Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 102 Vr. Blvch's Wochenschrift« Nr. 6 und von der Rücksicht auf die Wohlfahrt der Bevölkerung leiten lassen." Ebenso kann es nur das Vertrauen in die Regierung und deren Organe beleben, wenn diese „einen durchaus untadeligen Verkehr mit Jedermann, ohne Ansehen der Person pflegen", „den Dienst gründlich versehen", „offenen Auges die Bedürfnisse der Bevölkerung wahrnehmen" und „im Falle der Bedrohung des öffentlichen Friedens von allen Mitteln Gebrauch machen, welche die Gesetze an die Hand geben". Nicht minder gerecht ist die Forderung des Ministerpräsidenten, „daß kein Beamter bei Vollziehung seiner amtlichen Obliegenheiten seine politische Gesinnung irgendwie hervorkehre". Wie gesagt, von einem so vorzüglichen Beamten, wie es Dr. v. K ö r b e r ist, war nichts anderes zu erwarten, als daß er die vornehmsten, geläutertesten Grundsätze als die seinigen proclamire, und wir hegen auch das Vertrauen, daß er den festen Willen hat, sie in der ganzen Verwaltung zu bethätigen. Dennoch fehlt uns in beiden Programmen ein wesentlicher Bestandtheil und wenn er etwa absichtlich ausgelassen wäre, dann wäre die Befürchtung nicht unbegründet, daß die Programme nur aä usum delphini verfaßt sind und daß ihre Bethätigung nicht jene Beruhigung bringen werde, ohne welche das Staatswesen nie und nimmer gedeihen kann. Vergebens suchen wir in beiden Programmen eine Erwähnung der Aufgabe der Regierung, den c o n f e s s i o n e l l e n Frieden herzustellen. Wenn wir auch nur in die letzten fünf Jahre^der inneren Verwaltung in Oesterreich zurückblicken, so finden wir leider auf vielen Blättern Thatsachen verzeichnet, welche nicht nur auf eine tiefe Störung des confessionellen Friedens der Bevölkerung hinweiseu/sondern sogar unzweifelhaft documentiren, daß weder die Gesetze angewendet wurden, welche der jüdischen Confession den gleichen Schutz Zusagen, wie jeder anderen anerkannten Confession, noch, daß allerorten die Beamten den Willen hatten, den jüdischen Bewohnern gegenüber die Pflichten in demjenigen Umfange zu üben, wie es Recht und Gesetz erfordert hätte. Man könnte wohl aus dem Verwaltungsprogramm des Ministerpräsidenten herauslesen, daß er eben die Absicht hat, die Beamten zu instruiren, daß sie „gegen Jedermann ihre Pflicht erfüllen" und sich „nur von sachlichen Erwägungen leiten lassen", daß „sie auf die Beobachtung der Gesetze von Allen — auch von sich selbst — dringen" und „jeder Bedrohung des öffentlichen Friedens mit allen gesetzlichen Mitteln entgegentreten werden" und man könnte vielleicht auch der Ansicht sein, er habe eine Specialisirung unterlassen, weil er eben grundsätzlich keinerlei Unterschied will gelten lassen — aber eine jo zarte Empfindung und so tiefes Verständniß für die Aufgabe der Staatsverwaltung, wie man sie dem Dr. K ö r b e r zutrauen möchte — kann man angesichts der Erfahrungen in Galizien, in Mähren und in Böhmen, die man eben in den letzten fünf Jahren machen mußte, nicht allen — aus derberem Teig bestehenden — Beamten zutrauen und deshalb wäre es wohl nicht überflüssig gewesen, wenn der Minister, welcher wiederholt von der Nothwendigkeit des nationalen Friedens gesprochen hat, auch dem confessionellen Frieden das Wort geredet hätte. Und nicht blos, weil die Ereignisse erwiesen haben, zu welch' traurigen Cousequeuzen die Störung des confessionellen Friedens führt, sondern mehr noch aus dem Grunde, weil der nationale Frieden nicht hergestellt werden kann, wenn man nicht auch dem confessionellen Unfrieden den Garaus macht, wäre es erwünscht gewesen, wenn ein Wort über die Nothwendigkeit des confessionellen Friedens in dem Regierungs-Programme Platz gesunden hätte. Auch wenn es sich nicht um Juden handelte, wenn wie immer der Friede gestört war, gingen nationale und confessionelle Motive parallel neben einander und das eine Element wirkte stets erregend auf das andere. Man kann einen ausgebrochenen Brand nicht löschen, wenn mannur einen der Feuerherde zu ersticken bemüht ist, den anderen aber fortlodern oder auch nur fortglimmen ließe. Es müssen alle Zünder erst erstickt sein, ehe man darauf rechnen kann, daß die Feuersgefahr beseitigt ist. Je tiefer aber das confessionelle Element in die Gemüther eingegraben ist und je mächtiger es die Phantasie beherrscht, desto dringender erscheint es, daß nicht nach, sondern neben der nationalen Verständigung auch der volle confessionelle Friede wiederhergestellt werde. Und das ist nicht anders zu erzielen, als wenn man dem Menschenrechte wieder zu vollen Ehren verhilft und wenn man die Gesetze der Gleichheit und Brüderlichkeit ohne jeglichen Unterschied nicht blos in nationaler, sondern auch in confessioueller Beziehung in Anwendung bringt. Nur diejenige Regierung, die auch die Herstellung des confessionellen Friedens sich zur Aufgabe macht, wird Oesterreich den vollen inneren Frieden und damit zugleich jene moralische und materielle Kräftigung wiederbringen, die diesen Staat befähigen wird, seine historische Mission, den zerstreuten kleinen Völkern im Osten Europas einen Einigungspunkt zu bieten, zu erfüllen. A. Wiener. Der Kvhlenstrtke und die Interessen dev Iudenjchast. Seit vielen Wochen schon tobt der Riesenkampf in den österreichischen Kohlenrevieren. Dieselben halben bekanntlich bereits auch in dieser Beziehung eine reiche Geschichte hinter sich, es hat in früheren Zeiten erbitterte Lohnkämpfe, auch blutige Katastrophen gegeben; aber noch niemals sind 60.000 Arbeiter zugleich im Strike gestanden, noch niemals waren fast alle Reviere gleichzeitig in Kampfstellung, noch niemals war der Consum und die Industrie von völligem Kohlenmangel bedroht, noch niemals ist es so weit gekommen, daß im Gemeinderathe der volkreichsten Städte von Oesterreich Anträge ans Sequestration und Confiscation, Pardon Verstaatlichung der Kohlen-Bergwerke gestellt worden wären. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Entwickelung in der Richtung ständiger Vergrößerung der Gefahren liegt, welche für die Allgemeinheit aus einem Kohlenstrike enstehen. Aber auch für die Interessen der Judenschaft gestalten sich die Dinge bedrohlich genug. Von allen betheiligten Gewerken merken sich die Massen keine anderen Namen als die der jüdischen Kohlengrubenbesitzer. Vergebens weist man darauf hin, daß, was sich in Wien Socialpolitiker nennt, in der Regel mindestens jüdischer Abstammung ist und daß mehr Juden als uns lieb ist, in den Reihen der Social-Demokratie zu finden sind, ja, daß es im Strikecomite selbst bekanntlich keineswegs an Juden fehlt. Die Masse greift mit dem „Genossen aus Wildwest" der „Arbeiterzeitung" die paar Gewerken unserer Confession heraus und gefällt sich in wilder Verhöhnung derselben. Und auch nach andererRichtung sind jüdische Interessen engagirt. Schwer genug ist mit der Zeit den Juden der Kampf ums Dasein auf dem flachen Lande Mährens und Böhmens gemacht worden, überall wirken die Holleschaucr Ereignisse nach, der Jude lebt wie in Feindesland. Umsomehr muß es beklagt werden, daß in den Kohlendistricten die Lage der jüdischen Handwerksleute und Kleinhändler, deren Kundschaften die Arbeitermassen bisher gewesen sind, durch die Brodlosigkeit der Massen sehr gefährdet werden kann. Zahlreiche jüdische Familienväter standen in diesen schweren Wochen beständig vor der Wahl zwischen Gewährung eines vielleicht ruinösen Credites und Verlust der Arbeiter-Kundschaft, und mancher weiß nicht, wie er die demnächst fälligen Rechnungen und Wechsel bezahlen soll, wenn das so fortdauert. Beständigen Abfluß ohne Zufluß hält keine Casse aus, am wenigsten die des kleinen Mannes, deren Boden so bald zum Vorschein kommt. Auch in dieser Richtung wirkt der Strike verheerend auf die Interessen unserer Glaubensgenossen.