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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Seite 103 De. Dloch's Wochenschrift. Und liegt er im wohlverstandenen Interesse der Gewerken selbst? Wahrhaftig so wenig, daß wir die Vermuthung hegen, gerade die viel verlästerten G u t m a n n und R o t h s ch i l d's seien schwerlich diejenigen gewesen, deren Rath in der ganzen Sache maßgebend gewesen ist. Es kann nicht im wahren Interesse der Gewerken liegen, daß den Völkern und dem Parlament der Gedanke einer Sequestration, respective Verstaatlichung der Kohlenbergwerke mundgerecht gemacht wird. Diesmal ist es doch nicht dazugekommen, weil das neue Ministerium dem Einstusse der Antisemiten nicht besonders zugänglich zu sein scheint. Es kann aber einmal ein Ministerium ans Ruder kommen, welches den extremen Parteien näher steht; nichts ist diesen Parteien leichter, als in jenen Revieren, in welchen der Funke des Volkszornes immer unter der Asche glimmt, diesen Funken durch ihre Emissäre zu verheerendem Brande zu entfachen, um so eine Sequestration herbeizuführen, bei welcher durch Ausführung kostspieliger Investitionen und Sicherheits- Maßregeln der Ertrag fast auf Null herabgedrückt wird, um dann das Bergwerk äußerst billig zu verstaatlichen. Und auch ohne jede absichtliche Schürung genügt die Verweigerung von Forderungen des Zeitgeistes, welche nothwendig wiederkehren müssen, um auch die vergrößerte Wiederkehr derartiger Kämpfe, etwa nächstens einen österreichisch-preußischen Riesenstrike wahrscheinlich zu machen. Was dann? Es liegt im Interesse der Gewerken selbst, die Wiederkehr derartiger Krisen thunlichst hintanzuhalten. Auch wir vom Standpunkte der bedrängten Judenheit aus, können Arbeitern und Arbeitgebern nur den altjüdischen Wunsch zurufen: Der Frieden stiftet in den Höhen, der sende Friede in Eure Mitte! Aus dem rzechlsth-jüdischen Lager. (Original-Correspondenz.) Prag, 30. Jänner. Die königliche Hauptstadt Prag war in letzter Zeit der Schauplatz mehrerer Protestveriammlungen der Juden, ohne Unterschied ihrer Umgangssprache. Der Protest galt nicht nur den dunklen Existenzen ä la Dr. Baxa, er traf vielmehr die ganze czechische Oeffentlichkeit und ihr unwürdiges Benehmen den Juden gegenüber, . Zu Polna hatte sich neuerlich Nachod gesellt/und da es außerdem noch mehrere czechische Städte gibt und darin xunge christliche Mädchen und überdies die Ostern herannahen, so ist ja Material für lange Zeit vorhanden, die Gemüther in erkünstelter Aufregung zu erhalten und über die Juden in Wort und That herzufallen, um sich des noch immer ganz respectablen Vorrathes an Haß zu entledigen und statt dieses nutzlosen „idealen" Gutesein passenderes materielles in Form von geplünderter Waare einzuheimsen. /"Daß unter diesen Verhältnissen die czechisch-jüdlsche Strömung nicht nur nicht vorschreitet, sondern ganz unleugbar arg ins Stocken gerathen ist, kann uns nicht Wunder nehmein/Der Kampf des czechischen Christenthums mit so verwerflichen Waffen geführt, hat den Wiederstand der Juden mächtig entfacht/nnd wenn auch nur ein Theil derselben die zionistische Fahne ergriff, so hält doch die weitaus größte Schaar an der unerschütterlichen Wahrheit fest, daß wir Juden auf uns selber zurückgehen müssen, wieder Juden werdeA'— wenn auch noch so zerstreut auf Gottes Erdboden, wenn auch noch so verschieden in unserer Umgangssprache — Brüder sind.Mn s e r e R a c e i st d i e semitische, u n s e r e N a t i o n die jüdische, unsere Sprache verschieden, unser Sinnen und Trachten eins. Von solchen Gedanken ersüllt, steht heute der allergrößte Theil der böhmischen Judenschaft dml Es gibt aber auch kleine Minoritäten, die anders denken. Die Zionisten wollen uns wegführen aus diesen Landen, in d neu wir länger vielleicht leben als unsere Mitbürger, welche sich das ausschließliche Recht an dieser Scholle anmaßen. Die Anderen wiederum wollen, wir Juden mögen uns a s s i m i l i r e n. Ein großes Wort gelassen gesprochen! Sonntag, den 28. Jänner d. I. versammelte sich eine nicht gar große Anzahl von Mitgliedern des c z e ch i s ch - j ü d i s ch e n Nachwuchses und seiner Gäste „u Stajgrfr, um zu hören, in was für einer Beziehung die letzten Ereignisse in Böhmen auf die czechifchjiidische Strömung Wirkung ausgeübt haben. Aber nicht so wegen des Themas — das ja nichts Neues bringen konnte — ging man hin, als eher des Redners halber. /Wr berichteten seinerzeit (in Nr. 39 v I) über den Verlauf der von der ,,N ä r o d n i J e il u o t a ceskoziclovskä" cinberufenen Versammlung, wobei Herr Advocat Tr. M a x i m i l i a n * Reiner in zwei ausführlichen Betrachtungen zu dem stürmisch acclamirten Resultate gekommen war, die c z e ch i s ch - j ü d is ch e n Vereine mögen sich a u f l ö s „Mit den Deutschen wollen wir nicht" — so hatte Herr DrOReiner damals erklärt — „und mit den Czechen können wir nicht gehl», zeigen wir den czechischen Mitbürgern demonstrativ, daß wir uns durch ihre Anfeindungen zwar schmerzlich überrascht, aber keineswegs gedemiithigt fühlen und zuwarten wollen, bis bessere Zeiten kommen. Vorläufig sperren wir unsere Bude n." '* Nun, nach der letzten Rede des Herrn Dr. Reiner unterliegt es keinem Zweifel, daß die heißersehnten besseren Zeiten bereits da sind. Denn nicht nur, daß der Herr Doctor von dem „Budensperren" nichts mehr wissen wollte, sondern er verwahrte sich sogar gegen die „grundfalsche" Auslegung, die „gewisse Blätter" seinen damaligen Ausführung n gabE/Nur als „Repressalien" hatte er sich die Auflösung der czechisch-M>ischen Vereine gedacht, so wie solche im Völkerrechte gang und gäbe sind. Nun zweifelt er nicht mehr, daß „unsere" Nation (verstehe die czechische) in ihrem Kern „herzensgut und verträglich" ist, und die Presse — deren Ton er am 23 November v. I. scharf kritisirte — ist ja „im Grunde auch nicht so arg, sie kann sich nur nicht den entfesselten Elementen in den Weg stellen"; nichtsdestoweniger kann es Redner den czechischen Brüdern nicht recht verzeihen, daß sie — anstatt sich „edler" Waffen zu bedienen, als da sind einfach das Meiden unserer Gesellschaft — unser Hab und Gut und unsere Person als Blitzableiter für den aus ganz fremden Motiven entstandenen Zorn des Volkes benutzten. „Der Polnaer Fall", sagte Herr Dr. Reiner im Verlaufe seiner übrigens sehr nett zusammengesetzten Rede, „bleibt für immer ein Schandfleck in der Geschichte des böhmischen Volkes; die weiteren czechischen Kreise stehen leider nicht auf dem Niveau, welches sie einnehmen sollten. Und anstatt dem großen czechischen Gelehrten (Professor Dr. Masaryk), der die Blutlüge öffentlich verdammte, hilfreich an die Hand zu gehen, fanden sie es nicht unter ihrer Würde, diese seine humane Thätigkeit zu verurtheilen. . Aber wir czechischen Juden werden uns bei Erfüllung unseres patriotischen Trachtens nicht beirren lassen" u. s. w. Nachdem der Redner geschlossen hatte, war uns Eines klar: Dr. Reiner war nach Canossa gegangen, er hatte c a p i t u l i r t. Was er am 23. September 1899 g esp rochen, sollte ungesprochen, was er damals gepredigt, sollte als total mißverstanden hingeg e st e l l t werden. Verba maneut. HerrDr. Reiner war entweder damals zu voreilig oder diesmal zu ängstlich, damal s zu p essimistisch, diesmal zu sch önseh end — was er aber nicht war, das ist - c o n s e q u e n t. Nach dem Vortrage des Herrn Doctorts entwickelte sich eine sehr lebhafte Debatte, woran vielleicht alle jüdischen Parteischattirungen theil nahmen - Czechen, Zionisten, Socialdemokraten und „wilde" Juden Herr E ck st e i n prophezeite dem czechisch-jüdifchen Streben ein baldiges Ende und sprach angesiches der herrschenden Kohlennoth die nicht ganz unbegründete Befürchtung aus. es solle nicht eines schönen Tages der Rnf erschallen: Wir haben nicht, womit zu Heizen, hurrah über die Juden! Herr Stein sieht in den czechischen Volksführern und Demagogen die Ursache allen Uebels. Das Volk ähnelt sehr dem Schulbuben, der dem armen Vogel Feder um Feder herausreißt, ohne gar daran zu denken, wie wehe es dem kleinen Thierchen thut. Nicht er ist so herzlos, wie diejenige Creatur, die gebildet und sich ihrer Handlungen wohl bewußt, den Buben nicht an schreit, sondern ihn zurbösenThat noch an eifert. Die czechischen Abgeordneten konnten in Wien keine Erfolge ihrer Politik aufweisen, sie waren es daher zufrieden, das Augenmerk des in Harnisch gerathencn Volkes auf die Juden gerichtet zu sehen . . . Und wenn es gelänge, uns herauszujagen, was hätten die Czechen gewonnen? Das, was die bigotten Spanier erzielt haben — ein wüstes Land, ein verarmtes Volk, Unglück im Frieden und Verderben im Krieg, und in rasender Schnelle den Weg der Civilisation rückwärts geschleudert. Die Herren Wertheimer und L ö w y unterzogen sich der nicht leichten Aufgabe, dem voreingenommenen Theile der Anwesenden die Lehre, das Wesen, den Endzweck des Zionismus zu erklären, indem sie darauf aufmerksani machten, daß ihre Theorien denen der czechischen Juden nicht diametral entgegenstehen, sondern ganz gut neben einander bestehen können. Ihre Ausführungen ernteten Beifall, wie es sich überhaupt wieder einmal zeigte, daß die „jüdische" Bewegung unter den Juden Böhmens große Fortschrilte mache und nur das Unmögliche oder doch Unwahrscheinliche des Gelingens des zionistischen Planes die Juden davon abhält, sich ganz auf ihre Seite zu schlagen. Um den Bestrebungen der czechisch gesinnten Juden zu schaden, hat Herr Dr. Max B o n d y sich unfreiwillig mitbestrebt. Mit einer geradezu classischen Leichtigkeit verleugnete er unsere semitische Race, sprach er klipp und klar aus, daß ihm die Ideale der Czechen näher stehen als diejenigen der Inden, und schien auch unseren Glauben ein klein wenig zu bagatellisiren und darüber „philosophische Betrachtungen" anzustellen, was ihm einen wohlverdienten Verweis von feiten des Rabbinatscandidaten Herrn Kraus eintrug.

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