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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 114 Dr. BLoch's Wochenschrift. Str. 6 UM sie wieder zu lesen, gründlicher, als es beim ersten Durchfliegen geschah und bei einzelnen Stellen, die ein förmliches Studium verlangten, länger zu verweilen. Der Eindruck wurde auch durch die nochmalige Lectüre nicht abgeschwächt. Und selbst als ich endlich einschlief, beherrschte er meine Träume die ganze Nacht hindurch. Erst träumte mir, ich wäre in eine große Versammlung jüdischer junger Lente gerathen, in welcher unter ergreifenden Entrüstungskundgebungen einhellig beschlossen wurde, einer Heimat, in welcher die Angehörigen jüdischer Confession als Fremdlinge angesehen, straflos beschimpft und mit allen möglichen Mitteln auf die Bahn des Handels und Schachers gedrängt werden, den Rücken zu kehren. — Ueber die Wahl der neuen Heimat traten große Meinungsverschiedenheiten zutage. Die Einen plaidirten für Palästina, die Andern für die vereinigten Staaten, andere wieder für Cypern. Darüber entstanden erregte Streitigkeiten und Zank und erhob sich ein so heilloser Lärm, daß ich davon erwachte. Ich schlief jedoch bald wieder ein, abermals in Träume verfallend. Ich befand mich auf freiem, weit und breit mit Schnee bedecktem Felde. Da erhob sich ein gewaltiger Sturm. Ich hüllte mich fester in meinen Mantel. Aber das half nicht. Der Sturm drang immer heftiger auf mich ein und lähmte zuletzt alle meine Kraft. Jetzt flog der Mantel auseinander, sich an meinen beiden Schultern zu mächtigen Flügeln ausdehnend. Ich fühlte mich hoch in die Lüfte getragen, über die Wolken hinauf, bis in die Nähe der Sterne, welche vor meinen staunenden Blick zu riesigen Feuerkugeln anwuchsen. Mit eins ändert sich die Flugrichtung und abwärts geht es wieder. Ich gelange wieder in die Wolken, durchschneide sie, sinke immer tiefer und tiefer, bis ich festen Boden unter mir spüre. Der Mond, aus einem Wolkenhügel hervortretend, beleuchtet gespensterhast meine Lage. Ich sitze rittlings auf einer schneeigen Felsenspitze, welche alle andern, gruppenweise um sie gelagerten Höhen weit überragt und senkrecht in die endlose Tiefe hinabfällt. Nur eine leise Bewegung, und ich stürze in den schaurigen Abgrund. — Aber welches Wunder begibt sich! Der Felsen beginnt sich zu senken, anfangs kaum merklich, dann rascher und immer rascher und ich fahre, wie verwachsen mit chm, in die Tiefe. Da unten rauscht ein mächtiger Strom. Der nimmt mich freundlich auf und trägt mich zu einem auf seinen Wellen schaukelnden Segelboote, in das ich mich hineinschwinge. Und nun geht es, von unsichtbaren, hinter den geschwellten Segeln verborgenen Händen gesteuert, pfeilschnell stromabwärts. Allmälig weichen die Ufer immer mehr zurück, bis sie ganz verschwinden. Ich befinde mich auf hoher See. Mit fliegender Eile schießt das Boot über die Wellen hinweg. Der Morgen beginnt zu dämmern, am Horizont beginnt es zu glühen und aus dem Schoß des Meeres taucht eine riesige Feuermaffe von kugelfömiaer Gestalt empor, von überwältigender Schönheit und Erhabenheit, zur Anbetung hinreißend. Verzückt rm Anschauen dieses Naturwunders, merke ich nicht, daß ich mich dem Laude nähere. Ein starker Ruck, und ich liege weichgebettet im tiefen Dünensand — und da ich mich wieder erhebe, sehe ich einen Mann vor mir, der mir winkt, ihm zu dem auf der nahen Straße wartenden Wagen zu folgen. Ich folge willenlos, und nun geht es mit verhängten Zügeln durch einen uralten, von der Meeresküste tief ins Land sich hinziehenden Wald auf wunderbarer, mit doppelt gebrannten Klinkern gepflasterten Straße. Wie alles da im Morgenthau duftete! Nach mehrstündiger Fahrt beginnt der dichte Wald sich zu lichten und bald darauf gelangen wir ins Freie — und endlose im Sonnenglanze prangende Saatfelder erschließen sich meinen Blicken. Das Auge gewöhnt sich nur schwer und langsam an die ungeheuren Ausdehnungen und an die schimmernde Pracht der goldenen zur Ernte reifen Saat. — Ein lebendiges Leben regt sich hier überall. Der Mensch arbeitet um bie Wette mit der Maschine, die hier eine sehr einflußreiche Rolle spielt und das Vorbild für regelmäßiges und rasches Schaffen geworden ist. — In Gruppen sind Knaben im Alter von 15—18 Jahren bei der Arbeit beschäftigt, angeleitet und beaufsichtigt von älteren Arbeitern. Je näher dem Wirtschaftsgebäude, desto häufiger diese Knabengruppen. Ich steige ab, gehe auf eine solche Gruppe zu, um sie in der Nähe bei der Arbeit zu belauschen und die hier herrschende militärische Disciplin zu bewundern. Aber was ist das? Diese Knaben kenne ich ja. Sah ich sie doch noch vor Kurzem daheim in Galizien in unseren Schulen . . . . . . Ein Knabe blickt zufällig von der Arbeit auf, sein Auge fällt auf mich, er starrt mich lange an . . . dann ein Wink, und die ganze Knabenschaar wendet sich nach mir um. Ein Jubel entsteht. Von dem Lärm angelockt, kommen auch ältere Arbeiter herbei. Auch von diesen kenne ich viele. Habe ich sie doch in ihren verschiedenen Heimatsorten im unerträglichem Elend dahinsiechen gesehen, und ihnen eindringlichst gerathen, um zu gesundem Leben wieder geboren zu werden, und ihre Kinder noch rechtzeitig zu retten, übers Wasser zu gehen. Da sind sie nun, und in Wirklichkeit wiedergeboren und gerettet .... Während ich so von jubelnden Knaben und Männern umgeben dastehe, kommt hoch zu Roß ein junger Mann dahergeritten. Er wird von allen achtungsvoll mit militärischstrammem Gruß empfangen. „Der Director"! so flüstert man mir ins Ohr. Er steigt ab. Ich erkenne ihn sofort: es ist, o Freude, mein junger Freund von gestern. Mich erblicken und mir in die Arme stürzen, ist das Werk eines Augenblicks. Die Umarmung aber ist eine so stürmische, daß ich unverzüglich erwache. — Soll ich mich schämen zu gestehen, daß ich beim Erwachen unwillkürlich wieder nach dem Schriftstück griff, das so viel Unruhe und Aufregung in mir erzeugt hat, um es zum drittenmal zu lesen? Ja wohl, ich las es zum drittenmal in so kurzen Zwischenräumen, und mir ungeschwächter Aufmerksamkeit, jedoch nicht sowohl wegen seines literarischen Werthes, sondern wegen seiner symptomatischen Bedeutung, enthüllte es mir doch das ganze so tief bewegte Seelenleben der heutigen intelligenten jüdischen Jugend! *) Nein, es darf nicht länger Vogel-Strauß gespielt werden, wenn nicht alles verloren sein soll. Die nachwachsende Jugend ist unsere Zukunft, und die darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Oder sollen wir uns angesichts der drohenden Gefahr dabei beruhigen, daß wir wie jene heuchlerischen Pharisäer mit frömmelndem Augenaufschlag, uns glücklich preisend, ausrufen: „Wir danken dir Vater im Himmel, daß wir nicht geworden wie diese!" Wir müssen endlich den Muth finden, der Gefahr ins Auge zu schauen, um ihr womöglich noch begegnen zu können, müssen dem Uebel auf den Grund sehen, vorausgesetzt, daß wir es heilen wollen. Oder übertreibe ich vielleicht die Gefahr? Der moderne jüdische Familienvater, der prüfenden Blickes seine Heranwachsenden Kinder beobachtet, hebe den ersten Stein gegen mich auf, wofern er findet, daß meine Darstellung den Thatfachen nicht entspricht. — Mit kleinen Hausmittelchen aber ist hier nichts gethan. — Wir müssen uns an die Brust schlagen und endlich offen bekennen: uostra culpa, nostra maxima culpa! bekennen, daß wir diese auf die Dauer nicht mehr haltbaren Zustände innerhalb des Judenthums mitverschuldet haben. — Hier gibt es keine andere Hilfe mehr, als den Finger an die wunde Stelle zu legen, wie brennend auch der Schmerz sei... . (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Neunzehntes Capitel. Das Dragonerregiment, in welches Lorenz seit Kurzem als Lieutenant eingetreten, ergänzte sich aus einem mährischem Werbbezirke und mochte wohl auch dieser Umstand dazu beigetragen haben, daß Baron Hornek-Golzinger zu demselben übersetzt worden war. Der Bürgermeister, welcher mit seinem Sohne möglichst viel Aufsehen erregen und die Aufmerksamkeit des ganzen Städtchens auf ihn lenken, nebenbei sich auch den Staats¬ und Militärbehörden als höchst loyaler Beamter bemerkbar machen wollte, schlug bei einer Magistratssitzung vor: „die Stadt möge den „vaterländischen Heldenföhnen", welche nach langer Abwesenheit in die Heimath zurückkehrten, einen festlichen Empfang bereiten. Sein Vorschlag fand im Schooße des Magistrates und des Bürgerausschusses keinen Widerspruch, jedes einzelne Mitglied ergriff mit Freuden die Gelegenheit, seinen Patriotismus, in einer für ihn kostenlosen Weise zu manifestiren und so wurde der Beschluß gefaßt, der Bürgermeister möge an der Spitze des Magistrates und der Bürgerschaft das Regiment an der Stadtgrenze erwarten und den Obersten mit einer schönen Rede begrüße». Zur Erhöhung dieser Feierlichkeit sollte Jeder- *) Dieses Manuscript ist keine Fiction, wir besitzen davon eine Abschrift und werden sie zur gelegenen Zeit veröffentlichen.

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