Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 120 Dr. Vloch's Wochenschrift. Äir. 7 der Umstand, daß der Vorstand der Union, der sonst in allen Versammlungen der Debatte eine Direktive gibt, diesmal den Gegenstand der Tagesordnung einer freien Diskussion überläßt. Auf ihn mache es den Eindruck, daß selbst diejenigen Vertreter der Gemeinde, die der geplanten Wahlreform das Wort sprechen, in ihrem Inneren Gegner derselben seien. Herr Schick billigt alle Mittel, die der Cultusvorstand zur Berbesierung seiner Finanzen anstrebt. Kais. Rath Pollak tritt, wenn auch eontre eoeur, für die Wahlreform ein. Es war ein politischer Zug des Präsidenten der Cultusgemeinde, daß er den reichen Juden die Möglichkeit bieten will, an den Arbeiten der Gemeinde theilzunehmen. Wenn wir aber unsere Institutionen erhalten und erweitern wollen, dann müssen wir verständnißvoll Vorgehen und nicht auf Principien herumreiten. Das Eine stehe fest: Der jetzige Wahlmodus sei der denkbar schlechteste und deshalb begrüße er jede andere Form auf das Freudigste. Arm und Reich sollen sich die Hände reichen, um unsere Institutionen groß zu machen. Nachdem noch die Herren Bielitz und Marcus für die Beibehaltung des jetzigen Wahlmodus eintraten, beantragte Herr Dr. I. K o h n eine Resolution, in welcher die Schaffung von Wählercurien perhorrescirt wird. Diese Resolution wird jedoch von Herrn Dr. Elias, der inzwischen den Vorsitz übernommen hatte, mit der Motivirung nicht zur Abstimmung zugelassen, daß der Vereinsvorstand erst demnächst zu dieser Frage Stellung nehmen werde. Nach dem Vorschläge des Dr. Zins, wären also zwei Wahlakte vorzunehmen: Erstens die Wahl von einem gewissen Percentsatz des gesammten Vorstandes aus einer Liste der nach gewissen Normen zu ermittelnden Höchstbesteuerten und dann die Wahl der übrigen Mitglieder des Vorstandes. Beide Wahlakte wären von sämmtlichen Wählern vorzunehmen und von der ersteren Candidatenliste wären nur diejenigen Namen beim Scrutinium zu berücksichtigen, die der Liste der Höchstbesteuerten entnommen sind. Jedenfalls wäre es zu wünschen, daß eine Versöhnung der Gegensätze herbeigeführt, die Vermeidung principieller Schlachtrufe bei den nächsten Cultusvorstandswahlen bewirkt und mehr praktischen Bedürfnissen als theoretischen Schlagworten Rechnung getragen würde. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Im ungarischen Abgeordnetenhause hat der Ministerpräsident Koloman v. S z e l l eine glänzende Rede gehalten, in welcher er das Verhalten der Regierung, zu den nicht-ungarischen Nationen in Ungarn präcisirte. Das „Vaterland", dessen Parteigenossen in Ungarn sich der Nationalitäten-Frage gegen die herrschende liberale Partei zu bedienen bemüht waren, macht gute Miene zu dem „bösen" Spiele, das ihm dadurch widerfahren ist, daß der Führer der Liberalen durch ein gerechtes Programm der antiliberalen Opposition die gefährliche Waffe entwindet. Um nicht bekennen zu müssen, daß die Opposition eine Schlappe erlitten hat — stellt es die Juden als die Geschlagenen hin. Das „Vaterland" behauptet, die Juden hätten zu einer den Nationalitäten feindlichen Politik haranguirt. Es würde natürlich den Beweis für eine solche Behauptung schuldig bleiben müssen, wenn man ihn verlangte, aber man braucht es gar nicht in diese üble Lage zu bringen. Weder in politischer Beziehung, noch in wirthschaftlicher Beziehung haben die Juden ein Interesse daran, daß der Nationalitätenstreit fortgefponnen werde. Für ihre rechtliche Stellung im Staate, für ihr persönliches Wohlbefinden, wie für ihr ökonomisches Gedeihen ist der Friede von unschätzbarem Werthe. Wenn die Nationalitäten eines Staates unter einander in Streit gerathen, sind es immer die Juden, an welchen beide Parteien ihre Wuth auslassen, und wann immer, aus welchen Ursachen immer und wo immer eine politische Erregung herrscht, „kühlt sie" bekanntlich an den Juden ihr Müthchen, worauf sie zur Ruhe gelangt." Die Juden, die das wissen, sollten also selbst sich das Unheil heraufbeschwören? Nein, für so dumm hält sie das „Vaterland" nicht. Aber hinter dieser Beschuldigung steht etwas Anderes, die Gesinnungsgenossen des „Vaterland", die hüben und drüben in der Nationalitätenfrage ihre Hände stecken haben, sind von S z e l l recht tüchtig darauf geklopft worden und da möchten sie glauben machen, die Juden hätten die Hiebe bekommen. Hätten wir in Oesterreich einen Szell, der den richtigen Leuten auf die Finger klopfen würde, es ginge viel besser mit der Verständigung der Nattonalitäten. Es sind andere Leute als die Juden, die sich an dem Feuer des Nativnalitätenstreites ihr Süppchen kochen! * * * Professor Masaryk stand Dienstag vor dem Landesgerichte in Prag, um sich wegen der Broschüre zu verantworten, welche er über den Polnaer Proceß geschrieben hat. Der als Mensch und Gelehrter in hohem Ansehen stehende Professor stand unter der Anklage, daß er einen vorgreifenden Einfluß auf die Entscheidung nehmen wollte. Der Gerichtshof fand ihn schuldig und verurtheilte ihn zu 60 Kronen Geldstrafe. Wir maßen uns nicht an, ein Urtheil zu kritisiren — das mögen Richter und Alle, die es angeht, mit ihrem Gewissen ausmachen. Aber eine Episode der Verhandlung verdient umsomehr hervorgehoben zu werden, als sie eine stark contrastirende Illustration zu den Ministerprogrammen bildet, deren Werth und Bedeutung wir jüngst besprochen haben. Da zeigt sich nun im offenem Gerichtsverfahren wie „tief" die Wirkung ministerieller Programme auf die einzelnen Organe ist. Der Vertreter der Staatsbehörde hat es sich herausgenommen, gegen Professor Masaryk den Vorwurf „ignoblen Vorgehens in seiner Bertheidigung" auszusprechen, welches „beweise, daß er nicht den Muth der Überzeugung habe". Es ist selbstverständlich, daß Professor Masaryk dagegen energisch protestirte. Allein, damit dürfte ein solches Benehmen eines Staatsanwaltes nicht genug gekennzeichnet und gerügt sein, diesem Staatsanwalte, der das Recht der Anklage in dieser Weise gebraucht, müßten seine Vorgesetzten in einer Art heimleuchten, daß es ihm, und nicht ihm allein, sondern Allen seinesgleichen für alle Zeit die Lust vergehen müßte, Angeklagte zu beschimpfen. Wie denken Sie, Herr Justizminister, über diesen Prager Staatsanwalt und was verfügen Sie? * * Das „Deutsche Volksblatt" speit Gift und Galle gegen die Blätter, welche den erbärmlichen Zustand der WienerStraßen, die schlechte Pflasterung, die grenzenlose Vernachlässigung der Straßenreinigung nicht gutheißen wollen, und glaubt dieser der Stadtverwaltung zur Schande gereichenden Affaire dadurch die Spitze abbrechen und den Unmuth der Bevölkerung, sowie das gerechte Urtheil der Sanitätsverwaltung dadurch ableiten zu können, daß es in seiner geistesarmen Weise über die — Juden schimpft und den Vorschlag macht, es sei ein eigener „Judensteig" herzustellen. Gregorig und Schneider würden gern diesen Antrag einbringen. Was beweist aber der Aerger des „Bolksblatt" über die Klagen gegen den Straßenschmutz? Nichts Anderes, als daß die Antisemiten den Schmutz vorziehen und sich lieber im Kothe wälzen, während die Juden die Reinlichkeit lieben. Der Geschmack der Antisemiten stimmt ganz mit ihrem Charakter überein. * * Von arischer Sittlichkeit brachte die abgelaufene Woche wieder einige recht charakteristische Beispiele. Eine Besitzerin von vier Häusern wurde als Marktdiebin ertappt; ein Sicherheitswachinspector hat ein Mädchen vergewaltigt — ein arischer Unmensch hat einem Pferde die Zunge abgeschnitten — in Tirol wurden arische Banknotenfälscher verhaftet. — Die Sittlichkeit und die moralische Entrüstung der antisemitischen Blätter hat sich diesmal nicht in Leitartikeln kundgegeben! * * Von der Dummheit, welche in der Redaktion des „Deutschen Volksblatt" zu herrschen scheint, konnten sich die Leser diefes Blattes wieder einmal so recht eindringlich überzeugen: Auf der einen Seite unterschiebt dieses Blatt der „Neuen Freien Presse" die Absicht, daß sie nur deshalb anführte, der Ritualmörder Scherf von Altorf sei ins Irrenhaus gebracht worden, damit Hilsner die gleiche Wohlthat zu Theil. werde — und auf einer folgenden Seite erzählt das „Deutsche Volksblatt" selbst offenbar mit sichtlichem Behagen und in ausführlicher Darstellung, daß Scherf irrsinnig gewesen sei und die ganze Bande der Ritualmörder an Geisteskrankheit leide. Wahrscheinlich denkt sich das Blatt, seine Abonnenten wüßten, wenn sie bis zur vierten Seite kämen, nicht mehr, was auf der zweiten stand. Oder leidet nur das „Deutsche Völksblatt" allein an äernentia! Franz von Holstendorf über den Einfluß des Aberglaubens aus das Gerichtszengniß und das Gerichtsuriheil. Den vor wenigen Jahre Heimgegangenen großen Staatsrechtslehrer Franz von Holtzendorff betrauerte das deutsche Volk, ohne Unterschied der Partei. Er war eine glänzende Zierde