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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 106 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 6 „Unkenntnitz über Galizien." Bon Dr. Ernst Tuch, Hamburg. In der Nr. 5 der „Oesterreichischen Wochenschrift" wird in dem Artikel: „Interne und externe Colonisation" gegen die von mir verfochtene Idee einer Ansiedlung' galizischer Juden auf galizischem Boden eine Reihe von Einwänden erhoben. Was den Ton des Aufsatzes betrifft, so muß ich sagen, daß in der Polemik über diesen Gegenstand, die ich bisher schon nach verschiedenen Seiten geführt habe, auch meine Gegner mir stets nobel und sachgemäß begegnet, und Kenntniß der galizischen Verhältnisse bereitwillig zugestanden haben. Es blieb Herrn Leo Herzberg-Fränkel Vorbehalten, aus dem Doctortitel seines Gegners abzuleiten, daß dieser „kein Philosoph" sei. Dies ist nun weder vorher behauptet worden, noch gehört es irgendwie zur Sache, denn ich glaube, daß zur Beurtheilung der galizischen Zustände gute Kenntnisse der Nationalökonomie und Sociologie wichtiger sind, als gerade die Philosophie. Es war ihm Vorbehalten, mein Project als den „größten Unsinn" zu bezeichnen, „der ausgebrütet werden könnte", als „ein unsinniges Project, das man ein für alle Mal ausgeben möchte." Ich unterlasse es, in diese Arena hinabzusteigen nnd will versuchen, die wenigen scheinbaren Eiüwände, durch welche meine Unkenntniß dargethan werden sollte, in ihrer unqualificirbaren Dürftigkeit aufzudecken. Es sind die drei bekannten Herren, die immer wieder aufmarschiren, sobald von der Ansiedlung jüdischer Bauern in Galizien gesprochen wird, und ich war lebhaft bei dem Lesen des Aufsatzes an die ersten Worte des Goethe'schen Faust erinnert: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!" Das ist das Aergerliche. daß man in der Polemik so häufig genöthigt ist, dasselbe, schon so oft Gesagte, wieder und wieder durchkauen zu müssen, da die Herren Gegner sich nicht die Mühe nehmen, nachzusehen, ob das von ihnen Angegriffene und die nach ihrer Ansicht von ihnen entdeckten, funkelnagelneuen Einwürfe nicht schon einmalwiderlegt wurden. Dies ist nun thatsächlich geschehen. Die drei „neuen" Behauptungen des Verfassers sind: Die Juden können nicht in Galizien angesiedelt werden, weil 1. der Judenhaß der Bevölkerung es nicht zugeben wird: 2. kein Boden, und 3. kein Geld vorhanden sein wird. Was den ersten Punkt anbetrifft, so verweise ich Herrn Herzberg-Fränkel aus den Artikel: „Die galizisch-jüdische Colonisation" jin Nr. 52 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 29. December v. I., wo Herr Dr. Salz in Tarnow schon seine Meinung aussprach, daß die Colonisation an dem Antisemitismus der Massen scheitern würde. Ich erwiederte hierauf in meinem letzten Artikel, dem Schlußartikel meiner Serie „Galizien", in Nr. 4 der „Oesterreichischen Wochenschrift". Der Verfasser hätte aus dieser Polemik erkennen können, wie ehrlich und ernsthaft diese Frage schon besprochen ist. Der Antisemitismus wird, wie ich uachgewiesen habe, zerschellen an den geschloffenen Siedlungen, die ein vollständiges Gemeinwesen für sich bilden. Nun aber rückt der zweite starke Ritter heran. Wenn es selbst aus diesen Gründen zulässig wäre, so wäre das Project doch nicht ausführbar, denn es würde sich kein Boden finden. Das heißt. Boden ist vorhanden, sogar sehr reichlich vorhanden. Herr Herzberg-Fränkel weist selbst gegenüber der irrigen Ansicht, daß Galizien die große Zahl der jüdischen Bevölkerung nicht ernähren könne, darauf hin, daß Galizien nur schwach bevölkert sei. Aber, meint er, dieser reichlich vorhandene Boden sei nicht käuflich, für Juden nicht käuflich. Der Boden befindet sich nun einerseits in den Händen von Bauern und Parcellenbesitzern und von Großgrundbesitzern. Daß keineswegs daran gedacht werden darf, galizische Bauern zu depossediren, habe ich ganz ausführlich in meinem Artikel „Galizien" IV, behandelt, wo ich nachwies, daß wir ja gerade mit den Bauern gemeinsam kämpfen wollen gegenüber der unrationellen Bodencultur, wie sie in den Großbetrieben Galiziens gehandhabt wird. Also bleibt nur der Ankauf von Gütern der Schlachzizen. Das geht nicht, ruft Herr Herzberg-Fränkel, man erinnere sich jedoch des Heidenlärms, welcher vor einigen Jahren entstand, als die Brüder L. das Gut Podhajce ankaufen wollten. Ich muß, so leid es mir thut, Herrn Herzberg-Fränkel darauf aufmerksam machen, daß auch dieser Einwand mir durchaus nicht neu ist. Er ist von Herrn Dr. Salz, der überhaupt doch etwas mehr Uebersicht über die Verhältnisse hat, ebenfalls in jenem oben erwähnten Artikel angeftihrt worden. Daß der Fall des Gutes Podhajce nicht für meine Bestrebungen maßgebend ist, wo nicht Einzelpersonen, sondern Genossenschaften als Käufer auftraten, habe ich in meiner Entgegnung bewiesen. Das hindert Herrn Herzberg-Fränkel nicht, die Sache noch einmal vorzubringen, als wäre sie ganz neu. Uebrigens könnten ja im Falle der Ausführung des Proiectes die Genossenschaften sogar solche Güter ankaufen, die sich schon in jüdischen Händen befinden, wodurch der „Vorwurf" vermieden würde, daß noch immer mehr vom galizischen Boden in -jüdische Hände übergeht. Und diese jüdischen Großgrundbesitzer würden jedenfalls ihre Güter gern verkaufen, wie aus de»' Schilderung, die Herr Dr. Salz in seinem Artikel von ihnen gibt, zur Genüge hervorgeht. Aber jedenfalls zu hohen Preisen! Und damit sind wir dann bei dem dritten Einwand des Recensenten angelangt Es wird kein Geld für eine Massenansiedlung vorhanden sein. Auch dieser letzte — und der Ansicht des Verfassers nach — jedenfalls gewichtigste Einwand entbehrt der Originalität. Es wurde von einem Krakauer Blatte der „Sprawiedliwosä", schon am 1. December v?J. ausgeführt und von mir in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 22. December v. I. und 26. Jänner d. I. in den Artikeln Galizien I und IV entkräftet. Das thut nichts. Herr Herzberg- Fränkel rechnet aus, daß man mit einer halben Million Gulden 150 Juden (soll freilich heißen jüdische Familien) ansiedeln kann und läßt dann seinen Spott aus über den Ausbrüter eines so unsinnigen Projectes, der auf diese Weise 600.000 Juden ansiedeln will. Freilich, wenn man mit Herrn Herzberg-Fränkel rechnen würde, mit dem Rechenlehrbuch von Adam Riese in der Hand, so würden, wenn 150 Juden (!) eine halbe Million Gulden erfordern, 600.000 Juden zur Ansiedlung 2000 Millionen oder zwei Milliarden Gulden nöthig haben. Ja, wer sieht denn nun nicht ein, daß dies „der größte Unsinn" ist? Aber selbst wenn Herr Herzberg-Fränkel richtiger statt Juden jüdische Familien gesagt hätte, wie es selbstverständlich in diesem Zusammenhänge heißen muß, so würde die Summe, da eine Familie in Galizien zu sechs Köpfen zu rechnen ist, doch immer noch 323 Millionen Gulden betragen. Es ist selbstverständlich, daß auch diese reducirte Summe nicht herbeigeschafft werden kann. Aber an diesem Beispiel kann man wieder die Fechtart manches Literaten erkennen, die sich irgend ein thörichtes Gebilde Zusammenzimmern, es dann zertrümmern und vor den Augen des belustigten Publikums den Autor, dem sie dieses Machwerk zuschieben, dem Spott preiszugeben suchen. Wo habe ich denn solchen Unsinn behauptet, 1. daß 600.000 Juden der Landwirthschaft zugeführt werden sollen, 2. daß dies auf einen Hieb geschehen soll? Ich habe erstens stets auf die Wichtigkeit der Emigration neben der inneren Colonisation hingewiesen, habe ferner darzuthun versucht, daß solche landwirthschaftliche Productivgenossenschaften, wie die von mir geschilderten vielen — in unserem Falle jüdischen — Handwerkern und Industriellen die Möglichkeit genügenden Erwerbes bieten. Und ich habe drittens und vor Allem gezeigt, daß doch einerseits diese gut florirenden Genossenschaften das Capital zurückzahlen, daß sie andererseits durch ihr Beispiel immer neue Gruppen heranziehen, und in Folge dessen die später zu gründenden Siedlungen mit wesentlich weniger Geld herzustellen sind. Alle diese Gründe rühren Herrn Herzberg-Fränkel nicht. Er ist weder genügend Kaufmann, um zu wissen, daß dargeliehenes Geld nicht immer ä fonds perdu gegeben zu sein braucht, daß es auch manchmal wieder zurückgezahlt wird, noch ist er Sociologe genug, um zu wissen, daß Genossenschaften das Bestreben haben, haben müssen, sich zu expandiren. Er hat nicht den wichtigen Satz beachtet, daß Alles, was die Philanthropie leisten kann, darin besteht, anregend und vorbildlich zu wirken, Diejenigen, die man retten will, zur Selbstständigkeit zu erziehen! Sein tiefes sociologisches Verständniß verräth er in der Belehrung, die er mir zutheil werden läßt: „Colonien gründet man, wo man für vierzig oder fünfzig Gulden einen Morgen kaufen kann, nicht aber wenn man drei- oder vierhundert bezahlen muß." Vielleicht ist er so menschenfreundlich, diese tiefe Erkenntniß der preußischen Ansiedlungscommission zu unterbreiten oder auch der englischen und irischen Regierung, damit diese ihr „unsinniges Project" aufgeben, auf so theurem Boden Colonien anlegen zu wollen! Es thut mir leid, daß ich die Leser dieser Zeitung nochmal mit der Widerlegung von früher schon erledigten Argumenten behelligen mußte, allein es blieb mir wohl nichts anderes übrig. Zum Schluffe möchte ich dem Verfasser bemerken, daß Unkenntniß der Statistik, der Sociologie und anderer Wissenschaften, noch lange nicht den im Lande Wohnenden berechtigt, sein Votum als ein begründetes hinzustellen. Ich möchte im Interesse der Sache und der jüdischen Leser bitten, in Zukunft nur ernstlich durchdachte und neue, noch nicht widerlegte Argumente vorzunehmen. Dann, aber auch nur dann, kann ich mich ferner mit Herrn Herzberg-Fränkel in eine Polemik einlassen,

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