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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 152 Dr. Blocht WochenfchrM. Nr. 8 in Meran an den Folgen einer Darmoperation gestorben. Es ist ein tragisches Geschick, das sich an dieser erst 32jährigen, schönen und geistvollen Frau vollzogen hat. Ihr Gatte Dr. K i t t o w e r, ein Schweizer Arzt, hatte kurz nach der Hochzeit das Unglück, sich durch ein Leichenpräparat zu inficiren. Er wurde auf den Tod krank und erholte sich nur langsam, immerfort in der Pflege seiner Frau, die mit der größten Aufopferung alle Curstationen mit ihm theilte. Endlich nach mehr als Jahresfrist, besserte sich der Zustand Doctor Kitower's dermaßen, daß das Ehepaar ohne Sorge in die Zukunft sehen konnte. Es wohnte in letzter Zett auf dem Semmering, wo Frau Berger-Kittower noch die Uebersetzung des Romans „Der Seelenarzt" von Peter Boborikyn vollendete. Den Frühlig gedachten beide in Meran zu verbringen und reisten kürzlich dahin ab. Vorgestern traf an die hier lebende Mutter der Frau Adele Berger ein Telegramm des Dr. Kittower ein, daß feine Frau erkrankt sei. Mutter und Schwester begaben sich mtt dem nächsten Zuge nach Meran, um, wie es scheint, Adele Berger nur noch auf dem Todtenbette zu sehen. Wer die Verstorbene in ihrer ganzen blühenden Gesundheit kannte, muß von diesem jähen Abschluß eines jungen Lebens erschüttert sein. Adele Berger arbeitete auch für deutsche Verlagsanstalten, da ihre Übersetzungen nach Form und Inhalt gleich vollendet waren. Zwei von ihr übersetzte Dramen aus dem Russischen sind im Burgtheater zur Aufführung angenommen. Meran. Geh. Regierungsrath Professor Dr. M. La zar u s, dessen Gesundhett leider noch immer nicht wieder hergestellt ist, hctt die ehemalige Villa Palme, in Untermais, käuflich erworben und ist dorthin bereits übersiedelt. Die Villa erhiet den Namen „Ruth", nach der Gattin des berühmten Gelehrten. Btelitz. Der hiesige israelitische Frauen- Wohlthätigkeitsverein beschließt im März das 40. Jahr seines Bestehens uud veröffentlicht aus diesem Anlässe einen umfassenden Tätigkeitsbericht, welcher demnächst im Druck erscheinen wird. Gleichzeitig hat der Vereinsvorstand die Abhaltung einer entsprechenden Feier beschlossen, für welche die Vorbereitungen bereits ausgenommen worden sind. Budapest. Als sich der Jncassant der Berzeviczeer israelitischen Gemeinde Leopold Rottberg, behufs Eincassirung der Cultussteuern nach Tarcsa und Darocz und von dort nach Schonucz begab, setzte ihm der Bursche Jano Palami nach und schlug den bedauernswerthen Greis mit einem Knüttel nieder. Der Attentäter wurde dem Kis-Szebener Bezirksgerichte eingeliefert. Temesvar. Die unter reger Betheiligung abgehaltene Jahres-Generalversammlung der Temesvar-Fabriker Chewra- Kadischa wählte mit Acclamation Herrn Max Steiner zum Präses des Vereines und folgende 6 Mitglieder in den Ausschuß : die Herren Dr. Markus Freund (neu), Nathan Liebmann, Dr. Bernhard Po llak, Simon Rosenth al Dr. Ludwig Schwarz und Leo Schwimmer' (neu). Die constituirende Sitzung des Vereinsausschusses hat Sonntag am 18. d. M. stattgefunden. Sillein. Der isr. Frauenverein zu Sillein beging am 11. d. die Feier seines 25jährigen Bestandes. Um 3 Uhr Nachmittags war feierlicher Gottesdienst in der Synagoge, welche von einer illustren Versammlung bis zum letzten Plätzchen überfüllt war. Nach dem Minchagebete, das von einem gut eingeschullen C-Hor vorgetragen war, hielt Seine Ehrwürden, Herr Dr. D. Friedmann vor offener Bundeslade ein deutsches Gebet, in welchem er den Segen Gottes auf den Verein wie auf deffen Leitung erflehte. Nach dem Gottesdienste begab sich die ganze Versammlung in das städtische Rathhaus, wo die feierliche Generalversammlung abgehalten wurde. Die langjährige Präsidentin des Vereines, Frau Dr. Julius Schauer eroffnete die Sitzung mit einer schwungvcllen Ansprache, indem sie allen Denen Dank sagte, die das gemeinnützige Wirken des Vereines in edler Weise unterstützten, nämlich der Cultusgemeinde und der hochherzigen Protectorin, der Frau Baronin Hermine v. Popper. Zur Erwiderung darauf versicherte Herr Ignaz Rosenfeld, Präses der Cultusgemeinde, daß der Verein auch fürderhin zu jeder Zett auf die Unterstützmig der Gemeinde rechnen kann. Hierauf legte der Secretär Herr I. Matzai den Rechenschaftsbericht vor, woraus hervorgeht, daß der Verein, der ursprünglich mit einem Capttal von 100 fl. begründet wurde, jetzt ein Vermögen von 2200 fl. besitzt. Nachdem noch auf Anregung des kön. Notars, Herrn Dr. Moritz Ring der ganzen Leitung protokollarischer Dank votirt wurde, wurde die Sitzung durch die Präsidentin geschlossen. Berlin. Herrn Dr. Walther Rathenau, welcher kürzlich im Beisein des Kaisers seinen im Postmuseum gehaltenen Borttag über „Elektrische Alchymie" wiederholte, ist nach demselben vom Kaiferpersönlich der RotheAdlerorden vierter Classe überreicht worden. Breslau. Herr Dr. H. Pink aß, stellvertretender Rabbiner der hiesigen Shnagogengemeinde, ist einstimmig zum Bezirksrabbiner von Heidelberg gewählt worden. Feuilleton. Reiseerlebnisse in Galizien. Motto: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt. Gab mir ein Gotc zu sagen, was ich leide.* (Schluß.) Reb Sender sah mich mtt großen Augen an, ungewiß, wie er meine Worte zu nehmen habe, ob als Scherz oder Ernst. Zum besseren Berständniß will ich hier für den Leser in Parenthese einschalten, daß ich, sowie in früheren Jahren, auch um diese Zeit, sobald ich nur einige Muße gewann, mich eingehend mit talmudischen, neutestamentlichen und patristischen Studien befaßte, um Material für meine „Entstehungsgeschichte des Christenthums" zu sammeln. Meine talmudischen Wanderungen führten mich auf die entlegendsten Traktate und verschafften mir, zumal ich da und dort länger verweilen mußte, in einzelnen Partien eine gewisse Versirtheit, welche selbst gewiegten Talmudisten leicht imponiren konnte. Zur großen Ueberraschung Reb Sender's citirte ich ihm aus dem Kopf eine talmudische Stelle und befragte ihn über die Auffassung, wie sie ihm übermittelt wurde. Die Stelle, meinte er, komme in Aboda zara vor. „Nein", sagte ich, „im Tractat Sabbath" und ging zu dem Bücherschrank, um den betreffenden Folianten herbeizuholen. Ich schlug die Stelle auf und las sie ihm vor. Reb Sender wurde stutzig und schaute abwechselnd auf mich und auf die fragliche Talmudstelle, vertiefte sich schließlich in dieselbe und gab mir nach einer Weile, sich mit immer größerem Eifer hineinsingend, den Gedankengang wieder. Seine Auffassung befriedigte mich vollkommen, sie war die althergebrachte, natürliche, fern von jener gekünstelten Deutelei moderner Talmudausleger, die mehr unterlegt als auslegt, nud das Dunkle anstatt es aufzuhellen, nur noch mehr verdunkelt. Obgleich aber Reb Sender den ganzen Passus richtig übersetzte, verstand er ihn dennoch nicht klar, da hier Anspielungen auf Zeitströmungen enthalten waren, die ihm völlig unbekannt waren. Denn diese Leute treten ohne jede Kenntniß der Zeitgeschichte an das Studium des Talmud heran, ihn unwissenschaftlich und nur zu religiösen Zwecken fludirend. Ich suchte die Sache, soweit er sie aufzufaffen vermochte, seinem Berständniß näher zu bringen. Er lauschte auf meine Auseinandersetzungen mit gespannter Aufmerksamkeit, bald zweifelnd den Kopf schüttelnd, bald wieder freudig zustimmend. Plötzlich sprang er auf, eilte zur Thür und rief seine Söhne herbei. Die Scene,, die sich jetzt vor meinen Augen mit dramatischer Kraft abspielte, zu schildern, bin ich ganz unvermögend. Sie begann damit, daß ich den Söhnen den Commentar zur Stelle noch einmal vortragen mußte. Wieder dasselbe Kopfschütteln, dieselben Geberden des Staunens. Darauf Einwendungen unter Berufung auf einschlägige talmudische Quellen, wobei ein Foliant nach dem anderen auf den Tisch flog, in welchen mit nervöser Hast herumgeblättert wurde. Inzwischen hatte sich draußen eine Menge Menschen angesammelt, und als einige Neugierige, durch das Fenster blickend, das Unglaubliche zu ahnen begannen und den Umstehenden die elektrisirenden Worte zuriefen: „A Datsch schüttest Toire!" da drängten sich alle zur Thür hinein, das ganze Zimmer füllend. Dieses neue, sehr dankbare Publikum, theilte sich in andächtig lauschende Zuhörer und in solche, welche, im Besitze einiger talmudischen Kenntnisse, es sich erlauben durften, sich an der Discussion zu betheiligen. Hei, wie es jetzt zu brodeln anfing! Es prasselte und loderte, daß es eine Art hatte. Augen blitzten, Hände schwirrten durch die Lust, bergehoch thürmten sich die Folianten auf dem Tisch — vergessen war die Welt und ihr Jammer, die Noth des Tages und des Augenblickes.- Zwei Stunden währte diese merkwürdige talmudische Discussion, die für mich sehr instruirend war und mich dermaßen in Athem hielt, daß ich schier vergessen hatte, warum ich bei Reb Sender erschienen — und sie hätte zweifellos noch länger gedauert, wenn mich nicht jetzt der Makler Chaim beim Aermel gezupft und mir nicht die ernüchternden Worte ins Ohr geflüstert hätte: „Herrleben, es ist die richtige Zeit." — Ich

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