Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 154 Nr. 8 Vvo Bloch's WvchenfüzrM ob die aus den Fugen gegangene Schule nicht mehr einzurichten sei Und doch war alles nur blinder Feuerlärm. Der Sturm wirbelte nur Staub auf, aber er entwurzelte nicht. Als der Schulleiter seinen Bericht beendet hatte, ließ ich den Cultusvorsteher in die Schule bitten. Es war dieses ein recht zweideutiger Mensch, der sich in allen seinen Handlungen ausschließlich von den crassesten egoistischen Motiven leiten ließ. Während der schweren Kämpfe, die sich bei der Gründung der Schule abspielten, hielt er sich vorsichtig im Hintergrund und war damals überhaupt nicht sichtbar und nicht auffindbar. Als aber später die Schule das Gros der Bevölkerung für sich gewonnen hatte, da ttat er ihr näher, warf sich als ihr Protector auf und ließ sogar seine Söhne von Lehrern der Schule unterrichten. Man wird es mir sonach glauben, wenn ich versichere, daß ich mir den Mann nicht kommen ließ, um mich seiner Unterstützung zu vergewissern; ich wollte lediglich von ihm erfahren, wie die Stimmung in der Bevölkerung und ob welche Aussichten für eine rasche Herbeiführung normaler Zustände vorhanden. Der Mann ließ mcht lange auf sich warten. Und das war ein gutes Zeichen. Schon sein bloßes Erscheinen in der Schule belehrte mich, daß die Dinge nicht so hoffnungslos stehen, als es den Anschein hatte. Da er sah, daß ich den Sttike durchaus nicht tragisch nahm, und keineswegs gesonnen war, mich von einem Häuflein lärmender Finsterlinge einschüchtern zu lassen — eine Haltung auf die er offenbar nicht vorbereitet war — begann er den ehrlichen Makler hervorzukehren, rieth zu Concessionen, welche darauf hinausliefen, die Schule unter die Aufficht ihrer „frommen„ Widersacher zu stellen, das heißt, sie ihnen auszuliefern. Item, aus seinem ganzen Benehmen und seiner Bereitwilligkeit, die Urheber der Agitation zu einer Besprechung einladen und zu Gunsten der Schule interveniren zu wollen, ersah ich zu meiner großen Beruhigung, daß die Bewegung gegen die Schule nicht allzuüef gehe, und daß alles wieder binnen Kurzem ins alte Geleise gebracht werden könnte, wofern es gelänge, Beruhigung in die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu bringen. Ich ging zunächst auf seinen Vorschlag ein, an einer Besprechung mtt den Führern der Chasidim-Partei theilzunehmen, obgleich ich wußte, daß mit diesen Leuten, zumal wo sie sich als Sieger glaubten, ein vernünftiges Wort nicht zu sprechen sein werde. Man mußte aber auch diesen Kelch über sich ergehen lassen, um nicht den Schein zu erwecken, als habe die Schule eine Auseinandersetzung mtt diesen „frommen" Rufern im Streite zu scheuen. Während aber die „Stützen des Gesetzes" zu dem Vorstcher geladen wurden, gab ich die Weisung, die Väter der zahlreichen Kinder, welche bis vor Kurzem die Schule besuchten, zu veranlaffen, sich im Laufe des Tages im Schulgebäude einzufinden. Die Dunkelmänner waren rasch zur Hand. Sie hatten sich, acht Mann hoch, alsbald beim Vorsteher eingefunden. Ihre Zeit erlaubte es ihnen ja, den Kampf um ihr armseliges Daiein hatten sie längst ausgekämpst. Ms ich nun zur Besprechung beim Vorsteher erschien, wurde ich von den wackern „Frommen" mit einem wahren Jndianergeheul empfangen. Aus dem betäubenden, mir entgegentönenden Wortschwall hörte ich nur verständlich heraus den Refrain: „Weg mtt der Schule!" Vergebens waren alle meine Bemühungen, mir Gehör zu verschaffen, sie schrien unaufhörlich: „Weg mit der Schule!" und höhnten dann wieder zur Abwechslung: „Was, weg mit der Schule? Sie existtrt ja nicht mehr; hat sie doch die Erde verschlungen, wie sie einst Korach und seine Rotte verschlungen?" Da rief ich ihnen endlich aus voller Brust die Worte zu: „Die Schule wird Euch Alle überdauern — an ihr werden die Worte des Psalmisten sich erfüllen, die da lauten: „„Sie werden dahin schwinden, Du aber wirst bestehen!"" Darauf entfernte ich mich. Der Vorsteher, dem das wilde Toben der paar „Chasidim" sehr willkommen war, da es mir ja die Nothwendigkett und Verdienstlichkett seiner Vermittlung behufs Erhaltung der Schule so recht deutlich vor die Augen rücken mußte, eilte mir nach, um mich zu bestimmen, wieder in die „Versammlung" zurückzukehren. Ich lehnte ganz entschieden ab. Mein Weg war mir klar vorgezeichnet. Nach der Schule zurückgekehrt, fand ich eine größere Anzahl von Frauenzimmern daselbst vor, aber keinen einzigen Mann, Es waren lauter Mütter von Schulkindern. Die Väter, hieß es. seien bei der Arbeit, oder wagten es nicht, in die Schule zu kommen. Ich hatte mit diesen armen, unaufhörlich jammernden Weibern meine liebe Noth. Auf alles Zureden, die Kinder wieder zur Schule zu schicken, erhielt ich immer wieder die Antwort: „Es gehe nicht wegen der „Switztys" — so nannten sie jetzt die verhängnißvollen Religionsbüchlein. Ich bemühte mich, ihnen klar zu machen, wie lächerlich und kindisch die ganze Bewegung gegen die Schule, und wie sündhaft es sei, um eines so nichtigen Vorwandes willen die Kinder in Müßiggang verwahrlosen zu lassen. Sie gaben das alles zu und jammerten noch obendrein, daß ihre Kinder zu Hause frieren, und ohne Aufsicht, sich selbst überlassen, auf allen möglichen Unfug verfallen müssen; aber an dem ganzen Unglück seien nur die „Srvietys" Schuld. — Wie viele Mütter auch in der Folge herbeikamen — und nach und nach erschienen sie sämmtlich — sie Alle sangen das eine Klagelied : „Die Swi?tys haben Alles verschuldet! Das ganze Unglück kommt von den Swietys her!" Und wie lange ich auch Vernunft mit ihnen reden mochte, sie kamen doch schließlich wieder auf ihr erstes Wort zurück: auf das Unheil, welches durch die Swietys herbeigeführt wurde. Endlich wurde ich der endlosen, zu keinem Ziele führenden Unterhandlungen müde. Ich wußte hinlänglich, wo das Uebel stecke. Eine rasche, ungefährliche Operation, und es war beseitigt. Ein schlechter Zahn, der ungeheuere Schmerzen verursacht und dabei unbrauchbar — hinaus mit ihm! Ich hatte zu wählen zwischen Schule und „Swietys" — die Wahl fiel nicht schwer. Rasch entschlossen, gab ich die Weisung, sämmtliche „Swietys" herbeizuschaffen. Der Schuldiener brachte sie herbei. „Hinein in den Ofen mit den „Switztys!" rief ich. Der Schuldiener sah mich fragend an, als er jedoch merkte, daß die Weisung eine ernste, da schob er behend die Büchlein in den brennenden Ofen. Einen Augenblick standen die Weiber sprachlos da, mit weit aufgerissenen Augen in den Ofen hineinstarrend, wo die „Swwtys" rasch verflackerten . .. dann stürzten sie, eine nach der andern, auf die Straße mit dem gellenden Aufschrei: „Die „Swietys" brennen im Ofen!" ... Flugs hatten sich die Schulfäle geleert. Ich blickte zum Fenster hinaus und sah, wie der Strom der Weiber unter fortwährendem Schreien und Gestikuliren sich über den Markt ergoß. Ueberall traten Neugierige aus den Wohnungen, überall wurde die Wundermähr von oen brennenden „Swietys" mit staunenden Mienen ausgenommen. — Eine Stunde etwa mochte der ganze Rummel gedauert haben, dann war alles wieder ruhig. Mit der Entfernung der „Swietys" war der Agitation der Giftzahn ausgerissen. Schon am Nachmittag desselbigen Tages fanden sich in allen drei Schulräumen ziemlich zahlreiche Knaben ein, und ehe vierzehn Tage verstrichen waren, ging alles wieder seinen normalen Gang, war jede Spur einer Aufregung oder Anymosität gegen die Schule verwischt. Endlich durfte ich die Heimreise antreten. Während der langen Fahrt hatte ich Muße genng, mir die Erlebnisse dieser meyrwöchentlichen, so abwechslungsreichen Reise in die Erinnerung zurückzurufen. Wie die Bilder im Kaleidoskop zogen sie in buntem Durcheinander vor meinem geistigen Auge vorüber. Wie wünschte ich mir da die Kraft, was ich geschaut, so wieder geben zu können, wie ich es geschaut! Aber einen Gedanken konnte ich seitdem nicht mehr los werden: Die Mehrzahl der östlichen Juden — so sagte ich mir immer wieder — halten nicht nur mit großer Zähigkeit fest an Kaftan, „Paies", „Streimel" u. s. w., sie erblicken sogar in diesen und ähnlichen für Andere so abstoßenden Dingen die unerläßlichste, noch mehr, die schönste Form der Frömmigkeit... Gibt es etwa nicht auch bei uns westlichen Juden ähnliche Ghetto Ueberreste, welche Anderen fremdartig und unschön erscheinen, von uns aber aus alter, vielleicht auch gedankenloser Gewohnheit, ich möchte sagen, mtt geschlossenen Augen, weiter tolerirt werden? Fragen wir doch hierüber nur bei unseren eigenen Kindern an, bei welchen die mächtige und unwiderstehliche Einwirkung der Schule und des Lebens den Einfluß der elterlichen Erziehung und Gewohnheiten völlig paralysirt hat. Sie stehen mit ihrem modernen Empfinden und Anschauen manchen veralteten Ueberlieferungen des Elternhauses fremd gegenüber und fühlen sich von solchen ebenso abgestoßen, wie wir von der äußerlichen, unschönen und ungeberdigen Form der „Frömmigkeit" unserer östlichen Glaubensgenossen ... werden diese in der modernen