Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Blnch's Woürenschcifr Seite 123 erklärt, daß er sich vor dem hier ausgesprochenen Urtheil über seine Unterzeichnung. des Protestes durchaus nicht scheue und es strikte ablehnen müsse, hier irgend welche Rechenschaft abzulegen, da er nur nach seinem Gewissen handle. Zur Richtigstellung der unter einen völlig schiefen Gesichtswinkel gerückten Sachlage wolle er nur betonen, daß die Stiftung nicht von Bamberger selbst, sondern von dessen Erben und Testaments-Vollstreckern gemacht wurde, und daß der Protest an diejenige Behörde gerichtet worden sei, die gesetzlich zum Zwecke der landesherrlichen Genehmigung sich mit der Angelegenheit zu befassen und die Entscheidung zu treffen habe. „Also nicht an eine außerhalb stehende Instanz haben wir uns beschwerdeführend gewandt, sondern an die gesetzmäßig zuständige Behörde. Zudem haben nicht wir eine Audienz beim Minister nachgesucht, sondern sind zum Minister befohlen worden, und haben denselben über die Angelegenheit wohlunterrichtet gefunden. Das Weitere wird man aus dem amtlichen Bescheid erfahren." Nunmehr ergreift Landgerichtsrath Loewe das Wort zu einer in Inhalt und Form gleich maßlosen Rede, wie sie in diesen Räumen wohl noch nicht gehört wurde. Zunächst wirft er den Unterzeichnern des Protestes vor, daß sie in einer Erklärung in der „Vossischen Zeitung" durch ihre Titel hätten Eindruck machen wollen. Ihr Vorgehen erinnere an dasjenige jener Orthodoxen, welche im Jahre 1823, als der Rabbiner Oettinger bei Eröffnung des Friedhofs in der Schönhauser Allee eine deutsche Rede hielt, nach der Polizei riesen und das Gleiche im Jahre 1828 thaten, um einen Gottesdienst mit deutschen Gebeten zu unterdrücken. Aber dies ihr Vorgehen war allenfalls verzeihlich, denn sie waren wirlich orthodox. Die heutigen Protestler j doch nennen sich zwar so, ohne aber es in der That zu sein. Sie predigen Wasser und trinken Wein. Wo waren denn die Herren, als es sich handelte, hier in dem Fall Dörstling Stellung zu nehmen? Da haben sie sich verkrochen, genau so wie jedesmal, wenn es gilt, das Judenthum zu vertreten. Als vor 30 Jahren (!) Treitschke gegen die Juden eiferte, da war es Ludwig Bamberger, der ihn in seiner meisterhaften Weise abfertigte. Ihre Intoleranz wird von Ihrer Unwiffen- heit noch übertroffen! Mit ihrer unterirdischen Maulwurfsarbeit miniren sie; auf den Hintertreppen der Ministerien thun sie ihre Arbeit, und dazu gibt sich auch Justizrath Apolant her, der den Platz eines zweiten Vorsitzenden der Versammlung einninimt. Hätten die „Liberalen" das gewußt, würden sie nicht durch Abgabe weißer Zettel feine Wahl ermöglicht haben. Schließlich beantragt Redner nachstehende Resolution: „Die Versammlung nimmt mit Bedauern davon Kenntniß, daß seitens einiger Mitglieder der Versammlung gegen den Majoritätsbeschluß bezüglich der Annahme der Bamberger'schen Stiftung bei den Behörden Protest erhoben worden ist, daß namentlich auch der stellvertretende Vorsitzende sich daran betheiligt hat, und geht zur Tagesordnung über." Mit nachdrücklicher Entschiedenheit legte Herr Geheimrath Blumenthal gegen die Ausführungen des Vorredners Verwahrung ein. Auf die unerhörten Beleidigungen zu antworten, verbiete ihm seine Selbstwürde; sie richten sich selbst und bestätigen von Neuem, daß bei den Herren, deren Wortführer Landgerichtsrath Loewe sei, Verständniß und Toleranz für den Standpunkt der in der Bamberger-Stiftung eine Verletzung des religiösen Empfindens erblickt, nicht zu erwarten und von friedlichen Verhandlungen irgendwelcher Erfolg nicht zu erhoffen ist. Es sei eilte unwahre Unterstellung, daß die Conservativen es bei Vertretung der Interessen des Judenthums, speciell im Falle Dörstling, au Muth und Eifer hätten fehlen lassen minden ens seien sie nicht von den „Liberalen" übertroffen worden. Was die Veröffentlichung in der „Boss. Ztg." betrifft, so sei sie die Antwort auf eine in demselben Blatte erschienene tendenziöse Darstellung, welche die Stellungnahme der Minorität verhöhnte, gewesen, und er (Redner) habe es im Verein mit den Herren Justizrath Apolant und Professor B a g i n s k y für Pflicht erachtet, mit vollem Titel, unter Einsetzung der ganzen Person gegen jene Entstellung einzustehen. Ein Mangel an Muth sei das sicherlich nicht gewesen. Der Vorsitzende bittet die Parteien, die Erregung zu mäßigen und so eine ruhige Verhandlungen zu ermöglichen. Herr Syndikus Dr. Minden tadelt, daß man sogleich zum Aeußersten, zu einem Protest gegriffen und nicht vorher in der Versammlung etwa durch einen Antrag auf andere Formulirung der umstrittenen Stiftungsbestimmung eine Vermittelung angestrebt habe. Prof. Geiger wiederholt den Vorwurf, daß die Herren in ihrer Kundgebung in der „Boss. Ztg." mit der Angabe ihrer Titel und Würden hätten Eindruck machen wollen. Warum denn sonst fehlte die Unterschrift des vierten Herrn, der gegen die Annahme der Stiftung gestimmt hat, die des Herrn Oppenheim, der allerdings zufällig völlig titellos ist? Als der Redner im weiteren Verlauf aus die Audienz beim Minister zu sprechen kommt, in der sich der Minister sehr unterrichtet über die Stiftung gezeigt haben soll, ertönte ein Zuruf „Unverschämt" von der Tribüne. Auf Anordnung des hiedurch sehr erregten Vorsitzenden mußte die Tribüne geräumt werden. Die Sitzung wurde auf 10 Minuten suspendirk. Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit führt noch Geheimrath Senator in kurzen Worten aus, daß man nur solche Geschenke annehmen dürfe, die die Religion erhöhen, und nicht solche, die die Religon stigmatisiren. Auch er sei durchaus dagegen, daß schmutzige Wäsche öffentlich gewaschen werde, doch könne er in dem Protest nichts uiiznlässiges finden. Der Schluß der Debatte wird daraus angenommen. Persönlich bemerkt Justizrath Apolant. daß er brr jeder Collision seiner Pflichten stets die an erste Stelle setzen werde, die er für die Pflichten der Gesammtheit halte, und daß er sich in seiner Ueberzengung durch die Stellung als stellvertretender Vorsitzender nicht beeinflussen laffen werde. Wenn man jedoch der Meinung sei. daß beides nicht zu vereinbaren sei. so verzichte er gern auf das Amt eines Vorsitzenden und lege es hiermit nieder. — Nach einigen weiteren persönlichen Bemerkungen bittet Landgerichtsrath Loewe, nunmehr den zweiten Absatz der Resolution zu streichen. Die Resolution wurde darauf mit einer knappen Majorität angenommen und die übrigen Punkte von der Tagesordnung abgesetzt. Auch die geheime Sitzung wurde, wohl wegen der lebhaften Erregung, in der sich sämmtliche Mitglieder befanden, vertagt. _ Die Berliner Bewegung. /Die jüdisch; Gemeinde Berlin hat den anderen westeuropäischen Großgemeinden gegenüber den Vorzug, daß sie ein einheitliches Culturelement bildet. Der Zuzug von Osten hält sich in mäßigen Grenzen, so daß unsere Gemeinde großen Vortheil und gar keinen Nachtheil von den sogenannten „polnischen Juden" hat. Sie braucht nicht für ein zahlreiches Proletariat zu sorgen, selbst die Gefahr, daß sich innerhalb Berlins ein Ghetto bilden könnte, wie es z. B. in London besteht, ist bei uns nicht vorhanden. Die polnischen Einwanderer schließen sich in der zweiten Generation, oft sogar bereits in der ersten, der deutschen Gemeinde an, wozu übrigens das mustergiltige preußische Schulwesen sehr viel beiträgt. Der Vortheil aber, den die Berliner Gemeinde von dem russisch-polnischen Element erhält, besteht darin, daß in ihr mehr geistiges Leben, vor allem aber mehr Kenntniß des Judeuthums vorhanden ist. Man braucht nur die norddeutschen Gemeinden mit den süddeutschen zu vergleichen, wo wohl im gewissen Sinne etwas mehr Religion, aber keineswegs mehr Judenthum zu finden ist. Unsereinem ist es geradezu unmöglich, an dem religiösen Leben der süddeutschen Orthodoxen theilzunehmen, und es ist gewiß charakteristisch, daß die weitgehendsten Orthodoxen in Norddeutschland ihre Gesinnungsgenossen im Süden unausstehlich finden. / Unter solchen Umständen wäre Berlin durchaus ein geeigneter Boden für die uöthig gewordene Wiederbelebung des Judenthums, zumal unsere Gemeinde sehr reich und viel Intelligenz und Arbeitskraft birgt. Unsere Gemeinde hat auch eine vorzügliche Organisation, wofür freilich in erster Reihe der preußischen Aufsichtsbehörde der Dank gebührt. „Schlampereien," wie es in Wien heißt, werden bei uns in keinem Falle geduldet. Wir haben ein ziemlich demokratisches Wahlrecht; jeder Steuerzahler. der jährlich an die Gemeinde sechs Mark entrichtet, hat das Recht mitzuwähleu — Wahlcurien gibt es da nicht, im Gegentheil, es wird in der Berliner Gemeinde nach dem System des Listenscrutinium gewählt, was doch gewiß dem sogenannten „kleinen Mann" das Uebergewicht verschafft. Mit anderen Worten, in unserer Gemeinde sind alle Vorbedingungeu für eine gedeihliche Entwickelung des Judenthums vorhanden, und eine solche hätte bei dem Jnte.esse, das angeblich in der letzten Zeit unter den Gemeind-mitgliedern für unsere Sache rege geworden ist, entschieden ersichtlich sein müssen. Nichstdestoweniger aber stagnirt das Judenthum ui unserer Mitte in einer besorgnißerregenden Weise. Bor etwa fünf Jahren entstand eine Bewegung in der Jüdischen Gemeinde Berlin, von der wir nicht nur für diese, sondern zum mindesten für die ganze Judenheit im Norden Deutschlands Vieles erhofften. Wie mächtig diese Bewegung war, ist daraus tt sichtlich, dag cs einer kleinert mm