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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 158 Dr. Bloch's Wochenschrift. Staaten mit parlamentarischen Institutionen Oesterreich und speciell das Stammland der Monarchie mit der Haupt- und Residenzstadt Wien für den Parlamentarismus am wenigsten reis ist. Die antisemitische Horde war es, mit welcher die Rohheit und Brutalität in die öffentlichen Vertrelungskörper einzogen. Herr Dr. Lueger war es, welcher einst dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses zurief: „Merken Sie sich das, Herr Präsident". Seitdem hat sich dieser Ton im Abgeordnetenhause eingebürgert, die politischen Erfolge, welche mit Hilfe der Brutalisirung der Oeffentlichkeit errungen worden, hat die anderen Parteien in die gleichen Bahnen gedrängt. Zum Ekel über alle diese beispiellosen Vorgänge gesellt sich dem Patrioten die Sorge. Bekümmert fragt er sich, was aus Alledem, aus dieser Verrohung des öffentlichen Geistes durch immune Wanderprediger der Rüpelhaftigkeit, was vor Allem aus dem österreichischen Parlamentarismus, und insbesondere, was aus dem Reichsrathe werden soll. Durch tumultuarische Vorgänge entweiht, durch Ausschreitungen jeder Art um sein einstiges Ansehen gebracht, nicht im Stande, sich der Attentate auf seine Existenz zu erwehren, wirft er sich in wilden Zuckungen umher, ohne sich zu einer cinzigen zweckmäßigen Beweguug emporraffen zu können. Er kann nicht leben und will nicht sterben. In einem Artikel vom 25. d. M. bemerkte ein ungarisches Regierungsblatt: „Wie ein Profeffor der Metaphysik, der einigen betrunkenen Hausknechten eine Abhandlung über Kant's Kritik der reinen Vernunft vorträgt, so ungefähr mochte Graf Welsersheimb mit seiner Rede in einer Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses sich ausnehmen, wohl auch sich fühlen. Ach, aus dem Gegensätze zwischen den vornehmen, an Pflicht und Gewissen mahnenden Worten des Ministers und dem Geheul etlicher von politischem Säufersinn geplagten Väter österreichischer Vaterländer schreit das unheilbare Elend heraus, das tief.ergreifend wäre, wenn es nicht vor Allem abstoßend wirken würde. Und wenn man bedenkt, daß — wunderbares Doppelgestirn! — neben dem Reichsrathe, diesem Centralinstitut für arme Umnachtete, noch der niederösterreichische Landtag sich in gleich jämmerlicher Weise bethätigt, so weiß man wahrlich nicht, worüber man mehr erstaunt sein soll: ob über die furchtbare Ausbreitung der Tobsucht unter den Volksvertretern, ob über die Sorglosigkeit der Regierung, welche die beiden „gesetzgebenden Körperschaften" zu gleicher Zeit ihre Herrlichkeit entfalten läßt. Oder liegt wohlbedachtes System in dieser Methode? Soll vielleicht aus der Uebersülle der repräsentativen Schmach und Misere heraus ad uculos bewiesen werden, daß Oesterreich ein constitutionelles Regime nicht verträgt und die Völker dieses Staates für die Selbstregierung noch lange nicht genügend erzogen sind?" Der Herr Graf Welsersheimb bezeichnete als „den inneren Feind" Oesterreichs — die „Verhetzung". Jahrzehnte hindurch hat diese giftige Berhetzungsarbeit ausschließlich in dem Juden das erkorene Ooject gesehen, die hohe Negierung ab er, deren Mitglied derselbe Gras Welsersheimb war, beobachtete diesem wüsten Treiben gegenüber eine gleichgiltige, eher wohlwollende Neutralität. Nun hat die lodeVude Flamme weiter gezüngelt, das gesammte österreichische Staatsgebäude ergriffen, — die Löschungsarbeit kommt leider zu spät. Der Nemesis vermag Niemand zu entrinnen. Pariser Brief. Unser Pariser Correspondent schreibt uns: Bei der Enthüllung der Statue des Erzbischofs Lavigerie in Biskra in Algier sagte der Bischof Gazaliol von Constantiue: „Keine Trennung, kein Racenkampf mehr! Lasset uns in Frieden leben, ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens. Lasset uns zusammen arbeiten, um Frankreich groß, Algier wohlhabend zu machen. Die Wahrheit, die Civilisation, das Recht und die Freiheit sollen siegen". Was düser hohe Kirchenfürst gesprochen, ist selbstverständlich. Es ist einfach die Bedingung eines jeden geordneten Staats. Wird diese Bedingung — wo immer — nicht erfüllt, dann versinkt der Staat in Barbarei und es ist wenig Ar. 9 Unterschied zwischen ihm und dem Staatswesen der Wilden, wenn auch die moderne Barbarei der Cultur Formen entlehnt, welche die Wilden nicht kennen. In der Sache sind sie sich gleich. Allein so tief sind wir selbst im „Laude der Civilisation", im Lande, das der Welt die Menschenrechte proclamirte und sie zur Wahrheit werden zu lassen versprach, gesunken, daß diese selbstverständlichen Worte des Bischofs Gazaliol Aufsehen erregen, als ob sie etwas Unerhörtes sagen würden, daß man ihm öffentlich für die Wahrheiten dankt, die er ausgesprochen, daß man den Muth preist, mit dem er seine Meinung gesagt und daß man ihn anfmuntert, den Gefahren zu trotzen, die ihn bedrohen werden, den Verlästerungen, mit denen er heimgesucht, den Verfolgungen, denen er ausgesetzt sein wird! Nichts bezeichnet mehr die düstere Lage, in der sich Frankreich befindet, als der Trost und der Zuspruch, der dem ehrlichen Bischof von Constäntine zu theil wird. Auch in Frankreich schwindet die Zahl der Kämpfer für Recht und Freiheit immer mehr und wenngleich es tröstlich ist, daß sich immer wieder Einer erhebt, der die Fahne hoch hält, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß die Elemente zu überwuchern beginnen, welche die edlen Gefühle ersticken und über das Land die Finsterniß des Clericalismus breiten wollen. Gambetta's Wort: Le Clericalisine c’est rennemi, behält seine äußere und innere Wahrheit. Der Proceß der Assumptionisten, die Verhandlungen vor dem Staatsgerichtshof, die Kammerverhandluugen über das Gesetz, das die Jugend dem Einflüsse der Klosterschulen entziehen soll, haben den Schleier fortgezogen, der über die Machinationen ausgebreitet schien, die gegen die Republik angezettelt waren und haben deutlich gezeigt, zu welchem Ziele die irregeleitete Menge geführt werden soll, haben unwiderleglich bewiesen, daß jene Recht behalten haben, welche schon vor Jahren mit dem Rufe „das Vaterland ist in Gefahr" die kommenden Umsturzversuche und den Wetterwinkel, aus dem der Sturm heranzieht, augezeigt haben. Die einsichtsvollen Staatsmänner, welche das neue Schulgesetz entworfen haben, wissen genau, wo der Hebel angesetzt werden muß, um künftigen Gefahren vorzubeugen, sie haben das Unheil erkannt, das aus einem einseitigen Schulunterricht erwächst und ihr klares Urtheil sagt ihnen mit Recht, daß es sich nicht blos darum handle, den gegenwärtigen Umtrieben vorzubeugen, denen man, solange die Staatsgewalt nur ernstlich will, noch beikommen kann, sondern vielmehr darum, die künftige. Generation den Händen zu entreißen, die sie jetzt umgarnen und die in ihre Herzen an die Stelle der Principien, von denen das freiheitliche Frankreich erfüllt war, die Grundsätze pflanzen wollen, die in der Ba tholomäusnacht ihren Ausdruck gefunden haben. .Ob die Jugend wieder die Luft und den Geist der freien Schule einathmen soll — das ist der Gegenstand des Kampfes, der in nicht gar ferner Zeit ausbrechen muß, wenn ihn auch vorläufig das Weltausstellungsgeschüft, an dem alle participiren wollen, zur Ruhe weist. Aber der Kampf ist unvermeidlich und er wird entscheidend sein. Demjenigen, der in diesem Kampfe obsiegen wird, gehört das Frankreich der Zukunft. Hätte Frankreich lauter Bischöfe wie den von Constäntine, so brauchte man um den Ausgang des Kampfes nicht besorgt zu sein, ja man brauchte nicht einmal Schulen zu fürchten, in denen solche Männer lehren. Aber der Bischof von Constäntine ist eine„rara navis in gurgite vasto“ — er ist ein Einzelner unter vielen Hunderten, ja Tausenden, die man in den Schulen, in den Waisenhäusern, auf den Kanzeln an der Arbeit gesehen, die in den Zustimmungen au die Assumptionisten so unzweideutig ihre der Republik feindliche Gesinnung dargethan haben, an ihrer Spitze zwei Erzbischöfe und etliche Bischöfe. So erhebend auch die Stimme des Bischofs vou Constüntine klingen mag, sie wird erstickt von dem betäubenden Geschrei der Anderen und darum ist es auch so begreiflich.

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