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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 144 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 8 Obwohl unsere Glaubensgenossen seit fünfzig Jahren ihren Beschwerden, wenn auch vielleicht mit allzugroßer Zurückhaltung, häufig Ausdruck gegeben haben, obwohl auch in der Ständekammer der grvßherzoglichen Regierung das Verfassungswidrige ihrer seitherigen Uebuyg vorgehalten wurde, glaubt der Herr Justizminister von einem Zustand sprechen zu können, „über den die zunächst hiezu Berufenen sich nicht beklagt hätten." Allerdings waren wir so vertrauensselig gewesen, von den Leitern unserer Justiz vor Allem Gerechtigkeit auch ohne laute Klage erwarten zu dürfen, und gaben die Hoffnung nicht aus, daß endlich auch gegenüber den Juden Hessens Verfassung und Gesetz zur Anwendung gelangen müßten. Eine Generation jüdischer Aspiranten nach der andern hat sich den Regierungen zur Uebernahme von Staatsämtern zur Verfügung gestellt mit dem einzigen Ergebniß. daß der Glaubenswechsel um äußerer Vortheile willen belohnt, das Festhalten an dem ererbten Glauben bestraft wurde. Gegen eine derartige Verwirrung sittlicher Begriffe werden unzweifelhaft unsere christlichen Mitbürger mit uns Verwahrung einlege n. Dieses Vorgehen erscheint umso unbegreiflicher und muß umsomehr verletzen, als es von dem Reffort der Regierung geübt wird, das'vor Allem berufen ist, das Vorbild unbeugsamer und getreuer Wahrung der Berfaffung und der Rechtsanwendung in unserem Staatswesen zu sein. Mit tiefem Bedauern haben wir hören müssen, daß höher als Gesetz und Verfassung für den Leiter unserer Justiz die Rücksicht auf eine angebliche Strömung in gewissen Kreisen der Bevölkerung stehe. Der Antisemitismus, der in der Zett, in der er im Volke nicht bestand, die früheren Regierungen hinderte, Juden anzustellen, hindert nach ihrer jetzigen Auffassung die Regierung. Wort und Geist des Gesetzes anzuwenden, obwohl fie die antisemttische Bewegung selbst auf das Entschiedenste verurtheilt. Niemals wurde einer andern Classe der Bevölkerung gegenüber so verfahren, und es hieße die Grundlagen drr staatlichen Ordnung erschüttern, wenn Minoritäten mit Rücksicht auf vorübergehende Strömungen oder Verirrungen kleinerer oder größerer Bevölkerungskreise ihre Gleichberechtigung verlieren könnten. Die Verfassung muß der Fels sein, an dem diese Strömungen a bprallen. Während im übrigen Deutschland jüdische Richter an allen Gerichten vom Reichsgerichte bis zu den Amtsgerichten thätig sind, während selbst in Gegenden, in denen der Antisemitismus seine Hauptwurzeln hat, Juden ohne Schädigung der Justiz als Richter fungiren, hält die hessische Regierung unsere Bevölkerung für so rückständig oder die Juden Hessens für so minderwerthig, daß hierorts das, was allenthalben möglich, ausgeschlossen sein müsse. Wir protestiren gegen diese Herabsetzung, die unsere christlichen Mitbürger in gleicher Weise trifft wie uns. Für die Anerkennung unserer Gleichberechtigung seitens unserer Mitbürger können wir Zeugniffe aufweisen, die höher stehen als die Meinungen der Vertreter der Regierung, die seit fünfzig Jahren sich außer Stand erachteten, die verfassungsmäßige Gleichberechtigung zur Wahrheit zu machen. Ein Blick auf unser Land, ganz besonders auf Rheinheffen, zeigt zur Genüge, daß seit mehr als fünfzig Jahren die Bevölkerung Juden aller Aemter und Würden für fähig erachtet, die sie zu vergeben hat. Seit dem Jahre 1848 hat in allen communalen und sonstigen Aemtern, in denen das eigene Vertrauen und die eigene Wahl zum Ausdruck kommt, Hessens Bevölkerung nie einen Unterschied zwischen Juden und Christen gemacht, und trotzdem hat Hessen nie einen jüdischen Richter gesehen mit Ausnahme von zahlreichen Handelsrichtern, die zu diesem Ehrenamt durch die berufene Vertretung des Handelsstandes dem Großherzog in Vorschlag gebracht wurden. Von dem festenVertrauengeleitet, daß überder seitherigen ministeriellenPraxis a ls Hüterin und Wächterin der Verfassung, als Schutz der Minoritäten in den ihnen gewährleisteten Rechten die Ständekammer ste ht, w e n d en wir Hessen jüdischen Bekenntnisses uns an unsere Volksvertretung. Wir sind aufgewachsen in dem Glauben an Deutschlands Größe und Gerechtigkeit, unsere Glaubensgenossen haben Blut und Leben freudig eingesetzt für des Reiches Einheit und Macht, überall stehen wir in der Vertretung vaterländischer und sittlicher Interessen mit unseren christlichen Mitbürgern in Reih und Glied, Wir fordern, daß wir auf anderen Gebieten nicht als minderen Rechts behandelt werden. Die seitherige Praxis der Regierung, welche uns zugleich gegen die Juden außerhalb Hessens zurücksetzt, gibt der antisemitischen Agitation Nahrung und Rückhalt, sie bildet eine ständige Gefahr für das sittliche und vaterländische Empfinden des gesummten hessischen Volks. Wirfordern unserRecht, das fünfzigJahre ungerechter Zurücksetzung nicht aufheben konnten. Mögen unsere Landstände mit Entschiedenheit dafür eintreten, daß die Verfassung für uns Juden nicht todter Buchstabe bleibe, sondern zu lebendiger Anwendung gelange. Vom Jahrmarkt des Lebens Armes Paris — es kommt um eine „Freut attraetiou", Dr. Lueger geht nicht zur Weltausstellung. Wie hätte der Mob der französischen Hauptstadt jubeln können, wenn er dem Wiener Häuptling der Antisemiten hätte die Pferde ausspannen können und wie verständnißvoll hätte er den Worten des Doctor Lueger gelauscht, der bekanntlich nicht französisch sprechen kann. Im „Hepp-Hepp" hätten sich aber Drumont und Lasies und Lueger wunderbar verstanden. Auch den berühmten Walsin- Eszterhazy, dem bekanntlich ein freies Geleite zugestanden werden soll, weil er die Lumpereien aufdecken will, die im Dreyfus- Proceß begangen wurden, könnte Dr. Lueger in Paris vielleicht ans Herz drücken und mit dem Prinzen Orleans concurriren in der Umarmung dieses edlen Mannes. Wenn ihm aber die Pariser Luft so verleidet ist, weil er „entrüstet" ist über die Begnadigung von Dreyfus, könnte er einen Abstecher nach Brüssel machen, dort sitzt ein österreichischer Berräther echt arischer Abstammung, Priborowski oder Seiborski mit Namen, der seinem Glauben natürlich näher steht als Dreyfus und jedenfalls mehr schuldig ist als Dreyfus, der nicht geflohen ist, sondern als Märtyrer geduldet hat, während ssch Seiborski in Sicherheit zu bringen wußte. Er könnte auch Moniteur Philippe besuchen, den neuesten französischen nichtjüdischen Spion, der als Oberbeamter des Marine-Ministeriums wahrscheinlich gut katholisch ist. Waldeck-Rousseau aber wird sich zu trösten wissen, daß ihn Dr. Lueger so gründlich mit seinem Haß beehrt und angesichts der staatsmännischen Einsicht, die er bisher bekundete, würde er selbst dann, wenn Dr. Lueger wirklich in Paris Reden gegen die Staatsregierung des Landes richten wollte, dem Größenwahn dieses Wiener Catilina sicherlich nicht dadurch Bedeutung verleihen, daß er dessen Rodomontaden ernst nehmen und, wie Dr. Lueger in lächerlicher Uebertreibung seines wahren Werthes meint, eine diplomatische Complication zwischen Oesterreich- Ungarn und Frankreich Lueger's Expectorationen beantworten würde. Jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle hat man doch für diese Wiener Pflanze einen ganz anderen Maßstab als hierzulande. Möglicherweise sind ihm die in Rom erworbenen Ehren zu Kopfe gestiegen, aber Paris ist noch lange nicht Rom. Erst wenn es den Assumptionisten gelungen sein wird, der Regiernng und der Republik den Garaus zu machen, wird Dr. Lueger auch in Paris eine Rolle spielen können. Bis zu jenem Zeitpunkte scheint es aber noch weit zu sein! ""' * * * Priborowski und Genossen. Wer die sind? Spione, Staatsverräther. Priborowski hat sich nach Brüssel geflüchtet und seine Auslieferung wird verweigert. Arier, Christen sind's, die den Staat verkauft haben. Wir könnten aus der Geschichte der letzten Jahre etliche solcher „Ehrenmänner" nennen. Einen Beamten, einen Officier, einen Ingenieur — alle Arier, keiner „Semit". So sehr es uns niederstrebt, diese peinlichen, jeden Oesterreicher schmerzlich berührenden Affairen zu erwähnen, es muß geschehen zur Abwehr gegen die nimmermüden Antisemitenblätter, welche es nicht verwinden können, daß der Jude Dreyfus thatsächlich unschuldig ist. Gegen die arischen Berräther und Spione hat man weder blaue Brillen noch falsche Bärte, weder falsche Documente noch falsche Zeugenaussagen, weder Meineide noch Unterdrückung der Rechtssormem angewendet, alles war rein und echt im Verfahren, die Spionage war erwiesen. Die Leute in den Antisemitenblättern wiffen's wohl auch, aber sie verschweigen es doch! * * Das,, Vaterland" hat es neuestens wieder scharf auf die Juden. Warum sucht es nicht nach den Uebelthätern im

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