Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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3t r. 6 Dr. Dloch's Mochrnschrifk. Seite 111 Frau Bertha Stern sang sich mit dem „Gebete der Elisabeth" aus Wagners „Tannhäuser" in die Herzen aller Zuhörer hinein und mußte sich zu einer Zugabe bequemen. In brillanter Weise gab uns die unter persönlicher Leitung ihres Directors Herrn August Labitzky stehende Curcapelle „Flirtation" für Streichinstrumente von Speck und „Phantasie" aus Meyerbeer's Oper „Robert der Teufel", zu hören. Das folgende von Herrn Hutter (Firma S. Oehler u. Co., Prag) gesungene Couplet erregte in hohem Grade Heiterkeit, und den Abschluß bildete das Lustspiel „Ich heirate meine Tochter" von Groß von Trockau. in welchem die Damen Fräulein Jsabella Gartenzaun und Selma Reichl, sowie die Herren Karl L. Katz und Max Straschitz reichen Beifall ernteten. Das folgende Kränzchen währte bis 4 Uhr Früh. Für wohlthätige Zwecke waren mehr als 300 fl. übrig. Arrangeure Wilhem Beck und M. Kaufmann. Breslau. Im jüdischen Rede- und Discutirclub Graetz zu Breslau fand am 24. Jänner wieder eine sehr zahlreich besuchte Versammlung statt. Das Referat über das Thema „Moderne Organisationen" hatte Herr JUDr. Paul Posener freundlichst übernommen. Redner führte etwa Folgendes aus: Im wirthschaftlichen wie im politischen Leben, ist heute allseitig das Streben darauf gerichtet, alle vorhandenen Kräfte zu wecken und nutzbar zu machen. Wenn auch jeder Einzelne suchen soll, selbst nach eigenem Können zu wirken, so liegt doch das Hauptgewicht auf der Sammlung und dem Zusammenarbeiten aller Kräfte. Redner weist darauf hin. wie es die Socialdemokratie besonders verstehe, durch ein wohlorganisirtes Vereinswesen, durch Agitatioueu und die Parteipresse für ihre Sache zu arbeiten. Und wie die Extreme sich so oft berühren, so sehen wir auch in dem Bunde der Landwirthe eine gleich fest geschlossene Organisation. Beide verstehen es, durch das lebendige Wort nachhaltig auf die Massen zu wirken. Wie aber auch die Religion ein starkes Bindeglied zu bilden vermag, zeigt uns das Centrum, das sich eine ausschlaggebende Machtstellung in Deutschland erworben. Gleich ihm sollen auch wir Juden einen festen Punkt zu gewinnen suchen, damit nach außen hin die Interessen des Judenthums vertreten werden. Wie es in Süddeutschland bereits der Fall, so solle auch in Preußen auf die Bildung von Consistorien oder Körperschaften ähnlicher Art hingewirkt werden. Doch auch unabhängig von der Regierung, soll ein Zusammenschluß aller jüdischen Elemente erstrebt werden. Aller Orten sollen jüdische Discutirclubs gegründet werden, um geeignete Kräfte heranzubilden und so eine Grundlage für umfassendere Organisationen zu schaffen. Analog dem Deutschen Katholikentage, solle die Bildung eines Deutschen Judentages das Ziel bilden, in welchem alle Schattirungen innerhalb des Judenthums sich zusamenfinden und zusammenschließen. — Eine sehr anregende Discuffion bildete den Schluß der Sitzung. Breslau. Das jüdisch-theologische Seminar hat statutengemäß die Gedächtnißfeier für seinen Stifter begangen. Aus diesem Anlaß ist auch der übliche Jahresbericht erschienen, der eine streng wissenschaftliche Untersuchung des Docenten Dr. S. H o r o v i tz über die Psychologie Jbn Gabirvls enthielt. Dem Jahresbericht selbst entnehmen wir, daß das Seminar die Gedächtnißfeier zum 46. Mal begeht. Als Rabbiner sind diesmal entlassen worden die Herren Dr. Johann K r e n g e l, Doctor Julius R e a ch, und Julius Z i m e l s. Die beiden Preisaufgaben „Abraham b. Elia als Religionsphilosoph" uud „Geschichte des Achzehngebetes" wurden auch diesmal nicht gelöst. Das Seminar zählt gegenwärtig 24 Hörer; das Vertrauen zu der Wirksamkeit der Anstalt fand auch im abgelaufenen Jahre erneuten Ausdruck durch die Berufung mehrerer Zöglinge an angesehene Gemeinden und Institute. Die Gedächtnißtage der verstorbenen Lehrer wurden auch in diesem Jahre begangen. Außer den bisherigen Stipendien erhielten auch in diesem Jahre mehrere Seminaristen namhafte Unterstützungen durch Gönner der Anstalt. Die Seminarbibliothek, gegenwärtig wohl eine der bedeutendsten jüdischen Büchersammlungen in Deutschland, umfaßt nach dem letzten Abschluß 15866 Druckwerke in 21305 Bänden und 213 Handschriften in 248 Bänden. Der Verein Liwjath-Chen, dessen Aufgabe es ist, unbemittelte Hörer des Seminars in zartst Niger Weise vor dringender Roth zu schützen, hat auch diesmal Theilnahme und Unterstützung aus Nah und Fern gefunden. Gleichwohl war es nicht möglich, den an den Verein gestellten Forderungen zu genügen. Mögen edle Menschenfreunde nach Kräften dahin wirken, daß diesem segensreich wirkenden Verein die Mittel reicher zufließen. Die Gedächtnißfeier fand heute in hergebrachter Weise statt. Nach einleitendem Chorgesang warf der Vorsitzende des Lehrer-Collegii, Seminar- Docent Dr. Brau n, einen Rückblick auf die Geschichte der Juden im XIX. Jahrhundert und zeichnete in kurzen und knappen Zügen die geistigen Strömungen, die auf das westeuropäische Judenthum befruchtend und umgestaltend eingewirkt haben. Daran schloß sich die feierliche Entlassung der Herren Doctor K r e n g e l, Dr. R e a ch und I. Z i m els als Rabbiner unter Ueberreichung der Diplome durch den Seminar-Rabbiner und Docenten Dr. L e w y. Namens der Scheidenden richtete Dr. Z i m e l s Worte des Dankes und des Abschiedes an Lehrer und Freunde. Erneuter Chorgesang schloß die erhebende Feier. Der altbewährten Anstalt wünschen wir auch ferner Blüthe und Gedeihen! Stuttgart. In Kunstkreisen unserer Stadt trifft man die Vorbereitungen zu ei^er seltenen Feier, die gewiß geeignet erscheint, auch die weitesten Kreise der Bühnen-Angehörigen zu interesfiren. Am 3. Februar feiert der Nestor der deutschen Tenöre, der König der Cantilene, Heinrich Sontheim, seinen achtzigsten Geburtstag und wird bei diesem Anlaß — zu Gunsten der Bühnen-Genoffenschaft — nochmals auf unserer Bühne, der Stätte, von der aus er so manchen frenetischen Beifall entfesselt, erscheinen. Zu diesem Zweck wird Raimunds „Verschwender" neu einstudirt. Sontheim stammt aus einer kleinen jüdischen Gemeinde Jebenhausen. Er wurde durch d e Familie K a u l l a, die sein Talent entdeckte, auf die Bühne gebracht. Seine Laufbahn begann dieser Heldentenor in Karlsruhe, von da an war er an unserer Hofbühne thätig. Die zahlreichen Gastspiele des Künstlers vertheilen sich auf die bedeutendsten Bühnen Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz. Köln. Die „Kölnische Volkszeitung" bringt eine interessante Besprechung der Denkschrift, welche Ohm Krüger, der Präsident von Transvaal, seinem Volksrad eingereicht hatte, um die von ihm beantragte Emancipation der Juden und Katholiken zu rechtfertigen. Der Passus von den Juden lautet wie folgt: „Der Grundsatz, wegen confessioneller Unterschiede Jemand vom Genuß der Bürgerrechte auszuschließen, ist durch die Geschichte der letzten Jahrhunderte ein Gegenstand der ernsten Ueberlegung geworden. Bezüglich der Juden sollte ein christliches Volk sich die Frage vorlegen: Kann ein christliches Volk, kann eine christliche Regierung auf dem gesellschaftlichen Gebiete Beschränkungen aufrecht erhalten, welche die Juden inmitten der Völker der Welt in ihrer Entwickelung hemmen und durch sie in eine gedrückte Lage gebracht und gleichzeitig von der Wahrheit in Christus ferngehalten werden? Hierauf antworten wir freimüthig: Nein! auf Grund von Gottes Wort. Ohm Paul gibt dann zu verstehen, daß die calvinistische Einseitigkeit, die man bisher gezeigt, geistliche Ueberhebung sei, und führt eine Stelle aus dem Römerbriefe dagegen an. Diese Ueberhebung auf geistlichem Gebiete wird übertragen auf das politische Gebiet, insofern wir wegen der mns doch nur aus Erbarmen geschenkten Erleuchtung die JudemLals die Geringeren zurückdrängen und von den bürgerlichen AWpen ausschließen. Durch diese Geringschätzung wird stets bei ihnm E Haß gegen das Christenthum genährt. Dagegen liefert die Geschichte der letzten Jahrhunderte den Beweis, daß in den verschiedenen Ländern, wo die Juden das Bürgerrecht erhalten haben, das Christenthum viel mehr Eingang bei ihnen gefunden hat und statistisch kann nachgewiesen werden, daß dort die meisten B kehrungen von Juden erfolgen." Diese Sprache von Krüger charakterisirt den Mann vorzüglich. Berlin. In bemerkensw rther Weise äußerte sich der am Wiesbadener Hoftheater thätige Dramaturg und in der letzten Zeit viel genannte Verfasser der Hohenzollern-Dramen, Major Laufs, in einem Interview, das in einer hiesigen Zeitung veröffentlicht wird und dem unsere Leser sicherlich ein besonderes Interesse entgegenbringen werden. Der Genannte, der bekanntlich Persona Gratissima am hiesigen Hofe ist, erklärte: „Ich hasse Alle, die das Volk im falschen Wahne erziehen, der blöden Menge Unduldsamkeit lehren. In einem in vierfüßigen Jamben und in sechszehn Gesängen geschriebene Epos „Die Geißlerin," das ich im März dem Druck übergebe, bekämpfe ich die Volksbethörer und deren Intoleranz. Das Epos spielt zur Zeit des Flagellanten-Wahnsinns im Mittelalter, aber ich wende mich darin gegen die Ausschreitungen und die Ausbeuter des Volkswahns zu allen Zeiten. 1348, zur Zeit der furchtbarsten Pestepidemie in Deutschland, ziehen die Flagellanten in Worms ein. Alsbald verdächtigt man die reichen Juden des Ghetto, die bisher in Folge eines vom Kaiser Heinrich IV. erlassenen Freibriefes die Vorrechte der Patrizier ge-