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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 133 gegnete rch kleinen Gruppen gesticulirender „Chasidim". Sie grüßten; aber in ihren Mienen war Uebermuth zu lesen und Siegesgewißheit. Im Uebrigen waren die Straßen ziemlich menschenleer und zeigten ihre gewöhnliche Physiognomie. Dafür aber fand ich die Einfahrt zum „Hotel" in ihrer ganzen Breite und Tiefe von Menschen vollgepfropft, deren Aeußeres auf den ersten Blick verrieth, daß sie der breitesten Bolksschichte angehörten. Bei meinem Erscheinen preßten sie sich zusammen und bildeten Spalier, so daß ich ungehindert in mein Zimmer kommen konnte. Gleich hinter mir traten fünf Männer als Vertreter der draußen angesammelten Menge bei mir ein, welche an mich im Namen der sehr zahlreichen armen jüdischen Bevölkerung die dringende Bitte richteten, die Gründung der Schule ungeachtet der künstlichen Agitationen seitens der wohlhabenden „Chasidim" weder auszugeben, noch in die Länge zu ziehen. Der weitaus größere Theil der jüdischen Bevölkerung wisse die Nothwendigkeit und die Wohlthat der Schule zu würdigen und wolle nicht, daß die Heranwachsenden Kinder demselben oder noch schlimmerem Schicksal verfallen, wie ihre jammervollen Eltern. Ich beruhigte diese Armen, hieß sie nach Hause gehen und das Beste hoffen, versichernd, daß die Schule in dem Augenblick ins Leben treten werde, wo ein geeignetes Local für dieselbe gefunden sein werde. „Das wird noch heute der Fall sein", ließ sich eine Stimme von der Thür her vernehmen. Es war die des Maklers Chaim, der eben eingetreten war, derselbe, der mir auch bei meiner ersten Anwesenheit in X. seine Vecmittlerdienste zur Verfügung gestellt hatte. „Wie ist das möglich, Reb Chaim", fragte ich, „da Reb Sender, der Eigenthümer des einzigen in X. für eine Schule geeigneten Hauses, uns wortbrüchig geworden?" „Nicht gesorgt, gnädiger Herr, nicht gesorgt, ich habe noch ein anderes Locale anzubieten: Da ist. das alleinstehende Gebäude des pensionirten Gerichtsadjuncten C., geeignet wie kein zweites für eine Schule. War doch bis vor kurzem die Etat- Schule dort untergebracht... „Nein, Reb Chaim, das können wir nicht brauchen. Ich habe es Euch schon damals gesagt, als ich zum erstenmal hieher kam. Es liegt zu weit draußen, der Weg dahin ist für die Kleinen bei Schnee- oder Regenwetter zu beschwerlich —. überdies muß unsere Schule im Centrum der jüdischen Bevölkerung liegen." „Nu, wenn alle Stricke reißen, dann bleibt nichts übrig, als wieder zu Reb Sender zurückzukehren, der doch halb und halb uns sein Haus schon vermiethet hatte... „Wie könnt Ihr nur so sprechen, Reb Chaim, wißt Ihr denn nicht, daß der sein Wort treulos zurückgezogen?" „Und wißt Ihr das so sicher?", gab Reb Chaim zurück, „Ihr wißt es nur vom Hörensagen. Sprechet doch erst selbst mit Reb Sender.... Ich denke noch immer: für Geld und gute Worte...." Ich athmete bei dieser Andeutung des Maklers auf. Ah, dachte ich, es ist doch noch nicht alles verloren. Ich that aber, als ob ich nicht die Absicht hätte, seinen Wink zu befolgen und sagte: „Gute Worte? Daran soll's nicht fehlen; aber Geld? Habe ich ihm denn zu wenig zugestanden? Und hat er sich nicht einverstanden erklärt?“ „Gnädiger Herr, Ihr wollt doch die Schule, und da darf nicht geknausert werden, selbst wenn heute das Doppelte für die Miethe verlangt werden sollte. Die Sache ist des Opfers werth." „Aha, ich verstehe; unfern wackern Reb Chaim gelüstet es nach einem doppelten Maklerlohn ...." „Der gnädige Herr wird ungerecht", antwortete Reb Chaim gekränkt. „Ich will die Schule und verzichte gern auf den Maklerlohn. Ich habe Kinder, hilflose Kinder und möchte Sie gern in die Schule schicken, damit sie etwas Rechtes lernen und keine jämmerlichen Makler werden, wie ihr Vater einer ist...." „Verzeiht, Reb Chaim", begütigte ich, „ich habe nur gescherzt. Gehen wir hinüber zu Reb Sender." Reb Sender gerieth in große Verlegenheit, als er meiner ansichtig wurde. Er blickte scheu zu Boden, indem er die dargebotene Rechte mit stammelndem Gruß nur leicht berührte. Je unbefangener ich mit ihm sprach, desto mehr wuchs seine Verwirrung. Nach kurzer Einleitung sagte ich, daß ich gekommen sei, den Mietvertrag abzuschließen. Er kratzte sich lange unschlüssig hinter den Ohren, ohne die Sprache finden zu können. Endlich brachte er mühsam die Worte hervor: „Herrleben, es geht nicht." „Was geht nicht, Reb Sender?" „Ich kann Euch das Haus nicht vermiethen!" „Ihr könnt nicht?" erwiderte ich mit erstauntem Tone, „und warum könnt Ihr nicht?" „Meine Partei gibt es nicht zu." „Eure Partei gibt es nicht zu? Und was ist das für eine sündhafte Partei, die ihre Anhänger bestimmt, die Gebote Gottes zu übertreten? Oder kennt Reb Sender nicht das Gebot der Thora, das da befiehlt: das Wort, das aus deinen Lippen hervorgeht, mußt Du beobachten und es ausführen?" „Aber ich kann mich doch nicht selbst ruiniren", gab er verzweiflungsvoll zurück. „Ich kann doch nicht mein Geschäft, womit ich die zahlreiche Familie erhalte, aufs Spiel setzen! Wenn ich Euch das Haus für die Schule vermiethe, so leidet es schweren Schaden. Biele werden es meiden. Man wird mit den Fingern auf mich zeigen, wie auf einen Abtrünnigen. Ich werde in meiner Ehre gekränkt werden. Wenn ich in die Synagoge oder in die Klaus kommen werde, wird man mir scheu aus dem Wege gehen, werde ich zur Thora nicht mehr gerufen werden . . . ." „Ihr übertreibt sehr stark, Reb Sender", fiel ich ein. „Die Gespenster, die Ihr an die Wand malt, existiren heute nicht mehr. Davon habe ich mich schon nur zu oft in meiner mehrjährigen Praxis überzeugt. Ihr werdet möglicherweise einige Wochen hindurch böse Gesichter zu sehen bekommen; umsomehr wird man Euch später dafür Dank wissen, daß Ihr mitgeholfen dabt, eine segensreiche Institution ins Leben zu rufen, welche hie sonst im Elend verkommende Jugend rettet. Des Dankes der armen Bevölkerung seid Ihr schon heute sicher." Er schüttelte ungläubig den Kopf. Es trat eine Pause ein. In großer Unruhe schritt ich die tiefe Stube auf und ab. Da fiel mein Blick auf einen Schrank im Hintergrund. Große Folianten standen darin aufgeschichtet. Das ist der Talmud, sagte ich mir, und das trifft sich gut. Vielleicht wird er mir ein Helfer in der Noth. Ich trat vor Reb Sender hin und sagte: „Ihr lernt wohl Talmud?" „Gewiß",erwiderte er. sichtlich überrascht von dieser Frage. Ich „lerne" und meine Söhne „lernen" auch". „Dann werde ich wohl manches hier zulernen, vielleicht auch über manche dunkle Talmudstellen, die mich seit langem beschäftigen. Ausschluß bekommen." (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Nun trat auch der Bürgerschützenhauptmann, der reiche Seisensider Daniel Auerbruck, vor. Es war dies ein Mann, der durch seinen höheren Bildungsgrad und seinen großen Reichthum eine hervorragende Stellung in dem Städtchen einnahm. Er war als Zweitgeborner von seinem Vater, der gleichfalls ein reicher Seifensieder gewesen, ursprünglich zum geistlichen Stande bestimmt, allein da sein älterer Bruder, der das väterliche Geschäft, übernehmen sollte, als Geselle starb, mußte er an seine Stelle treten. Da er durch einige Classen des Gymnasiums gelaufen, blieb er sein ganzes Leben auf seine Gelehrsamkeit stolz, und prunkte namentlich vor Leuten, die dies nicht verstanden, mit lateinischen Phrasen, die er als ein kostbares Andenken aus seiner Knabenzeit aufbewahrt hatte. Er war sehr ehrgeizig und konnte es nie verschmerzen, daß er nicht Erzbischof, sondern nur Seifensieder geworden, uud suchte sich stets in irgend einer Weise auszuzeichnen. Wäre er in einem Fürstenpalaste geboren worden, wäre er gewiß das Prototyp eines Hocharistokraten geworden; allein weil er ein Bürgerlicher, ein Handwerker war. spielte er sich häufig auf den Volkssreund, und die französische Revolution und das von ihr proclamirte Princip der Gleichheit fand an ihm einen begeisterten Anhänger, allerdings nur in der einseitigen Richtung, daß e r sich höher Stehenden gleichstellen wollte. Er war dem Bürgermeister, den er um seinen Rang und sein Ansehen beneidete, spinnfeind. Trotz seiner zeitweiligen demokratischen Gesinnung, suchte er sich bei jeder Gelegenheit den höhern Ständen zu nähern, und die Aufmerksamkeit der Be-

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