Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Blockes WorkenfchrM Seite ns Wien-Ottakring. Die vor geraumer Zeit von der Kanzel des Gemeindetempels in Ottakring ergangene Aufforderung, einen israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsverein für den XVI. und XVIl. Bezirk ins Leben zu rufen, hat, wie die nun vorliegenden Resultate beweisen, ein vielfaches Echo in den Herzen gefunden. Nachdem Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Julius Max Bach und Herr Cultusvorsteher Salomon Rosnec gemeinsam mit Herrn Albert Hohenberg als Proponenten die Statuten von der Statthalterei genehmigt erhalten halten, fand um die Mitte des vorigen Monates die Constituirung des Vereines statt und sind in dieser Zeit dem Vereine bisher 4 Personen als Stifter und 180 als ordentliche Mitglieder beigetreten. Die Constituirung des Ausschusses ergab die Wahl der Frau Sali Bach zur Präsidentin, Frau Anna Pick zur Vice-Präsidentin, Frau Kallberg zur Schriftführerin und Frau Dr. Kertesz zur Cassierin. Neben Frau Altmann und Frau Hohenberg als Revisorinnen, sind als Ausschußmitglieder thätig die Frauen: Adler, Dr. Höflich, Klimberger, Regine Kohn, Modern und Rosner. Es bedarf wohl nicht vieler Worte, die dringende Nothwendigkeit der Unterstützung dieses Vereines hervorzuheben. Mit dem Zwecke, hilflosen israelitischen Frauen, besonders armen Wöchnerinnen, Witwen und Waisen, Unterstützungen zukommen zu lassen, hat der Verein in den Bezirken Ottamng und Hernals, in denen das größte Elend und zugleich die größte Lieblosigkeit gegen Juden herrschen, eine solch löbliche Aufgabe sich gestellt, daß man sich hoffentlich in den weitesten Kreisen entschließen wird, demselben beizutreten. Der vierteljährliche Beitrag beträgt 1 fl.; Stifter wird man durch eine einmalige Spende vom mindestens 25 fl.; Gründer durch eine solche vom 100 fl. Beitritts-Erklärungen sind an die Adresse der Gemeindekanzlei, XVI., Hubergasse 8, zu richten. Wien. (E i n g e s e n d e t.) Die Firma Julius Meinl Kaffee-Magazin I. Fleischmarkt 7 sammt Filialen, bei welcher eine überwiegende Mehrzahl isr. Haufrauen mit Vorliebe kaufen, kehrt in antisemitischen Blättern ihren christlichen Charakter und somit ihren Antisemitismus als Aushängeschild und Lockmittel für die betreffenden Kreise hervor. Diese Fructisicirung der Confession wird wohl nur als Monopol für Solidität im Gegensatz zu jüdischen Geschäftsleuten betont und involvirt eine Mißachtung (wenn nicht nrehr) gegenüber den vielen andersgläubigen Kunden, welche sich diesen Affront kaum gefallen lassen dürsten und daraus ihre Consequenzen ziehen werden; daher dieses Inserat der Firma Julius Meinl mit der Bezeichnung „Christliche Firma" unsere Glaubensgenossen auf den richtigen Weg weisen wird. Proßnih. (Jubelfeier.) Unser hochverdiente Bürgermeister Herr Dr. Albert Trischet, beging am 4. d. M. in Meran, wo er mit seiner Frau Gemalin zur Erholung weilt, in aller Stille und Zurückgezogenheit die Feier des siebzigsten Geburtstages. Die großen Verdienste, welche sich der Jubilar als Gemeindemitglied, namentlich aber als Bürgermeister unserer Gemeinde, der er durch zweiundzwanzig Jahre in erfolgreicher Weise als Stadtoberhaupt vorsteht, erworben, gaben zu den lebhaftesten Kundgebungen der Sympathie der ganzen Kahile Veranlassung, an welchen sich Jung und Alt, Groß und Klein, Hoch und Niedrig betheiligten. Die Gemeinderepräsentanz brachte die Dankbarkeit und Werthschätzung dadurch zum Ausdrucke, indem über einmüthigen Beschluß das lebensgroße Contersei des Jubilars in der Rathsstube zum ewigen Gedächtniß angebracht wird. E. B. Pilsen. (I s r a el i ti s ch er Fre it i s ch v e r e in). Dem Beispiele anderer jüdischen Gemeinden folgend, soll auch in unserer Stadt ein israelitischer Freitischverein ins Leben gerufen werden. Zu diesem Behufe hat sich ein Comite gebildet, welches die Statuten des neuen Vereines bereits der Behörde zur Genehmigung vorgelegt hat. Die Zahlung eines einmaligen Betrages von 200 Kronen berechtigt zum Titel eines gründenden Mitgliedes, während beitragende Mitglieder einen jährlichen Betrag von mindestens sechs Kronen zu leisten haben. Franzensbad. Am 25. Februar findet hier im Hotel Adler, die Trauung des Fräulein Clara Lang, Tochter des langjährigen Stadtverordneten und Cultus-Vorstehers Herrn ^leä. Dr. M. Lang aus Marienbad, mit Herrn Heinrich Kohn aus Eger statt. Tropstau. Am Montag, den 12. d. M., wird Herr Dr. S. K u l k a aus Leipnik im hiesigen jüvisch-literarischen Verein einen Vortrag halten über das Thema: David de Sylvia, als Theolog, Arzt und Kabbalist, und seine Zeit 1494—1604. Der Vortrag findet Abends.im Sitzungssaale der Cultusgemeinde statt. Krakau. Vorige Woche fanden hier die Wahlen in die Eitikommensteuer-Commission statt und haben dieselben mit einem glänzenden Siege unserer Glaubensgenossen geendet. Auf 10 neugewählte Mitglieder der Stenercommission wurden 9 Juden gewählt. Vor zwei Jahren haben sich die Inden leider an der Wahl nicht betheiligt und es wurde kein einziger Jude gewählt, und so ist die diesjährige Wahl ein glänzender Sieg unserer Glaubensgenossen, die nun auch in dieser Commission vertreten sein werden. Die hiesigen Blätter besprechen eingehend das Resultat. Reiseerlebnisse in Galizien. Motto: »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstumm <8ab mir ein Gotr zu sagen, waS ich leide." V. Die Unterhaltung beim Mahle war für mich eine wahre Erholung. Das Gespräch floß im ruhigen und gemächlichen Geleise dahin, man fühlte sich recht behaglich und merkte am Ende nicht, daß man bereits mehrere Stunden beisammen geseffen. als Jossel mit der Meldung hereintrat, daß die Straße nach Zaleszczyki bereits frei und alles zur Abfahrt vorbereitet sei. — Ich erhob mich und nahm herzlichen Abschied, während der Soh: des HauseS noch auf feine Stube eilte, um damir versprochene Manuscript zu holen. Er brachte es mir zum Schlitten, wohin mich die Familie begleitete. Diese nahm mir hier noch das Versprechen ab, falls ich wieder des Weges kommen sollte, nicht mehr wie bisher das „Mauthgeld" hinwerfend, vorüber zu stürmen, sondern auf einen Thee einzukehren. Ich gab das Versprechen gern. Die braven Leute winkte mir nach meiner Abfahrt so lange nach, bis ich ihren Blicken entschwand. Nach zweistündiger Fahrt, während welcher ich wiederhol absteigen mußte, da die Straßen streckenweise bedenkliche Unebenheiten aufwiesen, gelangte ich wohlbehalten in Zaleszczyki an. Im Hotel abgestiegen, begab ich mich sofort auf mein Zimmer, nachdem ich die Weisung gegeben, für heute Niemanden von meiner Ankunft zu verständigen. So durfte ich hoffen, ungestört die Schrift nieines jungen Freundes von heute durchleseu zu können. Ich schloß die Thür meines Zimmers hinter mir. zündete die beiden Kerzen auf dem Tische an und ging mit zitternder Ungeduld an die Lectüre. Ich fand zu meiner angenehmen Ueberraschung, daß das Schriftstück ziemlich umfangreich. Da werde ich doch, dachte ich, einen tiefen Einblick in die innerhalb der jüdischen Jugend dieses Landes gährende Bewegung ge^ winnen. Ich schlug das Manuscript auf — doch welche grausame Enttäuschung! Ein Buch mit sieben Siegeln: eS war in polnischer Sprache geschrieben. Ich sprang auf, machte einige Schritte durchs Zimmer, um mir den Unmuch auszutreiben. Bald jedoch zog es mich wieder unwiderstehlich zu dem geheimnißvollen Papier hin. Ich blätterte darin in der Hoffnung, vielleicht dennoch Einiges mit Hilfe meiner allerdings sehr geringen Kenutniffe der polnischen Sprache enträthseln zu können. Nach längerem bedächtigen Blättern aber stieß ich, o Jubel! auf deutsche Worte. Und bei näherem Zusehen fand ich, daß der ganze vorangehende Theil hier ins Deutsche, und zwar in ein auserlesenes Deutsch übertragen vorlag. Ich habe noch selten ein Schriftstück mit so intensivem Intereffe verschlungen, wie dieses. Und doch war da-, was ich da las, mit so ruhiger und kalter Ueberlegung geschrieben, waren die Worte so klar und so logisch gesetzt, daß man eS kaum begreiflich finden könnte, warum mir beim Lesen dieser Schrift die Wangen vor Erregung erglühten. Im Grunde stand ja da nichtanderes zu lesen — wenn auch allerdings ausführlicher, geordneter und mit gelehrtem Apparate gestützt — als waich bereits heute Morgenaus dem Munde des jungen Mannes abrupt und andeutungsweise zu hören bekam. WaS also bewegte mich so tief? Es war die eisige Kälte, mit der hier ein Jude, und kein gewöhnlicher Jude, vom Judenthum spricht, mit der er ihm gegenübersteht. Es war der brennende Schmerz darüber, daß solche geist- und gemüthreiche junge Leute, welche die Hoffnung des Judenthums werden, für dasselbe kämpfen und ihm zur Ehre gereichen sollten, demselben ganz enfremdet wurden, entfremdet leider nicht ohne unsere eigene Mitschuld. Tief bekümmert begab ich mich zu Bett. Aber der Schlaf floh meine Augen. Abermals nahm ich die Schrift zur Hand,