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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr g Dr. Vlvch's Wochenschrift. Seite 183 brach ab, trat an den Hanseigenthümer heran, der weltvergessen in der talmudischen Gedankenwelt schwelgte, ergriff seine beiden Hände, und sie kräftig schüttelnd, sagte ich: „Nun, R. Sender, was ist mit unserem Mietvertrag? Ihr seid doch ein braver Mann, der in seiner Frömmigkeit darauf bedacht war, feine Kinder unterrichten zu lassen, damit sie nicht in roher Unwissenheit aufwachsen; und Ihr solltet Euch weigern, ein frommes Werk stiften zu helfen, durch welches zahllose Kinder vom Untergang gerettet und zu wohlgesitteten und arbeitssamen Menschen, die Wohlgefallen in den Augen Gottes und der Menschen finden, herangebildet werden?" Reb Sender fuhr aus seinen Träumen auf, griff sich mit beiden Händen nach dem Kopf und machte alle Anstrengungen, um sich von den ihn umfangenden Banden einer idealen Welt loszumachen und wieder in das gemeine, in das ganz gemeine materielle Leben zurückzukehren. Bon hier aus sollte meine brennende Frage nüchtern erwogen werden. — Allein dazu wurde ihm keine Zeit gelassen. Bon allen Seiten drangen die „kleinen Leute" auf ihn ein. Die Einen Patschelten ihm auf den Schultern, die andern auf dem Rücken, andere streichelten ihm Bart und Wange und Alle riefen ihm zu: „Macht ein End' Reb Sender, blicket auf unsere elenden Kinder und macht ein End'!" — Reb Sender bemühte sich nach rechts und nach links abzuw ehren umsonst, immer stärker drängte man sich an ihn, immer mächtiger erbrauste der Ruf: „Reb Sender, macht ein End'!" Endlich richtete er sich entschlossen auf und sprach still vor sich hin das erlösende Wort: »Meinetwegen!" Endloser Jubel folgte. Ich holte rasch den lange vorbereiteten Miethvertrag aus der Tasche hervor und schob ihn Reb Sender hin, daß er ihn unterzeichne. Er Ihat es ohne Zaudern. Darauf ein allgemeines Drängen und Stoßen: Jeder wollte nämlich als Zeuge seinen Namen unter das befteiende Document setzen. — Bon diesem Augenblick an hatte de. eine Schule. Der Talmud aber, dessen unschätzbaren Werth als Bundesgenossen ich hier würdigen gelernt, er wurde von mir in der Folge bei ähnlichen kritischen Anlässen immer wieder angerufen und er verfehlte niemals seine Wirkung. In freudig gehobener Stimmung verabschiedete ich mich von Reb Sender und allen Anwesenden und begab mich dann ins »Hotel", um dort noch ein Stündchen vor meiner Abreise auszuruhen. Als ich wieder allein war und die eben erlebte Scene im Geiste noch einmal durchlebte, da sagte ich mir mit Wehmnth: Wie ganz merkwürdig ist doch dieses Volk der Juden, wie interessant selbst in seiner widerwärtigsten Gestalt! Versunken in den Schlamm des Materialismus, glimmt immer noch in ihm der ideale, vor Jahrtausenden am Sinai in ihm geweckte Funke — ein Zaubersprüchlein: und der Funke strahlt in Feuergarben auf. Längst zertrümmert, durch schmachvollen Druck langer Jahrhunderte planmäßig demoralisirt, von eiserner Hand zu scheuen Sclaven erzogen, leuchtet doch immer wieder der Geist Mosis und der Propheten in diesem Völkchen auf, der Geist des biblischen Schriftthums, der es ihm angethan und es nicht sterben läßt, so gern es zu Zeiten sterben möchte. Das „Volk der Schrift", es lebt noch in seinen Trümmern, blickt noch lebenskräftig aus seinen vermoderten, mit hundertjährigem Moos überdeckten Ruinen hervor. Man schlage nur mit dem richtigen Stahl auf dieselben, und die Funken sprühen.... Aber wo sind die Männer zu finden, welche den Zauberstab besitzen, den Idealismus, ohne welchen das Judenthum keinerlei Existenzberechtigung hat, wieder zu wecken und aus Juden „Menschen im Ebenbilde Gottes" zu schaffen? Gebet uns ideale, ihrer heiligen Aufgabe sich bewußte Erzieher, Männer, welche die Zeit verstehen, ihre Zeichen zu deuten und ebenso nach vorwärts wie nach rückwärts zu schauen vermögen, Männer von unbeugsamem Charakter, welche sich durch Reichthum und Macht nicht einschüchtern lassen, Männer, aber keine mattgeherzte Streber, die ihre Ehrsucht mästen mit den letzten Säften unserer altehrwürdigen Institutionen, die unter ihren unseligen Händen verdorren,-Männer, die in Wirklichkeit leben, für Gott und die Menschen leben.und ihr sollt sehen, daß die zerstreut auseinander liegenden, und todtgeglaubten Gebeine wieder aufleben. VII. Eine Stunde später saß ich im Eisenbahncoupe, auf der Reise nach A. begriffen. War das ein trostloser Anblick, der sich mir am andern Tag bei meinem Eintritt in die Schule von I. darbot! Bon den drei Lehrsälenj fand^ ich ^zwei leer, den dritten von fünf Kindern besucht, um welche sich drei Lehrer bemühten, in deren Mienen ohnmächtige Resignation zu lesen war. Was, um des Himmelswillen ist hier verbrochen worden, das so urplötzlich eine bereits rat Aufblühen begriffene Schule allem Anschein nach entwurzelte! Die Lehrer athmeten auf, als sie mich erblickten und da ich, wie sehr mir das Herz im Innern blutete, eine zuversichtliche Miene zur Schau trug, schöpften sie neuen Muth. Nach kurzer Begrüßung ließ ich mich vom Schulleiter in die Conferenzstube geleiten, wo ich ihn ins Gebet nahm. In seiner Herzensangst gestand er Alles. Er hatte eine leicht entschuldbare Ungeschicklichkeit sich zu Schulden kommen lassen, nichts weiter. Der Sachverhalt war folgender: Ein Pädagoge, von dem er voraussetzen zu dürfen glaubte, daß er in Uebereinstimmung mit seiner Vorgesetzten Behörde handle, hatte ihm eine größere Anzahl von „Religionsbüchlein", eine Art Katechismen, für den Schulgebrauch zugesandt, welche in dürren Sätzen die jüdische Glaubenslehre enthielten und manche Stellen aus der Bibel und den Gebeten in polnischer Sprache Wiedergaben. Obgleich er nun die Einführung dieser Katechismen an seiner Schule als überflüssig, sogar als unersprießlich erachtete, da solche Hilssbücher nur in Schulen am Platze seien, wo dem Religionsunterrichte nicht mehr als eine oder zwei Stunden in der Woche zugemeffen seien, wo es also zur Lectüre der Bibel selbst gar nicht kommen könne, nicht aber in Schulen, wie die von ihm geleitete, wo aus dem Bollen geschöpft, will sagen, wo täglich durch mehrere Stunden die Bibel im hebräischen Urtext gelesen werde; so habe er das Büchlein dennoch und zwar lediglich aus Rücksicht für den Autor, eingeführt und es den Schülern in die Hand gegeben. Die Kinder hätten nun, von dem Neuartigen angezogen, die Glaubenssätze und biblischen Aussprüche mit Eifer auswendig gelernt und dieselben bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit hergesagt. Das sollte sich aber an der Schule, die bereits seit Jahr und Tag des tiefsten Friedens und des Vertrauens der Bevölkerung sich erfreute, fürchterlich rächen. — Ein vorwitziger Schulknabe hatte nämlich beim Abendgebet in der Chasidim-Klaus, als der Vorbeter die Worte: Kodausch, Kodausch, Kodausch! aus dem Sch mone-Essre-Gebet recitirte und die Beterschaar in hergebrachter Weise verzückt himmelwärts springend, dieselben wiederholten, dieselben Worte, wie er sie aus seinem Religionsbüchlein auswendig gelernt hatte — vermuthlich mechanisch, ohne böswillige Absicht — in polnischer Sprache mit synagogaler Betonung wiedergegeben und während die übrigen Beter: Kodausch! Kodausch! Kodausch! schrien, schrie er: swiety! swiety! swiety! Die Folgen lassen sich leichter ahnen als schildern. Der Fehler des Schulknaben, der hier ein Verbrechen bedeutete, entfachte die wildesten Leidenschaften. Der kleine Verbrecher, welcher, kaum daß ihm die in einer „Chasidim-Schul" noch nie vernommenen fremden Laute entfahren waren, auch schon inne wurde, welches Unheil er angestiftet, wußte noch rechtzeitig zu entwischen; aber hinter ihm brach der Sturm los: „Wehe über die Schule" — so ertönte es in allen Gassen, in allen Tonarten — „Wehe über die Schule, sie entweiht das Heiligste, selbst das Gotteshaus verschont sie nicht!" .... Der alte, längst eingesargt geglaubte Haß gegen die Schule war plötzlich wieder erwacht und tobte mit wahnsinniger Wuth. Was war denn eigentlich geschehen? Ein Kind hatte ahnungslos religiöse Gefühle der Menge verletzt, und dieses Kind besuchte die Schule. Die Dunkelmänner verstanden diesen Vorfall weidlich auszunützen. Sie stürmten in die Häuser besonders jener Familien, welche ihre Kinder in die Schule schickten, erzählten von der Gräuelthat, die in der Synagoge verübt wurde und wurden nicht müde, immer neue Schauermärchen von dem sündhaften Treiben der Schulkinder zu erfinden. Der Eine wollte gesehen haben, daß ein Schulknabe entblößten Hauptes in die große Synagoge getreten sei, der Andere hatte einen aus der Schule kommenden Knaben dabei ertappt, wie er sein heiliges Gebetbuch einem an der Krippe stehenden Pferd als Futter zum Fraß hinreichte, andere erzählten andere Schandthaten.dabei wurde seitens der besser situirten Finsterlinge ein solcher Terrorismus auf die von ihnen mehr oder minder abhängigen Taglöhner, Handwerker, Händler rc., welche ihre Kinder in die Schule schickten, ausgeübt, daß die Letztere innerhalb drei Tagen evacuirt war. Die Dinge standen somit sehr schlimm, für den mit den Verhältnissen nicht Vertrauten sogar hoffnungslos. Es schien, als

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