Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021339--09648-3034087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 134 Vr» Bloches WochrnfÄrrrfL dir. 7 Hörde auf sich zu lenke». Er war auch Vater dreier mannbarer, mannessüchtiger und tanzlustiger Töchter. Ehrgeiz und Vaterliebe vereint, drängten ihn dazu, den Obersten und die Officiere im Namen des Bürgerschützen-Corps zu einem Balle, den er auf seine Kosten zu Ehren des angelangten Regimentes auf dem Schießhause geben wollte, einzuladen. Der Oberst zwirbelte einen Augenblick he,tig den Schnurrbart empor, dann antwortete er: „Schön Dank, lieber Mann .... Ich für meine Person tanz' nicht; — ob meine Herren Ossiciere die Einladung annehmen werden, weiß ich nicht, da muß Er sie halt selber fragen. aber rathen kann ich Ihm nicht dazu; ich glaub nämlich, daß Er mit Seiner unterthänigen Einladung nicht reussiren wird. Er kennt ja gewiß das alte Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern! Meine Herren Officiere tanzen nur mit adeligen Damen, nicht wahr, Oberlieutenant Graf Altheim?" wandte er sich an seinen Adjutanten, der „zu Befehl, ja" antwortete, „aber", fuhr der Oberst mit einem gnädigen Lächeln fort „meine Unterofficiere, lauter prächtige Kerls, die möchten Eure Mädel herumschwenken, daß nur so die Röcke fliegen möchten!" Der Schützenhauptmann und Seifensieder wurde krebsroth vor Zorn, er war ein reicher Mann, großer Reichthum verleiht bekanntlich große Kühnheit nnd er erwiderte sackgrob: „Wenn Sie unsere Einladung nicht annehmen, können Sie sich auch ihren Rath behalten, bis Sie darnach gefragt werden — und Herr Oberst merken Sie sie sich's für ein anderes Mal, Ihr „Er" bin ich auch nicht." Jetzt stieg wieder die Zornesröthe in des Obersten Gesicht auf; aber bevor er noch etwas zu erwidern vermochte, hatte Auerbruck seiner Compagnie mit einer Stentorstimme commandirt: „Habt acht! Schwenkt Euch rechts! Marsch! " und die Bürgerschützen marschirten durch einen Seitenweg — die Haupstraße war von den Dragonern verlegt — nach der Stadt ab. Der Oberst rief dem Bürgerhauptmann, allerdings „Flegel" nach, aber dieser Kosename wurde von den Klängen der Schützenmusik in wohlthätiger Weise übertönt. .Nun commandirte auch der Oberst „Regiment marsch!" Die Trompeter begannen von Neuem zu blasen, die Reitermasse setzte sich in Bewegung und die officielle Empfangsfeierlichkeit war hiemit zu Ende. Es entstand nun unter den Publikum eine lebhafte Bewegung. Die Magistrats - Deputation, die Zünfte, die von den Lehrern geführte Schuljugend, folgte den Bürgerschützen auf dem Nebenwege zur Stadt. Die Zuschauer theilten sich. Diejenigen, welche sich für die Mitglieder der heimischen Bürgerwehr interessirten, deren Frauen, Verwandten, Gesellen, Lehrbuben und einige andere Localpatrioten folgten den Schützen, die überwiegende Mehrzahl aber konnte sich an dem militärischen Schauspiele nicht satt sehen und schritt auf der Hauptstraße neben den Dragonern ^dem Stadtthore zu. Bürgermeister Golzinger wäre, um seinen Sohn länger im Gesichte zu behalten, gerne dem Regimente gefolgt, aber er konnte sich nicht gut von den Magistratsräthen trennen, auch schien es seiner Würde abträglich, in dem geschmolzenen Schnee und Koth der Heerstraße, neben zerlumpten, barfüßigen Gaffenjungen einherzulaufen. Auf dem Riugplatze des Städtchens ließ der Oberst das Regiment vorbeidefiliren, dann ritt jener Theil der Truppen, welcher in der Umgebung dislocirt werden sollte, durch das zweite Thor ab, die in der Stadt unterzubringeude Mannschaft empfing die Quartierbillets. Der Bürgermeister hatte zuerst beabsichtigt, den Obersten bei sich einzuquartieren, aber bei näherem Bedenken befürchtete er, daß dessen Anwesenheit in seinem Hause seinem Sohn Lorenz unbequem werden könnte, und er hatte jenem die schönsteu Zimmer des besten Gasthofes der Stadt „Zur mähr'schen Eiche", sich aber seinen Sohn anweisen lasten. Golzinger kam früher als sein Sohn zu Hause an. Ec fand seine Frau in großer Aufregung. Sie hatte vom Fenster chres Hauses das Regiment voröeimarschiren sehen und ihr war ebenso wie ihrem Gatten zweifaches sehr unangenehm aufge-!allen. Lorenz sah äußerst schlecht aus, man konnte ihm seinen lüderlicheu Lebenswandel vom Gesichte ablesen, und er hatte sowohl den Vater als die Mutter, trotzdem ihm diese heftig mit dem Taschenluche zugewinkt und eine Treibhausblume zugeworfen halte, mit einer nur unmerklicheu Senkung des Degens begrüßt Die Bürgermeisterin war tief betrübt, sie sprach die Befürchtung aus, ihr Sohn führe ein zügelloses Leben und habe auch sein Herz von seinen Eltern abgewendet. Golzinger suchte die Befürchtungen seiner Frau, die er vollkommen theilte, zu zerstreuen. Lorenz, meinte er, möge von dem ermüdeten Marschritte erschöpft sein und deshalb bleicher und eingefallener als gewöhnlich aussehen, sie würde ihn, wenn er einige Zeit im Vaterhause bleiben würde wieder „prächtig herausfüttern," und daß er scheinbar gleichgiltig, ohne die Freude des Wiedersehens zu verralhen, an seinen Eltern vorbeigeritten, müsse mit der strengen militärischen Disciplin, die etwa freundschaftliche Begrüßung Einzelner während des Marsches nicht gestatte, entschuldigt werden. Die zärtliche Mutter wollte dies nicht bestreiten; aber sie nahm sich in ihrem Herzen vor, ihren Lorenz gleich bei seiner Heimkunft, seines unkindlichen Benehmens wegen, tüchtig auszuschelten und ihn auch seines schlechten Aussehens wegen strenge ins Gebet zu nehmen. Aber als sie jetzt aus dem Fenster blickend, Lorenz von einem Officiersdiener gefolgt, heransprengen und ins Haus einreiten sah, waren alle diese Vorsätze vergessen. Frau Golzinger und ihr Mann flogen ihrem Einzigen entgegen, die Mutter fiel dem Langentbehrten um den Hals, preßte ihn an ihre Brust uud küßte und herzte den bärtigen Mann, als wenn er noch in den Windeln in der Wiege läge. „Schon gut, Mutter, schon gut! treibe doch keine Narrenspossen!" waren Lorenzens erste Worte im Vaterhause; — „nnd. daß ich's nur offen heraussage, ick> habe heute noch keinen vernünftigen Bissen in Munde gehabt, ich bin hungrig wie ein Menagerielöwe vor der Fütterung", und dabei entwand er sich ziemlich rücksichtslos den mütterlichen Umarmungen. „Lorenz hat vollkommen recht!" beeilte sich Golzinger zuzustimmen, „es ist ein gutes, altes Sprüchivort: Es geht kein Tanz vor Essen! .... Du wirst Deinen Liebling jetzt hoffentlich längere Zeit bei Dir behalten und nach Herzenslust abküffen können. Wenn man ein Paar Stunden auf der Straße in der rauhen Novemberluft geritten ist, wird man viel hungriger und durstiger, als Du, Mathilde, Dir's vorzustelleu vermagst .... Mach' Dir's bequem, mein Junge, lege die lästige Uniform ab und komme zu Tische. Unsere Köchin hat sich alle Mühe genommen, Ehre bei Dir einzulegen, und ich habe zur Feier Deiner Ankunft den ältesten und besten Wein aus dem Keller herausholen lassen." Diese väterliche Versicherung heiterte Lorenzens verdrießliche Mienen etwas auf, er reichte dem Vater die Hand und sprach lachend: „Du bist halt doch der alte Praktische, — also gehen wir vorerst zum Essen, dann könnt Ihr gegen mich so zärtlich sein als Ihr wollt. Wenn ich satt bin, kann ich die ungezähmten Ansbrüche Eurer Liebe leichter ertragen." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Jüdische Realpolitik in Oesterreich. Ein V a d e m e c u m für e r n st D e n k e n d e. Von Dr. M. R o s e n m a n n, Bezirksrabbiner in Floridsdorf. Wien, Verlag R. Löwit, l., Rothenthurmstraße 22. Der Verfasser wünscht sich die Gründung einer „jüdischpolitischen Partei", die alle Theile des österreichischen Judenthums in sich vereinigt, um die Gleichberechtigung nach allen Richtungen zu erkämpfen. Als Programmpunkte der Partei zählt der Verfasser auf: Subventionirung des israelitischen Cultus durch den Staat. Modificirung der Sonntagsruhe zu Gunsten der Juden. Besetzung der im Ministerium für Cultus und Unterricht bestehenden Abtheilung für jüdische Cultusangelegenheiten mit jüdischen Kräften. Einführung der hebräischen Sprache als Lehrgegenstand an den Mittelschulen mit obligatorischer Geltung für die jüdischen Schüler. Gleichstellung israelitischer Religionslehrer an den Mittelschulen mit den anderen Lehrkräften. Eingliederung der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien in die Wiener Universität und die Errichtung von Lehrkanzeln für hebräisch-jüdische Geschichte an den philosophischen Facultäten in Wien, Krakau, Prag, Czernowitz. Bon dem Gemeindebund fordert er folgende social-politische Ausgaben: 1. Einheitliche Ordnung des jüdischen Armenwesens, um die Wanderbettelei, diese Schmach des modernen Judenthums, einzuschränken. 2. Errichtung von Arbeits- und Stellennachweis- Bureaux in allen größeren Gemeinden und Ausgestaltung der bereits in Wien existirenden Arbeitsnachweisstelle zur Centrale. 3. Fortentwicklung des Wiener jüdischen Lehrlingsheims und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.