Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Bioch’s Zahrz««s XVII. Centrslorgan für die gefammken Interessen des *- — '] K. ft. Postsxsrrsssen-Amr ^Clearingverkehr I Nr. 810.976. [ Nedaction unb Administration: I ED 11 n II., Untere Ltuanrtrrritr in. Telephon - Kr. 14.847 % ■- -.. -^= =Jt Wien, 2. Mär; 1900. Erscheint jeden Freitag. -« <4* - Brief-Adresse: Wien, II.. Uulere »Augartenstraße La. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Judenthums. SrzuglSpreis für Oesterreich - Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. m % Inhalt. Leitartikel: Der Verfall Oesterreichs durch die antisemitische Verhetzung. — Pariser Brief. — Tie Misch-Ehen in Berlin. — Ein Drama von Haman und Mardochai. — Zur Krakauer Klostergeschichte. — Tie Klosterastaire im Parlament. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Steuerreform der Eultusgemeinde. Ein Antrag zur theilweisen Linderung des jüdischen Elends in Galizien. Eine Heinefeier. Von einer vergessenen Judengemeinde in Süd-Frankreich. — Korrespondenzen: Wien, Meran, Lemberg, Prag, Köln, Magdeburg. Berlin, Hamburg, Florenz, Brüssel. - Vermischtes: Wien, Krakau, Horazdiowitz, Eroatisch- Kreutz, Wall.-Meseritsch, Jglau, Hamburg. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten.— Notizen. — Inserate. Der Verfall Vesterrqichs durch die antisemitische Verhetzung. In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 26. Februar sprach der Präsident das „tiefste Bedauern" aus wegen der unerhörten Ausschreitungen, deren Schauplatz das österreichische Volkshaus in der Sitzung des 23. Februar war. Er fügte hinzu: „Eine Angelegenheit muß ich speciell berühren. Der Abgeordnete Leopold Steiner hat in seiner Rede gesagt: „Ich erkläre ganz offen, jahrelang ist hier nichts gearbeitet worden, und solche notorische Volksbetrüger, die die Arbeit des Hauses hindern, sollen zum Teufel gejagt werden." Meine Herren! Das ist eine Sprache, die wir in diesem Hause noch nicht gehört haben." Herr Leopold Steiner, der also Gezeichnete, ist eines der einflußreichsten Mitglieder des niederösterreichischen Landesausschusses, und der Partei, als deren Wortführer Herr Steiner auftritt, ist das Land Niederösterreich ausgeliefert. Indessen hat der Herr Präsident ein wenig übertrieben, - wenn er behauptet, daß solche Sprache „in diesem Hause noch nicht gehört" worden. Seit dem Einzug des Antisemitismus ist in diesem Hause nichts mehr „unerhört". Der gesammte Bericht über die Sitzung setzt sich ja aus einer Kette von antisemitischen Scandalen und Schimpfscenen zusammen, und der letzte Tumult nahm solche Dimensionen an, daß ein ordnungsmäßiger Schluß der Sitzung unmöglich wurde. Was an pöbelhaften Zwischenrufen und Schimpsworten von den Christlich-socialen, allen voran von den Herren Bielohlawek, Gregorig und dem Landmarschall-Stellvertreter und Vicebürgermeister Strobach geleistet wurde, zählt zu den schönsten Blüthen arischer Intelligenz. Rufe wie: „Bezahlter Judenknecht!", „Agent der Alliance Israelite!", „Käuflicher Geselle", waren nicht die gröbsten, die hörbar wurden, und als Abgeordneter Dr. Menger seinem Unmuthe über einen solchen Ton entschieden Ausdruck gab, rief ihm Abgeordneter Gregorig zu: „Sie Jude! Sie sind von Juden bezahlt und haben das Maul zu halten!" Bielohlawek, der judenblutrünstige, war nicht zu halten. Einigemal trennten ihn seine Freunde von seinen Opfern und wieder und wieder attaquirte er die Liberalen, insbesondere aber den Hosrath K a r e i s, den er mit „czechischer Saujude!" belegte. Dann warf sich Bielohlawek wieder auf W r a b e tz, der ihm jedoch keine Antwort schuldig blieb. „Judenstämmling!" „Jnsectenknabe!", „Gaukler!", „Maul halten!" — kurz, die schönsten Kosenamen wurden vernommen. Als B i e l o h l aw e k ermüdete, da lösten ihn G r e g o r i g, Strobach, Wohlmeyer und Schneider ab, gegen welche Phalanx die Herren N o s k e und W r a b e tz nichts auszurichten vermochten, trotzdem ihnen der Socialdemokrat Dr. Verkauf, sowie Dr. Menger zu Hilfe geeilt waren. Der Vorsitzende läutete in einem fort, doch wer achtete auf die Hausordnung? Die Streitenden geriethen mitunter sehr hart aneinander, so daß es unten im Parterre recht unheimlich aussah. Schließlich brachte man doch die Tobenden auseinander. „Sie plattfüßiger Saujude!" das war der letzte Schuß, den Gregorig gegen Dr. Verkauf abgab. Abgeordneter Schönerer rief: „Wenn der Bielohlawek bellt, können wir nicht reden." Und am Schluffe der Sitzung regnete es Titulaturen, wie: „Infamie", Lumperei", „Schufterei", und selbst den Mitgliedern dieses Hauses scheint es allmälig klar geworden, daß das österreichisches Parlament in der Aera des Antisemitismus kein Ruhmesblatt in der Geschichte der europäischen Civilisation aussüllen wird. Denn als in der Sitzung vom 26. Februar der Abgeordnete Gniewosz in einer Rede bemerkte: „Wir im Parlament sind doch d i e Elite des Volke s," verzeichnet das stenographische Protokoll an dieser Stelle: „Lebhafte Heiterkeit im ganzen Hause!" Im niederösterreichischen Landtag gar hat der Berhandlungston einen Tiefpunkt erreicht, der nur schwer mehr unterboten werden kann. Jeder Oesterreicher, jeder Wiener, der sich noch Sinn für die Ehre und das Ansehen seines Vaterlandes, seiner Heimatstadt bewahrt hat, muß vor Scham über die parlamentarischen Excesse erröthen, derengleichen nirgends in der gesitteten Welt möglich wären. Man denke nur, es fielen Ausdrücke, wie: „Gemeiner Haderlump . . . Lausbub ... ich hau' Dir ein paar Ohrfeigen herunter . . .!" Was da im Genre der Beschimpfungen, Pöbelhaftigkeiten und Anrempelungen geleistet wird, das steht zur ewigen Schmach des öffentlichen Lebens Oesterreichs und Wiens an der Scheidegrenze zweier Jahrhunderte in dem Sitzungsberichte verzeichnet. Ein entfernter Beobachter, der die Sitzungsberichte der sämmtlichen Vertretungskörper der constitutionell regierten Erde vergleichend liest, muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß von allen