Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 124 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sir. 7 Schaar von Männern, ohne Geldmittel, ja auch ohne die erforderliche Zeit für eine kräftige Agitation, gelang, die liberale Gemeindeverwaltung bei den Wahlen zu stürzen, obwohl der gegnerischen Seite Geld, Arbeitskräfte und noch mehr, weitgehender Familieneinfluß zu Gebot standen. Auf der Candidatenliste der Liberalen standen die Namen der ausgezeichnetsten Männer unserer Gemeinde, Männer, die social hoch stehen und sich große Verdienste, wenn nicht um das Judenthum, so doch gewiß um das öffentliche Wohl erworben hatten, und doch siegte die Liste der „Unbedeutenden", wie es im andern Lager hieß. Diese gesunde Bewegung ist aber jetzt verschollen und vergesten, so daß man bereits daran gehen kann, ihre Geschichte zu schreiben. Ein großes Capital an Begeisterungsfähigkeit und Hoffnungsfreudigkeit ist da in der schmählichsten Weise verthan worden. Man hätte die Führer dieser Bewegung, welche ihren Niedergang verschuldet haben, vor der Oeffe'ntlichkeit, ja vor der Geschichte zur Rechenschaft ziehen können. Aber sie haben sich so unfähig, so erbärmlich gezeigt, daß man ihnen nicht einmal diese Ehre erweisen darf. Eine große Zeit hat kleine Männer gefunden, die lediglich auf Erlangung von Ehrenstellen erpicht waren. Es ist für unsere traurigen Zustände bezeichnend, daß viele dieser Männer, die dem Sieg der „Conservativen" ihren Eintritt in die Verwaltung verdanken, jetzt zu den Gegnern übergehen, um sich so die Wiederwahl zu sichern. In erster Reihe strebten wir damals eine thatkräftige Förderung der jüdischen Wiffenschaft an. Ich habe bereits geschildert, wie wenig unsere Gemeinde für den Religionsunterricht thut — für die jüdische Wiffenschaft geschieht noch weniger. Unsere „Aristokratie" hegt geradezu Mißachtung gegen Alles, welches mit der jüdischen Wiffenschaft in Verbindung steht, noch mehr aber gegen Alle, die man im „Verdacht" hält, sie verständen etwas vom Judenthum. Jüngst machte mir ein Freund Complimente über mein neues hebräisches Buch. Besorgt sah ich mich um und erwiderte meinem Freunde vorwurfsvoll, wie er mich nur so öffenllich bloßstellen. könnte. Es ist dies kein Scherz von mir, in der That schadet das mir ungemein in meiner socialen Stellung, und dabei bin ich doch von der „Kahille" unabhängig und habe noch keinem deutschen Juden die Ehre erwiesen, von meinen wiffenschaftlichen Arbeiten auch nur zu sprechen. Zu meinem Bedauern haben sie es erfahren, das ich in der Sprache der Propheten schreibe, und sie werden es gewiß in alttestamentarischer Sttenge meinen Kindern und Kindeskindern, bis in das vierte Geschlecht, nachttagen.... Dabei berufen sich unsere Führer stets auf Moses Mendelssohn, Zunz und Geiger. Ohne diese drei Männer thun sie es absolut nicht. Zunz hat in unserer Gemeinde nur Mißachtung und Kränkung erfahren, seine Biographie ist eine laute Anklage gegen die Berliner Judenheit. Abraham Geiger ist zu seinem Glück rechtzeittg gestorben, bevor ihm allerhand Demüthigungen zu theil wurden. Die Anerkennung der jüdischen Wiffenschaft sollte nach unserem Streben dadurch wirksam geschehen, daß bei der Berufung von Rabbinern auf große wiffenschaftliche Leistung, oder mindestens auf große wiffenschaftliche Befähigung gesehen werden sollte. Die Anregung wegen Berufung eines Rabbiners nach der bezeichnten Richtung ist von unserem Kreis ausgegangen. Ehe man sich's aber versah, wurde aus der großen wissenschaftlichen Autorität ein „Kauscherwächter", der die Fleischhändler und Mazzebäcker zu beaufsichtigen hätte. Nach langem Suchen hat unsere Gemeinde endlich das gefunden — was sie „zur Beruhigung des religiösen Gewiffens einer starken Minderheit" gesucht hat. Ohne „Compromiß" ist aber die Wahl des conservativen Rabbiners nicht vor sich gegangen; die Liberalen haben bei dieser Gelegenheit zwei freisinnige Seelenhirten eingehandelt. Den Namen der Herren, die von der Berliner Gemeindeverwaltung mit der Fürsorge meiner Seele betraut worden sind, kann ich nicht nennen, ebenso wie Heine nicht die Namen aller Profefforen von Göttingen nennen konnte, weil manche von ihnen keinen Namen hatten. Von der Gemeindeverwaltung wurde immer die herrschende „Noth" hervorgehoben, um ihre „ephraimitische" Rabbinerprägung zu entschuldigen. Nun, ich nehme für mich in Anspruch, das Judenthum werkthätiger zu üben als die meisten Parnassim, und doch spreche ich's laut und feierlich aus, daß ich all die Jahre, in denen wir einen Mangel an Rabbinern „litten", diesen Mangel gar nicht gespürt habe; ich hätte es mindestens noch weitere zehn Jahre ausgehalten. Das Kaisergebet und den „Mi-Scheberach" für Wöchnerinnen und Confirmanden hätte auch der Cantor von der Kanzel verlesen dürfen, wie es doch oft genug geschehen ist. Es ist eine unverzeihliche Verschwendung der Gemeindegelder, wenn man Rabbiner hoch besoldet, die durch ihre Predigten das Publikum aus den Gotteshäusern verscheuchen. Neulich sprach ein Gemeinderabbiner den Vorsteher einer Privat-Synagoge, in der nicht gepredigt wird, mit der Frage an, wie sich dieses Gotteshaus ohne Gemeindesubvention halten könne. Ziemlich anzüglich antwortete der Vorsteher, unsere Mitglieder zahlen gerne jährlich etwas mehr, um ja keine Predigt hören zu müssen. Spricht man zuweilen mit unseren Gemeindevorstehern, so ist es erstaunlich zu finden, mit welchem Wohlwollen und mit welchem weitgehenden Verständniß die meisten von der Sache sprechen. Schön. Aber warum handelt ihr nicht darnach? Ja, am grünen Tisch nimmt sich alles anders aus. Der französische Historiker Taine hat das bekannte Wort ausgesprochen: Vierhundert kluge und gebildete Männer, von denen ein jeder für sich ausgezeichnet regieren könnte, werden in der Vereinigung kindisch. Bei uns bricht oies schon bei einem Quantum von zwanzig aus. Aus der Berliner Bewegung ist nichts geworden, und es wurde höchstens nur das Eine zu Stande gebracht, daß sich auf mindestens dreißig Jahre hinaus kein vernünftiger Mensch mehr in solche Sachen einlassen wird. Ich beobachte diese Vorgänge mit großen Mißbehagen und mit nicht minder großer Trauer, aber ich kann nicht anders sagen als : Lasset die Todten begraben. Moses Moser hatte doch recht: in einem ausgestopften Juden aus der alten Zeit im Museum ist noch immer mehr jüdisches Leben zu finden, als in der modernen Judenheit. Bald hätte ich es vergessen, daß wir doch in Westeuropa Rabbinerseminare und Literatur-Vereine haben, die doch alle herrlich blühen. Jahraus, jahrein werden ja neue Rabbiner mit entsprechendem „Hechscher" entlassen, und in den Literatur-Vereinen wird ja jüdische Wissenschaft öffentlich und unentgeltlich verzapft. Nun, über die Rabbinatsfabriken und das wissenschaftliche Freibier werde ich noch bei anderer Gelegenheit sprechen. Berlin. Dr. S. Bernfeld. Dvn Isaak Nbarbanel und seine Zeit- Im „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" zu Hamburg sprach Dr. R o s e n t h a l-Köln über Don Isaak Abarbanel und seine Zeit. Der Vortragende führte etwa das Folgende aus : Die Geschichte der Juden ist eine Geschichte des Manderns und des Leidens. Aber wohin das jüdische Volk auch verschlagen worden ist, überall schöpfte es aus dem Jungbrunnen seiner Lehre die Ruhe des Gemüthes und den Frieden der Seele. Als neun Jahrhunderte nach der Zerstörung des zweiten Tempels und kurze Zeit nach Abschluß von Mischna und Talmud und die Anbahnung sämmtlicher Literaturzweige, wie Exegese, Grammatik und Religionsphilosophie die Lehrhäuser der alten asiatischen Heimat sich erschöpft hatten, und das jüdische Schriftthum nach einem neuen Leben verlangte, da verpflanzten es vier babylonische Gelehrte, die ein seeraubender Admiral auf ihrer Reise im mittelländischen Meer überfallen hatte, nach Afrika und Europa, und aus gefangenen Sklaven wurden in fremden Ländern die Begründer der Gesetzeshochschulen. Und als in Spanien, wohin einer der vier Gefangenen verkauft worden war und fortan durch vier Jahrhunderte hindurch sich jüdisches Geistesleben entfaltet hatte, die Stunde des Abschieds gekommen war und an einem Tage 300.000 Juden in die Verbannung zogen, da befand sich in ihrer Mitte Don Isaak Abarbanel, als Hüter des Gesetzes und als Wächter der Lehre nnd nahm von der schönen Heimat, die ihm Nichts gelaffen hatte, dennoch das Beste mit in die Fremde hinaus. Als der weitaus bekannteste Derer vom Geschlechte der Abarbanel's wird Don Isaak meist einfach mit dem Familiennamen „Abarbanel" genannt. Don Isaak ben Juda Abarbanel (geboren in Lissabon 1437, gestorben in Venedig 1509) beschließt würdig die Reihe der jüdischen Staatsmänner in Spanien, welche ihren Namen nnd ihre Stellung zum Schutze ihrer StammeSgenoffen verwerthet haben. Seine Abstammung vom königlich David'schen Hause, deren sich die Abarbanel's rühmten, wollten die Zeitgenossen in dem Adel seiner Gesinnung erkennen. Er wuchs in Glück und Wohlstand auf und eine glänzende Erziehung brachte seine außergewöhnliche Begabung systematisch zur Ent-