Hand erkennen, welche geheimnißvoll die Fäden führt, an denen die Marionetten zappeln, die einen bewußt und mit Willen als Knechte der schwarzen Schaar, die anderen unbewußt vom Taumel nationaler Leidenschaft befangen, urtheilslose Werkzeuge einer unerbittlichen Gewalt. Der Zweck ist überall derselbe, hier in Frankreich oder in Oesterreich, in Ungarn, in Spanien, in Italien und in Deutschland. Es soll der freiheitliche Geist ausgemerzt werden und die Reaction zur Herrschaft gelangen. Hierzulande hat man noch die Kraft sich zu wehren und es gibt sogar Priester, welche die Wahrheit mehr lieben, als es deUjpolitischenUmtrieben ihrerBerufsgenossen lieb ist und ihnen ist auch die Tradition noch nicht ausgestorben, welche einen großen Theil der Bevölkerung erkennen läßt, wofür die Väter stritten und starben, welche sich geschichtliches Wissen genug bewahrt haben, um zu beurtheilen, in welche Katastrophe das Land gerathen würde, wenn es gelänge, die Republik zu stürzen, so daß die Hoffnung Wurzel fassen kann, es werde gelingen, die schwarze Internationale, wenigstens hier zurückzudrängen. Ob aber in anderen Staaten diese Gegenwehr vorhanden sei, muß sehr bezweifelt werden. Wenn wir die Arbeit überblicken, welche die Maulwürfe auf der ganzen Erdenrunde in unermüdlicher Weise verrichten und wenn wir sehen, wie gering die Widerstandskraft ist, welche die Völker dieser Arbeit entgegensetzen, wie schwach die Erfolge einer fast hundertjährigen Erziehung auf freiheitlicher Grundlage sind, dann darf man wohl voraussehen, daß der Beginn des neuen Jahrhunderts nicht durch den Kampf mit den rothen, sondern mit den schwarzen Internationalen gekennzeichnet sein wird. Joli. Die Misch-Ehen in Berlin. Unter den Juden in Berlin kommen Misch-Ehen mix Christen sehr häufig vor. Auf Grund privater Beobachtung Hab ich vor einigen Jahren die Behauptung aufgestellt, daß etwa jede vierte Ehe in jüdischen Familien eine Misch-Ehe ist. Dem wurde damals widersprochen; es hieß, der von mir angenommene Procentsatz der Misch-Ehen sei zu hoch gegriffen. Später wurde sogar behauptet, daß die Misch-Ehen in jüdischen Kreisen über 30 Procent sämmtlicher Ehen ausmachten. Diese Zahl fand schon gar keinen Glauben. Nun gibt jetzt das officielle statistische Jahrbuch folgende Zahlen für das letzte Berichtsjahr an: Es wurden im Ganzen 684 rein jüdische Ehen geschlossen; in 118 Fällen waren die Männer jüdisch, die Frauen christlich; in 65 Fällen die Männer christlich und die Frauen jüdisch. Mithin gab es 183 Misch-Ehen gegen 684 rein jüdische, oder erstere bilden über 21 Procent sämmtlicher in jüdischen Familien abgeschlossenen Ehen. Ich weiß recht gut, daß vom formell statistischen Standpunkt die Zahl der rein jüdischen Ehen doppelt gerechnet werden mußte; denn 1551 Juden oder Jüdinnen, die geheiratet haben, schlossen 1368 jüdische Ehen ab, während 183 (oder rund 11'80 Procent) in Misch-Ehen heirateten. Indessen ist bei mir der ethnographische Standpunkt der wichtigste; wir können uns nicht vor der Thalsache verschließen, daß von Juden oder Jüdinneu in einem Jahre 684 rein jüdische Familien und 183 Misch-F a m i l i e n begründet worden sind. Im Uebrigen nimmt der Procentsatz der Misch-Eben deshalb ab, weil jetzt in den meisten Fällen vorgezogen wird, zur christlichen Kirche überzutreten, und so den Auslösungsproceß, dem das Judenthum verfallen ist, zu beschleunigen. Bleiben wir nun bei den Misch-Ehen, von denen wir sagen können, daß in den Fällen, wo Christen jüvische Frauelk heimführen, die Kinder in der Regel — fast ausnahmslos — christlich erzogen werden, also der Judenheit verloren gehen; in den Fällen hingegen, wo Juden christliche Frauen heiraten, ist das Ergebniß der Kindererziehung zweifelhaft. Indessen bleiben die Kinder solcher Ehen, selbst wenn sie formell im Judenthum aufwachsen, dem väterlichen Glauben nicht immer treu; es kommt darauf an. welchem Geschlecht und welcher socialen Schichte die Kinder angehören, und welchen Berus sie später wählen. Einer christlichen Mutter kann ichs gar nicht verargen, wenn sie darauf besteht, daß der Sohn, um die Beamten-Laufbahn wählen zu können, sich taufen lasse. Und der Vater, der seine religiöse Lauheit durch Eingehen einer Misch Eise bekunöet hat, wird da schwerlich Widerstand leisten. Dasselbe ist der Fall, wenn die erwachsene Tochter einen Officler oder einen Staatsbeamten heiraten soll, bei denen eine nichtkirchliche Ehe nicht gut möglich ist. Da wird die junge Dame ohne viel Widerstreben der Kirche zugesührt. Dies geschieht jetzt so häufig, daß auch die evangelische Landessynode sich mit dieser Erscheinung zu beschäftigen begann. Es kann der kirchlichen Behörde nicht gleichgiltig sein, daß in diese Religionsgemeinschaft Elemente eindringen, denen doch zumeist das religiöse Motiv fehlt. Der Schaden, den die christliche Kirche davon erleidet, ist vielleicht viel größer, als der des Judenthums. In radical-zionistischen Kreisen nimmt man diese Sache nicht sehr tragisch. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß viele politische Zionisten das religiöse Moment in der Judenheit nicht nur ganz negiren — daraus würde ich ihnen keinen Vorwurf machen — sondern sogar als ein Hinderniß für die „nationale Wiedergeburt" betrachten. In diesen Kreisen hört man nun die Ansicht aussprechen, es würde dem jüdischen Stamm nur nützen, wenn da frisches Blut hinein käme; der jüdische Stamm bedürfe einer solchen Zuzucht sehr dringend. Stellen wir uns aus diesen Standpunkt, so muß dagegen Folgendes bemerkt werden: In den seltensten Fällen wird die Judenheit Nutzen von der Misch-Ehe ziehen, da der oben bezeichnet«: Gesichtspunkt nur dann Berücksichtigung verdiente, wenn die Misch Ehen unter den unteren Schichten der Bevölkerung stattfände«: Zumeist aber geschieht dies in den sogenannten „besseren" Kreisen, d. h. in jenen Kreisen, die, hüben wie drüben, der Decadence verfallen sind. Die Misch-Ehen sind auch verhältnißmäßig selten mit Nachkommenschaft gesegnet, abgesehen davon, daß in jenen socialen Schichten der Kindersegen eine große Beschränkung erfahren hat. Biel zutreffender ist eine andere Anschauung, der in verschiedenen Kreisen, bei Juden wie bei Christen, Ausdruck gegeben wird. Man meint da, durch die Misch-Ehen würde am besten dem grassirendeu Judenhaß entgegengearbeitet, vornehmlich unter den gebildeten Christen. Ein Osficier, der einen Juden zum Schwiegersohn hat, kann doch unmöglich in das öde Geschimpfe über Juden mit einstimmen. Hat er schon nicht den Muth, sich dagegen auszusprechen, so wird er doch zum Mindesten den Tact besitzen, zu schweigen. Diese Ansicht hat sehr viel für sich. Und wenn auch Fälle bekannt sind, wo „Judenstämmlinge" sich sehr antisemitisch geberdeten, so darf man zugeben, daß im Großen und Ganzen die Misch-Ehen, und von diesem Standpunkt auch die Taufen, viel zu Milderung des Antisemitismus in Berlin beigetragen haben. Wohlgemerkt nur des sichtbaren und rowdymäßig auftretenden Antisemitismus, nicht aber der amtlichen Abneigung gegen Juden und Judenthum, der eine gewisse Staatsraison zu Grunde liegt. Bei dem festen Gefüge der preußischen Bureaukratie ist es ausgeschlossen, daß der Einzelne von der Staatsmaxime abweichen könnte, selbst wenn er wollte. Zumeist will er aber auch gar nicht; derjenige, der sich aus dem Judenthum herausgerettet hat, denkt gar nicht daran, für seine Stammesgenoffen einzutreten; oft ist er gegen sie voller Vorurtheile, und wenn er auch nicht Antisemit ist — Philosemit ist er schon gewiß nicht. Dem sei nun wie ihm wolle, der Schwerpunkt der Judenfrage liegt nicht in Berlin und in den Großstädten, sondern auf dem Lande, wo die Juden, in kleinen Minderheiten, sehr viel, wirthschaftlich wie social, von dem Judenhaß zu leiden haben.