Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. BLoch's Wochenschrift. Seite 105 Ein solcher Aufruf ist von uns niemals beschlossen, an Niemanden versendet, noch s o n st w i e zu G e l d s a m m l u u g e n benützt worden. Da es sich hier offenbar um einen mit dem Namen der „Oesterreichisch-israelitischen Union" getriebenen plumpen Mißbrauch handelt, warnen wir unsere Glaubensgenossen hiemit ausdrücklich, sich auf Grund dieses Schriftstückes Geld herauslocken zu lassen und bitten dringendst, Jedermann, der mit einem solchen Ansinnen an sie herantreten sollte, sofort polizeilich feftnehmen zu lassen. Wien, am 4. Februar 1900. Der Vorstand der „O e st e r r e i ch i s ch - i s r a e l i t i s ch e n U n i o n". Der Vorstand der israelitischen Union hat der Redaction des „Deutschen Volksblattes" nachstehende Berichtigung zugesendet: Herrn Georg Ruhsam, verantwortlicher Schriftleiter des „Deutschen Volksblattes", Wien. Auf Grund des § 19 Pr. G. fordern wir Sie auf, nachstehende Berichtigung in gesetzlicher Form und Frist aufzunehmen: Es ist unwahr, daß der in Nr. 3983 des „Deutschen Volksblattes" vom 4. Februar 1900 unter der Ueberschrift „Millionen für — Hilsner" veröffentlichte Aufruf von der „Oesterreichisch-israelitischen Union" versendet wird oder versendet wurde. Wahr ist vielmehr, daß dieser Aufruf vom Vorstande der „Oesterreichisch-israelitischen Union" oder der Leitung des Rechtsschutz- und Abwehrbureaus dieses Vereines niemals berathen, beschlossen, an Niemanden versendet, noch sonstwie zu irgendwelchen Geldsammlungen benützt wurde. Achtungsvoll „Oesterreichisch-israelitische Union". 'Für den Vorstand: Dr. Anninger, Präsident. Für das Rechtsschutz- und Abwehrbureau : Siegfried Fleischer, Secretär. Mord aus religiösem Fanatismus. Aus Amsterdam wird telegraphirt: Aufsehen erregt ein Religionsmord, welchen eine neue protestantische Secte im Dorfe Tiel in Geldern verübte. Der Vorsteher der Secte ließ einen Bauernknecht, weil dieser vom Teufel besessen sei, ergreifen und mitten auf dem Marktplatze abschlachten. Die Gliedmaßen wurden sodann abgeschnitten und unter die Mitglieder der Secte vertheilt. Hierauf tauchten die Fanatiker ihre Hände in das Blut des Ermordeten und sangen Psalmen. Als die Gendarmerie erschien, verschanzten sich die Fanatiker in dem Gemeindehause. Die Gendarmerie belagerte dasselbe, während die Mörder innen Dankhymnen absangen. Die Blullüge im ungarischen Abgeordnetenhause. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses am letzten Samstag wurde der Justizminister darüber interpellirt, und zwar von dem Abgeordneten Zoltän Z m e s k a l, weil angeblich in Nameßto vor Kurzem unter sehr mysteriösen Umständen ein Kindesmord erfolgt sei, welchen Redner trotz seiner heiklen Natur zur Sprache bringen muß. Redner ist kein Antisemit (Heiterkeit), er war seit jeher bestrebt, seinen Verkehr mit den Juden möglichst angenehm zu gestalten und hat sich wiederholt mit jüdischen Angelegenheiten abgegeben. Wie wenig Redner ein Feind der Juden ist, beweist der Umstand, daß er unmittelbar vor seiner Augenvperation in einem Bahnhofswartesaal einen Burschen bet einer Schlägerei befreite, obgleich er sah, daß der Bursche ein Jude ist, — es ist ja unmöglich, einen Juden nicht zu erkennen. (Heiterkeit rechts.) Redner glaubt damit bewiesen zu haben, daß er kein Judenfeind ist. (Heiterkeit rechts.) Redner glaubt auch nicht, daß es einen Ritualmord gibt. Er führt an, daß ein bosnischer Rabbiner einem in Croatien noch jetzt lebenden Gymnasialdirector gesagt habe: Einen Ritnalmord gibt es nicht und kann es nicht geben, wir brauchen wohl Christenblut, doch können wir uns das verschaffen, wenn wir einem armen Menschen 1—2 Ducaten geben, der uns dafür erlaubt, seinem Kinde so viel Blut zu entnehmen, als wir brauchen, und dem Kinde nicht schadet. (Heiterkeit.) Redner hat auch von einem Rabbiner im Arvaer Comitat gehört, daß dieser gesagt habe, er habe an einem Ritualmorde theilgenommen. Soma V i s o n t a i: Das ist eine gemeine Lüge! Zoltän Z m e s k a l: Dieser Vorwurf bezieht sich nicht auf mich. Vor Kurzem hatte ich einen Juden zu Gast... Präsident ersucht den Abgeordneten, zum Gegenstand zu sprechen, da er bisher noch kein Wort zur Begründung seiner Interpellation gesagt hat. (Lebhafte Zustimmung rechts.)' Zoltän Zmeskal erklärt, er habe ein Recht, seine Interpellation zu motiviren, ob dies dem Präsidenten gefällt oder nicht. (Bewegung.) Präsident: Der Herr Abgeordnete hat kein Recht, die Bemerkungen des Präsidenten zu kritisiren. Die Rede des Herrn Abgeordneten bewegte sich in solchen Allgemeinheiten daß ich sie nicht als Motivirung der Interpellation betrachten kann. (Lebhafte Zustimmung.) Zoltän Z m e s k a l erklärt, er habe von einem jüdischen Gast gehört, daß in Rußland. Galizien und in der Marmaros fanatische Juden thatsächlich im Stande sein sollen, solche Morde zu begehen. Jedenfalls erregt es Verdacht, wenn in einzelnen Gegenden 14—15jährige Kinder spurlos verschwinden. Red..er kennt einen Fall, in welchem ein christliches Dienstmädchen vier Tage nach ihrem Dienstantritt bei einem Juden verschwunden ist. Was den in Rede stehenden Fall betrifft, wurde am 16. October in Nameßto der Leichnam eines jungen Knaben gefunden, welchem mit einem scharfen Jnstrumenre der Hals durchschnitten war. Neben dem Leichnam fand man kein Blut, dagegen führten Blutspuren bis zu einem Gartenzaun, an welchen die Wohnung des jüdischen Schuldieners, eines gewiffen Jakobsohn grenzte. Ein Dienstmädchen sagt aus. es habe bei seinem Dienstgeber, einem gewiffen Nürnberger, gesehen, wie mehrere Juden in dem Hemd, das sie beim Gottesdienst tragen, um ein Gefäß standen, in welchem sich angeblich Blut befand, und in welches die anwesenden Juden hineinspuckten. Alle Verdachtsgründe richten sich darauf, daß der Mord thatsächlich von Juden begangen wurde. Redner verlangt daher eine möglichst energische Untersuchung in dieser Angelegenheit: er würde selbst nicht Gift darauf nehmen, daß es sich um einen Ritualmord handelt, jedenfalls aber liegt die strenge Untersuchurlg gerade im Interesse des Judenthums. Jetzt sind die Leute noch ruhig, aber die Gemüther sind schon.in höchstem Grade erregt (Heiterkeit) und dies könnte in socialer Hinsicht gefährlich werden. Nach alldem richtet Redner folgende Interpellation an den Justizminister: 1. Hat der Herr Minister Kenntniß davon, daß in der Großgemeinde Nameßto im Comitat Arva in der Nacht vom 15. auf den 16. October 1899 ein etwa zwölfjähriger verwaister Knabe Namens Johann C s o ch l e n unter verdächtigen Umständen, durch einen von einem Ohr zum anderen reichenden, ganz regelrecht geführten, bis zum Halswirbel dringenden Schnitt ermordet wurde? 2. Wenn der Herr Justizminister von dieser geheimnißvollen Mordthat Kenntniß hat. ist diese Angelegenheit in Folge einer unmittelbaren oder mittelbaren Verfügung des Herrn Ministers — und aus welchem Grunde — aus den Händen des Untersuchungsrichters genommen worden, welcher die Untersuchung von Anfang bis zu Ende mit mehr minder Tact und Geschicklichkeit geführt hat, und einem Gerichtsrathe übergeben worden, welcher, kaum daß er die auf diese geheimnißvolle Mordthat bezüglichen Acten übernommen und studirt hatte, zum Tafelrichter ernannt wurde und das Gebiet des Rosenberger Gerichtshofes verließ, so daß die Klarstellung dieser geheimnißvollen Mordthat eine neuerliche Verzögerung erlitt? 3. Ist es wahr, daß während des Verlaufes dieser Untersuchung in dieser Mordangelegenheit eine Judendeputation aus Nameßto bei dem Herrn Justizminister erschienen ist und wenn ja: ist nicht diesem Umstande die Versumpfung der Voruntersuchung zuzuschreiben? 4. Ist der Herr Justizminister geneigt zu verfügen, daß im Interesse der Aufhellung dieser jedenfalls überaus verdächtigen und geheimnißvollen Mordthat sowohl die königl. Staatsanwaltschaft als der competente Rosenberger königl. Gerichtshof unverzüglich und rasch ihres Amtes walten? Justizminister P l 6 ß unterließ es nicht, dem Interpellanten vorläufig sofort zu antworten. Justizminister Alexander P l 5 ß : Der Herr Abgeordnete Zmeskal hat gesagt, er habe die Angelegenheit nickt früher zur Sprache bringen wollen, weil er auf den Gang der Untersuchung keinen Einfluß ausüben wollte. Wenn dem so ist, so ist die Interpellation auch heute verfrüht, denn die Vorbedingungen sind auch heute dieselben. Die Untersuchung ist im Zuge und wird ohne jede Befangenheit fortgeführt. Es handelt sich um einen ganz gewöhnlichen Fall und so wird die Angelegenheit auch beurtheilt. Auf die einzelnen Fragen des Herrn Abgeordneten kann ich jetzt keine Antwort geben, ich bitte sich vorläufig mit diesen Bemerkungen zu begnügen. (Zustimmung rechts.) Die Interpellation wird dem Justizminister zugestellt werden.