Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr.. B'och's WochrnfchrrsL. Seile 125 faltung. Ein frühreifer klarer durchdringender Verstand und eine glückliche Auffassungskraft ließen schon früh den dereinstigen Mann der Wissenschaft erkennen, aber den Gelehrten stempelte ein ungemein praktischer Sinn, seine weitausschauende Klugheit zugleich zum Staatsmann und Diplomaten, welcher den Herrschern dreier Länder treue Dienste zu leisten berufen war. Alphons V., König von Portugal, ein milder und leutseliger Regent, berief ihn in gerechter Würdigung seiner Talente an den Hof und übertrug ihm die Verwaltung der Finanzen. Und wie beim Fürsten, so verschafften ihm sein Können und seine vornehme Gesinnung auch bei den Granden des Reiches und bedeutenden christlichen Gelehrten Hochschätzung und aufrichtige Freundschaft. Mit dem mächtigen Herzog Fernando von Braganza verbanden ihn innige Beziehungen der Freundschaft, der ihm, wie Abarbanel sich ausdrückt, „wie ein Bruder war, Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein". Freilich sollte dieses Verhältnis noch tragische Folgen für Abarbanel zeitigen. So sind es nach jeder Seite hin die günstigsten Verhältnisse, in denen Abarbanel in seinem Vaterlande Portugal, und meist in der Hauptstadt Lissabon mehrere Jahrzehnte verbrachte. Dem äußeren Segen und Reichthum entsprach ein seltenes Familienglück. Drei wackere, gleichgesinnte Söhne umgaben den Vater und an seiner Seite stand eine ihm ebenbürtige Gemalin. Aus dieser Zeit ist auch eines großartigen Werkes der Wohlthätigkeit Erwähnung zu thun, das in gleicher Weise von der imponirenden Stellung Abarbanel's unter den hispanischen Glaubensgenossen, wie von seinem praktischen Sinn und seinem organisatorischen Talent Zeugniß ablegt. Bei der Eroberung der afrikanischen Stadt Arzilla durch Alphons im Jahre 1471 waren 250 Juden zu Sklaven gemacht worden. Zur Loskaufung derselben organisirte Abarbanel ein regelrechtes Landescomits, an dessen Spitze er trat, und wußte nicht uur die gesammten portugiesischen Juden, sondern italienische Gemeinden zur Beisteuer heranzuziehen. Auf diese Weise gelang es ihm, das für die damalige Zeit doch ganz bedeutende Lösegeld — 10.000 Golddublonen — in kurzer Frist zu beschaffen. Aber Abarbanel begnügte sich nicht mit der Befreiung der Unglücklichen; sie wurden bei Glaubensgenossen untergebracht und soweit gefördert, daß sie für sich selbst zu sorgen im Stande waren. Aus solch' segensreicher Wirksamkeit wurde Abarbanel durch den Tod des Königs Alphonso und die Thronbesteigung seines Sohnes Johann II. mit einem Schlage herausgerissen. Der mißtrauische König vermuthete eine Verschwörung gegen seine Person, und als deren Haupt den Herzog von Braganza. Nachdem er denselben hatte meuchlings ermorden lassen, suchte er auch Abarbanel, der mit zum Complot gehören sollte, in die Falle zu locken. Mit knapper Noth entging er dem Verderben und flüchtete sich nächtlicher Weile nach Castilien. Sein ganzes in Portugal zurückgelassenes Vermögen wurde eingezogen, sein Haus demolirt, seine Schriften vernichtet. Das geschah im Jahre 1483. In Toledo, wo sich Abarbanel niedergelassen hatte, beschäftigte er sich ungefähr ein halbes Jahr lang ausschließlich mit wissenschaftlichen Arbeiten, auf deren literarische und wissenschaftliche Bedeutung Redner dann näher einging. Bald darauf trat ein überraschender Umschwung seiner Verhältnisse ein. Er hatte gerade den Commentar zum Buche Samuelis beendet, „und eben wollte ich," so erzählte er selber, „beginnen mit der Erklärung der Bücher der Könige, da wurde ich in des Königs Haus gerufen, des Königs von Spanien, der über Castilien, Aragon, Catalonien und alle andern Inseln herrscht". Ferdinand der Katholische und Jsabella beriefen Abarbanel, dessen Ruf weit über die Grenzen der engeren Heimat gedrungen war, im sechsten Monat seiner Anwesenheit in Toledo an ihren Hof. Seine literarische Thätigkeit war wieder unterbrochen, doch verwaltete er von nun an acht Jahre lang auch hier die Finanzen des Reiches, vermehrte die Staatseinkünfte, erwarb selber stattliche Reichthümer und hatte mitsammt den Seinen, die bis auf einen Sohn nach Spanien nachgekommen waren, bald wieder die einstige Höhe erklommen. Da kam im Jahre 1442 der zweite Fall, noch viel jäher und plötzlicher, als der erste gewesen war. Denn er kam nicht für Abarbanel allein, sondern für die ganze spanische Judenheit. Spaniens König war seiner jüdischen Landeskinder überdrüssig, er hatte sich an den Erfolgen gegen die Mauren, an der Eroberung Granadas berauscht, nnd das Opfer seiner unbändigen Siegeslust und seiner religiösen Wahnvorstellungen sollten die Juden sein. In demselben Jahre, in dem auf Spaniens Initiative durch die-Entdeckung Amerikas eine neue Epoche der Weltgeschichte anbrach, stellte eben dasselbe Spanien 300.000 Juden die Wahl zwischen Religionswechsel und Exil, und diese wählten ohne Besinnen das Letztere und griffen am Trauertage der Tempelzerstörung, einen Tag vor der Abfahrt des Christoph Columbus zum Wanderstabe. Abarbanel hatte mit den Seinen gleichfalls ein Schiff bestiegen und das Schicksal verschlug ihn und seine Gefährten nach Neapel. Kaum aber hatte er festen Boden unter den Füßen und fühlte sich einigermaßen sicher, da finden wir ihn wieder bei der Erklärung der Bücher der Könige, die er in Neapel binnen Jahresfrist vollendete, nnd womit er die geschichtlichen Bücher der Bibel, nach achtjähriger Pause abschloß. Aber auch hier in Neapel sollte Abarbanel bald in die Oeffentlichkeit zurückkehren und die Studirstube zum dritten Male mit des Palastes weiten Hallen vertauschen. Auch der König von Neapel, ein besserer Ferdinand als der spanische, mochte seiner Einsicht und Thatkraft nicht entbehren, er übertrug ihm wichtige Aemter — erwies sich aber auch dankbar, indem er auf die Fürbitte Abarbanel's den aus Spanien eingewanderten Juden hochherzigen Schutz und Beistand gewährte. Ferdinand starb schon im folgenden Jahre. Unter seinem Sohn Alphonso kamen schreckliche Kriegsnöthen über Neapel. Karl der VIII., König von Frankreich, fiel in Italien ein. Alphonso mußte fliehen und abarbanel begleitete ihn nach Messina. Neapel wurde von den Franzosen eingenommen und geplündert, auch das Haus des Abarbanel zerstört, und wie an der gesammten Einwohnerschaft, so wurden auch an den Juden unerhörte Gräuel verübt. Von Messina aus begab sich Abarbanel im nächsten Jahre, nach denr Tode Alphonso's, nach der griechischen Insel Korfu und begann dort in einer Herberge seinen Commentar zu Jesaia, brach jedoch die Arbeit wieder ab, als ihm ein seltsames Schicksal seinen vor 20 Jahren in Lissabon begonnenen Commentar zum Deuteronomium in die Hände spielte, der nach seiner Flucht aus Portugal dann spurlos verschwunden war. Nachdem er in Korfu zunächst dieses Werk weiter gefördert, kehrte er, wieder ein Jahr später, nach Italien zurück. Das apulische Städtchen Monopolis gewährte ihm nun endlich für die Jahre 1496 —1503 einen Aufenthaltsort, und trotz drückender Verhältnisse, Armmy und Krankheit, fand er hier Muße zur Vollendung einerganz erstaunlichen Menge Werke. Im Jahre 1503 reiste er nach Venedig, um Handelsbeziehungen zwischen Portugal und der Republik einzuleiten und hier machte er solch tiefen Eindruck, daß man ihn zum bleibenden Aufenthalt bewog. Fünf Jahre eines friedlichen Daseins und segensreicher Thätigkeit waren ihm noch vergönnt. Ein Greis von 72 Jahren starb Abarbanel im Jahre 1509 zu Venedig und wurde in Padua begraben. An seiner Gruft standen trauernd die Vornehmen Venedigs und gaben dem müden Wanderer, der den Unbilden des Schicksals getrotzt, die letzte Ehre. Correspondemen. Prag. (Inder P o l n a e r A f f a i r e) soll dem Vernehmen nach eine neue Wendung eingetreten sein. Bekanntlich wurde über die seitens des Vertheidigers des Angeklagten H i l s n e r an den Cassationshof überreichte Nichtigkeitsbeschwerde die Prager medicinische Facultät um Abgabe eines neuerlichen Gutachtens angegangen. Nun soll — wahrscheinlich auf Grund der neuerlich gepflogenen Erhebungen — eine neuerliche Verhandlung anberaumt werden. Bei derselben soll die Anklage auch auf ein zweites Factum — die Ermordung eines zweiten Mädchens, das vor anderthalb Jahren auch im Walde bei Polna ermordet aufgefunden wurde — ausgedehnt werden. Als erkennendes Gericht dürste I g l a u delegirt werden. — Der Staatsanwalt im Polnaer Prvcesse, Dr. Schneider-Swoboda tritt am 15. Februar einen weiteren dreimonatlichen Urlaub an. — Aus Prag wird gemeldet: Professor Masaryk als Angeklagter. Bor einem Strafrichter-Collegium, welchem Landesgerichtsrath S t o l l a präsidirte, fand heute die Verhandlung gegen Professor Dr. Garrick Th. Masaryk und den verantwortlichen Redacteur der Masaryk'schen Wochenschrift „Czas", Dr. Herben, wegen Uebertretung des Artikels 8 des Preßgesetzes statt. Professor Masaryk veröffentlichte bekanntlich am 5. November v. I. eine Broschüre „Die Nothwendigkeit der Revision des Polnaer Procefses", welche der Confiscation verfiel. Das Berufungsgericht hob zwar die Confiscation auf.