Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sir. 7 Seite 132 Dr. Bloch'? Schäften in der Gegend vertreten war, und dies selbst von Seite der zarten Jugend, solange dieselbe außerhalb der Schule aufwuchs, war dermaßen gegen die Schule fanatisirt worden, daß die Eröffnung derselben geradezu mit Lebensgefahr verbunden war. Der Kampf hatte damit geendet, daß der „Wunderrabbi", um deffentwillen sich die Menge so wild gegen die die Schule geberdete, das Städtchen, welches dnrch die Einführung der Schule entweiht wurde, verließ, um ostwärts zu ziehen. — Jahre sind darüber hinweggegangen. Die Schule hatte allmälig eine niegeahnte Entwicklung genommen und die schweren Kämpfe, die ihre Schöpfung gekostet, schienen längst vergessen. Was Wunder nun, daß mich jetzt die telegraphische Nachricht: „Seit acht Tagen werde gegen die Schule von den fanatischen Machthabern Sturm gelaufen und sie gehe, wofern keine Hilfe komme, znverlässig der Auflösung entgegen", aufs tiefste beunruhigte. Das war mir ganz und gar unverständlich. Was mag da vorgefallen sein? — Doch wie Pflegte Jossel zu sagen? „Feldsorgen lassen sich nicht aussorgen". Gegen Mittag war ich in Kolomea angekommen und nach kaum einstündigem Aufenthalt reiste ich wieder ab. — Am andern Morgen langte ich in X. an, wo ich die Situation voll-, ständig verändert fand. Wohl hatte ich, bald nach meiner Ankunft den Besuch desselben Cultusvorstandes wieder, den ich einige Wochen früher für die Schule vollständig gewonnen zu haben glaubte; aber: quam mutatus ab illo! Da war keine Spur mehr von jener frischen, freudigen Entschlossenheit von vordem, dafür aber Verlegenheit in den Mienen und stammelnde Zurückhaltung. Wie schuldbewußte Schulknaben vor ihrem Lehrer, standen die graubärtigen Männer, die „Führer" der Gemeinde da, sich gegenseitig verstohlene Blicke zuwerfend. Ich that, als ob ich nichts merkte, heuchelte Ahnungslosigkeit und Gleichgiltigkeit und das war das Beste, was ich unter den gegebenen Verhältnissen thun konnte. Ich plauderte zunächst über die alltäglichsten Dinge, kam dann aus die Fortschritte zu sprechen, welche das Schulwesen in Galizien, und zwar in den „allerfrommsten" Orten machen, berichtete, daß selbst der „Heilige" von Czortkow kein Haar darin finden könne, daß solche Schulen creirt werden. Sie nickten sich gegenseitig Beifall zu und ehe ich michs versah, war ihre Schüchternheit soweit gewichen, daß Einer von ihnen, der Präses der Gemeinde, nachdem er sich durch längeres Räuspern zum Reden vorbereitet hatte, den Vorschlag wagte, ich möge in ihrer Begleitung dem Rabbi einen Besuch abstatten, dann sei nicht zu zweifeln, daß auch in L. die Schulgründung so glatt wie anderswo vor sich gehen werde. Dieser Vorschlag wirkte erlösend auf seine Collegen, die durch freudige Geberden verriethen, daß ihnen ein Stein vom Herzen gefallen. Ich wußte nun, woher der Wind blies. Sind diese Leute, so dachte ich bei mir, wirklich so dumm, sich von meinem Besuche beim Rabbi — der ein Stück, und wie ich bald mit eigenen Augen sah, ein ganz capitales Stück von einem Wunderrabbi war — Erfolg zu versprechen, oder hielten sie mich für so naiv, an einen solchen Erfolg zu glauben, oder wollten sie, daß mir der Rabbi den Rath, den sie zu geben nicht den Muth hatten, ertheileu sollt", nämlich, von der geplanten Schulgründung abzustehen? ... Ich für meine Person wußte nur zu wohl, daß ich durch meinen Besuch den Rabbi nicht günstiger für meine Sache stimmen, daß es überhaupt zu einem Paktiren mit ihm und seinesgleichen nicht kommen werde, nicht kommen könne — wie wollte man ihnen zumuthen, den Baumstamm, auf welchem sie sitzen, mit eigener Hand abznsägen!... Und die Schule, bedeutet sie nicht das Ende des Wunderrabbithums? — Gleichwohl begab ich mich in Begleitung des Cultusvorstandes zum Rabbi, nicht sowohl, um den Knoten zu lösen, als ihn vielmehr, da es einen andern Ausweg nicht gab, zu durchschneiden. Der Besuch beim Rabbi gestaltete sich nicht ganz uninteressant. Als wir in seine Wohnung traten, kam uns ein über alle Maßen gut genährtes, kugelrundes Männchen mit aufgedunsenem, rothbackigem, von einem schwarzen Bärtchen umrahmtem Gesicht entgegen, uns die Hände unter fortwährenden Bücklingen schüttelnd. Der Rabbi und sein Milieu entbehrten nicht einer gewissen derb-komischen Gemüthlichkeit. Alles stimmte hier zur Heiterkeit, im Gegensatz zu dem strengen Ernst, und zu der aristokratisch gemessenen, zu keiner Vertraulichkeit aufmunternden Haltung, wie ich sie bei den Wunderrabbis älterer Dynastien habe herrschen gesehen. Das Empfangszimmer, einer schlechten Dorfschänke nicht unähnlich, stimmte schlecht zu dem vielgerühmten Reichthum dieses „Seelsorgers". Wochenschrift« Jawohl, dieser Rabbi war, was in der ganzen weiten Umgebung allgemein bekannt war, ein reicher Mann, und sein Einfluß rührte nicht zum geringen Theil davon her, daß er, wie ebenfalls vielbekannt war, mit seinem Pfund gut zu — wirthschaften verstand. Zu dem Zimmer paßte genau der auf Kreuzbeinen stehende, zweifellos von einer Schänke herrührende Tisch, um welchen wir Platz nahmen. Auf demselben stand ein großes Bierglas, aus dessen Grunde noch ein Rest des gelben Saftes verstohlen hervorblickte. Der Rabbi war sehr redselig. Er drückte seine Befriedigung über meinen Besuch aus, rühmte sich in possierlich-protziger Art seiner hohen Bekanntschaften und seines Einflusses bei dem Adel und den hervorragenden Politikern des Landes .... und zollte schließlich seine Anerkennung dem wohlthätigen Wirken des Baron Hirsch, welchem auch das Städtchen L. viel verdanke, da es von ihm, als es vor einigen Jahren von einem schweren Brand heimgesucht wurde, in so nachhaltiger Weise unterstützt wurde, daß die meisten Abbrändler sich bald wieder von den erlittenen Schäden erholen konnten. Damit war er auf ein Thema gekommen, an welches sich eine Discussion über die Schule auf natürlichste Weise anknüpfen ließ. „Jawohl", fiel ich ein, „der Mann thut viel, möge es Viele seinesgleichen in Israel geben" — ich citirte den talmudischen Text. — „Und welche unsterblichen Thaten sind die von ihm ausgehenden Schulgründungen. . . ." Der Rabbi machte eine abwehrende Bewegung und ein saures Gesicht. „Was?" rief ich erstaunt aus, „Ihr seid kein Freund der Schule, kein Freund dieser größten Wohlthäterin der Jugend?" „Die Schule?" erwiderte er gedehnt und halb verlegen, „die Schule?-ich will darüber nicht voreilig urtheilendas ist ein heiklich Ding, das Vorsicht verlangt .... ." „Aber was kann man denn gegen die Schule Vorbringen, was gegen sie haben? Sprecht Euch doch offen aus." Er kämpfte einige Augenblicke mit sich, dann platzte er entschlossen heraus: Ich werde Euch offen sagen: die Schule will ich nicht, sie ist ein unfrommes und gefährliches Ding. Den Baron Hirsch verehre ich, aber ich darf ihm nicht blind folgen: Wenn mir der Baron Hirsch Geld in die Hand steckt, so weiß ich was es ist, und ich nehme es, ohne zu zaudern. Aber wenn er mir etwas in den Mund hineinstecken will — da weise ich es zurück, ich weiß ja nicht, welche Folgen das haben kann." „Wie versteht Ihr das, Rabbi?" „Ganz einfach: weiß ich, was uns die Schule bringen wird? Nach meiner Berechnung nichts Gutes, darum wehre ich mich gegen sie." „Das will wohl sagen, daß der Rabbi der Schule den Krieg erklärt?" „Was braucht's da eine Kriegserklärung, wo es keinen Feind gibt?" erwiderte der biedere Mann. „Es fängt sich ja gar nichts an. Die Schule wird nicht sein — und ich brauche ihr folglich keinen Krieg zu erklären." „Und wer sagt Euch, daß die Schule nicht existiren wird?" „Wer mir das sagt? die ganze jüdische Bevölkerung. — Keiner will sie, Keiner wird auch nur ein Stübchen für die Schule vermiethen wollen; folglich fängt sich gar nichts an." „Das wollen wir erst abwarten, Rabbi," sagte ich, mich erhebend. „Der Herr ist vermuthlich mit den hierländischen Verhältnissen noch wenig vertraut," warnte der Rabbi mit breitem sauerem Lächeln, „und kennt vermuthlich die Widerstandskraft unserer frommen Bevölkerung nicht; ich möchte auf diesen Umstand den Herrn aufmerksam gemacht und zu größerer Vorsicht gemahnt haben." „Das ist meine Sache," sagte ich. „Ich weiß nun, woran ich bin und werde selbständig und unentwegt Vorgehen, und der Rabbi kann sicher sein, daß die gute Sache alle Widerstände besiegen wird." Ich ging. Der löbliche Cultusvorstand aber blieb bei dem reichen Rabbi zurück. Ich sah auch diese muthigen Leutchen nicht sobald wieder. Erst nach Jahr und Tag, als die Schule bereits tiefe Wurzel gefaßt hatte und völlig unangefochten dastand, kamen sie wieder herbei, ihre „Mitwirkung" anbietend, um Einfluß zu gewinnen. Aber da war ihre Zeit schon um. Vom Rabbi begab ich mich ins „Hotel", um reiflich zu überlegen, was nun zu beginnen sei. — Auf der Straße be-