Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 15o jüdischen Familie täglich klaffender und verhängnißvoller zu Tage tretenden Riffe wieder überbrückt und geheilt werden können? Seither haben die Schulgründungen — Exempla trahunt — eine ungeahnt rasche Ausdehnung gewonnen. Michael. Erzählung von S. Kohn, Verfaffer von Gabriel. (Fortsetzung.) Die Frauen sind im Allgemeinen zartfühlender als die Männer; trotz ihrer leidenschaftlichen Liebe für Lorenz, mißfiel der Bürgermeisterin doch sein Benehmen, das einen hohen Grad von Herzlosigkeit verrieth, welche sie an dem heuchlerischen Burschen so lange er im Vaterhause von seinen Eltern abhängig war, nie erkannt hatte. Golzinger aber rief entzückt: „Ist aber unser junger Baron ein Prachtkerl voll Witz und Geist! Auf den können wir stolz sein, was Alte?" Lorenz ließ der Mutter keine Zeit zur Antwort und sprach in einem Tone, der zw seiner Eltern unangenehmster Ueberraschung gar nicht scherzhaft klang. „Freilich könnt Ihr auf einen solchen Sohn, wie ich es bin, stolz sein. Als Ihr Beide, erzbürgerliche Leute, Euch ehelich zusammenthatet, da konntet Ihr allerdings nicht ahnen, daß dieser Verbindung ein Sohn entstammen würde, zu dem Ihr mit Achtung emporblicken müßt!" Golzinger blickte in der That, wenn aucht nich wie sein Sohn vorausgesetzt mit Achtung, so doch mit Erstaunen zu ihm auf. Einen Augenblick regte sich ein Gefühl tiefen Bedauerns in seiner Seele, den undankbaren Sohn zu einer Höhe gehoben zu haben, die ihn nichtswürdig hochmüthig gemacht; aber ein Vaterherz ist ein unergründliches, unerklärliches Ding, er zwang sich gegen seine richtige Ueberzeugung, zu glauben, Lorenz scherze und fuhr, auf den scheinbaren Scherz eingehend, cyrdial fort: „Also: cvmmode gemacht und zu Tische gegangen! Da wollen wir sehen, ob Du während Deiner Dienstzeit Deinen gesunden Appetit und das Berständniß für einen guten Tropfen verloren hast!" Lorenz legte nun die Waffen und den Uniformrock ab, warf sich ungeschlacht in den Großvaterstuhl, der, wie er wohl wußte, als Sitz für seinen Vater bestimmt war, daß jener in allen Fugen krachte. Der Mutter, einer alten ehrbaren Bürgerfamilie entstammend, war schon in ihrer eigenen frühesten Jugend die höchste Ehrfurcht vor den Eltern eingeprägt worden, und sie sprach stirnrunzelnd: „Aber Lorenz Du wirst Dich ja nicht auf des Vaters Stuhl setzen!?" „Laß ihn, laß ihn!" fiel ihr Golzinger, der einen Streit gleich in der ersten Stunde vermeiden wollte, rasch in's Wort: „Du siehst ja, der arme Junge ist todtmüde und dann", Golzinger zwang sich zu einem Lächeln, das aber nicht vom Herzen kam, „Lorenz ist ja unser Gast und einem Gaste muß man Ehre erweisen." „Und dann", ergänzte Lorenz mit einer Miene, die es sehr zweifelhaft erscheinen ließ, ob er auf den Scherz eingehe oder ernsthaft spreche, „müssen Bürgerliche einem Adeligen, namentlich einem Mitglieds des hohen Adels — dieser beginnt mit dem Baron — Ehre erweisen." Frau Golzinger war schon im Begriffe, ernstlich über ihren Sohn böse zu werden, als, zum Glück für den gefährdeten Haus¬ und Familienfrieden, die Köchin die dampfenden Schüsseln auftrug, und Frau Golzinger die Pflicht der Hausfrau übend, die Suppe vertheilen mußte. Lorenz fiel gierig über diese her und leistete auch, als nach und nach die anderen Gerichte: Fleisch, Gemüse, Eingemachtes, Braten (dazu Compot und Salat), Torten, Mehlspeisen, Pudding und Dessert auf den Tisch kamen, ganz Außerordentliches, so daß seine Eltern die beruhigende Ueberzeugung gewannen, seine frühere großartige Eßfähigkeit habe während seiner Abwesenheit vom Hause nicht die geringste Einbuße erlitten, im Gegentheil eine achtunggebietende Steigerung erfahren. Zuerst gab sich Lorenz dem Speisegenusse mit solchem Eifer hin, daß ein Gespräch gar nicht in Gang kommen konnte, aber bei dem Braten fuhr er plötzlich aus seiner schweigsamen Thätigkeit auf und rief ganz unvermittelt: „Sag' mir 'mal Vater, was ist's denn mit dem elsässischen Judenburschen mit dem verfl .... Michael Klein. Der befand sich ja auch unter dem gaffenden Pöbeltroß, als unser Regimen' einmarschirte. Der Hallunke fiel mir zuerst in's Auge. Ich Hab ihn sofort wieder erkannt. Wenn ich nicht ein völlig vorurtheilsloser Mensch wäre — ich glaube weder an Gott noch den Teufel — würde ich diese Begegnung für ein böses Omen halten." „Pfui, pfui, wer wird denn solche gottlose Reden führen" rief Frau Golzinger empört, „was ist aus Dir beim Militär, geworden!? Ich habe Dir von klein an eine fromme, christliche Erziehung angedeihen lassen.es ist abscheulich wie Du redest! Man kann ein tüchtiger Soldat und dabei doch ein frommer Christ sein, denk' nur an Martin von Tours, der war früher Krieger, dann wurde er Bischof, zuletzt sogar ein Heiliger! . . . . Was hast Du eigentlich gegen ^den Menschen, daß Dich sein Anblick schon so aufregt?" „Ich kann die Juden im Allgemeinen nicht vor mir sehen und diesen Kerl am allerwenigsten. Der hat mich einmal mit mit meiner eigenen Reitpeitsche in's Gesicht geschlagen, ich habe bis heute eine Narbe davon behalten." „Das ist nicht wahr", schrie Golzinger, der im Grunde doch erbittert über das Benehmen seines Sohnes war, der ihn nicht geküßt, sich nach so langer Abwesenheit nicht nach dem Befinden der Eltern erkundigt, nicht das geringste Zeichen der Zärtlichkeit gegeben hatte. „Den Hieb mit Deiner eigenen Reitpeitsche, die Du unpaffender Weise mit in die Unterrichtsstunde zum Pfarrer nehmen wolltest, dankst Du der Hand des damaligen Oberlieutenant Grafen Andrasfy." „Ja, ja'" bestätigte Frau Golzinger, „ich erinnere mich dieses Vorfalls trotz der vierzehn Jahre, die darüber hinweggeschritten sind, als wenns gestern gewesen wäre.... Die ganze Geschichte hat zu Deinem Glücke geführt, der Pfarrer wollte Dich nicht mehr unterrichten und wir mußten Dich statt den Gelehrten-, den Wehrstand ergreifen laffen. Du hattest zwar schon damals behauptet, der Judenknabe hätte Dich geschlagen, aber es war erlogen, den Hieb erhieltest Du von dem nichtsnutzigen Hallunken." „Schrei nicht so, Mutter!" unterbrach sie Lorenz ängstlich. „Der damalige Oberlieutenant, Graf Androffy, ist in den vierzehn Jahren, die seit diesem Tage liegen, zum Oberst avancirt; und man erwartet beim Ausbruche des Krieges täglich seine Ernennung zum General, dann kann er mein Brigadier werden!.. . Und wenn ein Graf, ein Officier, einem kleinen Burschen einen Streich versetzt, kann man das leicht hinnehmen .... ja ich muß es gestehen, es war nicht ganz so wie ich glaubte, .... Michael entriß mir die Reitpeitsche, zerbrach sie und warf sie zum Fenster hinaus, daß ich vor ohnmächtiger Wuth weinen mußte. Das vergesse ich dem Kerl nie! ... . Und daß ich es der Hundeseele noch nicht vergolten habe, frißt mir das Herz ab!" Der böse Mensch war vor Wuth so blaß geworden, daß seine Mutter im raschen Wechsel der Empfindungen wieder Mitleid mit ihm fühlte und, um ihn zu trösten, sagte: „Daß ein so stattlicher Officier und Cavalier, wie Du es bist, so schrecklich kindisch sein kann, an eine so alte dumme Geschichte zu denken! Ich hatte sie schon ganz vergeffen!" „Ich aber nicht!" schrie Lorenz, ich sehne mich darnach, ihm seine Frechheit mit reichen Wucherzinsen heimzuzahlen! Sag' mir mal Vater, es ist ja eine starke Recrutirung ausgeschrieben, kannst Du es nicht bewerkstelligen, daß der Bengel assentirt und in mein Regiment gesteckt wird? Mir könnte nichts Lieberes geschehen! Dem wollte ich zu Stockprügeln verhelfen, mehr als er Haare am Kopf hat, und quälen und chicaniren wollte ich ihn, daß er sich das Leben verwünschen und vor Elend miserabel zu Grunde gehen würde! Du würdest mich hiedurch zu lebhafter Dankbarkeit verpflichten." Golzinger schüttelte verneinend das Haupt. (Fortsetzung folgt). Briefkasten. Arthur B. Die Welt duldet nicht gerne solche Ausnahmen. Ein sehr weiser Schriftsteller bemerkte einmal ganz richtig: „Es ist ein großer Fehler in den Augen der Menschen, ein Bild ohne Rahmen zu sein, da sie gewohnt sind, Rahmen ohne Bilder zu sein." H. K. Die „Ostdeutsche Rundschau" hat im Namen der nichtkatholischen Christen einen heftigen Protest gegen die Botschaft Lueger's aus Rom gebracht Das sind aber Dinge, in die sich zu mengen keinem jüdischen Organe ziemt.